Heimatgeber für Heimatlose (Jesaja 43,1-7)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

so ein Gottesdienst ist schon eine seltsame Veranstaltung! Da treffen sich Woche für Woche an einem arbeitsfreien Tag, an dem sie eigentlich auch gemütlich frühstücken, in der Sonne liegen oder einen Ausflug machen könnten, Menschen, um gemeinsam zu singen, zu beten, Gott zu loben und sich Predigten über Jahrtausende alte Texte aus der Bibel anzuhören! Warum machen wir das? Warum macht ihr das?
Ich gebe mich da keinen Illusionen hin: Ein Gutteil Tradition und Gewohnheit und der Wunsch, Gleichgesinnte, Freunde und Freundinnen zu treffen, spielen sicher eine wichtige Rolle dabei. Und doch: So ein Gottesdienst ist mehr! Die meisten von uns verbinden mit ihm auch die Erwartung, hier nicht nur anderen Menschen, sondern Gott zu begegnen. In Liedern, Gebeten und Gedanken über diese uralten Texte wollen wir Anregung, Zuspruch, Wegweisung für unser Leben und unseren Alltag erfahren.
Dass das gelingen könnte, glauben wir, weil in diesen Texten Erfahrungen aufgehoben sind, die viele Generationen vor uns andere Menschen mit diesem Gott gemacht haben: Erfahrungen des jüdischen Volkes oder der ersten Christen. Diesen Erfahrungen nachzuspüren und nach ihrer Bedeutung für uns heute zu fragen, ist Aufgabe der Predigt. Predigt (von lat. praedicare = „öffentlich ausrufen, verkünden“) ist also der Versuch, die Texte der Bibel so zum Sprechen zu bringen dass nicht nur unser historisches oder antiquarisches Interesse an der Vergangenheit befriedigt wird. Predigt soll auch und vor allem die Bedeutung dieser alten Texte für unsere Gegenwart und für die Zukunft deutlich machen.

Das, davon bin ich überzeugt, geht nicht, ohne nach dem geschichtlichen Zusammenhang zu fragen, in dem diese Texte ihren ursprünglichen „Sitz im Leben“ haben. Darum lade ich euch am Anfang der heutigen Predigt zu einer kleinen „Zeitreise“ ein, an deren Ende dann der Predigttext für diesen Sonntag stehen soll. Der Ort dieser Reise ist Palästina, jener fruchtbare Streifen Land an der Ostküste des Mittelmeeres, der seit Jahrtausenden die Landbrücke bildet zwischen den Großreichen der Ägypter im Süden und der Sumerer, Assyrer, Babylonier und Perser im Norden. In all diesen Jahren stand das kleine Palästina meist unter der Vorherrschaft eines dieser beiden Machtblöcke.
Die Urbevölkerung Palästinas sind die Kanaanäer, die schon im 3. Jahrtausend vor Christus Städte bewohnen und eine eigene Kultur pflegen. Im Laufe des 2. Jahrtausends sickern dann langsam die sogenannten „Hebräer“ in das Land ein: Nomadenstämme, recht- und landlose Bevölkerungsgruppen, die Vorfahren des späteren Volkes Israel. Mit der Zeit gewinnen diese hebräischen Stämme die Oberhand. Nach und nach erobern sie einige der alten kanaanäischen Städte. Zu ihnen stößt eine Gruppe, die um 1250 v. Chr. aus ägyptischer Zwangsarbeit entkommt und sich in Palästina mit den bereits dort befindlichen Hebräern zusammentut.
Zwei Jahrhunderte später gelingt es dem charismatischen Führer Saul, die Stämme der Hebräer zu einen und ein eigenes Königtum zu errichten. Sein Konkurrent und Nachfolger David macht daraus in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts v. Chr. – also vor etwa 3.000 Jahren – ein Königreich, das von seinem Sohn Salomo zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte geführt wird. Doch diese Blüte hält nicht lange an! Schon unter den Söhnen Salomos spaltet sich das Reich wieder in ein Nordreich (Israel) mit der Hauptstadt Samaria und ein Südreich (Juda) mit der Hauptstadt Jerusalem.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr. entsteht im Gebiet des heutigen Nordirak das neuassyrische Reich mit der Hauptstadt Ninive. Nach und nach dehnen die Assyrer ihre Macht nach Süden aus. 722 v. Chr. erobern sie Samaria, und das Nordreich Israel gerät unter ihre Herrschaft. Ein Teil der israelitischen Bevölkerung wird deportiert, eine fremde Oberschicht wird dort neu angesiedelt. Das Nordreich Israel wird eine assyrische Provinz, das Südreich Juda ein tributpflichtiger Vasallenstaat.
Wiederum ein Jahrhundert später erheben sich im Süden Mesopotamiens die Babylonier gegen die Vorherrschaft der Assyrer. Sie schwächen Assyrien so sehr, dass sich Josia, der König von Juda, 622 v. Chr von Assur lossagen kann. Die Ägypter versuchen, die Assyrer gegen die Babylonier zu unterstützen. Dabei erstreben sie für sich selbst die Oberherrschaft über Palästina. Doch auch sie können Ninive nicht vor der neuen Macht aus Babylon retten. 612 v. Chr. fällt die assyrische Hauptstadt, und wenige Jahre später (605 v. Chr.) wird auch der ägyptische Pharao von den Babyloniern besiegt.
Die sind nun die neuen Herren in Palästina und machen Juda wieder tributpflichtig. Doch der König in Jerusalem lässt sich von Ägypten gegen die Babylonier aufstacheln, was schließlich zur Eroberung der Hauptstadt und zur Zerstörung des Tempels führt (586 v. Chr.). Die Oberschicht Jerusalems wird nach Babylon deportiert. Die „babylonische Gefangenschaft“ des jüdischen Volkes beginnt.
Während all dieser Jahre treten in Israel immer wieder Propheten auf: Amos, Hosea, Hesekiel, Jesaja, Jeremia. Sie kommentieren das politische Geschehen, kündigen das kommende Unheil an und führen es auf die Schuld des Volkes zurück, vor allem auf die der Reichen und Mächtigen, die nicht nach Gott fragen und auf Kosten der Armen und Machtlosen leben.
Doch nach der Katastrophe ändert sich der Ton der Propheten. In Babylon ergreift ein Schüler Jesajas das Wort (der sog. „Deuterojesaja“):

„Tröstet, tröstet mein Volk!“, sagt er. „So spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.“ (Jesaja 40,1-2a)

Nach 40 Jahren in der Fremde sieht dieser „Zweite Jesaja“ Licht am Ende des Tunnels. Was ihm Hoffnung macht, sind die Perser, die sich anschicken, der babylonischen Herrschaft ein Ende zu bereiten. Die nämlich verfolgen den von ihnen unterworfenen Völkern gegenüber eine ganz andere Politik als vor ihnen die Assyrer und Babylonier das taten. Sie lassen die Besiegten weitgehend in Ruhe, solange diese den ihnen auferlegten Tribut entrichten. Sie – so hofft der Prophet – werden die Babylonier besiegen und die verschleppten Juden nach Jerusalem zurückkehren lassen. Nach Zerstörung und Verbannung folge nun eine Zeit des Heils!
Damit sind wir am Ende unserer kleinen „Zeitreise“ angelangt. In diese Situation hinein spricht unser heutiger Predigttext.

Jesaja 43,1-7 (Bibel in gerechter Sprache):
1 Aber nun spricht Gott so:
Ich habe dich geschaffen, Jakob, und dich gebildet, Israel:
Hab keine Angst, denn ich habe dich befreit,
ich habe deinen Namen gerufen, zu mir gehörst du.
2 Wenn du durch Wasser gehst, bin ich bei dir,
und Wasserströme überfluten dich nicht.
Wenn du durch Feuer gehst, verbrennst du nicht,
und die Flamme versengt dich nicht.
3 Denn ich bin GOTT, deine Gottheit, heilig in Israel, dir zur Rettung.
Ich gebe Ägypten als Lösegeld für dich, Äthiopien und Saba an deiner Stelle,
4 weil du in meinen Augen teuer bist, du mir wichtig bist und ich dich liebe.
Ich gebe Menschen an deiner Stelle und Völker für dein Leben.
5 Hab keine Angst, denn ich bin bei dir.
Von Osten bringe ich deine Kinder und im Westen sammle ich die Deinen.
6 Ich sage zum Norden: „Gib her!“ und zum Süden: „Halte nicht zurück!“
Ich bringe meine Söhne heim aus der Ferne und meine Töchter von den Enden der Erde.
7 Alle, die mit meinem Namen benannt sind, habe ich zu meinem Glanz geschaffen, gebildet und gemacht.


Predigt, so habe ich am Anfang gesagt, ist der Versuch, die Texte der Bibel so zum Sprechen zu bringen, dass nicht nur ihr ursprünglicher Sinn, sondern auch ihre Bedeutung für unsere Gegenwart und für die Zukunft deutlich wird. Das, so glaube ich, geht allerdings nicht, ohne nach dem geschichtlichen Zusammenhang zu fragen, in dem diese Texte ihren ursprünglichen „Sitz im Leben“ hatten. Deshalb unsere kleine „Zeitreise“ durch die Geschichte Israels.
Die Worte aus dem Jesaja-Buch gelten einem kleinen, unbedeutenden Volk, das jahrhundertelang Spielball der Großmächte war, die es umgaben. Sie gelten den Verlierern der Geschichte. Sie gelten Verbannten, Heimatlosen, Ohnmächtigen, die depressiv und ohne Hoffnung an den Wassern von Babylon sitzen und weinen. Diesem Volk spricht der Prophet im Namen Gottes Mut zu. Diesem Volk sagt er – zweimal steht das in diesem Text! – „Hab keine Angst! Fürchte dich nicht!“ Diesem Volk will Jesaja Hoffnung geben und eine Perspektive für die Zukunft eröffnen.
Aktuell wird seine Botschaft immer dann, wenn sie auf Menschen trifft, die sich – persönlich oder als Gruppe – in einer vergleichbaren Situation befinden: auf Heimatlose im buchstäblichen oder im übertragenen Sinne. Sechs „Zusprüche“ hat Jesaja für solche Menschen, sechs „Zumutungen“, die ihnen Mut machen sollen für die Zukunft.

Der erste Zuspruch ist:
Ich habe dich geschaffen!

Zweimal steht diese Aussage in unserem Text – ganz am Anfang und ganz am Ende! Wie eine Klammer umgibt sie alles, was dazwischen gesagt wird.
„Ich habe dich geschaffen!“ – Das gilt zunächst dem Volk Gottes. „Ich habe dich geschaffen, Jakob, und dich gebildet, Israel!“ (Vers 1) Jeder fromme Jude denkt bei diesem Satz an die uralte Geschichte vom Kampf Jakobs am Jabbok (Genesis 32,23-33). Eine Nacht lang ringt Jakob mit einem Unbekannten, von dem sich am Ende herausstellt, dass Gott selbst dieser Kämpfer war. Weil der ihn auch bis zum Morgengrauen nicht überwinden kann, bittet er Jakob, von ihm abzulassen. Doch der antwortet: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich segnest!“ Daraufhin fragt der Unbekannte Jakob nach seinem Namen, und als er diesen Namen erfährt, sagt er: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“
Israel, dieser neue Name, den Jakob bekommt und der zum Namen für ein ganzes Volk wird, dieser Name bedeutet „Gott streitet (für uns)“ oder „Gott möge (für uns) streiten“. Wenn Jesaja hier an diese Geschichte und an die Bedeutung dieses Namens „Israel“ erinnert, dann sagt er damit, dass dem auserwählten Volk Gottes auch nach hunderten von Jahren immer noch die besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge Gottes gilt. Und wenn wir diesen Text heute lesen, dann dürfen wir ihn als Christen getrost so auslegen, dass diese besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge Gottes auch dem „neuen Volk Gottes“, der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche gilt.
Aber das ist nicht alles! Darum wird dieser Zuspruch „Ich habe dich geschaffen!“ am Ende unseres Textes noch einmal wiederholt: „Alle, die mit meinem Namen benannt sind, habe ich zu meinem Glanz geschaffen, gebildet und gemacht.“ (Vers 7) Was hier anklingt, ist die Erinnerung an den ersten Schöpfungsbericht der Bibel (Genesis 1,1 – 2,4a). Darin heißt es: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn!“ (Gen 1,27) Der Alttestamentler Claus Westermann interpretiert diesen Satz, über den viel gesagt, geschrieben und gestritten worden ist, so: „Alle Menschen hat Gott ‚zu seinem Entsprechen’, d.h. so geschaffen, dass etwas zwischen dem Schöpfer und diesem Geschöpf geschehen kann. Das gilt dann jenseits aller Unterschiede zwischen den Menschen; es gilt auch jenseits des Unterschiedes der Religionen bzw. des Glaubens oder Nichtglaubens. Jeder Mensch in jeder Religion und in jedem Bereich, in dem die Religionen nicht mehr anerkannt werden, ist nach dem Bilde Gottes geschaffen.“ (Westermann, BKAT I/1, 218)
Der erste Zuspruch Jesajas in diesem Text ist also sehr weit und grundsätzlich: „Ich habe dich geschaffen! Du verdankst dich nicht dem Zufall. Ich habe gewollt, dass du bist. Darum will ich auch, dass du lebst und dass es dir gut geht!“

Dem entspricht der zweite Zuspruch:
Ich habe dich befreit!

Das Wort (ga’al), das hier im Hebräischen steht, meint „das Auslösen oder Freikaufen eines in Schuldhaft geratenen Verwandten“ (Westermann, ATD 19, 95). Es ist also ursprünglich ein Begriff aus dem Familienrecht. Wenn einer sich bei einem Gläubiger so sehr verschuldet hatte, dass er diese Schuld nicht mehr begleichen konnte, dann konnte er von diesem Gläubiger in „Schuldhaft“ genommen werden. Er wurde zum „Schuldsklaven“ seines Gläubigers und musste so lange unentgeltlich für ihn arbeiten bis seine Schuld abbezahlt war. Es sei denn, ein Verwandter trat für ihn ein, bezahlte die Schuld und löste ihn aus. „Ich habe dich befreit! Ich habe dich erlöst!“ Das heißt: Ich habe für die Schuld bezahlt, die eigentlich du bezahlen müsstest.
Für Jesaja ist klar, dass das nicht ohne ein Opfer, ohne ein „Lösegeld“ geschehen kann. Und so interpretiert er die politischen Umwälzungen, die sich durch das Erstarken der Perser am Horizont abzeichnen, als Eingreifen Gottes, der die „Erlösung“ seines Volkes herbeiführt: „Ich gebe Ägypten als Lösegeld für dich, Äthiopien und Saba an deiner Stelle.“ (Vers 3b) Jesaja ist (und bleibt) damit ein Kind seiner Zeit. Er stellt sich die „Erlösung“ als „Umverteilung“ vor: Die Reichen und Mächtigen werden zum „Lösegeld“ für die Armen und Entrechteten.
Das ist ja ein verführerischer Gedanke! Und im Blick auf manche Ungerechtigkeit in dieser Welt hat dieser Gedanke nach wie vor seine Berechtigung. Einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen kann es nur geben, wenn die einen zugunsten der anderen auf einen Teil ihrer Macht, ihres Besitzes, ihrer Privilegien verzichten. Aber die Logik dieser Welt, dass Heil für die einen nur durch Unheil für andere „erkauft“ werden kann, wird dadurch nicht durchbrochen. Im Gegenteil: Sie wird legitimiert, indem sie auf Gott projiziert wird.
Der aber setzt genau diese Logik außer Kraft! In Jesus Christus opfert er nicht andere, sondern sich selbst für das Heil aller. Söhne und Töchter Gottes sind jetzt nicht mehr nur das Volk Israel (oder das neue Gottesvolk: die Kirche) – Söhne und Töchter Gottes sind alle Menschen. (Sie waren es ja schon immer!): „zu seiner Ehre geschaffen, gebildet und gemacht.“ (Vers 7b)
Befreiung, Erlösung – das heißt heute: Kein Mensch muss sich sein Glück selbst verdienen und erarbeiten. Alles ist Geschenk Gottes! Und es ist genug für alle da, wenn wir es gerecht miteinander teilen. Entscheidend für unser Glück sind nämlich nicht Geld, Besitz oder Macht. Entscheidend für unser Glück ist, ob wir mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit Gott in glückenden und beglückenden Beziehungen stehen.
Deshalb lautet der dritte Zuspruch aus unserem Text:
Ich habe deinen Namen gerufen, du gehörst zu mir!
Dass ein Name mehr ist als nur eine Bezeichnung, die das eine vom anderen unterscheidet, kennen wir aus vielen alten Überlieferungen, Sagen und Märchen. „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ sagt das böse Männchen im Märchen der Brüder Grimm. Und als die Königin seinen Namen errät, verliert es seine Macht über sie.
Aber hier bei Jesaja und bei Gott geht es nicht um Macht. Hier geht es um Beziehung. „Ich habe deinen Namen gerufen, du gehörst zu mir!“ – das erinnert an den zweiten Schöpfungsbericht der Bibel (Genesis 2,4b – 3,24), in dem der Mensch von Gott aufgefordert wird, den Tieren Namen zu geben und so in Beziehung zu ihnen zu treten.
Ein guter Vergleich aus unserem Kulturkreis ist vielleicht der Wechsel vom „Sie“ zum „Du“ in der gegenseitigen Anrede. Wenn wir einander das „Du“ anbieten, uns beim Vornamen zu nennen beginnen, dann bringen wir dadurch zum Ausdruck, dass sich in unserer Beziehung zueinander etwas verändert hat: Sie ist enger, sie ist vertrauter geworden.
„Ich habe deinen Namen gerufen, du gehörst zu mir!“ – das bedeutet: „Ich kenne dich, du bist mir vertraut, wir gehören zueinander.“ Und das sagt der allmächtige und allgegenwärtige Gott zu seinem Volk, zu uns, zu dir und zu mir. „Wir sind uns vertraut. Wir gehören zueinander. Lass uns beieinander bleiben und miteinander unterwegs sein. Dann wird alles gut!“

Etwas ganz Ähnliches meint auch der vierte Zusprach in unserm Text:
Ich bin bei dir!

„Wenn du durch Wasser gehst, bin ich bei dir, und Wasserströme überfluten dich nicht. Wenn du durch Feuer gehst, verbrennst du nicht, und die Flamme versengt dich nicht.“ (Vers 2) Das ist keine Einladung zu leichtsinnigem, selbstmörderischem Verhalten. Es ist ein Versprechen der Begleitung und des Schutzes!
Etwa zu der Zeit, in der diese Worte gesprochen wurden, schrieben die Priester und Schriftgelehrten des jüdischen Volkes die finalen Fassungen ihrer Sicht auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk auf. Die Überlieferungen vom Exodus, vom Auszug aus Ägypten und vom Einzug ins Gelobte Land, gewannen gerade jetzt, in der babylonischen Gefangenschaft, an Bedeutung. Die Erinnerung an die Begleitung Gottes auf dem gefährlichen Weg von Ägypten nach Kanaan wurde zum Vorbild für das, was dem Volk Israel jetzt bevorstand: den Weg aus dem Exil in die alte, neue Heimat zu wagen! (vgl. Assmann, Exodus)
Gott war und ist immer ein Gott, der mitgeht, der bei uns ist. Das gilt nicht nur dem Volk Israel im 6. Jahrhundert v. Chr., das gilt allen Menschen zu allen Zeiten – auch dir und mir hier und heute! Gott ist bei uns. Er lässt uns nicht allein. Er geht mit, wohin wir auch gehen.

Warum? Den Grund dafür liefert der fünfte Zuspruch:
Du bist mir wichtig und ich liebe dich!

Ein Ausleger schreibt dazu: „Hier ist eine der schönsten und tiefsten Erklärungen dessen, was die Bibel mit ‚Erwählung’ meint. An eine kleine, armselige und unbedeutende Gruppe entwurzelter Menschen ergeht die Zusage: Ihr, gerade ihr seid es, denen ich mich in Liebe zugewandt habe; ihr – so wie ihr seid –, seid mir teuer und wert. Und das sagt der Herr aller Mächte und Gewalten, alles Geschehens und alles Geschaffenen.“ (Westermann, ATD 19, 97).

Ich habe dich geschaffen!
Ich habe dich befreit!
Ich habe deinen Namen gerufen, du gehörst zu mir!
Ich bin bei dir!
Du bist mir wichtig und ich liebe dich!


Die ersten fünf Zusprüche aus unserem Text beschreiben die Beziehung Gottes zu uns, so wie er sie sieht und sich wünscht und uns anbietet. Der sechste Zuspruch zielt auf die Zukunft dieser Beziehung. Er beschreibt, was uns erwartet, wenn wir uns auf dieses Angebot Gottes, als unser Schöpfer und Befreier bei uns zu sein und uns zu lieben, einlassen:

„Von Osten bringe ich deine Kinder und im Westen sammle ich die Deinen. Ich sage zum Norden: ‚Gib her!’ und zum Süden ‚Halte nicht zurück!’ Ich bringe meine Söhne heim aus der Ferne und meine Töchter von den Enden der Erde.“ (Vers 6)

Dieser sechste Zuspruch wird von Jesaja nicht auf einen Begriff gebracht, davon kann er nur erzählen! Aber es geht darum, dass das Volk Gottes in seiner Ganzheit wiederhergestellt wird. Es geht um das letzte Ziel aller Wege Gottes: dass wir alle – wie weit wir auch entfernt sein mögen von ihm – nach Hause finden, Heimat finden bei Gott.
Gott ist unser „Heimatgeber“ – in diesem Leben und darüber hinaus! Und wer bei ihm Heimat findet, der wird selbst zum Heimatgeber für Heimatlose.

Ich habe dich geschaffen und gebildet, spricht der Herr, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Israels und aller Menschen, der Schöpfer und Erhalter dieser Welt und Liebhaber von allem, was lebt.

Dieser Gott sagt zu dir:
Ich habe dich geschaffen und gebildet!
Ich habe dich befreit!
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir!
Ich bin bei dir!
Du bist mir wichtig und ich liebe dich!

Darum fürchte dich nicht! Hab keine Angst!
Ich bin und ich gebe dir Heimat,
damit auch du Heimatgeber wirst für Heimatlose.

Denn alle, die mit meinem Namen benannt sind,
habe ich zu meinem Glanz geschaffen, gebildet und gemacht.


Amen.


Literatur:
Jan Assmann, Exodus. Die Revolution der Alten Welt. Verlag C.H. Beck: München 2015.
Claus Westermann, Genesis. 1. Teilband: Genesis 1-11 (BKAT I/1). Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 3. Aufl. 1983.
Claus Westermann, Das Buch Jesaja. Kapitel 40-66 (ATD 19). 5. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen / Zürich 1986.


© Volkmar Hamp