Zuversichtlich mit leichtem Gepäck
Zum Volkstrauertag 2015 (2. Korinther 5,1-10)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im zweiten Korintherbrief des Apostel Paulus (2. Korinther 5,1-10).

1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt (unser Körper) abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus (einen neuen, unvergänglichen Leib) im Himmel. 2 Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus (dem Auferstehungsleib) überkleidet zu werden. 3 So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. 4 Solange wir nämlich in diesem Zelt (dem irdischen Körper) leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. 5 Gott aber, der uns gerade dazu fähig gemacht hat, er hat uns auch als ersten Anteil den Geist gegeben. 6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; 7 denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. 8 Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. 9 Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. 10 Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.

Vor genau einem Jahr habe ich an diesem Sonntag, dem Volkstrauertag, hier an dieser Stelle gestanden und über eben diesen Text gepredigt (Link zur Predigt). Und heute ist dieser Text wieder als Predigttext für den heutigen Sonntag vorgeschlagen. Ich habe damals darauf hingewiesen, dass es an diesem Volkstrauertag, der uns an die Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft in allen Nationen erinnert, nicht nur um Vergangenes geht, sondern auch um Gegenwärtiges. „Uns steht auch die weltpolitische Lage vor Augen“, habe ich damals gesagt, „die Gewaltherrschaft des sog. ‚Islamischen Staates’ im Irak und in Syrien, der Konflikt zwischen Israel und Palästina, die nach wie vor angespannte Lage in der Ukraine und vieles andere ...“ Und dass wir nicht wissen, wohin all das führen wird in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren.
Heute wissen wir ein wenig mehr. Die Terroranschläge vor zwei Tagen in Paris machen uns fassungslos und traurig. Wir begreifen diesen Hass und diese sinnlose Gewalt nicht. Millionen Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um vor genau diesem Terror, vor Krieg und Gewalt, vor Armut und Hunger zu fliehen. Hunderttausende davon sind in den vergangenen Monaten auch zu uns nach Europa, nach Deutschland gekommen – in der Hoffnung, hier Schutz für Leib und Leben und eine Zukunftsperspektive zu finden.
Nicht immer und nicht überall werden sie herzlich willkommen geheißen. Die Euphorie des „Wir schaffen das!“ hat sich bei manchen in eine bange Frage verkehrt: „Schaffen wir das wirklich?“ Und derselbe braune Geist, der im zweiten Weltkrieg für Millionen Tote verantwortlich war, missbraucht heut wieder diese Ängste und Sorgen, um erneut seine nationalistische und rassistische Saat zu säen.
Was hilft in dieser Situation ein Bibeltext, der uns dazu auffordert, über Tod und Auferstehung nachzudenken? Bräuchten wir nicht viel mehr eine ethische Mahnung, eine moralische Handlungsanweisung, die uns daran erinnert, was gut und was böse, was richtig und was falsch ist und wie wir uns in dieser „Krise“ zu verhalten haben? Bräuchten wir nicht eine Klarstellung, dass das, was von so vielen jetzt als „Gutmenschentum“ diffamiert wird, in Wahrheit nur das anständige Verhalten ist, das unser Glaube uns gebietet?
„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ heißt es in einem Psalm (Psalm 90,12). Macht das Nachdenken über die Vergänglichkeit unseres Lebens uns klüger? Hilft das Wissen, dass unsere Tage hier auf Erden gezählt sind, uns zu einem „weisen Herz“, wie man den Psalm-Vers auch übersetzen könnte?
Das muss nicht so sein! Über die eigene Sterblichkeit nachzudenken kann auch dazu führen, sich egozentrisch um sich selbst zu drehen. Es kann dazu führen, in den siebzig, wenn’s hoch kommt achtzig Jahren, die einem vielleicht an Lebenszeit gegeben sind (Psalm 90,10), so viel wie möglich für sich selbst herauszuholen. „Nach mir die Sintflut! Hauptsache mir geht's gut. Die anderen sollen bleiben wo der Pfeffer wächst!“ Das mag mancher für klug halten – weise im biblischen Sinn des Wortes ist es nicht!
Aber was ist dann weise? Paulus gibt in unserem Predigttext den einen oder anderen Hinweis! Weise, sagt er, ist, wer die Erfüllung seiner tiefsten Sehnsüchte nicht von irdischen und damit vergänglichen Dingen erwartet, sondern von himmlischen und unvergänglichen.

1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt (unser Körper) abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus (einen neuen, unvergänglichen Leib) im Himmel. 2 Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus (dem Auferstehungsleib) überkleidet zu werden. 3 So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. 4 Solange wir nämlich in diesem Zelt (dem irdischen Körper) leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde.

Ganz schön poetisch, der gute alte Paulus! Aber vielleicht lässt sich die tiefe Sehnsucht, die wir alle in uns tragen, nur so beschreiben? Diese Sehnsucht, dass unser Leben, dass wir selbst nicht nur eine unbedeutende Episode in der Geschichte dieser Welt sind, ein winziger Tropfen im Meer der Zeit, ein verschwindend kleiner Punkt in der Weite des Raums! Paulus gebraucht dafür den Gegensatz von Zelt und Haus. Unser irdisches Leben, sagt er, ist ein nomadisches Dasein in einem Zelt, ein Leben im Vorläufigen, im Provisorischen, im Unvollkommenen. Was uns im Gegensatz dazu bei Gott erwartet, ist ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus, eine richtige Wohnung, Heimat nicht nur auf Zeit, sondern für immer!
Biblisch betrachtet, sind wir alle Vertriebene. Leute, die „jenseits von Eden“ darauf warten irgendwann anzukommen, Ruhe zu finden, bei Gott zu sein! Uns in die leibhaftig Vertriebenen hineinzuversetzen, die in diesen Tagen Schutz bei uns suchen, sollte uns da eigentlich nicht allzu schwer fallen! Wir alle leben auf Kredit. Nichts von dem, was wir haben oder sind, haben wir uns selbst zu verdanken. Alles ist Geschenk und könnte auch ganz anders sein! Dass wir – zumindest die meisten von uns – hier geboren sind und nicht im Irak, in Syrien oder in Nigeria: Geschenk! Dass wir in unserem Land seit 70 Jahren im Frieden leben und nicht im Krieg: Geschenk! Dass wir jeden Tag genug zu essen und zu trinken haben und uns nicht jeden Morgen fragen müssen, wie wir uns selbst und unsere Kinder satt kriegen sollen: Geschenk!
Wenn wir unser Leben durch die Brille des Paulus betrachten, dann bekommen wir ein anderes Verhältnis zu all diesen irdischen Dingen. Was unser Leben reich und wertvoll macht, was ihm Sinn verleiht, ist nicht unser Besitz, nicht das, was wir haben an materiellen oder ideellen Gütern – so schön das alles ist und so sehr wir es genießen! Was unserem Leben Sinn verleiht, ist das, was wir sind, was wir in Gottes Augen sind! Seine geliebten Geschöpfe. Dazu berufen, für immer bei ihm zu sein – auch über den Tod hinaus! Und darin unterscheiden wir uns kein Stück von allen anderen Menschen auf diesem Planeten.
„Die Zeit ist kurz“, schreibt Paulus an einer anderen Stelle seiner Briefe (1. Korinther 7,29-31). „Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten als habe er keine; wer weint, als weine er nicht; wer sich freut, als freue er sich nicht; wer kauft, als würde er nicht Eigentümer; wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“
„Die Gestalt dieser Welt vergeht.“ – Für die ersten Christen war das ein so naheliegender, alles andere in den Hintergrund drängender Gedanke, dass sie ihr ganzes Leben daran ausgerichtet haben. Sie erwarteten die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi, den Anbruch des Gottesreiches. Was spielten die Dinge dieser Welt, ja, das eigene Leben, da noch für eine Rolle?
Doch es kam anders. Die Parusie, die Wiederkunft des auferstandenen Christus, verzögerte sich. Gemeindemitglieder starben, ohne dass das Reich Gottes angebrochen war. Wie sollte man mit dieser neuen, unerwarteten Situation umgehen?
Die Antwort des Paulus und anderer Christen der ersten Jahrhunderte war eine doppelte: Auf der einen Seite begann man zu begreifen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, das Ende der Welt zu berechnen oder gar herbeizuführen. Die Parusieverzögerung verstand man als Ausdruck der Gnade Gottes, der noch vielen Menschen, auch zukünftigen Generationen, den Zugang zu seinem Reich ermöglichen wollte. Auf der anderen Seite versuchte man, die Dringlichkeit der Entscheidung, in die man sich durch die Nähe des Gottesreiches gestellt sah, zu bewahren. Es ist ja im Grunde egal, ob man durch den wiederkommenden Christus oder durch die eigene Sterblichkeit vor die Frage gestellt wird: Was willst du eigentlich aus deinem Leben machen? Wie bekommt dein Leben, das so zerbrechlich, kurz und endlich ist, einen Sinn?
Diesen Sinn, sagt Paulus, bekommt das Leben nicht durch irdische Dinge, nicht durch angehäuften Besitz, nicht durch eine bewunderungswürdige Lebensleistung. All das ist vergänglich und hat keinen Bestand. Der Sinn des Lebens besteht für Paulus allein in der Ausrichtung auf das Reich Gottes, auf den „Himmel“, auf das, was bleibt, wenn alles Irdische vergeht. Wer das begreift, der macht seine Lebensreise mit leichtem Gepäck.

=> Einspiellied: Silbermond, Leichtes Gepäck

„Ab heut nur noch die wichtigen Dinge! Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck!“ (Silbermond) Wenn wir das begreifen, wird es uns nicht mehr so schwer fallen, ein wenig beiseite zu rücken, damit auch andere neben uns Platz zum Leben finden. Dann werden wir loslassen lernen und die kleinen Abstriche an unserem Lebensstandard verkraften, die vielleicht notwendig sind, damit das Elend anderer Menschen auf dieser Welt ein Ende findet.
Wenn wir nachher eine Kollekte für die Flüchtlingshilfe unserer Kirche zusammenlegen, dann ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ein kleines Zeichen, das wir setzen und mit dem wir zeigen wollen: Das, was in dieser Welt geschieht, ist uns nicht egal! Aber es ist kein Opfer, mit dem wir unser Gewissen beruhigen, sondern ein Ausdruck unserer Bereitschaft und unseres Willens, mehr zu tun. Zum Beispiel: Als Einzelne und als Gemeinde einen Beitrag zu leisten zu einer lebendigen und nachhaltigen Willkommenskultur, die Menschen in Not Raum zum Leben gibt.
In einem Artikel auf ZEIT ONLINE war gestern zu lesen. „Der größte Feind des islamistischen Terrorismus ist die Willkommenskultur.“ – „Wir müssen den Islamismus bekämpfen und uns mit den Muslimen versöhnen“, hieß es weiter. „Denn das ist das einzige, was wir noch nicht ausprobiert haben: die Araber und Perser so zu behandeln, als seien sie Menschen wie Du und ich, wie Nachbarn.“ Vielleicht wird auch so „das Sterbliche vom Leben verschlungen“, wie Paulus schreibt, der Tod durch das Leben überwunden.

5 Gott aber, der uns gerade dazu fähig gemacht hat, er hat uns auch als ersten Anteil den Geist gegeben. 6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; 7 denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. 8 Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. 9 Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. 10 Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.

So dicht und poetisch wie der erste ist auch der zweite Teil unseres Textes. Vom Geist Gottes ist da die Rede, der uns dazu befähigt, unser Leben als Glaubende zu leben, als Menschen, die darauf vertrauen, dass sie nicht zu kurz, sondern ganz sicher ans Ziel kommen!
Zweimal fällt in diesem Zusammenhang das Wort „Zuversicht“. Ein schönes, altes Wort ist das, das ich sehr liebe! Zuversicht – das heißt: mutig nach vorne zu schauen! Sich nicht von den Problemen und Schwierigkeiten den Blick verstellen zu lassen, sondern über sie hinweg auf den zu sehen, der hinter allem Dunklem und Schwerem mit offenen Armen auf uns wartet.
Ein Sprichwort sagt: „Kummer blickt zurück, Sorge blickt umher, Zuversicht blickt empor.“ Ich finde, dieses Sprichwort passt gut zu unserem Text! Und ich wünsche mir und euch, dass uns das in diesen Tagen und immer gelingt, empor zu blicken zu unserem Gott und Vater, von dem unsere Hilfe kommt (Psalm 121). Diese Zuversicht zu bewahren, ist nicht immer leicht. Machen wir uns nichts vor! Aber wenn es gelingt, dann trägt sie uns über alle Höhen und durch alle Tiefen unseres Lebens. Dass es gelingt, ist und bleibt ein Geschenk Gottes, das wir nur dankbar annehmen können.
Das Schwere wird dadurch nicht leichter, aber vielleicht wird es leichter zu ertragen. Das jedenfalls ist die Hoffnung, von der ich lebe!
Damit bin ich beim letzten Vers unseres Textes, um den ich mich nicht herumdrücken will. Der hat auf den ersten Blick so gar nichts mit Zuversicht und Hoffnung zu tun. Da geht es um das Gericht, das uns nach der Vorstellung der Bibel am Ende erwartet:

„Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“ (Vers 10)

Eigentlich ist das ein sehr verführerischer Gedanke, oder!? Dass am Ende abgerechnet wird. Dass die Guten nicht die Verlierer und die Bösen nicht die Gewinner der Geschichte sind! Andererseits macht dieser Gedanke auch Angst. Denn wer kann schon sagen, auf welcher Seite er oder sie dann stehen wird? „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht“, schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief, „sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich ... Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen?“ (Römer 7,19.24a)
Und genau das ist der Punkt! Der Richter, der auf dem Richterstuhl sitzt, ist ja nicht irgendwer, sondern Christus. Deshalb brauchen wir uns vor dem Gericht Gottes nicht zu fürchten! Denn alles, was des Verurteilens wert sein könnte an unserem Leben, hat Jesus mit ans Kreuz genommen. Es ist vergeben und vergessen. „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ (Römer 8,1) Ich finde, das ist ein sehr schöner und tröstlicher Gedanke.

Vielleicht nehmt ihr zwei Dinge mit aus dem heutigen Gottesdienst in die kommende Woche:
Das Erste: Wer auf Gott vertraut, reist mit leichtem Gepäck und lässt anderen neben sich Raum zum Leben.
Das Zweite: Wer auf Gott vertraut, kann dem, was die Zukunft bringt, zuversichtlich entgegensehen und entgegengehen. Auch über die letzte, geheimnisvolle Grenze, die am Ende des Lebens auf jeden und jede von uns wartet. Wir werden nicht gerichtet, sondern gerecht gesprochen von dem, der uns längst versöhnt hat mit Gott, dem Grund unseres Lebens und der Tiefe unseres Seins.

Amen.