Von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-16)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

Franz Kafka, der 1883 in Prag geborene und 1924 in Wien verstorbene deutschsprachige Schriftsteller, dessen Werke zu den rätselhaftesten der Weltliteratur gehören, hat gegen Ende seines Lebens (1922) einen kurzen Text geschrieben, den ich an den Anfang meiner heutigen Predigt stellen will. Überschrieben ist dieser Text „Von den Gleichnissen“:

Viele beklagten sich, dass die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: „Gehe hinüber“, so meint er nicht, dass man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, dass das Unfassbare unfassbar ist, und das haben wir gewusst. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.
Darauf sagte einer: „Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.“
Ein anderer sagte: „Ich wette, dass auch das ein Gleichnis ist.“
Der erste sagte: „Du hast gewonnen.“
Der zweite sagte: „Aber leider nur im Gleichnis.“
Der erste sagte: „Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.“


Rätselhaft, ich sagte es schon, und schwer zu verstehen, wie so viele Texte Kafkas, ist auch diese kurze Geschichte. Warum erzähle ich sie trotzdem? Weil der Predigttext für den heutigen Sonntag ein Gleichnis Jesu ist, in dem es auch um Gewinner und Verlierer geht. Nicht ganz so rätselhaft vielleicht wie die Geschichte Kafkas, aber durchaus vieldeutig und auch nicht ganz einfach zu verstehen.
So ist das ja mit manchen Gleichnissen Jesu. Man fragt sich: Wollte er mit ihnen seine Botschaft vom „Reich Gottes“ erklären oder verhüllen, so dass nur besonders Schlaue oder Eingeweihte sie verstehen können?
Das Gleichnis, um das es heute gehen soll, steht im Matthäusevangelium (Mt 20,1-16). In den meisten Bibelausgaben trägt es die Überschrift „Von den Arbeitern im Weinberg“. Ich lese es in der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ):

1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
2 Er fand etliche und einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
3 Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch andere untätig herumstehen.
4 „Geht auch ihr in meinem Weinberg arbeiten!“, sagte er zu ihnen. „Ich werde euch dafür geben, was recht ist.“
5 Da gingen sie an die Arbeit. Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder hin und stellte Arbeiter ein.
6 Als er gegen fünf Uhr ein letztes Mal zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. „Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?“, fragte er sie.
7 „Es hat uns eben niemand eingestellt“, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: „Geht auch ihr noch in meinem Weinberg arbeiten!“
8 Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: „Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.“
9 Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und erhielten jeder einen Denar.
10 Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen; aber auch sie erhielten jeder einen Denar.
11 Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf.
12 „Diese hier“, sagten sie, „die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen!“
13 Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt?
14 Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir.
15 Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“
16 So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.


Ganz schön ungerecht, oder!? Da arbeiten die einen zwölf Stunden in sengender Hitze für ihren Tageslohn, und die anderen, die viel weniger gearbeitet haben – neun, sechs, drei, ja, nur eine Stunde – bekommen am Ende des Tages genauso viel Geld wie sie! Wie ungerecht ist das denn? Da hätte ich mich auch aufgeregt, wenn ich einer von den Ersten gewesen wäre, die da so früh am Morgen schon auf dem Marktplatz standen und jetzt am Abend merken, dass ihre Arbeit nicht mehr wert sein soll als die Arbeit derjenigen, die erst am späten Nachmittag dazu gestoßen sind. Was soll denn das? Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?
Gut, dass das „nur ein Gleichnis“ ist, eine Parabel, eine Beispielgeschichte! Die Frühaufsteher haben also „nur im Gleichnis“ verloren, nicht im „wirklichen Leben“. Da bleibt alles beim Alten. Da wird weiter nach Leistung bezahlt. Da bekommt jeder, was er verdient. Zumindest arbeiten wir daran. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Kirchen und politische Parteien. Einigkeit besteht darüber, dass es „gerecht“ zugehen soll in der Welt – Uneinigkeit, was das heißt und wie man dahin kommt! Und ausgerechnet Jesus, dem doch das Thema „Gerechtigkeit“ so wichtig ist, erzählt eine Geschichte, die statt „Die Arbeiter im Weinberg“ genauso gut „Der ungerechte Gutsbesitzer“ heißen könnte! Ganz schön anstößig, oder!?
Es gibt ein Buch über solche „anstößigen Gleichnisse“ Jesu, das trägt den Titel „Unmoralische Helden“ (Tim Schramm / Kathrin Löwenstein, Unmoralische Helden. Anstößige Gleichnisse Jesu. Göttingen 1986). Unmoralische Helden, anstößige Bilder, ungewöhnliche Züge, kühne Metaphern – das sind die Zutaten, die aus Jesu Gleichnissen etwas Besonderes machen! Aber was genau ist das Besondere, das Anstößige, das Kühne an diesem Gleichnis? Stellen wir uns – um das in den Blick zu bekommen – vor, wie diese Geschichte hätte enden müssen, um weniger anstößig, weniger ärgerlich zu sein. Dafür gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten:
Zum einen hätte der Gutsbesitzer am Ende denjenigen, die weniger als einen vollen Tag für ihn gearbeitet haben, entsprechend weniger Geld auszahlen können: drei Viertel, die Hälfte, ein Viertel, ein Zwölftel des mit den zuerst Eingestellten vereinbarten Lohns zum Beispiel. Vermutlich wären alle damit zufrieden gewesen. So kannten sie das ja: Jedem das Seine! Jedem, was er verdient! Aber was für eine langweilige Geschichte wäre das gewesen?!
Dann doch lieber die andere Variante: Der Gutsbesitzer hätte denen, die entsprechend länger gearbeitet haben als die zuletzt Eingestellten, auch mehr Geld geben können, als zu Beginn des Tages vereinbart war. Das Dreifache, Sechsfache, Neunfache, Zwölffache vielleicht. Auch das wäre gerecht gewesen. Und vielleicht sollen wir, die Hörer dieser Geschichte, genau das denken: dass die Ganztagsarbeiter darin auf dieses Mehr an Lohn spekulieren. Sie sehen, wie die Späteinsteiger vom Abend für nur eine Stunde Arbeit einen vollen Tageslohn bekommen und denken bei sich: „Wow! Was bekommen dann wir, die wir den ganzen Tag gearbeitet haben? Das Zwölffache? Das wäre mal ein Tageslohn!“ Wie enttäuscht müssen sie gewesen sein, als sie feststellen, dass das nicht geschieht, dass sie am Ende nicht mehr bekommen als die anderen, sondern alle dasselbe!?
Aus wirtschaftlicher Sicht macht auch noch eine dritte Variante unserer Geschichte Sinn, die allerlangweiligste von allen: Der Gutsbesitzer stellt am Morgen alle Arbeiter gleichzeitig ein, lässt sie zur selben Zeit mit der Arbeit beginnen und gleich lange arbeiten. Dann ist die ganze Arbeit in neun Stunden erledigt, alle bekommen denselben Lohn, können früher nach Hause gehen und haben einen längeren Feierabend. Punkt.
Warum also erzählt Jesus seine Geschichte genau so wie er sie erzählt? Und wie können wir sie verstehen?
Beim Nachdenken darüber sind mir zwei Dinge wichtig geworden, zwei Auslegungsmöglichkeiten, die sich nicht widersprechen sondern ergänzen.
Die erste ist theologischer Art: Da geht es um Gott und seine Beziehung zu uns. In dieser Beziehung – so verstehe ich dieses Gleichnis und die ganze Verkündigung Jesu – geht es eben nicht um Leistung und Lohn, sondern darum zu begreifen, dass wir alle jederzeit von der Gnade und Güte Gottes leben. Dass Gott uns gut ist, können und müssen wir uns nicht verdienen! Nicht durch zwölf, neun, sechs, drei oder eine Stunde tägliche Arbeit für ihn oder andere Menschen. Nicht durch unser Frommsein oder Gutsein. Nicht durch Rechtgläubigkeit oder ein ethisch einwandfreies Leben. Dass Gott uns gut ist, dass er uns liebt, das gilt. Grundsätzlich. Immer. Und für alle. Punkt.
Die zweite Deutung ist sozialgeschichtlicher oder ethischer Art: Der Gutsbesitzer in Jesu Gleichnis gibt am Ende allen denselben Lohn – unabhängig von ihrer Leistung. Aber das ist noch nicht die Pointe. Die Pointe ist, dass dieser Lohn genau dem entspricht, was ein Arbeiter damals brauchte, um sich und seine Familie einen Tag lang zu versorgen. Es geht in diesem Gleichnis also nicht um den Luxus eines Lebens im Überfluss, sondern um das zum Leben Notwendige. Das sollen alle haben. Auch die, die es sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht „verdienen“ können.
In beiden Auslegungsvarianten steckt eine Menge Stoff für Konflikte, aber auch ein großes Potential.
Stimmt das denn wirklich, dass Gott allen gut ist? Was ist denn mit den „Bösen“, mit denen, die nicht seinen Willen tun, die sich selbst, anderen Menschen oder Gottes Schöpfung Schaden zufügen?
Ich weiß es nicht. Die Vorstellung, dass am Ende Täter über Opfer triumphieren könnten, weil letztendlich alle denselben Lohn bekommen, ist mir genauso unerträglich wie die, dass Gottes Güte doch an irgendeinem Punkt ein Ende haben soll.
Ich weiß es nicht. Aber ich muss es auch nicht wissen! Endgültige Urteile zu fällen, fällt einfach nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Das ist Gottes Sache, die ich ihm gerne überlassen will.
In meinen, in unseren Zuständigkeitsbereich fällt etwas anderes: deutlich zu machen, dass die Einladung Gottes zu einem Leben unter seiner Herrschaft jetzt und hier allen gilt. Ohne Ausnahme! Wirklich allen! Den „Guten“ und den „Bösen“, den „Fleißigen“ und den „Faulen“, den „Glaubenden“ und den „Zweiflern“. Und das – davon bin ich überzeugt – können wir nur, wenn wir uns gleichzeitig für diesen Mindeststandard einsetzen, den Jesus in seinem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg anmahnt: dass alle Menschen das bekommen sollen, was sie zum Leben brauchen – auch wenn sie es sich nicht selbst verdienen können!
Wenn wir das nicht tun, wird alles, was wir theologisch zu sagen haben, unglaubwürdig und hohl. Aber wenn wir es tun, gewinnen alle – nicht nur im Gleichnis sondern in Wirklichkeit!
Was das konkret bedeutet im Blick auf die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage in unserem Land und der ganzen Welt (Stichwort: „Flüchtlingskrise“), mag jeder und jede von euch sich selbst überlegen.
Ich stelle ich mir vor, dass Jesus sein Gleichnis noch einmal ganz anders erzählen könnte. Zum Beispiel so (leicht verändert nach: Lothar Zenetti, Die Arbeiter. In: Himmel auf Erden. Wunder und Gleichnisse (Biblische Texte verfremdet 11). Hrsg. von Sigrid und Horst Klaus Berg. München / Stuttgart 1989, 66f.):

Da war ein Gutsherr, der verließ früh am Morgen gegen sechs Uhr sein Haus, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Bald fand er einige, die bereit waren, für ihn zu arbeiten. Nachdem er mit ihnen, wie es üblich war, einen Denar als Tageslohn vereinbart hatte, schickte er sie zur Arbeit in seinen Weinberg. Drei Stunden später, also um neun, traf er auf dem Marktplatz andere, die noch keine Arbeit gefunden hatten. „Geht auch ihr in meinen Weinberg“, sagte er zu ihnen, „ich werde euch geben, was recht ist.“ Und sie gingen an die Arbeit. Um 12 und um 15 Uhr ging er wieder hinaus, und wieder schickte er die Arbeitsuchenden in seinen Weinberg. Als er um 17 Uhr, eine Stunde vor Feierabend, immer noch einige auf dem Marktplatz stehen sah, da fragte er sie: „Was steht ihr hier untätig herum?“ Und als sie antworteten: „Niemand hat uns Arbeit gegeben“, da hieß er auch sie in seinen Weinberg gehen.
Als nun der Abend kam, rief der Gutsherr seinen Verwalter zu sich und sprach: „Ruf jetzt die Leute zusammen und zahle ihnen ihren Lohn aus. Aber denk daran: Einige waren den ganzen Tag über fleißig, während andere erst am Nachmittag angefangen haben zu arbeiten, ein paar sogar nur eine einzige Stunde. Rechne das genau aus und gib jedem den Lohn, der ihm zusteht, je nach der Leistung, die er erbracht hat!“
Da erhielten die, die am Morgen schon im Weinberg angefangen hatten, den vereinbarten Denar, die anderen entsprechend weniger. Der Lohn wurde also ganz gerecht ausbezahlt und alle waren zufrieden. Allerdings sprang dabei für die, die nur eine einzige Stunde beschäftigt waren, so wenig heraus, dass sie davon nicht einmal genug zu essen kaufen konnten, um ihren Familien daheim ein karges Mahl zuzubereiten.
Da sagte einer der Arbeiter, die für die Arbeit eines ganzen Tages mit einem Denar entlohnt worden waren: „Jetzt soll sich zeigen, was wir Arbeiter unter Solidarität verstehen und dass unserer Meinung nach nicht die Arbeitsleistung, sondern der Mensch zählt. Ich schlage vor, wir legen alle zusammen. Und dann soll jeder von uns den gleichen Anteil erhalten – oder doch zumindest so viel, wie er für sich und seine Familie zum Leben braucht!“ Das fanden alle richtig. Und so teilten sie, was sie hatten, und jeder bekam, was er brauchte.
Das sprach sich schnell herum in der kleinen Stadt. Und natürlich gab es böses Blut deswegen. Manche sagten: „So geht das nicht! Wo kommen wir denn hin, wenn die Letzten den Ersten gleichgestellt werden und die Leistung nichts mehr gilt?“
Da sagten die Arbeiter: „Wir wollen, dass alle genug zum Leben haben, die Letzten genauso wie die Ersten. Oder dürfen wir mit unserem Geld nicht machen, was wir wollen? Seid ihr neidisch, weil wir gut zueinander sind und Solidarität miteinander üben?“
Und Jesus schloss seine Erzählung mit den Worten: „Seht ihr, genau so wird es im Himmel Gottes sein: Da sind die Letzten zusammen mit den Ersten. Und alle werden wie Brüder und Schwestern sein, Söhne und Töchter eines einzigen Vaters!“


(c) Volkmar Hamp