Hier ist noch Platz!
(Leviticus 19,33-34)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde!
„Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge.“ Das ist das Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche in Deutschland. „Hier ist noch Platz!“ heißt das Thema für den heutigen Sonntag. Dazu sind als Predigttext zwei Verse aus dem 3. Buch Mose vorgeschlagen (Levitikus 19,33-34), die so aktuell und zeitgemäß sind, wie sie nur sein können:

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“


Auch wenn es naheliegt, ich werde heute keine politische Predigt zur Flüchtlingskrise halten. Ich werde nicht über Fremdenfeindlichkeit und Willkommenskultur in unserem Land sprechen oder nur ganz am Rande. Was sollte ich auch dazu sagen, das über das hinausginge, was in diesen Versen aus dem sog. „Heiligkeitsgesetz“ des Alten Testaments (Lev 17-26) nicht schon gesagt wäre?
Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, dann sollt ihr ihn nicht bedrücken. Ihr sollt ihm keine zusätzlichen Lasten auferlegen. Er hat es doch schon schwer genug! Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, mit allen Rechten und Pflichten also, und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst.
Klarer geht es doch nicht! Und mehr habe ich dazu auch nicht zu sagen. Außer vielleicht noch dies: Weder hier noch an irgendeiner anderen Stelle der Bibel steht, dass wir uns dieser Verpflichtung, den Fremden zu lieben und wie unseresgleichen zu behandeln, dadurch entziehen dürfen, dass wir einfach keine Fremden mehr ins Land lassen. Nach dem Motto: Wenn die in Syrien oder Afrika verrecken, wenn sie in Flüchtlingslagern in Jordanien, im Libanon, in der Türkei oder in Griechenland vor sich hin vegetieren, dann haben wir hier doch nichts damit zu tun!
Die Zuwanderung, sagte vor einiger Zeit unser Finanzminister Wolfgang Schäuble, ist „ein Rendezvous unserer Gesellschaft mit der Globalisierung“. Wir können nicht auf der einen Seite vom Leben in einem „globalen Dorf“ profitieren und uns auf der anderen Seite weigern, die Verantwortung für dieses Leben und seine Folgen für uns und andere Menschen auf diesem Globus zu übernehmen.

Reframing

Es gibt eine interessante psychotherapeutische Technik, die nennt sich „Reframing“. Dieses englische Wort bedeutet: „etwas in einen neuen Rahmen stellen“ oder „einer Sache einen neuen Rahmen geben“, um sie auf diese Weise positiv „umzudeuten“. Dafür ist Schäubles Satz, die Zuwanderung sei „ein Rendezvous unserer Gesellschaft mit der Globalisierung“ ein schönes Beispiel (oder eine ungewollte Steilvorlage).
Wann hattest du das letzte Mal ein „Rendezvous“? So richtig: mit Kribbeln im Bauch, gutem Essen und romantischem Kerzenlicht? Was wird aus der Begegnung mit dem Fremden, wenn wir sie nicht als Bedrohung, sondern als Rendezvous verstehen; als Begegnung zwischen Liebenden, die sich vielleicht noch nicht so richtig gut kennen, aber gespannt darauf sind, einander kennen zu lernen; als ein „erstes Date“, bei dem man neugierig aufeinander ist und miteinander schaut, was sich beim zweiten oder dritten Date daraus entwickeln könnte?
Ich möchte euch heute einladen, euch auf solche „Rendezvous mit der Globalisierung“, mit dem „Fremden“ einzulassen. Dabei denke ich nicht nur und nicht in erster Linie an Geflüchtete und ihre Geschichten. Ich denke an das „Fremde“, das uns jeden Tag begegnet, das wir als Bedrohung oder Infragestellung unseres Denkens und unserer Art zu leben empfinden können – oder als Bereicherung und Erweiterung unseres Horizonts.

Angst, Neugier oder Gleichgültigkeit

Allem Fremden können wir auf dreierlei Weise begegnen: mit Angst, mit Neugier oder mit Gleichgültigkeit. Und das beinhaltet noch gar keine Wertung!
Die Angst vor dem Fremden hat zunächst einmal eine Schutzfunktion. Sie bewahrt uns davor, vorschnell Dinge zu tun, die uns vielleicht schaden könnten. Sie schützt unsere Unversehrtheit und unsere Identität. Aber Angst hindert uns auch daran, Neues auszuprobieren und zu entdecken. Angst kann eine Fessel sein, ein Gefängnis. Nicht ohne Grund hängt das deutsche Wort „Angst“ sprachgeschichtlich mit dem Wort „Enge“ zusammen. Angst ist das, „was zur Enge gehört“. Angst macht den Brustkorb eng. Sie nimmt uns die Luft zum Atmen. „Angst essen Seele auf“ heißt ein bekannter Film zum Thema Ausländerfeindlichkeit aus den 70er Jahren (von Rainer Werner Fassbinder) – ein Filmtitel, der zu einem geflügelten Wort geworden ist.
Am anderen Ende der Bandbreite unserer Möglichkeiten dem Fremden zu begegnen steht die Neugier. Neugier ist das Verlangen, Neues zu erfahren und Verborgenes kennenzulernen (vgl. Johannes Hoffmeister, Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg 2013). Dabei sind Angst und Neugier keine Gegensätze, sondern Pole, die – wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse – mit derselben Erfahrung verknüpft sein können. Die Erkundung des Neuen kann mit Gefahren verbunden sein und zugleich Chancen eröffnen. Angst kann unsere Neugier dämpfen oder sie beflügeln, zum Beispiel bei der Suche nach dem „ultimativen Kick“ in der heutigen Spaß- und Freizeitgesellschaft. In der Regel haben wir beides in uns, wenn es um die Begegnung mit dem Fremden geht: Angst und Neugier, Abwehr und Erwartung – je nach Vorerfahrungen, Temperament und Persönlichkeit in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen, aber doch so, dass wir mal das eine, mal das andere „aktivieren“ können.
Und wenn beides nicht geht, wenn wir uns nicht entscheiden können oder wollen, ob wir unserer Angst folgen oder uns der Neugier hingeben sollen, bleibt immer noch die Gleichgültigkeit. Dieses Wort hat heute einen negativen Klang, doch das war nicht immer so. „Gleich gültig“, das hieß früher: Etwas besitzt die gleiche Gültigkeit wie das andere, dem es gegenübersteht. Das Wort beschrieb den Respekt vor der Gültigkeit des Anderen. Er mag Gründe für sein Verhalten haben, die anders sind als meine, aber ebenso gültig.
Heute ist das anders. Heute ist der Begriff der „Gleichgültigkeit“ eindeutig negativ besetzt. Gleichgültig ist ein Mensch, der die Dinge hinnimmt, ohne sie zu werten, sich dafür zu interessieren, sich ein Urteil darüber zu bilden oder aktiv zu werden, um sie zu ändern. Ein gleichgültiger Mensch zeigt weder positive noch negative Gefühle. Sein Denken ist egozentrisch, doch nicht aus Bosheit, sondern aus Desinteresse und einer gewissen Abgestumpftheit. „Der gleichgültige Mensch bekommt nur wenig mit und bemerkt nur das, was ihn direkt interessiert und persönlich tangiert. Alles andere geht an ihm vorbei.“ (wikipedia-Artikel: „Gleichgültigkeit“)
Mit Gleichmut oder Gelassenheit hat das nichts zu tun. Der Gleichgültige lässt nichts an sich heran. Der Gleichmütige oder Gelassene schon. Er lässt sich davon nur nicht irritieren oder aus der Ruhe bringen.

Eine Lanze für die Neugier!

Wahrscheinlich ahnt ihr es schon: Ich möchte heute Morgen eine Lanze für die Neugier brechen!
Wie viele unserer Redewendungen stammt auch die vom Lanze brechen aus dem Mittelalter, als Ritter in Turnieren gegeneinander antraten, um herauszufinden, wer der stärkste und mutigste unter ihnen sei. Eine Disziplin dieser Wettbewerbe war der sogenannte „Tjost“, der Kampf mit der Lanze. Ihr kennt das aus Filmen oder Büchern. Dabei kämpften die Ritter nicht für sich, sondern für andere, für einen Adligen oder für eine Frau, die sie beeindrucken wollten. Sie brachen also ihre Lanzen zur Ehre dieser Personen. Ich möchte eine Lanze für die Neugier brechen, weil ich glaube, dass Gleichgültigkeit und Angst die schlechteren Ratgeber sind. Das heißt nicht, dass wir allem, was uns begegnet, mit derselben Aufmerksamkeit begegnen können und müssen; das wäre eine Überforderung. Es heißt auch nicht, dass wir den ängstlichen Stimmen in uns gar kein Gehör schenken sollen; sie sind und bleiben wichtige „Frühwarnsysteme“, die unsere Aufmerksamkeit auf Schwierigkeiten und Gefahren lenken. Aber es heißt, dass wir uns in unseren Haltungen und Entscheidungen nicht in erster Linie von Gleichgültigkeit und Angst leiten lassen sollten, sondern von der Neugier: von der Lust, Neues zu entdecken, und von der Erwartung, dass dieses Neue uns überwiegend freundlich begegnet und uns bereichert.
Der Journalist Franz Alt hat ein Buch über Geflüchtete geschrieben, das den Untertitel trägt: „Wie Heimatlose unser Land bereichern“. Es handelt von Jesus, dem Dalai Lama und anderen Vertriebenen. Und wenn wir in die Bibel schauen, dann stellen wir fest, dass viele unserer biblischen „Helden“ selber Geflüchtete waren. Abraham, Isaak und Jakob. Josef und seine Brüder. Mose, Mirjam und Josua. Naomi und David. Und natürlich Jesus, „der außergewöhnlichste Mensch aller Zeiten“ (Franz Alt). Die ganze reichhaltige Überlieferung unseres Glaubens – sie speist sich aus den Erfahrungen Geflüchteter: „... denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“
Aber ich wollte ja gar nicht über die „Flüchtlingskrise“ predigen. Also tauschen wir das Wort „Fremdling“ in unserem Bibeltext mal mit anderen Dingen aus und schauen, was passiert.

  • Wenn ein neuer, fremdartiger Gedanke auftaucht in eurem Kopf, dann heißt ihn doch erst einmal willkommen. Vertreibt ihn nicht gleich durch das, was ihr schon kennt und wisst, sondern gebt ihm Zeit und Raum, sich zu entfalten. Zum alten Denken zurückkehren könnt ihr doch jederzeit.
  • Wenn euch jemand sagt: „Die Welt muss nicht so bleiben, wie sie ist. Menschen haben sie so eingerichtet, Menschen können sie ändern.“ Dann tut das doch nicht gleich als weltfremde Spinnerei ab, sondern schaut erst einmal, was diese Idee mit euch macht, wenn ihr sie zu Ende denkt.
  • Wenn euch ein Mensch begegnet, der anders denkt und fühlt und glaubt als ihr das tut, dann sagt doch nicht gleich: „Das ist falsch!“, sondern: „Das ist interessant! Das ist ungewohnt, aber vielleicht ist es ‚gleich gültig’. Ich will versuchen zu verstehen, bevor ich urteile.“
  • Und wenn ihr euch selber einmal fremd seid, wenn eure eigenen Vorurteile euch überraschen, wenn ihr den Rassisten in euch selbst entdeckt und darüber erschreckt, dann verdrängt und verleugnet diese Anteile nicht, sondern nehmt sie wahr. Sie gehören zu euch. Verändern lassen sie sich nur, wenn sie nicht verdrängt, sondern bewusst gemacht und bearbeitet werden.

Von Johann Wolfgang von Goethe, dem deutschen Klassiker mit türkischen Vorfahren, stammt der Satz: „Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.“ Ich glaube, dieser Satz gilt nicht nur für Menschen, die als Fremde zu uns kommen, sondern auch für fremde Gedanken, Religionen und Kulturen. Das Land, das „das Fremde“ nicht beschützt, geht bald unter!

Franz Alt schreibt:
„Angst müssen wir nur vor Stillstand haben, nicht vor sinnvoller Veränderung, die es schon immer gab.“ – „Wir haben heute die große Chance, eine Gesellschaft der Achtsamkeit und des Mitgefühls zu werden.“ (Fanz Alt, Flüchtling, 44 und 65)

Angela Merkel sagt:
„Offenheit und Neugier nehmen uns nichts weg, sondern bereichern unsere Gesellschaft.“ (zitiert bei Franz Alt, Flüchtling, 51)

Und die Bloggerin Susanne Niemeyer (
www.freudenwort.de ) schreibt als Auslegung zu unserem Bibeltext:
„Heiß jemand willkommen. Biete einen Stuhl an. Verschenk deinen Stammplatz. Nimm eine Spinne als Untermieter auf. Unbefristet. Zähl die Ausländer in deinem Bücherregal. Freu dich, dass du ein Bücherregal hast. Ein Bücherregal zu haben, bedeutet Heimat zu haben. Geh zum Griechen, nebenan oder in der Ägäis. Verschieb die Grenzen in deinem Kopf. Bitte Gott um Asyl. Als Himmelsbürger auf Erden.“ (Susanne Niemeyer. In: Breit-Keßler, Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge, 96)

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“


Literatur:
  • Franz Alt, Flüchtling. Jesus, der Dalai Lama und andere Vertriebene. Wie Heimatlose unser Land bereichern. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2016.
  • Susanne Breit-Keßler (Hrsg.), Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge (edition chrismon). Hanseatisches Druck- und Verlagshaus: Frankfurt am Main 2015.
  • Anja Reschke (Hrsg.), Und das ist erst der Anfang. Deutschland und die Flüchtlinge. Reinbek bei Hamburg 2015.

(c) Volkmar Hamp