Es reicht für alle!
(Matthäus 14,13-21)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde!
„Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert!“ – Diese Worte aus einem Lied des Deutschrockers Klaus Lage passen nicht nur auf Pärchen, die über viele Jahre „beste Freunde“ sind, ohne dass es zwischen ihnen „Zoom“ macht. Sie passen auch auf so manchen Bibeltext, den wir „tausendmal“ hören oder lesen, ohne dass es bei uns „funkt“. „Overfamiliar“ nennt man das: „übervertraut“. Texte, die wir so gut kennen, dass wir oft gar nicht mehr wahrnehmen, wie mitreißend und herausfordernd sie sind.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist solch ein Text. Er steht in Matthäus 14,13-21 und im Rahmen unserer Predigtreihe zum Thema „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“ heute unter der Überschrift: „Es reicht für alle!“

13 Als Jesus das hörte (dass Johannes der Täufer von Herodes umgebracht worden war), fuhr er von dort (aus der Gegend um Nazaret) weg in einem Boot in eine einsame Gegend allein. Und als das Volk das hörte, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten.
14 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.
15 Am Abend aber traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Gegend ist öde und die Nacht bricht herein; lass das Volk gehen, damit sie in die Dörfer gehen und sich zu essen kaufen.
16 Aber Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, dass sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen.
17 Sie sprachen zu ihm: Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische.
18 Und er sprach: Bringt sie mir her!
19 Und er ließ das Volk sich auf das Gras lagern und nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel, dankte und brach's und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk.
20 Und sie aßen alle und wurden satt und sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll.
21 Die aber gegessen hatten, waren etwa fünftausend Mann, ohne Frauen und Kinder.


Fünf Brote und zwei Fische – und es reicht für alle! 5.000 Männer plus Frauen und Kinder! Unglaublich! Ein Wunder! Nichts, was mit der „Realität“, dem Leben, das wir kennen und führen, irgendetwas zu tun hätte! Oder?
Jesus, so schildert es der Evangelist Matthäus, ist auf der Flucht. Er macht sich aus dem Staub. Er will sich in Sicherheit bringen. Untertauchen. Nach dem politischen Mord an Johannes dem Täufer wird der Boden zu heiß für ihn. Er will sich zurückziehen in eine einsame Gegend. Allein sein. Nachdenken vielleicht. Jetzt nur nicht auffallen, nicht die Aufmerksamkeit der Mächtigen erregen. Noch nicht. Sonst ist er der nächste, dessen Kopf dem König auf einem Silbertablett serviert wird.
Doch das Volk lässt Jesus keine Ruhe. Zu Fuß folgen sie ihm am Ufer des Sees Genezaret. Überholen ihn sogar. Kommen ihm zuvor. Erwarten ihn schon, als er aus dem Boot steigt. Und da sind sie nun. Mehrere tausend Menschen. Männer, Frauen und Kinder. Arm. Hungrig. Hungrig nach Jesu Worten. Aber auch nach Hilfe. Nach jemandem, der sich kümmert, ihre Krankheiten heilt, gute Worte für sie hat, sie segnet.
An dieser Stelle fällt der erste Satz, der mich berührt in dieser Geschichte:

„Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.“ (Vers 14)

„Sie jammerten ihn.“ Mit diesem Gefühl beginnt die Zuwendung Jesu zu den Menschen. „Er hatte Erbarmen mit ihnen“, könnte man auch übersetzen.
Dabei hätte Jesus wahrlich genug Grund gehabt, selber zu jammern! Über den Tod seines Freundes Johannes. Über seine eigene Situation und die seiner Jünger. Über die Lebensgefahr, in die er sich brachte, wenn es ihm nicht gelang, sich unter dem Radar der Mächtigen weg zu ducken.
Aber Jesus jammert nicht über sich selbst. Er hat Erbarmen mit den anderen Menschen. „Sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben“, heißt es an dieser Stelle in einem anderen Evangelium (Mk 6,34). Schafe, die keinen Hirten haben, kommen unter die Räder, verlaufen sich, werden von Wölfen gerissen. Und das darf nicht sein! Da kann man nicht wegschauen oder weggehen. Da muss man helfen.
Wenn Jesus dieses Bild von den Schafen, die keinen Hirten haben, aufgreift, dann zitiert er damit den Propheten Ezechiel (Ez 34), der viele Jahrhunderte zuvor angekündigt hatte, dass Gott dem Volk Israel einen „neuen Hirten“ schicken werde, ja, dass Gott selbst sich seiner Herde erbarmen würde:

„Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken; aber was fett und stark ist, will ich vertilgen und will es weiden mit Gericht.“ (Ez 34,15f)

Jesus erbarmt sich der Menschen wie jener vom Propheten angekündigte „gute Hirte“ (Ez 34,23). „Und er heilte ihre Kranken ...“
„So weit, so gut“, mögen die Jünger da noch gedacht haben. „So ist er halt, unser Jesus. Er kann wohl nicht anders. Wenn Not am Mann ist – und an der Frau und am Kind – dann muss er helfen. Die Not lindern. Mut zusprechen. Trösten. Doch alles hat seine Grenzen! Irgendwann muss Schluss sein. Es ist doch nicht unsere Aufgabe, die ganze Welt zu retten! Außerdem ist jetzt Feierabend. Abendbrotzeit. Und auch einer wie Jesus muss auf seine ‚Work-Life-Balance’ achten. Gerade einer wie er! Sonst geht er am Ende noch selber vor die Hunde.“

„Die Gegend ist öde und die Nacht bricht herein; lass das Volk gehen, damit sie in die Dörfer gehen und sich zu essen kaufen.“ (Vers 15)

Hier spricht die Stimme der Vernunft, der wohltemperierten Gefühle. Mitleid ja – aber alles in Maßen! Es gibt eine Grenze. Eine „Obergrenze“. Auch für Gefühle. „Wir schaffen das!“ Ja, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann muss Schluss sein. Mehr geht einfach nicht!
„Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen“, sagte Alexander Gauland, stellvertretender Vorsitzender der „Alternative für Deutschland“, letzte Woche dem ZEIT-Magazin. „Wir müssen die Grenzen dicht machen und dann die grausamen Bilder aushalten ... Man kann sich nicht einfach überrollen lassen. Einen Wasserrohrbruch dichten Sie auch ab.“
Menschen, die leiden, Geflüchtete, die in Lebensgefahr schweben, Männer, Frauen und Kinder, die verzweifelt sind, vor Krieg und Terror fliehen und Hunger leiden – ein „Wasserrohrbruch“, den man „abdichten“ muss! Zynischer geht es kaum. Selbst Gaulands Tochter, eine evangelische Pfarrerin, findet die Worte ihres Vaters „schwer zu ertragen“.
Gegen solche schwer zu ertragenden Worte steht der zweite Satz in dieser Geschichte, der mich berührt:

„Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, dass sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen.“ (Vers 16)

Was mögen da die Jünger Jesu gedacht haben. „Was sagt der da? Nicht nötig, dass sie fortgehen? Gebt ihr ihnen zu essen? Hat der sie noch alle? Das sind 5.000 Menschen. 10.000 vielleicht, wenn man die Frauen und Kinder mitzählt. Und wir sind nur zwölf! Wie sollen wir mit dem wenigen, was wir haben, diese vielen Leute satt bekommen? Ja, wenn wir selber reich wären, im Überfluss schwimmen würden, dann vielleicht! Aber wir haben doch selbst nicht viel. Fünf Brote und zwei Fische. Das reicht gerade mal für unser eigenes Abendessen! Für so viele Menschen? Niemals!“
Ich lese gerade ein sehr bewegendes und sehr verstörendes Buch: „Der Hunger“ von Martín Caparrós, einem argentinischen Schriftsteller und Journalisten. Der hat viele Jahre die „Andere Welt“ bereist. Jene Welt, in der die Ärmsten der Armen leben. Jene 125 Länder deren jährliches Bruttoinlandsprodukt geringer ist als das Vermögen des jeweils aktuell reichsten Mannes der Welt. Jene Länder, in denen alle vier Sekunden ein Mensch an Hunger, Unterernährung und den damit verbundenen Krankheiten stirbt. Alle vier Sekunden. Jetzt ... jetzt ... jetzt ... Siebzehn Menschen jede Minute, 1.530 in den 90 Minuten, in denen wir hier miteinander Gottesdienst feiern, 25.000 jeden Tag, mehr als neun Millionen pro Jahr.
„Wir wissen das“, schreibt Caparrós. „Wir kennen die Zahlen. Der Hunger ist, so heißt es, das größte lösbare Problem der Welt. Es sieht aber nicht so aus, als würden wir es in absehbarer Zeit lösen. Und das ist eine Schande.“
Und immer wieder stellt der Autor in seinem Buch die Frage: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“
„Gebt ihr ihnen zu essen“, sagt Jesus. So einfach ist das! Aber ist das wirklich so einfach? Wir leben doch auch nicht im Überfluss. Wie die Jünger Jesu damals. Jedenfalls nicht, wenn wir uns mit den „Superreichen“ vergleichen, die mit ihren 100-Meter-Yachten durch die Steuerparadiese dieser Welt schippern. Wir haben „fünf Brote und zwei Fische“. Der eine ein bisschen mehr, die andere ein bisschen weniger. Ich kaufe mir ein Buch über den Hunger in der Welt, das 30 Euro kostet. Davon könnten 30 Menschen einen Tag lang leben. Wenn wir anfangen, so zu denken und zu rechnen, wie können wir dann weiterleben? Laufen wir dann nicht permanent mit einem „schlechten Gewissen“ herum?
Ja, vielleicht tun wir das. Vielleicht geht es auch nicht ganz ohne „schlechtes Gewissen“. Vielleicht haben wir genau dafür ein „Gewissen“, dass es unser Erbarmen weckt und unser Herz öffnet. Vielleicht verhärtet es die Herzen aber auch, weil wir nicht permanent unter dem Druck eines „schlechten Gewissens“ leben können. „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ Also verdrängen wir „diese Dinge“ aus unserem Alltag, um weiterleben zu können wie bisher. Und mehr und mehr beschleicht uns das Gefühl, dass die vielen kleinen Schritte, die viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten dieser Welt tun können, vielleicht doch nicht reichen, um die Welt zu verändern.
„Ich glaube nicht“, schreibt Caparrós, „dass man den Hunger im Rahmen des derzeitigen gesellschaftlichen Systems ein Ende machen kann. Dem Hunger ein Ende zu machen heißt, das System zu verändern. Wir wissen nur nicht, wie.“ Und dann erzählt er Geschichten von solchen „Systemänderungen“. Geschichten von Situationen, in denen es tatsächlich gelungen ist, „die Welt zu verändern“: „In Frankreich dachten ein paar Philosophen das Undenkbare: eine Regierungsform ohne König; in Amerika kamen ein paar Händler und Rechtsanwälte auf die Idee, dass sie sich auch einfach selbst regieren könnten; in Großbritannien glaubten ein paar Frauen, dass sie ihren Männern ebenbürtig waren und daher genau wie diese das Recht haben sollten, an der Wahlurne mit darüber zu entscheiden, wer das Land regiert; in Indien kamen ein paar in England ausgebildete junge Männer auf den Gedanken, dass es keiner Waffen bedarf, um ein großes Heer zu besiegen – und so weiter.“ All diese Prozesse und weltverändernden Umstürze dauerten Jahrzehnte. Es gab Konflikte und Rückschläge und Zweifel. Aber am Ende – oft nach vielen Jahren – wurde das Undenkbare Wirklichkeit: Unabhängigkeit, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Demokratie. „Ich bin für das Undenkbare“, schreibt Caparrós auf den letzten Seiten seines Buches, „denn es ist schon so oft Wirklichkeit geworden. Es geht nur darum, dass man weiß, in welcher Richtung dieses Undenkbare ungefähr liegt, um im Rahmen der eigenen Möglichkeiten darauf zu setzen.“
„Gebt ihr ihnen zu essen“, sagt Jesus. Und dann geschieht etwas Seltsames. Die Jünger geben nicht ein bisschen ab von dem, was sie haben – sagen wir mal: zwei der fünf Brote und einen halben Fisch. Sie legen alles, was sie haben, in Jesu Hände: die ganzen fünf Brote und die ungeteilten Fische. Und Jesus segnet das Wenige, das diese zwölf Männer beitragen können. Es wird geteilt unter die vielen tausend Menschen – und alle werden satt. Ja, am Ende bleibt sogar noch etwas übrig. Eine ganze Menge sogar. Zwölf Körbe voll.
Ich weiß, das ist eine Wundergeschichte, kein politisches Manifest. Und ich habe keine Ahnung, was damals wirklich geschah. Ob die fünf Brote und zwei Fische der Jünger sich – wie im Märchen – tatsächlich vermehrt haben und darum für alle reichten. Oder ob der eine oder die andere in der Menge gesehen hat, was da vor sich ging, und dann die eigenen, mitgebrachten Vorräte unters Volk brachte, so dass es am Ende genug für alle gab. Keine Ahnung!
Aber wenn ich diese Geschichte richtig verstehe, dann geht es nicht darum, dass wir ein bisschen von unserem Überfluss abgeben, damit jeden Tag ein paar Menschen weniger sterben als üblich. Es geht darum, das Undenkbare zu denken. Dass das, was wir alle miteinander haben, tatsächlich für alle reichen könnte. „Das Problem“, schreibt Capparós, „besteht nicht darin, dass wir so viele sind; es besteht darin, dass so viele so leben, als seien sie allein auf der Welt.“ Und genau das ändert sich, wenn Menschen Jesus begegnen!
Nicht umsonst erinnert diese Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung an das Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern teilt. Dieses Mahl der Gemeinschaft, zu dem alle eingeladen sind, die sich in ihrem Leben nicht mehr nur um sich selbst drehen wollen, sondern um Jesus. Dieses Mahl der Gemeinschaft, das schon jetzt etwas vom „Reich Gottes“ mitten in dieser Welt sichtbar macht.
Nicht so leben, als seien wir allein auf der Welt! Das können wir auf vielerlei Weise. Als Gemeinde versuchen wir das, indem wir nicht nur schöne Gottesdienste miteinander feiern, sondern für Menschen in unserem Kiez da sind. Und wenn wir miteinander darüber nachdanken, wie wir unseren Standort hier in der Müllerstraße weiterentwickeln wollen, um das in Zukunft noch besser tun zu können, dann haben wir dabei nicht nur unser Gemeindeleben, sondern auch unser Miteinander mit unseren Nachbarn und Freunden hier im Wedding im Blick.
Nicht so leben, als seien wir allein auf der Welt! In unserem privaten Leben heißt das, offene Herzen und Türen zu haben für andere Menschen. Wahrzunehmen, wenn jemand nach Nähe, Aufmerksamkeit und Zuspruch hungert. Zu beten, zuzuhören, für einander da zu sein. Es heißt aber auch, darüber nachzudenken, wie wir unser Leben so gestalten können, dass andere nicht darunter leiden müssen. Unsere Möglichkeiten sind da vielleicht begrenzt. Fünf Brote und zwei Fische – das ist nicht viel. Aber wir können politisch wach sein! Wir können den Mund aufmachen, wenn wieder mal jemand behauptet, dass es nicht für alle reicht, dass unsere „Belastungsgrenze“ erreicht sei. Obwohl wir in einem der reichsten Länder dieser Welt leben!
„Das Problem besteht nicht darin, dass wir so viele sind; es besteht darin, dass so viele so leben, als seien sie allein auf der Welt.“ – Jesus lädt uns ein, anders zu leben. Weil Gottes Liebe für alle reicht.

(c) Volkmar Hamp

Literatur:
Martín Caparrós, Der Hunger. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg und Hanna Grzimek. Berlin 2015.