Gott loben - obwohl die Welt ist, wie sie ist (Lukas 18,31-43)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde!
Während im Rheinland und in anderen eher katholischen Regionen unserer Republik der Karneval seinem Höhepunkt zusteuert wird bei uns im protestantischen Preußen schon die Passionszeit eingeläutet.
Im 6. Jahrhundert n. Chr. hatte die römisch-katholische Kirche (wohl unter dem Einfluss der Ostkirche) der eigentlichen Fastenzeit, die am Aschermittwoch beginnt, eine Vorfastenzeit vorgeschaltet. Vielleicht auch, weil man meinte, dem allzu bunten Karnevalstreiben einen Riegel vorschieben zu müssen. Die Katholiken haben diese Vorfastenzeit später wieder abgeschafft (mit dem zweiten Vatikanischen Konzil). Die Protestanten, die mit dem Karneval sowieso nicht so viel am Hut hatten, haben sie beibehalten. Das haben wir nun davon!
Die Sonntage dieser Vorfastenzeit tragen lustige Namen wie Septuagesimae oder Sexagesimae. Mit Sex hat das allerdings nichts zu tun. Es bedeutet einfach 70 bzw. 60 Tage vor Ostern. Der heutige Sonntag heißt Estomihi. Der hat seinen Namen aus dem Eingangspsalm für den heutigen Tag, Psalm 31: esto mihi in lapidem fortissimum ...! („Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!“).
Der Predigttext für den heutigen Sonntag soll uns also nicht in Karnevalsstimmung bringen, sondern auf die Passionszeit vorbereiten. Auch das Wort „Passion“ kommt ja aus dem Lateinischen, von passio – „Leiden“. In der Passionszeit vergegenwärtigen wir uns das Leiden und Sterben Christi. Passion hat im Deutschen aber auch noch eine andere Bedeutung. „Eine Passion für etwas entwickeln“, „etwas mit Passion betreiben“ heißt, „sich leidenschaftlich für etwas interessieren oder einsetzen“. „Leidenschaft“ und „Leiden“ – im deutschen Gebrauch des Wortes „Passion“ liegt beides dicht bei-einander.
Beides spielt auch in unserem Predigttext eine Rolle. Der steht im 18. Kapitel des Lukasevangeliums in den Versen 31 bis 43. Eigentlich sind es zwei Texte: Die dritte Ankündigung des Leidens und der Auferstehung Jesu und die Geschichte von der Heilung eines Blinden bei Jericho.

Lukas 18,31-43 (NGÜ):
31 Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: „Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf. Dort wird sich alles erfüllen, was bei den Propheten über den Menschensohn steht. 32 Er wird den Heiden übergeben werden, die Gott nicht kennen; er wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden; 33 man wird ihn auspeitschen und schließlich töten. Doch drei Tage danach wird er auferstehen.“
34 Die Jünger begriffen von all dem nichts. Der Sinn dieser Worte war ihnen verborgen; sie verstanden nicht, was damit gemeint war.

35 Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß dort ein Blinder am Straßenrand und bettelte. 36 Er hörte, wie eine große Menschenmenge vorüberzog, und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe.
37 „Jesus von Nazaret kommt vorbei“, erklärte man ihm.
38 Da rief er: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
39 Die Leute, die vor Jesus hergingen, fuhren ihn an, er solle still sein. Doch er schrie nur umso lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
40 Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich holen. Als der Blinde vor ihm stand, fragte ihn Jesus:
41 „Was möchtest du von mir?“ – „Herr“, antwortete er, „ich möchte sehen können!“
42 Da sagte Jesus zu ihm: „Du sollst sehen können! Dein Glaube hat dich gerettet.“
43 Im selben Augenblick konnte der Mann sehen. Er folgte Jesus nach und lobte und pries Gott. Und auch die ganze Volksmenge, die seine Heilung miterlebt hatte, gab Gott die Ehre.


Wie gesagt: Eigentlich sind das zwei Texte, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten. Aber schon im ältesten unserer vier Evangelien – bei Markus – stehen sie nah beieinander (Mk 10,32-34 und Mk 10,46-52; vgl. Mt 20,17-19 und Mt 20,29-34). Lukas rückt sie in seinem Evangelium noch enger zueinander, so dass sie bei ihm unmittelbar aufeinander folgen.
Das ist sicher kein Versehen oder Zufall! Die Evangelisten drücken ihr Verständnis des Evangeliums, der guten Nachricht von Jesus Christus, nicht nur durch die Texte aus, die sie zusammenstellen und überliefern. Die waren ihnen zum großen Teil vorgegeben. Oft liegt schon in der Art und Weise, wie sie diese Texte anordnen und präsentieren, eine Botschaft. So auch hier: Der zweite Text – die Heilung des Blinden bei Jericho – ist sozusagen eine Auslegung des ersten Textes – der Leidensankündigung Jesu.
Jesus hatte seine Jünger beiseite genommen. Nicht zum ersten Mal. Schon zum dritten Mal erklärte er ihnen, was am Ende seines Weges auf ihn warten würde: Leid und Tod und Auferstehung (vgl. Lk 9,21-22; 43b-45). Und wieder verstanden die Jünger nicht. Der Sinn seiner Worte blieb ihnen verborgen (Vers 34; vgl. Lk 9,45).
Warum? Vielleicht weil wir Menschen so gestrickt sind: Wir lassen Leid und Tod nur ungern an uns heran. Wir verdrängen diesen Aspekt der Welt aus unserem Leben, weil er uns Angst macht, weil er uns daran erinnert, dass auch wir leiden könnten, dass auch wir sterblich sind.
Mit Leid und Tod beschäftigen wir uns in aller Regel erst, wenn sie uns persönlich betreffen. Wenn wir unter einer schweren, lebensbedrohlichen Krankheit leiden. Wenn wir bei einem Unglück oder Unfall dem Tod noch einmal gerade so von der Schippe gesprungen sind. Oder wenn Leid und Tod uns durch das Leiden und Sterben anderer Menschen, die uns nahestehen, berühren.
Und manchmal – ganz selten – geschieht das auch durch Nachrichten oder Bilder von leidenden Menschen, die wir gar nicht kennen. Als das Foto des dreijährigen Aylan Kurdi, des kleinen syrischen Flüchtlingsjungen, der am 2. September 2015 vor der türkischen Küste ertrunken ist, um die Welt ging, war das so ein Moment. Aber diese Momente sind auch schnell wieder vergessen oder verdrängt. Sich permanent mit dem unsäglichen Leid zu beschäftigen, dass Millionen Menschen auf dieser Welt täglich ertragen müssen, schafft kaum ein Mensch. Es überfordert uns.
Über Leid und Tod wollen wir nicht nachdenken, weil Leid und Tod uns dann nahekommen. Weil wir uns dann nicht mehr der Illusion hingeben können, wir würden davor verschont bleiben.
Aber verschont bleibt niemand. Vielleicht bleiben uns schwere Unfälle und lebensbedrohliche Krankheiten erspart. Aber wir alle müssen irgendwann mit dem Verlust geliebter Menschen fertig werden. Und früher oder später müssen wir dem eigenen Tod ins Auge sehen.
Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti (1905-1994) wollte sein ganzes Leben lang ein Buch gegen den Tod schreiben. „Der Tod“, sagte er, „ist mein Todfeind.“ Er hat dieses Projekt nie vollendet. Aber es hat ihn viele Jahre seines Lebens begleitet. Und es hat ihm Kraft gegeben. Ihm, dem Sohn jüdischer Kaufleute, dessen Vater starb, als er sieben war, der zwei Weltkriege miterlebte und viele geliebte Menschen verlor, bevor er selbst im Alter von 89 Jahren starb. Canetti hat dieses Buch nie vollendet. Es wurde erst 2014, zwanzig Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht. Ein großartiges Buch. „Aus seinem Grab heraus wirft er uns diesen gewaltigen Brocken vor der Füße“, schreibt ein Rezensent (Michael Maar) in der ZEIT dazu.
Ein Buch gegen den Tod – das ist die Bibel auch. Und unsere Predigttexte sind Texte gegen den Tod. Ihre Botschaft ist: Es nützt nichts, vor Leid und Tod die Augen zu verschließen. Wenn es so weit ist, holen beide uns ein. Aber es ist auch gar nicht nötig! Man kann „die Welt sehen, wie sie ist – und trotzdem Gott loben“ (Gerd Theißen). Das ist die gute Nachricht dieser Texte!
Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs nach Jerusalem. Er weiß oder zumindest ahnt er, was ihn dort erwartet: Verspottung, Misshandlung und Tod. Aber – und das ist die Botschaft von Ostern – der Tod hat dabei nicht das letzte Wort! Gott wird Jesus auferwecken. Er wird Leid und Tod überwinden. Das Grab wird leer sein. Die Auferstehung des Menschensohns ist ein Protest gegen diese Welt, in der Leid und Tod noch nicht überwunden sind.
Die Jünger Jesu verstehen das nicht. Sie sind blind für diese Wahrheit. Wenn Lukas jetzt eine Blindenheilung folgen lässt, dann will er damit auch sagen: „Jesus überwindet das Unverständnis der Jünger. Er öffnet ihnen die Augen – für die Grausamkeit der Welt, wie sie über Jesus hereinbrechen wird, aber auch dafür, dass Folter und Tod nicht das letzte Wort sind. Das ist das Wunder, das wir begreifen müssen: Man kann die Welt sehen, wie sie ist – und trotzdem Gott loben!“ (Theißen 66) Die Geschichte des Blinden von Jericho ist ein Beispiel dafür.
Da sitzt einer am Wegrand und bettelt. Ein Blinder. Markus kennt sogar seinen Namen: Bartimäus, Sohn des Timäus. Lukas lässt diesen Namen weg. Auch das ein Zeichen dafür, dass das Schicksal dieses Blinden für ihn beispielhaft ist für das Schicksal aller Menschen. Er steht für das Blindsein der Jünger für die Bedeutung des Schicksals Jesu.
Der Mann vor den Toren Jerichos ist also blind. Er ist nicht taub. Und er ist nicht stumm. Er kann hören, dass etwas vor sich geht. Viele Menschen sind unterwegs. Viel mehr als sonst. Und er kann sich bemerkbar machen. Er kann sprechen, Fragen stellen. „Was hat das zu bedeuten?“, fragt er die Leute, die an ihm vorbeieilen.
Wir sind vielleicht blind für die Wahrheit des Evangeliums. Wir können vielleicht nicht glauben, dass das wirklich stimmt mit der Überwindung von Leid und Tod durch die Auferweckung Jesu von den Toten. Aber wir können hören. Wir hören die Geschichten, die davon erzählen. Wir hören Menschen, die davon überzeugt sind. Und wir können sprechen. Wir können Fragen stellen: „Was geht da vor sich, dass so viele Menschen sich davon in Bewegung setzen lassen? Was hat das zu bedeuten? Was, wenn es wirklich wahr wäre, was Jesus sagt: dass dein Leid und das Leid aller Menschen auf dieser Erde nicht das Ende ist, sondern nur ein Übergang? Dass da immer etwas wartet jenseits von Leid und Tod, weil Gott da ist und auf uns wartet?“
Doch der Blinde in unserer Geschichte fragt nicht nur. Er ruft. Er schreit. Er betet. Und er hat eine Adresse für sein Schreien und Beten: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Wenn es eine Antwort gibt auf die Frage nach dem Leid, dann gibt es sie hier. Beim leidenden Christus. Bei dem, der unterwegs ist nach Jerusalem, um dort mitzuleiden mit allem Leid dieser Welt.
Die Leute verstehen das nicht. Sie denken, der Blinde will Jesus anbetteln, ihn um Geld bitten. Das wäre eine unrealistische Bitte gewesen. Jesus ist doch selber bettelarm. Er hat kein Geld. Eine peinliche Begegnung wäre das geworden. Das wollten die Leute Jesus wohl ersparen. Darum fahren sie den Blinden an und wollen ihn zum Schweigen bringen. Doch den schreckt das nicht. Er lässt sich nicht einschüchtern. Er schreit nur noch um so lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
Wer so zu Jesus kommt, wer seine ganze Verzweiflung, alle Schicksalsschläge, jedes Leid bei Jesus ablädt und ihm entgegenschreit, den lässt Jesus nicht links liegen. An dem geht er nicht vorbei. Von dem wendet er sich nicht ab. Er lässt ihn zu sich kommen und schenkt ihm seine Aufmerksamkeit. Und das ist schon eine ganze Menge, wenn jemand aufmerksam ist, wenn wir leiden; wenn einer nicht zurückweicht oder achtlos vorübergeht, sondern sich uns zuwendet und uns anspricht. Auch wenn das Gespräch, das sich hier zwischen Jesus und dem Bettler entwickelt, einigermaßen seltsam ist. Aber das sind unsere Gespräche mit Jesus ja auch manchmal!
„Was möchtest du von mir?“, fragt Jesus. Als ob das nicht offensichtlich wäre! Der Mann ist doch blind! Was soll der schon wollen? Sehen natürlich! Und trotzdem fragt Jesus ihn. Und er tut das nicht nur hier. Er tut das auch bei vielen anderen Gelegenheiten und Begegnungen. Vielleicht ist es wichtig, dass wir formulieren, dass wir aussprechen lernen, was wir von Jesus wollen, was wir von ihm erwarten? Er jedenfalls traut uns das zu. Er traut uns zu, unsere tiefsten Wünsche und unsere größten Sehnsüchte zu erkennen und darüber mit ihm zu sprechen.
Und die tiefste Sehnsucht dieses Bettlers ist nicht das Geld. Sie ist nicht, irgendwie noch einen Tag länger in seinem Elend aushalten zu können. Die tiefste Sehnsucht dieses Bettlers ist, dass sein Elend ein Ende hat: „Ich möchte sehen können!“ Übersetzt in die Erzählebene des Lukas und seines Evangeliums, in der es um das Unverständnis und das Nicht-glauben-können der Jünger geht, heißt das: „Ich möchte glauben können!“
Ich möchte glauben können, dass das wirklich stimmt, dass mit Jesu Tod und Auferstehung Leid und Tod an sich überwunden sind. Ich möchte glauben können, dass, weil Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, auch am Ende meines Lebens nicht das große Dunkel auf mich wartet sondern ein helles Licht. Und ich möchte glauben können, dass dieses Licht schon jetzt in mein Leben hinein scheint und meinen Blick hell macht.
Schöne Worte, oder? Wenn das doch nur so einfach wäre mit dem Glauben! Doch unser Text behauptet genau das: dass es so einfach ist! Der Glaube des Blinden besteht ja aus nichts anderem als dieser Sehnsucht: „Ich möchte sehen können!“ Und aus dem Vertrauen darauf, dass er mit dieser Sehnsucht bei Jesus am richtigen Ort ist. Übertragen auf die Erzählebene des Lukas, in der es nicht um die Blindheit der Augen, sondern um die Unempfindlichkeit des Herzens, nicht um das Sehen, sondern um den Glauben geht, heißt das: Es reicht, wenn du zu Jesus kommst und sagst: „Ich will glauben! Ich will darauf vertrauen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben in dieser Welt und in meinem Leben.“ Wer das tut, wer diese Sehnsucht in sich verspürt und damit zu Jesus kommt, dem antwortet Jesus: „Du sollst glauben können! Du tust es doch längst! Denn mit deiner Sehnsucht zu mir zu kommen, das ist schon der Glaube, der dir hilft.“
In unserer Geschichte hat dieser Glaube zwei Konsequenzen. Die erste: Der Blinde wird sehend und folgt Jesus nach! In allen anderen Heilungsgeschichten werden die Geheilten von Jesus in ihr Haus, in ihr Dorf zurückgeschickt. Der Blinde von Jericho ist der einzige, der ihm nachfolgen darf. Auch das hat einen übertragenen Sinn und zeigt noch einmal, dass es in dieser Geschichte nicht um das Sehen, sondern um den Glauben geht. Der Glaube besteht ja gerade darin, Jesus nachzufolgen in seiner Passion für das Leben. Genau das tut der Blinde von Jericho. Und die Botschaft an uns ist, es auch zu tun.
Die zweite Konsequenz: Der Blinde lobt Gott – und mit ihm das ganze Volk! Wenige Augenblicke zuvor haben sie noch versucht, ihn abzuwehren und zum Schweigen zu bringen. Jetzt loben sie mit ihm zusammen Gott. Ein Blinder ist sehend geworden. Damit verschwinden Krankheit und Leid nicht aus dieser Welt. Ein Gebet wurde erhört. Das wiegt nicht die vielen unerhörten Gebete auf, die jeden Tag gebetet werden. Und doch ist es ein Grund zum Loben. Denn dieser eine Sehende, dieses eine Gebet sind Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft. Sie sind ein Unterpfand dafür, dass man die Welt tatsächlich sehen kann, wie sie ist – und trotzdem Gott loben!
Warum? Aus zwei Gründen, die mit Passion und Ostern zu tun haben: Passion, das heißt: Gott leidet mit seiner Schöpfung. Passion heißt: Die Leidenschaft Jesu für das Reich Gottes, für ein Leben in Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit, ist so groß, dass er dafür jedes Leid erträgt. Das schuldhafte wie das unschuldige Leiden. Das Leid der Sünder und das Leid ihrer Opfer. Passion heißt: In allem, was wir erleiden müssen, bis hin zum Tod sind wir nicht allein. Jesus ist bei uns. Gott leidet mit. Ostern, das heißt: Gott ist stärker als das Leid und der Tod. Ostern heißt: Die Welt muss und wird nicht so bleiben, wie sie ist. Ostern heißt: Am Ende wird alles gut!
„Glaube“, schreibt der Neutestamentler Gerd Theißen, „ist Möglichkeitssinn, der über die Wirklichkeit hinausgreift. Kleine Änderungen (wie die Blindenheilung in unserer Geschichte, VH) werden zu Zeichen großer Änderungen.“ (Theißen 70)

„Vor Gott ist auch das Mögliche Wirklichkeit: Der zerronnene Traum, das zerstörte Glück – er denkt es zu Ende. Den gedemütigten Menschen richtet er auf. Der zertretene Wurm, der abgetriebene Fötus gehört zur Fülle seiner Möglichkeiten, die er für immer bewahrt ... Auch von unserem Leben ... bewahrt er die Möglichkeiten, die wir verbaut haben und die unerfüllt blieben. Im Sünder sieht er den Gerechten, im Gerechten den Sünder. Im Kranken den Gesunden, im Gesunden den Kranken. Im Leben den Tod, im Tod das Leben. Gott wird immer die Ahnung begründen, dass diese Wirklichkeit nicht alles ist und das Mögliche nicht unwirklicher ist als das Wirkliche. Dass auch der Tod nicht alles ist. Wie die Jünger hören wir zwar diese Botschaft, aber verstehen sie nicht: Der Menschensohn wird gekreuzigt werden, aber er wird auferstehen. Wie immer man das deutet, es ist ein Protest gegen diese Welt, wie sie ist – es ist eine Botschaft aus der Welt, wie sie sein könnte.“ (Theißen 70f)

Durch die Schöpfung, die uns umgibt und deren Teil wir sind, durch kleinere und größere Zeichen und Wunder, durch die Erfahrungen von Aufmerksamkeit, Zuneigung und Liebe, die wir in unserem Leben machen, gibt Gott uns eine Ahnung von dieser Welt, wie sie sein könnte. Und er senkt die Sehnsucht nach dieser „besten aller möglichen Welten“ in unser Herz.
Das ist nicht die Welt, in der wir leben, wie die Philosophen der Aufklärung noch glaubten. Von diesem Glauben haben wir uns nach den Erfahrungen der letzten Jahrhunderte, nach zwei großen Kriegen und unsäglichem Leid, endgültig verabschiedet.
Aber es ist die Welt, von der wir träumen, auf die wir hoffen und an die wir glauben. Wenn wir in der Welt, wie sie ist, alles auch so sehen, wie es sein könnte, dann sehen wir diese Welt mit Gottes Augen und in seinem Geist. „Dann können wir Gott loben, ohne damit in die Grausamkeit der Welt einzuwilligen.“ (Theißen 71) Dann haben wir einen Glauben, der in die Nachfolge Jesu führt und der uns antreibt, in der Welt, wie sie ist, zeichenhaft schon etwas zu verwirklichen von der Welt, die sein könnte und sein wird, wenn Gott sein Reich aufrichtet.

Dazu schenke uns Gott Kraft, Liebe und Mut!

Amen.

Literatur:
Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. München 2014.
Gerd Theißen, Die Welt sehen – und trotzdem Gott loben. In: Ders., Transparente Erfahrung. Predigten und Meditationen. Gütersloh 2014, 65-72.

(c) Volkmar Hamp