Wozu leben wir?
Epheser 1,3-14


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde!
Der heutige Sonntag im Kirchenjahr trägt seit dem 14. Jahrhundert den Namen „Trinitatis“. Seit dem späten Mittelalter also feiert die Christenheit an diesem ersten Sonntag nach Pfingsten die Trinität, die Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes.
Thematisch geht es dabei um die Glaubenslehre von der Seinsweise des einen Gottes in drei Personen: mit Gott-Vater, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist.
Theologiegeschichtlich geht dieses Fest auf Auseinandersetzungen zurück, die in der Alten Kirche (im 3. und 4. Jhdt. n. Chr.) um die Trinitätslehre geführt wurden. Der im ägyptischen Alexandria lebende Theologe und Kirchenvorsteher Arius (ca. 280-336 n. Chr.) hatte einen strengen Monotheismus gepredigt, der Christus, den Sohn Gottes, nicht mit Gott gleichstellte, sondern ihm unterordnete. In langen und heftig geführten innerkirchlichen Streitigkeiten unterlag dieser sog. „Arianismus“ schließlich der offiziellen Kirchenlehre. Die lehrte fortan, dass Gottvater, der Gottessohn Jesus Christus und der Heilige Geist drei verschiedenartige, aber gleichwertige „Personen“, „Gestalten“, „Ausdrucks-“ oder „Seinsweisen“ des einen Gottes seien. Die christliche Trinitätslehre, die uns heute in der Auseinandersetzung mit den anderen monotheistischen Religionen wie dem Judentum und dem Islam, manchmal große Schwierigkeiten bereitet, war geboren!
Der Predigttext für den heutigen Sonntag wurde im Blick auf diesen thematischen Zusammenhang ausgewählt. In diesem Text geht es nämlich um Gott, den Vater, um das Erlösungswerk Christi und um die Rolle, die der Heilige Geist dabei spielt.
Dennoch möchte ich heute nicht über die „Dreieinigkeit“ oder „Dreifaltigkeit“ Gottes predigen. Die theoretische Verhältnisbestimmung von Vater, Sohn und Heiligem Geist, die für die spätere Trinitätstheologie so wichtig ist, spielt in diesem Text – wie in der Bibel insgesamt – nämlich keine wirklich wichtige Rolle. Im Fokus ist hier etwas ganz anderes: nämlich unser Verhältnis zu dem einen Gott, der uns durch seinen Sohn erlöst und mit dem Heiligen Geist beschenkt hat.
Ich lese aus Epheser 1 die Verse 3-14 nach der Neuen Genfer Übersetzung. Überschrieben ist dieser Text dort mit den Worten:

Reich gemacht durch Jesus Christus (Epheser 1,3-14 NGÜ)
3 Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! Gepriesen sei er für die Fülle des geistlichen Segens, an der wir in der himmlischen Welt durch Christus Anteil bekommen haben.
4 Denn in Christus hat er uns schon vor der Erschaffung der Welt erwählt mit dem Ziel, dass wir ein geheiligtes und untadeliges Leben führen, ein Leben in seiner Gegenwart und erfüllt von seiner Liebe.
5 (In seiner Liebe) hat er uns von allem Anfang an dazu bestimmt, durch Jesus Christus seine Söhne und Töchter zu werden. Das war sein Plan; so hatte er es beschlossen.
6 Und das alles soll zum Ruhm seiner wunderbaren Gnade beitragen, die er uns durch seinen geliebten ´Sohn` erwiesen hat.
7 Durch ihn, der sein Blut für uns vergossen hat, sind wir erlöst; durch ihn sind uns unsere Verfehlungen vergeben. Daran wird sichtbar, wie groß Gottes Gnade ist; 8 er hat sie uns in ihrer ganzen Fülle erfahren lassen.
In seiner Gnade hat er uns auch alle ´nötige` Weisheit und Einsicht geschenkt. 9 Er hat uns seinen Plan wissen lassen, der bis dahin ein Geheimnis gewesen war und den er – so hatte er es sich vorgenommen, und so hatte er beschlossen – durch Christus 10 verwirklichen wollte, sobald die Zeit dafür gekommen war: Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist.
11 Außerdem hat Gott uns – seinem Plan entsprechend – durch Christus zu seinen Erben gemacht. Er, der alles nach seinem Willen und in Übereinstimmung mit seinem Plan ausführt, hatte uns von Anfang dazu bestimmt 12 mit dem Ziel, dass wir zum Ruhm seiner ´Macht und` Herrlichkeit beitragen – wir alle, die wir unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben.
13 Auch ihr gehört jetzt zu Christus. Ihr habt die Botschaft der Wahrheit gehört, das Evangelium, das euch Rettung bringt. Und weil ihr diese Botschaft im Glauben angenommen habt, hat Gott euch – wie er es versprochen hat – durch Christus den Heiligen Geist gegeben. Damit hat er euch sein Siegel aufgedrückt, ´die Bestätigung dafür, dass auch ihr jetzt sein Eigentum seid`.
14 Der Heilige Geist ist gewissermaßen eine Anzahlung, die Gott uns macht, der erste Teil unseres himmlischen Erbes; Gott verbürgt sich damit für die vollständige Erlösung derer, die sein Eigentum sind. Und auch das soll zum Ruhm seiner ´Macht und` Herrlichkeit beitragen.



Wozu lebe ich?

Vermutlich stellt sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens hin und wieder diese Frage. Wozu lebe ich? Warum bin ich hier? Was soll ich aus meinem Leben machen? Was ist der Sinn und das Ziel meines Lebens?
Die Antworten, die sich Menschen auf diese Frage geben, fallen unterschiedlich aus.
Die einen sehen den Sinn und das Ziel ihres Lebens darin, selber glücklich zu werden. Wenn alles gut läuft, so sagen sie sich, lebe ich 70, 80, 90 Jahre. Und diese mir geschenkte Lebenszeit möchte ich, so gut es geht, mit Schönem, Angenehmem, Wohltuendem füllen.
Für andere liegt der Sinn des Lebens darin, andere Menschen glücklich zu machen. Sie möchten am Ende im Rückblick auf ihr Leben sagen können, dass die Welt durch sie ein schönerer, freundlicherer, lebenswerterer Ort geworden ist.
Wieder andere zucken bei diesen Fragen resigniert mit den Schultern. „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Psalm 90,10).
Und dann gibt es viele, die weder Kraft noch Muße haben, sich hochtrabende Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen. Sie sind mit dem alltäglichen Kampf ums Überleben beschäftigt. Weitergehende Fragen nach dem Warum und Wozu klingen in ihren Ohren wie Hohn.
Der Verfasser des Epheserbriefes stellt sich der Frage nach dem Sinn des Lebens! Und er beantwortet sie gleich zu Beginn seines Schreibens mit einer großen Danksagung an Gott, die in dieser ausführlichen Form im Neuen Testament einmalig ist.
Tatsächlich sind die zwölf Verse unseres Predigttextes der Schrecken aller Theologiestudierenden! Im Griechischen ist dieser lange Text nämlich „ein einziges ausgedehntes und kompliziertes Satzgebilde“ (Schnackenburg 43), „ein wahres Ungetüm von Satz, das im Neuen Testament und darüber hinaus in der gesamten griechischen Literatur nicht seinesgleichen hat“ (Conzelmann 90).
Ein Ausleger schreibt dazu, dass man beim Lesen dieses Textes fast den Eindruck bekommt, „der Verfasser schwelge in schwärmerischen Lobeserhebungen Gottes, steigere sich in eine andere Welt, in die ‚himmlischen Regionen’ hinein und verliere dabei den irdischen Boden unter den Füßen.“ (Schnackenburg 66)

Aber ist das wirklich so?

Ich denke, das genaue Gegenteil ist der Fall! Der Autor des Epheserbriefes stellt unsere Füße auf einen festen Grund oder – wie ein bekannter Psalm es formuliert (Psalm 31,9b) – auf einen „weiten Raum“. Er gibt uns eine „Grund-Lage“, einen „Stand-Punkt“, von dem aus wir die Frage nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens für uns selbst beantworten können – wenn wir sie denn so beantworten wollen.

Worin besteht diese Grundlage? Was ist dieser Standpunkt?

In unserem Text wird das in mehreren Anläufen mit verschiedenen Begriffen umschrieben:
Von der Fülle des Segens ist da die Rede, an der wir durch Christus Anteil haben (Vers 3). Von der Erwählung durch Gott, die schon vor der Erschaffung der Welt stattgefunden hat (Vers 4). Von Erlösung und Vergebung, durch die wir die Gnade Gottes in unserem Leben erfahren – und zwar nicht nur in homöopathischen Dosen, sondern „in ihrer ganzen Fülle“ (Vers 7f)!
Es ist davon die Rede, dass wir „von allem Anfang an“ dazu bestimmt sind, Söhne und Töchter Gottes zu sein (Vers 5). Und dass wir – als Söhne und Töchter Gottes – auch Erben seiner himmlischen Herrlichkeit sind (Vers 11+14).
Wenn das keine gute Grundlage für ein Leben ist! So eine positive, wertschätzende, Mut machende Zusage von Gott her: Du bist mein geliebtes Kind, ich habe dich erwählt, du gehörst zu mir – von allem Anfang an, im Hier und Jetzt und in alle Ewigkeit!

Oder ist das zu idealistisch? Zu schön, um wahr zu sein?

Verliert, wer in dieser Weise sein Herz zu Gott erhebt, nicht den Blick für die Dunkelheiten und Schwierigkeiten des Lebens? Ignoriert solch ein Lobpreis nicht die nach wie vor bestehenden Nöte und Leiden der Menschen? Werden hier nicht auch die theologischen Probleme verharmlost, die sich aus all den schrecklichen Ungerechtigkeiten, Gewalttaten und Unglücken ergeben, die wir tagtäglich erleben? „Ist der hier gepriesene Heilswille und Heilsplan Gottes gegenüber diesen Realitäten noch glaubhaft? Wo ist der Segen Gottes in unserer Welt sichtbar und spürbar?“ (Schnackenburg 67)
Das sind berechtigte Einwände! Und wenn dieser Text das Einzige wäre, was der Verfasser des Epheserbriefes dazu zu sagen hat, dann wäre das in der Tat eine sehr unrealistische und utopische Sicht der Dinge! Aber dieser Lobpreis ist – wie unser Lobpreis im Gottesdienst – nur der Anfang und Auftakt des Epheserbriefes. Im weiteren Verlauf seines Schreibens kommt der Verfasser dann durchaus auch auf die dunklen Abgründe des Leidens und des Bösen zu sprechen (vgl. Eph 2,1-3; 4-17-19; 5,3-5; 6,11-20). Er verharmlost sie nicht. Aber er stellt sie in einen größeren Zusammenhang. Und der ist geprägt von einer Grundstimmung der Dankbarkeit, der Freude und des Vertrauens.
Der Verfasser des Epheserbriefes ist nämlich davon überzeugt, dass mutig gelebtes Vertrauen auch in einer gleichgültigen oder glaubensfeindlichen Welt die verborgenen Kräfte Gottes wirken sieht. Und er glaubt ganz fest daran, dass diese Kräfte letztlich zu einem guten Ziel führen.
Dieses Ziel beschreibt er in einem grandiosen Bild:
Unter Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist. (Vers 10)
Alles eins – in Christus! Ist das nicht eine wunderbare Vision?
Bleibt die Frage, inwieweit diese Vision uns bei der Beantwortung der Frage nach dem Sinn und Zweck unseres kleinen, einmaligen Lebens hilft!

Dazu zwei Gedanken:

Der erste:
Am Anfang allen Nachdenkens über die Frage nach dem Sinn des Lebens steht nicht ein Anspruch oder eine Forderung, sondern die schenkende Liebe Gottes!
Er hat uns erwählt. Er hat uns erlöst. Er hat uns zu seinen Töchtern und Söhnen gemacht und zu Erben seiner Herrlichkeit. Und er verspricht uns, diese Herrlichkeit ganz sicher herbeizuführen. Alles – auch uns – in Christus mit allem anderen, mit dem ganzen Universum zu vereinen. Und das ist nicht nur Zukunftsmusik! Das prägt auch schon unser Leben im Hier und Jetzt!
Genau an dieser Stelle kommt der Geist Gottes, der Heilige Geist ins Spiel! Unser Text beschreibt das so: Der Heilige Geist ist eine Art „Anzahlung“, die Gott uns zukommen lässt, der erste Teil unseres himmlischen Erbes. Er ist wie ein „Siegel“, das Gott uns aufdrückt, ein Zeichen, das uns und der ganzen Welt zeigt: Wir gehören zu Gott! Wir stehen unter seinem Schutz! Wir sind geprägt von ihm!
Das ist nichts Spektakulär-Esoterisches! Auch wenn unter den „Gaben des Geistes“, die der Apostel Paulus in seinen Briefen aufzählt, manche Dinge auftauchen, die uns vielleicht fremd und außergewöhnlich erscheinen (vgl. Röm 12,6-8; 1 Kor 12,8-10). Entscheidend ist, dass die vielen unterschiedlichen Gaben, die der Geist Gottes verschiedenen Menschen schenkt, alle dazu dienen sollen, den einen „Leib Christi“ (die Gemeinde) zusammenzuhalten und zu stärken (Eph 4,11f).
Und wenn es richtig ist, dass Menschen, die zu Gott gehören, denen er sein Siegel aufgedrückt hat, an den Früchten erkannt werden, die sie bringen (vgl. Mt 7,20), dann ist die Liste der „Früchte des Geistes“, die Paulus in seinem Brief an die Galater aufzählt, wie ein „Obstkorb“ der guten Gaben Gottes, die wir mit anderen teilen können: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit ...

Damit bin ich beim zweiten Gedanken:
Wenn das stimmt, dass Gott uns und seine ganze Schöpfung so sehr liebt, dass er für immer mit ihr vereint sein will, dann wird und soll sich diese uns von Gott bedingungslos entgegengebrachte Liebe auch auswirken in unserem Leben!
Menschen, die von dieser Liebe ergriffen sind, davon bin ich überzeugt, werden selbst zu Liebenden. Sie werden zu Leuten, die „ein geheiligtes und untadeliges Leben führen“ – was nicht nur „moralisch“ gemeint ist, sondern nichts anderes meint als „ein Leben in Gottes Gegenwart und erfüllt von seiner Liebe“ (Vers 4). Menschen, die sich so von Gott geliebt wissen, werden durch das, was sie sagen, und durch das, was sie tun, zum Ruhm von Gottes Macht und Herrlichkeit beitragen (Vers 12+14). Denn letztlich ist ihre ganze Existenz darauf ausgerichtet, dass ein kleiner Funke der großen Herrlichkeit Gottes in ihrem Leben aufleuchtet.

Und das steht überhaupt nicht im Gegensatz zu den innerweltlichen Antworten, die wir uns selbst auf die Frage nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens geben. Natürlich dürfen und sollen wir danach streben, ein gutes, glückliches, angenehmes Leben zu führen! Natürlich bleibt es erfüllend und sinnstiftend, wenn es uns gelingt, andere Menschen glücklich zu machen und mit dazu beizutragen, dass diese Welt ein schönerer, freundlicherer, lebenswerterer Ort wird!
Aber dass wir im Letzten den Sinn für unser Leben, sein Ziel und seinen Wert, nicht selber schaffen müssen, sondern von Gott zugesprochen und zugeeignet bekommen, ist – wie ich finde – ein sehr entlastender und sehr beruhigender Gedanke; ein Gedanke, der – das hoffe ich – auch dann noch „sinn-voll“ bleibt, wenn unsere eigenen Versuche, unser Leben sinnvoll zu gestalten, scheitern oder wenn wir an der Sinnlosigkeit und Absurdität des Lebens verzweifeln.
Auch dann noch – das möchte ich glauben, darauf möchte ich vertrauen – kann das, was hier in Epheser 1 steht, eine sinnvolle und sinnstiftende Antwort auf die Frage sein, wozu wir leben:

- Zum Ruhm von Gottes wunderbarer Gnade!
- Um seine Macht und Herrlichkeit zu preisen!
- Und dafür, dass seine Liebe in unserem Leben Gestalt gewinnt!

Amen


Literatur:
- Hans Conzelmann, Der Brief an die Epheser. In: Jürgen Becker / Hans Conzelmann / Gerhard Friedrich, Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon (NTD 8). 16., durchgesehene Aufl. (3. Aufl. dieser Bearbeitung) Göttingen – Zürich 1985, 86-124.
- Joachim Gnilka, Der Epheserbrief (HThKNT 6). Ungekürzte Sonderausgabe Freiburg 2002.
- Rudolf Schnackenburg, Der Brief an die Epheser (EKK X). Zürich – Einsiedeln – Köln / Neukirchen-Vluyn 1982.

(c) Volkmar Hamp