Du bist ein Gott, der mich sieht! (Genesis 16,1-16)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

Am vergangenen Sonntag ging es an dieser Stelle um eine Ostergeschichte aus dem Johannesevangelium. Um die Begegnung von Thomas, dem Zweifler, mit dem auferstandenen Christus (Joh 20,24-31). „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben“, hatte Thomas gesagt (Joh 20,25). Und Jesus war auf ihn eingegangen, ist ihm so begegnet, wie er es brauchte, hat ihm seine Nägelmale und seine Seite gezeigt, damit auch er an die Auferstehung des Christus glauben konnte. Jesus – so wurde dieser Text uns ausgelegt – begegnet jedem und jeder von uns ganz individuell. So wie wir es brauchen. So wie es zu uns passt, uns guttut und im Glauben wie im Leben weiterhilft.
Und trotzdem übt Jesus am Ende dieser Geschichte aus dem Johannesevangelium doch leise Kritik an Thomas und Menschen wie ihm, die nur glauben wollen, was sie sehen können: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh 20,29) Das Verhältnis von Sehen und Glauben bleibt also auch für Thomas problematisch. Das Sehen, so scheint es, wird dann doch vom Glauben überboten.

Sehen ist gut – Glauben ist besser?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Alten Testament im 1. Buch Mose, Kapitel 16. Auch in dieser Geschichte geht es um Sehen und Glauben. Auch in ihr geht es um die Beziehung Gottes zu uns – und was die mit Sehen und Glauben zu tun hat.

Genesis 16,1-16
1 Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar.
2 Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais.
3 Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem sie zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatten. 4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering.
5 Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der HERR sei Richter zwischen mir und dir.
6 Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir's gefällt. Als nun Sarai sie demütigen wollte, floh sie von ihr.
7 Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur.
8 Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen.
9 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.
10 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.
11 Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört.
12 Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz.
13 Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.
14 Darum nannte man den Brunnen „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“. Er liegt zwischen Kadesch und Bered.
15 Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael.
16 Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar.


Das Wunderbare an vielen alttestamentlichen Geschichten ist, dass sie so herrlich menschlich sind!
Klar, es geht um die göttliche Verheißung eines Nachkommen für Abraham, aus dem einst im Gelobten Land ein großes Volk werden soll. Aber es geht auch um den verzweifelten Kinderwunsch einer älter werdenden Frau, die nach zehn Jahren im Gelobten Land ihrem Mann immer noch nicht den ersehnten Stammhalter gebären konnte. Es geht um eine rechtlich einwandfreie, aber menschlich hochproblematische Möglichkeit, wie Abraham doch noch zu seinem Erben kommt. Es geht um Minderwertigkeitsgefühle und Hochmut, um Recht und Unrecht, um den Umgang mit Konflikten.
Und wenn man die Wirkungsgeschichte betrachtet, die diese alttestamentlichen Erzählungen um Abraham und seine „Patchworkfamilie“ in Judentum, Christentum und Islam gehabt haben, dann geht es bei diesen Geschichten heute auch um das Verhältnis der abrahamitischen Religionen zueinander: Wie können wir – Juden, Christen und Muslime –, die wir uns alle auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen, friedlich miteinander leben, denken, glauben.
Eine Auslegung dieser uralten Geschichte könnte also an vielen Stellen andocken. Ich möchte mich heute jedoch auf einen Aspekt konzentrieren, der eher eine „Randnotiz“ ist – und es doch in sich hat!
Als die ganze, verfahrene Situation in dieser komplizierten Dreiecksbeziehung zwischen Abraham, Sara und Hagar eskaliert, flieht die zur „Leihmutter“ gewordene Magd in die Wüste. Dort erscheint ihr ein Engel des Herrn, und dieser Bote Gottes eröffnet ihr einen Ausweg aus ihrer verfahrenen Situation, der zugleich ein Rückweg in diese Situation ist.
Damit ist das Problem nicht wirklich gelöst, wie wir wenige Kapitel später erfahren, als Hagar mit ihrem heranwachsenden Sohn erneut in der Wüste landet (Gen 21,9-21). Aber die Richtung, in der eine Lösung liegen könnte, wird aufgezeigt. Sie besteht darin, vor Problemen nicht zu fliehen, sondern auf sie zuzugehen und durch sie hindurch zu einem tieferen, reicheren Leben zu finden.
Die Erfahrung, die Hagar auf diesem Weg macht – und das nicht nur einmal! –, ist die, dass sie in allen ihren Problemen nie ganz alleine ist. Immer kann sie mit der Nähe, mit der Aufmerksamkeit und der Zuwendung Gottes rechnen.
Diese Erfahrung verdichtet sich – wie so oft im Alten Testament – in dem Namen des Ortes, an dem unsere Geschichte spielt: Beer-Lahai-Roï – „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“ / „Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut“.
Wie bei Thomas, dem Zweifler, geht es also auch hier um das Sehen. Allerdings nicht darum, dass wir Gott sehen, sondern dass Gott uns sieht, dass er „nach uns schaut“.
Ich halte das für einen ganz wichtigen Gedanken! Im Glauben, in unserer Beziehung zu Gott, davon bin ich überzeugt, kommt es nicht so sehr darauf an, dass und wie wir Gott sehen. Viel wichtiger ist, dass und wie Gott uns sieht! Wir singen und beten zwar oft, dass wir „mehr von Gott sehen“, dass wir „seine Herrlichkeit schauen“ wollen – aber eigentlich ist das eine hoch problematische, ja, eine geradezu gefährliche Bitte! Es ist gehört ja zum Wesen Gottes unsichtbar zu sein.
Selbst Mose, von dem es heißt, dass Gott mit ihm „von Angesicht zu Angesicht“ geredet habe „wie mit einem Freund“ (Ex 33,11), bekommt das „Angesicht Gottes“ nicht wirklich zu sehen. Als er Gott einmal darum bittet, erhält er folgende Antwort: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (Ex 33,19). Die Heiligkeit Gottes schließt eine Begegnung Auge in Auge mit ihm aus. Mose darf lediglich in einer Felsspalte hocken, darauf warten, dass Gott an ihm vorübergeht, und anschließend der Herrlichkeit Gottes hinterherschauen (Ex 33,21-23).
Nein, Gott sehen zu wollen, ist – zumindest in diesem Leben – keine gute Idee! Der Gott der Bibel ist und bleibt ein unsichtbarer Gott. Und das biblische Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen (Ex 20,4-6), lässt sich auch so verstehen, dass dadurch nicht nur die Unsichtbarkeit und Heiligkeit Gottes geschützt werden soll, sondern auch seine Unverfügbarkeit. Gott lässt sich nicht instrumentalisieren für menschliche Interessen. Er bleibt immer der „ganz Andere“.
Dafür noch ein Beispiel: Als endlich der erste Tempel in Jerusalem fertiggestellt ist, bringen die Priester die Lade mit den Zehn Geboten in das sogenannte „Allerheiligste“ des Tempels. Da, so heißt es, erfüllte eine Wolke den Tempel, so dass die Priester die Hand vor Augen nicht mehr sehen und ihren Tempeldienst nicht mehr ausüben konnten. Auf diese Weise nahm die Herrlichkeit Gottes den Tempel in Besitz. Salomo, der König, der diesen ersten Tempel in Jerusalem bauen ließ, kommentiert das mit folgenden Worten: „Die Sonne hat der HERR an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.“ (1 Kön 8,10-12)
Gott bleibt ein Geheimnis! Er lässt sich durch alle Bilder, die wir uns von ihm machen, nicht manipulieren oder vereinnahmen. Wir können Gott nicht zum Handlanger unserer Gedanken und Pläne machen. Gott bleibt frei in allem, was er sagt und tut.
Das ist das eine. Das andere aber ist, dass Gott trotzdem ja irgendwie erfahrbar ist, dass er sich offenbart, dass er identifizierbar wird durch das, was er tut, und wie er uns begegnet.
Diese Erfahrung jedenfalls macht Hagar in unserer Geschichte. In ihrer Not kommt ein Engel des Herrn zu ihr und spricht sie an. Und als ihr klar wird, dass es Gott selbst ist, der durch seinen Boten mit ihr gesprochen hat, gibt sie diesem Gott einen neuen Namen:

„Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Vers 13a)

Ist das nicht ein fantastischer Name für Gott? „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Du bist ein Gott, der nach mir schaut! Du bist ein Gott, der mich wahrnimmt. Du bist ein Gott, der mich nicht übersieht, der nicht wegsieht, dem ich nicht egal bin. Du bist ein Gott, der sich kümmert. Der mich nicht allein lässt mit meinem Kummer. „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Ist das nicht ein fantastischer Name für Gott?
Ich weiß nicht, ob der unsichtbare, unverfügbare Gott für dich ein auf diese Weise erfahrbarer Gott ist. Manchmal fällt es uns ja schwer, das zu glauben, dass Gott wirklich so ist: ein Gott, der uns sieht! Es gibt Situationen, in denen erleben wir Gott einfach nicht so. Nicht als den Anwesenden, sondern als den Abwesenden. Nicht als den, der uns sieht, sondern als den, der uns übersieht. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, betet Jesus am Kreuz (Mk 15,34). Selbst der Sohn Gottes – gerade er! – macht diese Erfahrung.
Manchmal sehen wir nichts von der Herrlichkeit Gottes. Manchmal verhüllt er sich in eine Wolke aus undurchdringlichem Dunkel. Dann erschließt sich uns erst im Nachhinein – wenn überhaupt! –, dass Gott auch „im Dunkel wohnt“, dass er auch – und gerade! – dann nach uns schaut, wenn wir uns von ihm übersehen glauben.
Hagar bringt das in unserer Geschichte wunderbar auf den Punkt! Sie gibt Gott nicht nur einen neuen Namen („Du bist ein Gott, der mich sieht!“). Sie begründet diese Namensgebung auch aus der Erfahrung heraus, die sie mit diesem Gott gemacht hat:

„Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“ (Vers 13b)

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir mit Gott machen können: hinter ihm herzusehen, weil er uns angesehen hat. Vielleicht können wir von Gott überhaupt nur etwas erfahren und erkennen, wenn wir so „hinter ihm hersehen“, wenn wir den Spuren folgen, die er in unserem Leben gelegt hat, wenn wir versuchen, die Zeichen zu deuten, die er für uns hinterlässt.
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) hat einmal gesagt: „Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ Das ist unser Dilemma. Und hier kommt der Glaube ins Spiel. Der Glaube daran, dass sich unser Leben in der Rückschau als ein Leben erweist, in dem Gott uns angesehen, nach uns geschaut, seine Spuren hinterlassen hat.
Verstehen kann man das Leben also nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts. Was hilft uns dabei? Was gibt uns den Mut und die Kraft, weiterzumachen – auch wenn eine schwierige, ungewisse, dunkle Zukunft vor uns liegt?
Ich glaube, dass das zwei Dinge sind:
Zum einen diese Erfahrung, von Gott angesehen worden zu sein und dadurch Ansehen zu haben bei ihm! Das kann uns nämlich niemand nehmen. Wir sind Gott recht. Er ist uns gut. Ob unser Lebensweg nun klar und straight und gerade ist oder uns durch Wüsten und unwegsames Gelände führt. Gott behält uns im Blick. Er schaut nach uns. Er sieht uns. Er überlässt uns nicht teilnahmslos unserem Schicksal.
Das andere: Seit Jesus ist das Dunkel, in dem Gott wohnt, nicht mehr ganz so undurchdringlich. In einem Osterlied, das ich sehr liebe, wird das wunderbar zum Ausdruck gebracht:

Und wenn du morgen dann wieder allein bist
in einem Alltag voll Ratlosigkeit,
wenn das Singen und Lachen verstummt ist,
überlagert von Ärger und Streit.
In die lähmende Angst vor der Zukunft,
in das Erschrecken vor Krankheit und Leid klingt seit Ostern das Lied eines Siegers:
Keine Angst, ich bin da jederzeit.

Hab keine Angst und fürchte dich nicht,
denn die Herrschaft des Bösen zerbricht an der Liebe, die selbst noch den Tod überlebt.
Ich bin da, darum fürchte dich nicht.

(Text: Blanchard/Gotz, Deutsch: Andreas Malessa, Melodie: Blanchard/Gotz)



„Ich bin das Licht der Welt“, sagt der johanneische Christus. „Wer mir nachfolgt, wird nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)
Wenn wir wissen wollen, wie Gott ist, wie er uns sieht und was er von uns erwartet, müssen wir also auf Jesus schauen! „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15a). „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens“ (Hebr 1,3a). An Christus können wir erkennen, wie Gott ist. Und in der Nachfolge Jesu werden wir selbst zu den „Ebenbildern Gottes“, die wir ursprünglich sein sollten (vgl. Gen 1,26f). Und dann gilt, was Paulus in Römer 8 schreibt:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern (und Schwestern).“ (Röm 8,28-29)

Und wenn du morgen wieder zweifelst, ob das wahr ist,
dass Jesus Christus hier unter uns lebt,
gibt es Menschen, durch die er dir nah ist,
alle Lieblosigkeit vergeht.
Durch einen Türspalt dringt Licht aus dem Festsaal
in unser Zimmer der Diesseitigkeit. Doch bevor sich dies Tor für uns öffnet,
klingt von drüben ein Lied in die Zeit Hab keine Angst und fürchte dich nicht,
denn die Herrschaft des Bösen zerbricht an der Liebe die selbst noch den Tod überlebt.
Ich bin da darum fürchte dich nicht.

(Text: Blanchard/Gotz, Deutsch: Andreas Malessa, Melodie: Blanchard/Gotz)


Amen.

© Volkmar Hamp