Wir sind doch Brüder und Schwestern! (Genesis 13,1-18)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1. Buch Mose, Kapitel 13,1-18. Ein uralter Text, dessen Handlung vor mehr als 3.000 Jahren spielt – und doch hochaktuell, wie wir sehen werden.

1 Von Ägypten zog Abram in den Negeb hinauf, er und seine Frau mit allem, was ihm gehörte, und mit ihm auch Lot. 2 Abram hatte einen sehr ansehnlichen Besitz an Vieh, Silber und Gold. 3 Er wanderte von einem Lagerplatz zum andern weiter, vom Negeb bis nach Bet-El, bis zu dem Ort, an dem anfangs sein Zelt gestanden hatte, zwischen Bet-El und Ai, 4 dem Ort, wo er früher den Altar erbaut hatte. Dort rief Abram den Namen des Herrn an.
5 Auch Lot, der mit Abram gezogen war, besaß Schafe und Ziegen, Rinder und Zelte. 6 Das Land war aber zu klein, als dass sich beide nebeneinander hätten ansiedeln können; denn ihr Besitz war zu groß und so konnten sie sich nicht miteinander niederlassen. 7 Zwischen den Hirten Abrams und den Hirten Lots kam es zum Streit; auch siedelten damals noch die Kanaaniter und die Perisiter im Land.
8 Da sagte Abram zu Lot: Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder. 9 Liegt nicht das ganze Land vor dir? Trenn dich also von mir! Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links.
10 Lot blickte auf und sah, dass die ganze Jordangegend bewässert war. Bevor der Herr Sodom und Gomorra vernichtete, war sie bis Zoar hin wie der Garten des Herrn, wie das Land Ägypten. 11 Da wählte sich Lot die ganze Jordangegend aus. Lot brach nach Osten auf und sie trennten sich voneinander. 12 Abram ließ sich in Kanaan nieder, während Lot sich in den Städten jener Gegend niederließ und seine Zelte bis Sodom hin aufschlug. 13 Die Leute von Sodom aber waren sehr böse und sündigten schwer gegen den Herrn.
14 Nachdem sich Lot von Abram getrennt hatte, sprach der Herr zu Abram: Blick auf und schau von der Stelle, an der du stehst, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen. 15 Das ganze Land nämlich, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben. 16 Ich mache deine Nachkommen zahlreich wie den Staub auf der Erde. Nur wer den Staub auf der Erde zählen kann, wird auch deine Nachkommen zählen können. 17 Mach dich auf, durchzieh das Land in seiner Länge und Breite; denn dir werde ich es geben.
18 Da zog Abram mit seinen Zelten weiter und ließ sich bei den Eichen von Mamre in Hebron nieder. Dort baute er dem Herrn einen Altar.


Was hier erzählt wird, mag sich im zweiten Jahrtausend vor Christus vielfach und an vielen Orten so oder so ähnlich immer wieder zugetragen haben. Eine Gruppe von Kleinviehnomaden wandert nach Palästina ein, um dort im kanaanäischen Bergland zwischen den Dörfern und Städten der einheimischen Bevölkerung sein Vieh zu weiden. Die Gruppe besteht aus zwei Familien und ihrem Anhang. Der schwerreiche Abram mit seinem ansehnlichen Besitz und sein Neffe Lot, der nicht ganz so reich, aber auch nicht bettelarm ist.
Zusammen haben sie schon eine ziemlich Odyssee hinter sich. Von Haran im Norden Mesopotamiens (im heutigen Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien) nach Süden ins Land der Kanaaniter. Über Sichem und Bethel bis in den Negev, das Südland Palästinas (Gen 12,1-9). Eine Hungersnot treibt die Familien dann weiter nach Ägypten. Dort kommen sie – nicht auf die ganz feine Art – zu Wohlstand und müssen schließlich das Land wieder verlassen und zurück in den Norden ziehen (Gen 12,10-20). Jetzt sind sie wieder da – in der Nähe von Bethel – wo sie Monate oder Jahre zuvor schon mal waren und einen Altar gebaut haben.
Doch die Situation hat sich geändert. Die Herden sind größer geworden, Weideland ist knapp, und so kommt es immer wieder zu Streitereien zwischen den Hirten Abrams und den Hirten Lots. Um die besten Weideplätze, um den Vorrang an den wenigen Wasserstellen und Brunnen. „Das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten!“ (Vers 6a)

Diese Situationsbeschreibung ist gar nicht so weit weg von dem, was wir heute erleben, wenn wir sie nicht nur lokal, sondern global verstehen!
Die Ressourcen, die unser Planet uns bietet, sind nicht unbegrenzt. Im Gegenteil! Sie sind knapp. Und was noch schlimmer ist: Sie sind ungerecht verteilt. Den Auftrag Gottes, uns die Erde untertan zu machen (Gen 1,28), haben wir gründlich missverstanden. Gemeint war doch nicht, sie auszubeuten und die Menschheit an den Rand der Selbstzerstörung zu bringen. Gemeint war, wie gute Könige über die Schöpfung zu herrschen, sie in der Verantwortung vor Gott, dem Schöpfer, wie einen schönen Garten zu hegen und zu pflegen (Gen 2,15).
Doch was wir heute erleben, ist, dass die Erde uns kaum noch ertragen kann! Und wenn wir weitermachen wie bisher – Stichwort: Klimawandel! – wird sich diese Situation in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch verschärfen.
Bislang ist es uns im reichen Europa immer noch ganz gut gelungen, uns die Folgen unseres Raubbaus an der Natur und der ungerechten sozialen und wirtschaftlichen Strukturen auf diesem Planeten vom Leibe zu halten. Das geht nun nicht mehr. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen, haben sich auf den Weg zu uns gemacht. Nicht um „ihr Stück vom Kuchen“ einzufordern – was vielleicht ihr gutes Recht wäre! – sondern aus schlichtem Überlebenswillen. Sie fliehen vor Krieg und Terror, aber auch vor Hunger und Armut. Manches davon ist selbst verschuldet durch jahrelange Misswirtschaft und Korruption. Aber das meiste ist doch eine Folge der kolonialen Ausbeutung des armen Südens durch den reichen Norden.
Wie zynisch, wenn das reiche Europa nun sagt: Das geht nicht! Unser Land kann es nicht ertragen! Wir müssen die Grenzen dicht machen! – Und im Mittelmeer ertrinken weiter Menschen und auf der Balkanroute verbringen Mütter mit kleinen Kindern eiskalte Nächte unter freiem Himmel im Schlamm.

Zeigt unsere uralte Bibelgeschichte uns eine andere Möglichkeit, mit dieser Situation umzugehen?
Zunächst einmal zeigt diese Geschichte uns, dass es nichts hilft, die Augen vor den Problemen zu verschließen und so zu tun, als gebe es diese Probleme nicht! Der Konflikt zwischen den Hirten Abrams und den Hirten Lots ist offensichtlich. Ihn zu ignorieren würde bedeuten ihn zu verschärfen. Das Ganze würde eskalieren – und irgendwann gäbe es den ersten Toten.
Viel zu lange haben wir gewartet – und viel zu viele Tote in Kauf genommen – bis wir hier in Europa ernsthaft damit begonnen haben, uns mit den globalen Problemen zu beschäftigen, die uns nun einholen! Es wird höchste Zeit, das zu ändern! Doch dafür reicht es nicht, halbherzige Hilfsprogramme zu starten, deren Hauptziel ist, unseren eigenen Lebensstandard zu sichern und zu verteidigen. Dafür bräuchte es einen wirklichen Sinneswandel und eine andere Haltung den Menschen gegenüber, die von den globalen Problemen, denen wir alle gegenüber stehen, weit massiver und existenzieller betroffen sind als wir.
Auch in diesem Punkt können wir von unserer uralten Geschichte lernen! Denn vor allen Lösungsvorschlägen stehen hier eine Einsicht und ein Wunsch: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder.“ (Vers 8)
Wenn wir das doch nur begreifen und verinnerlichen würden, dass wir alle – und damit meine ich wirklich alle Menschen auf diesem Planeten – Brüder und Schwestern sind. Geschöpfe des einen Gottes, der jeden und jede von uns „zu seinem Bilde“ geschaffen und uns dadurch mit „unantastbarer Würde“ ausgestattet hat (Gen 1,27).
Ohne diese Einsicht, ohne eine solche Haltung allen Menschen gegenüber, werden viele Versuche, die globalen Probleme dieser Welt zu meistern, nur halbherzig angegangen und sind zum Scheitern verurteilt.

Immer wieder haben Menschen versucht, diese universale Geschwisterlichkeit, die alle Menschen miteinander verbindet, auf bestimmte Menschengruppen zu reduzieren. Die Juden auf das Volk Israel, die ersten Christen auf die christliche Gemeinde, die Muslime auf die „Gläubigen“ im Gegensatz zu den „Ungläubigen“.
Aber das geht nicht! Es widerspricht dem Schöpfungsgedanken, der vor allen Unterschieden das allen Menschen Gemeinsame betont. Und es widerspricht der erklärten Absicht Gottes, der will, „dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4; vgl. Hes 18,23; Röm 11,32; 2 Petr 3,9).
Das Angebot, das Abram in unserer Geschichte seinem Neffen Lot macht, verdankt sich nicht politischer Klugheit oder wirtschaftlichem Kalkül. Es verdankt sich der Einsicht, dass ein Streit unter Geschwistern nie derart eskalieren darf, dass er zu einem endgültigen Bruch zwischen ihnen oder am Ende vielleicht sogar zur Vernichtung des einen durch den anderen führt.
Deshalb brauchen wir – bei allen Auseinandersetzungen um Politik, Religion, Wirtschaft und Kultur – einen gesellschaftlichen Grundkonsens, der darin besteht, dass alle Menschen zunächst einmal Brüder und Schwestern sind – ganz gleich, was sie ansonsten voneinander trennt oder miteinander verbindet. Nur dann werden wir – vielleicht – Lösungen für die globalen Probleme finden, die uns alle miteinander betreffen.

Und wie könnten solche Lösungen aussehen? Gibt uns die uralte Geschichte von Abram und Lot hier auch einen Hinweis?
Ein altes Sprichwort sagt: „Der Klügere gibt nach!“ Und auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es genau das ist, was Abram hier tut, wenn er Lot die freie Wahl der Weidegründe lässt.
„Der Klügere gibt nach!“ – das heißt, dass es manchmal in der Tat besser ist, sich kompromissbereit zu zeigen und nicht auf seiner Meinung oder seinem Recht zu beharren, wenn man für ein Problem eine Lösung finden will.
Abram – der Ältere, Reichere und Mächtigere – hätte hier durchaus die Möglichkeit und das Recht für sich in Anspruch nehmen können, als Erster zu wählen. Doch das tut er nicht. Großmütig gibt er seinem Neffen Lot den Vorrang.
„Der Klügere gibt nach!“ Ja, darin liegt eine tiefe Wahrheit. Aber das ist auch „eine traurige Wahrheit“, wie die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) einst formuliert hat, denn wenn man nicht aufpasst begründet sie „die Weltherrschaft der Dummheit“.
Und in der Tat: Das Sprichwort passt nicht wirklich auf unsere Geschichte. Es ist nicht Klugheit, die Abram hier Lot den Vorzug geben lässt, sondern Gottvertrauen.

14 Nachdem sich Lot von Abram getrennt hatte, sprach der Herr zu Abram: Blick auf und schau von der Stelle, an der du stehst, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen. 15 Das ganze Land nämlich, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben. 16 Ich mache deine Nachkommen zahlreich wie den Staub auf der Erde. Nur wer den Staub auf der Erde zählen kann, wird auch deine Nachkommen zählen können. 17 Mach dich auf, durchzieh das Land in seiner Länge und Breite; denn dir werde ich es geben.
18 Da zog Abram mit seinen Zelten weiter und ließ sich bei den Eichen von Mamre in Hebron nieder. Dort baute er dem Herrn einen Altar.


Der – vermeintlich – „Klügere“ in unserer Geschichte ist ganz sicher nicht Abram, sondern Lot. Er nutzt seine Chance und wählt für sich und seine Herden das fruchtbare Jordantal, das ihm vorkommt wie der „Garten Gottes“, wie das „Paradies“ (Vers 10). Dabei verlässt er sich auf das, was seine Augen sehen: wasserreiche, grüne Wiesen, auf denen seine Herden immer genügend Futter finden werden.
Dem – vermeintlich – „Dümmeren“ hingegen muss Gott erst die Augen öffnen für den „Gewinn“, den er gemacht hat: das ganze Land, das er sehen kann, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen; und Nachkommen „zahlreich wie der Staub auf der Erde“ (Vers 15f).
Wer auf Gott vertraut und aus diesem Gottvertrauen heraus sich selbst zurücknimmt und anderen Raum zum Leben lässt, wird nicht enttäuscht, sagt unser Text. Er wird nicht verlieren, sondern gewinnen. Vielleicht nicht kurzfristig und sofort, aber auf lange Sicht und für immer.
Nun kann man fragen, ob das denn stimmt. Ob dieses anderen den Vorrang lassen, auf eigene Ansprüche verzichten, sich selber nicht so wichtig nehmen tatsächlich immer so positive Folgen hat wie in unserem Text.
Ein Blick auf die Geschichte Israels könnte uns eines Besseren belehren. Die deutsch-jüdische Lyrikerin Gertrud Kolmar (geb. 1894 in Berlin, ermordet 1943 in Auschwitz), schreibt mit Blick auf die Verheißung an Abram, dass seine Nachkommen so zahlreich sein sollen „wie der Staub der Erde“: „Israel ist wie der Staub der Erde, alle treten ihn mit Füßen; der Staub aber bleibt.“
Was ist aus der alten Verheißung an Abram denn nun geworden? Ein Volk, das aus berechtigter Angst, wieder in den Staub getreten zu werden, nun seinerseits seinen palästinensischen Nachbarn keinen Raum zum Leben lässt.
Was in unserer Geschichte im Kleinen passiert wäre im Blick auf Israel und Palästina die „Zwei-Staaten-Lösung“ im Großen. Aber dafür müssten beide, Israelis und Palästinenser, Juden und Muslime sich als „Brüder“ und „Schwestern“, als gleichwertige Geschöpfe des einen Gottes begreifen! Und das ist wohl noch ein weiter Weg.
Trotzdem: Die großen Verheißungen Gottes – für sein Volk und für uns – gelten. „Der Staub bleibt!“ Nichts kann uns jemals aus Gottes Hand reißen oder von seiner Liebe trennen (Röm 8,38f). Weder die großen Probleme der Welt noch die kleinen unseres Lebens.
Wer darauf vertraut, der wird – für die großen wie für die kleinen Konflikte des Lebens – Lösungen finden, die allen Beteiligten Luft zum Atmen und Raum zum Leben lassen.

  • Der baut keine Zäune, um Asylsuchende fernzuhalten, sondern Wohnungen, um ihnen Heimat zu geben.
  • Der streitet nicht um Kleinigkeiten und führt den Streit um Großes mit fairen Mitteln.
  • Der lässt sich nicht von seiner eigenen Sicht der Dinge und dem Blick auf die Probleme blenden, sondern macht sich Gottes Sicht zu eigen und trifft von daher seine Entscheidungen.
  • Wer Gott vertraut, hat vor allen Dingen keine Angst zu kurz zu kommen! Fröhlich und mutig durchzieht er das Land des Lebens, das Gott ihm schenkt, in seiner Länge und Breite (Vers 17) – weil Gott selbst die Mitte dieses Landes ist und der Ort, an dem er Ruhe findet (Vers 18).

Amen.

© Volkmar Hamp