Nur für heute
(2. Mose 16,2-3.11-18)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde!

Man kann die Bibel auf ganz unterschiedliche Art und Weise lesen. Dennoch war ich überrascht, als ein durchaus christlich, ja, sogar baptistisch sozialisierter Bekannter von mir neulich meinte: „Können wir die Bibel nicht einfach mal so lesen, wie jedes andere Buch auch? Als in Teilen spannende, in Teilen langweilige Geschichte der Welt, des Volkes Israel, Jesu, der ersten Christen. Ohne jeden Text mit Bedeutung für unser Leben und die Geschicke der Welt aufzuladen?“ Mich hat das an einen Schulkameraden erinnert, der mir vor 30 einmal Jahren sagte, für ihn sei die Bibel der größte Fantasy-Roman aller Zeiten. Und die Geschichte, die uns für heute als Predigttext vorgeschlagen ist, könnte durchaus in einem Fantasy-Roman stehen.

Gandalf und seine Freunde sind nach einem überraschenden Sieg in einer scheinbar aussichtslosen Schlacht gegen die Orks auf der Flucht durch die Wüste. Hunger und Durst plagen sie. Die Gefährten murren gegen ihren Anführer, den großen Zauberer, der sie bis hierhin gebracht hat.
„Ach, wären wir doch im Auenland geblieben! Da war alles so schön grün und saftig und klein und kuschelig und sauber! Hast du uns in diese Wüste geführt, damit wir hier verhungern und sterben?“
Und Gandalf der Graue steht breitbeinig mit erhobenem Zauberstab vor ihnen und beschwört den Himmel. Da zieht plötzlich vom Horizont her eine dunkle Wolke auf. Millionen und Abermillionen Vögel fallen vom Himmel auf den Wüstenboden. Die Gefährten müssen nur noch zugreifen, ein Feuer anzünden – und schon gibt es Wachteln am Spieß in Hülle und Fülle.
Doch damit nicht genug. Am nächsten Morgen, als sie schlaftrunken aus ihren Zelten stolpern, ist der Boden bedeckt von seltsamen, brotartigen Krümeln. Der verfressene Samweis Gamdschie ist der Erste, der davon probiert – und die Krümel schmecken süß und saftig wie Honig.
Da ruft Gandalf der Zauberer die Gefährten zusammen und spricht zu ihnen: „Seht! Die Macht Mittelerdes ist mit uns! Am Abend werden wir Fleisch zu essen haben und am Morgen Brot in Fülle. Auf! Packt euer Zeug zusammen. Der Berg des Schicksals wartet auf uns!“


Zweifellos wäre das für jeden Fantasy-Roman eine spannende Szene. Nicht umsonst bedient sich das Genre immer wieder am Geschichten-Reservoir der Bibel. Aber die biblischen Texte wollen wohl doch mehr sein als nur „gute Geschichten“. Sie wollen nicht unterhalten oder über Vergangenes belehren. Sie wollen in die Gegenwart, in der sie erzählt und aufgeschrieben wurden, hineinwirken und sie verändern. Und wenn es gut läuft, erreichen sie dieses Ziel auch über diese heute längst vergangenen Gegenwarten hinaus in späteren Zeiten und anderen Situationen.
In ganz besonderem Maße gilt das für die Geschichte vom Exodus, vom Auszug Israels aus Ägypten. Dem Ägyptologen Jan Assmann zufolge ist das „die wahrscheinlich grandioseste und folgenreichste Geschichte, die sich Menschen jemals erzählt haben“ (Exodus 19) Und der Historiker Gottfried Schramm sieht im Auszug aus Ägypten die erste von „Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte“ (Wegscheiden 50-82).
Die Geschichte vom Exodus ist also „ganz großes Kino“. Und das nicht erst seit Ridley Scotts Verfilmung mit Christian Bale in der Rolle des Mose. Diese Geschichte wurde immer dann aktualisiert, wenn sie auf vergleichbare Erfahrungen von Unterdrückung und Sehnsucht nach Befreiung traf. Im 6. Jahrhundert v. Chr., während der babylonischen Gefangenschaft des Volkes Israel wurde sie in die Form gebracht, in der wir sie heute im 2. Buch Mose, dem Buch Exodus, vorfinden. Im 19. Jahrhundert begleitete sie den Kampf gegen die Sklaverei in den USA. Im 20. Jahrhundert prägte sie die sog. „Befreiungstheologie“ in Südamerika. Wann und wo immer Menschen mit Unfreiheit und Unterdrückung konfrontiert sind, weckt die Geschichte vom Exodus die Hoffnung auf Befreiung und eine bessere Zukunft. Das ist ihre gesellschaftliche, ihre politische Dimension.
Zugleich hat diese Geschichte aber auch eine persönliche, eine seelsorgerliche Dimension. Gefangenschaft und Befreiung, Wüstenwanderung und wunderbare Rettung – in diesen Erfahrungen finden sich nicht nur gesellschaftliche Gruppen, Länder, Staaten, Kontinente wieder. In ihnen spiegeln sich auch ganz persönliche, individuelle Schicksale und Lebensläufe. Darum sind diese Geschichten rund um den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten immer auch als Geschichten über die Befreiung der Seele und das Eingreifen Gottes im persönlichen Leben einzelner Menschen gelesen worden.
Beiden Dimensionen möchte ich am Beispiel des heutigen Predigttextes nachspüren. Ich lese aus 2. Mose 16 die Verse 2-3 und 11-18:

2. Mose 16,2-3.11-18
2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst ...
11 Und der HERR sprach zu Mose: 12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.
13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.
15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu (das heißt: Was ist das?)? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.
16 Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.
17 Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig.
18 Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.


Was ist die gesellschaftliche, die politische Botschaft dieser Geschichte?
Die Erzählung vom Exodus, vom Auszug aus Ägypten, bringt zum Ausdruck, dass Gott auf der Seite der Unterdrückten und Versklavten dieser Welt steht, dass er sie befreien und in eine bessere Zukunft führen will. Die Geschichten von der Wüstenwanderung des Volkes Israels zeigen, dass er die von ihm Befreiten auf dem Weg in eine bessere Zukunft nicht alleine lässt, dass er sie begleitet und versorgt.
Damit greifen sie eine Grundbotschaft biblischer Theologie auf, die immer und zu allen Zeiten gilt: Gott schenkt uns Menschen das zum Leben Notwendige! Er versorgt uns mit allem, was wir zum Leben brauchen!
Diese Grundbotschaft findet sich auf den ersten Seiten der Bibel, in den Schöpfungsgeschichten (Gen 1-2), und dann ausdrücklich am Ende der Erzählung von der Großen Flut (Gen 6-8): „Solange die Erde steht“, heißt es dort, „sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,22) Auch die Psalmen bringen das auf ihre Weise immer wieder zum Ausdruck, zum Beispiel Psalm 145: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.“ (Ps 145,15f) Und in jedem Gottesdienst erinnern wir Gott an sein Versprechen, wenn wir ihn im Vaterunser um „unser tägliches Brot“ bitten (Mt 6,11).
Nun könnte man fragen: Stimmt das denn? Gibt Gott wirklich allen Menschen ihr „täglich Brot“? Versorgt seine Schöpfung die Menschheit mit allem, was sie zum Leben braucht? Wenn dem so ist, wieso stirbt dann alle fünf Sekunden ein Kind auf dieser Welt an den Folgen von Unterernährung und Hunger? Wieso haben dann 795 Millionen Menschen weltweit nicht genug zu essen – fast 11% der Weltbevölkerung?
Die Antwort ist einfach: Das liegt sicher nicht daran, dass Gott die Welt schlecht eingerichtet hätte. Experten schätzen, dass die Ressourcen unseres Planeten durchaus reichen würden, um doppelt so viele Menschen zu ernähren, als zur Zeit auf ihm leben. Es ist also genug für alle da! Nur das, was da ist, ist extrem ungerecht verteilt. Einige wenige Menschen besitzen immer mehr und immer mehr Menschen immer weniger von den Reichtümern dieser Welt.
Nach Recherchen der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam besitzen die 62 reichsten Menschen der Erde heute genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen – das sind rund 3,6 Milliarden Menschen. Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt fast die Hälfte des Weltvermögens. Es ist diese, sich immer weiter öffnende Schere zwischen Reich und Arm, die dafür sorgt, dass Millionen Menschen weiterhin in extremer Armut leben und keinen Zugang zu ausreichender Nahrung, zu Schulbildung und grundlegender Gesundheitsfürsorge haben.
Hat unser Predigttext dazu etwas zu sagen? Ich denke, ja! Der Text macht deutlich, wie Gott sich unseren Umgang mit den von ihm geschenkten Ressourcen vorstellt:

Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. (Vers 16)

Jeder Mensch soll also bekommen, was er zum Leben braucht. Und wenn alle sich an diese Maxime halten, dann ist auch genug für alle da.
Das muss nicht heißen, dass nun alle nur noch gleich viel (oder gleich wenig) haben (obwohl: Was wäre daran eigentlich so schlimm?). Aber es heißt zumindest, dass die Reichtümer dieser Welt so verteilt sein sollen, dass alle genug zum Leben haben! Und wer für sich in Anspruch nimmt, in seinem Leben mit dem Gott der Bibel unterwegs zu sein, der darf diesen Mindestanspruch an eine gerechte politische und gesellschaftliche Ordnung niemals aufgeben!
Nun sitzen wir alle nicht an den Schalthebeln der politischen oder wirtschaftlichen Macht. Was können wir also tun? Zumindest zweierlei: Wir können immer wieder den Finger in die Wunde legen und – uns selbst und andere – daran erinnern, wie Gott sich das Zusammenleben der Menschen in seiner Schöpfung eigentlich vorgestellt hat. Und wir können mit unseren – sicherlich begrenzten – Möglichkeiten dazu beitragen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Zukunft wieder kleiner wird: durch unser Konsumverhalten, durch politisches und gesellschaftliches Engagement und wenn wir die Entscheidung, wem wir bei den nächsten Wahlen unsere Stimme geben, auch davon abhängig machen, wie die zur Wahl stehenden Parteien sich in der Frage der globalen Gerechtigkeit positionieren.

So viel zur gesellschaftlichen, zur politischen Dimension unserer Geschichte. Mindestens genauso wichtig, vielleicht wichtiger (weil uns viel näher!) ist aber ihre persönliche, ihre seelsorgerliche Dimension.
Es ist ja nicht schwer, aus den Geschichten über den Auszug Israels aus Ägypten und die Wüstenwanderung politische Folgerungen zu ziehen. Im persönlichen Leben darauf zu vertrauen, dass Gott uns aus dem, was uns gefangen hält, befreit und uns in den Wüstenzeiten unseres Lebens mit dem Überlebensnotwendigen versorgt, ist eine ganz andere Herausforderung!
Doch genau zu diesem Vertrauen lädt unser Text uns ein!

Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin. (Vers 11)

Papst Johannes XXIII. (1881-1963) hat dieses Prinzip des täglichen Gottvertrauens einmal in einem „Dekalog der Gelassenheit“ zusammengefasst, den viele Selbsthilfegruppen – wie die Anonymen Alkoholiker und andere – in ihre Grundsätze aufgenommen haben. Diese „10 Gebote der Gelassenheit“ sind eine einfache und unkomplizierte Lebensphilosophie, die – auch wenn Gott nur ganz am Ende ausdrücklich genannt wird – zum Ausdruck bringen, wie ein Leben in tagtäglichem Gottvertrauen vielleicht gelingen kann.
Diesen „Dekalog der Gelassenheit“ möchte ich ans Ende meiner Predigt stellen – und wenn ihr wollt, könnt ihr euch nachher, wenn die Kollektenkörbchen rumgehen, einen Ausdruck dieses Textes mit nach Hause nehmen. Vielleicht lebt ihr in der kommenden Woche einmal versuchsweise danach? Ich wünsche euch dazu Gottes Segen!

Die Zehn Gebote der Gelassenheit - Lebensregeln von Papst Johannes XXIII (1881-1963)
1. Leben: Nur für heute werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben – ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.
2. Sorgfalt: Nur für heute werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren; ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern ... nur mich selbst.
3. Glück: Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin ... nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.
4. Realismus: Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.
5. Lesen: Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.
6. Handeln: Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen – und ich werde es niemandem erzählen.
7. Überwinden: Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.
8. Planen: Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.
9. Mut: Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist. Und ich werde an die Güte glauben.
10. Vertrauen: Nur für heute werde ich fest daran glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten –, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.
Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und mit Geduld.

Literatur:
  • Jan Assmann, Exodus. Die Revolution der Alten Welt. C.H. Beck: München 2015.
  • Gottfried Schramm, Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2004.
  • Johannes XXIII., Für das Glück geschaffen: Die zehn Regeln der Gelassenheit. St. Benno, Leipzig 2006.

(c) Volkmar Hamp