Von der Liebe
(1. Johannes 4,13-21)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

vor etwa 40 Jahren erschien ein kleines Büchlein, das mich damals als junger Mensch nachhaltig beeindruckt hat, „ein himmlisches Buch, das zufällig auf die Erde gefallen ist“, wie in einer Rezension zu lesen war. Der Titel dieses Buches war „Mister God, This Is Anna“ (1974), auf deutsch: „Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“ (1978). Verfasst hatte es ein gewisser „Fynn“, vermutlich ein Pseudonym des englischen Schriftstellers Sydney George Hopkins (1919–1999).
Wie viel Fiktion und wie viel Wahrheit in diesem Buch steckt, weiß niemand. Aber selbst, wenn es von vorne bis hinten erfunden ist, es bleibt eines der schönsten und weisesten Bücher, die ich kenne.
Besagter Fynn trifft in diesem Buch während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Londoner East End zufällig die 5-jährige Anna, die von zu Hause ausgerissen ist, weil sie dort misshandelt wurde. Er nimmt das kleine Mädchen bei sich auf, und über die nächsten ungefähr dreieinhalb Jahre entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden.

„Der Unnerschied von einen Mensch und einen Engel ist leicht. Das meiste von ein Engel ist innen, und das meiste von ein Mensch ist außen.“ (Fynn, Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna, Seite 7)

Mit diesen Worten der kleinen Anna beginnt das Buch. Dann wird das Mädchen vorgestellt:

„Anna war sechs Jahre alt. Manchmal hieß sie Fratz. Mit fünf Jahren kannte sie den Sinn des Lebens und wusste, was Liebe ist. Dazu war sie eine persönliche Freundin und auch Beraterin von Herrn Gott. Mister Gott eigentlich. Da die Engel selbstverständlich englisch sprechen, war anzunehmen, dass ihr oberster Herr das auch tat. Mister Gott also.
Anna war sehr gebildet. Theologie, Mathematik, Philosophie, Dichtkunst und Gärtnerei – nichts war ihr fremd. Fragte man sie etwas, bekam man unter allen Umständen eine Antwort. Manchmal verzögerte sich die Antwort, aber nach ein paar Wochen oder gar Monaten kriegte man sie – manche Dinge brauchen ihre Zeit. Die Antworten waren direkt, einfach und präzise.
Sie feierte ihren achten Geburtstag nicht hier; sie starb vorher bei einem Unfall. Sie starb mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht. Ihr letzter Satz war: ‚Wetten, dass mich Mister Gott dafür in sein Himmel reinlässt.’ Und ich wette nicht dagegen. Er tat es sicher.“ (Fynn, Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna, Seite 7)


Die kleine Anna philosophiert sich also durch das Leben und denkt dabei auch über Mister Gott nach:

„Warum-, Weshalb-, Wieso-Fragen. Wie viele Probleme gab es? Nur die Sache mit Mister Gott war kein Problem. Das hatte Anna längst gelöst. Hässlichkeit war dazu geschaffen, dass man sie in Schönheit verwandelte; traurige Leute gehörten glücklich gemacht, und bei alle dem hatte man Mister Gott als verlässlichen Partner. Seine Aufgabe war es, überall mitzumachen.
Die Bibel beispielsweise brauchte man dazu überhaupt nicht. Die Botschaft war einfach, und jeder Halbidiot konnte den Inhalt der Bibel in bestenfalls dreißig Minuten kapieren. Religion war dazu da, dass man etwas tat, und nicht, um darüber zu lesen, was man tun könnte. Die Bibel war höchstens was für Kleinkinder in der ersten Klasse. Anna war über dieses infantile Stadium längst hinaus.
Unser Pfarrer fragte sie einmal: ‚Glaubst du an Gott, Anna?’
‚Ja.’
‚Weißt du, was Gott bedeutet?’
‚Ja.’
‚Was bedeutet er also?’
‚Na eben, dass er Mister Gott ist.’
‚Gehst du in die Kirche?’
‚Nein.’
‚Warum nicht?’
‚Weil ich schon alles weiß.’
‚Und was weißt du alles?’
‚Ich weiß, dass ich Mister Gott lieb habe und Leute und Katzen und Hunde und Spinnen und Blumen und Bäume ... und überhaupt alles; ich ganz allein mit meiner ganzen Figur.’
... O heiliger Kindermund, der imstande ist, alles in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Und Gott sprach, liebe deinen Nächsten wie dich selbst – und das möglichst mit deiner ganzen Figur.“ (Fynn, Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna, Seite 18)


Amen.

Eigentlich könnte meine Predigt hier enden. Denn der Predigttext für den heutigen Sonntag sagt nicht viel mehr und nicht viel anderes als die kleine Anna in dieser Geschichte. Er braucht dafür nur mehr und kompliziertere Worte.

Wollt ihr ihn trotzdem noch hören?

Wenn ihr dafür jetzt zu müde seid oder in Gedanken ganz woanders, dann ist das überhaupt nicht schlimm! Denn wie gesagt: Eigentlich hat die kleine Anna den Text schon ganz gut zusammengefasst! Ich lese trotzdem noch, wie das beim Verfasser des ersten Johannesbriefes klingt:

1. Johannes 4,13-21
13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. 14 Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. 15 Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott.
16 Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.


„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm!“ (Vers 16b) – Das ist die Kernaussage dieses Textes. Oder wie es in den Evangelien als Jesuswort überliefert ist: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken – und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Matthäus 22,37-39 par.). Oder wie die kleine Anna es ausdrückt: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst – „und das möglichst mit deiner ganzen Figur.“
Die vor einigen Jahren verstorbene Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) hat einmal einen kleinen, vielfach abgedruckten und wieder aufgelegten Text geschrieben mit dem Titel „Wo Liebe ist, da ist Gott“. Darin schreibt sie: „Nicht Gottesverehrung in Demut und Ergebenheit, nicht Anbetung eines höheren unbegreiflichen Wesens ist das Herz der Religion, sondern Liebe im Doppelsinn dieses Wortes, das uns als Geliebte und als Liebende benennt.“ (Sölle, Wo Liebe ist, da ist Gott, Seite 5)
Geliebte sind wir, weil Gott uns liebt: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat“, schreibt der Verfasser des ersten Johannesbriefes in unserem Text. Und er sagt auch, woran wir das erkannt haben und warum wir das glauben können: Weil Gott seinen Sohn, Jesus Christus, in diese Welt gesandt hat – als Heiland und Retter und furchtlos Liebenden! Und weil er uns – das haben wir vor zwei Wochen beim Pfingstfest gefeiert – mit seinem Geist beschenkt hat, mit dem Geist des Lebens und der Liebe. Geliebte sind wir, weil Gott uns liebt, „und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Das ist das eine.
Das andere ist, dass wir nun, weil wir Geliebte sind, auch zu Liebenden werden sollen: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ „An die Liebe zu glauben“, schreibt Dorothee Sölle, „heißt, sich selber zu erfahren als bejahte, gewollte, angenommene Wesen und zugleich als solche, die selber Liebe werden. Liebesfähig zu werden ist das Ziel des Lebens.“ (Sölle, Wo Liebe ist, da ist Gott, Seite 5)
Aber was bedeutet das konkret? Woran erkennen wir, dass wir liebesfähig geworden sind? Was ist das Maß, das unsere Liebe vollkommen macht?
Der Verfasser des ersten Johannesbriefes nennt dafür zwei Kriterien: Furchtlosigkeit und Nächstenliebe.
„Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts ... Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“

Furchtlos Liebende zu sein, das heißt diesem Text zufolge zuallererst, die Furcht vor Gott zu verlieren! Nicht die Ehrfurcht, nicht das Bewusstsein, dass da ein unendlicher Abstand ist zwischen uns und dem Schöpfer aller Dinge. Aber die Furcht, dass dieser Abstand uns auf immer von Gott trennt, dass er unüberwindlich sein und am Ende über unserem Leben ein vernichtendes Urteil stehen könnte. „Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts.“
Wenn wir sterben, wenn wir selbst, wenn andere Menschen, wenn Gott zurückblickt auf das Leben, das wir gelebt haben, dann wird ER keine Fragen stellen: Was hast du bloß aus deinem Leben gemacht? Warum hast du nicht mehr gewollt, mehr erreicht, mehr geliebt? Wie viel Versäumnisse, Versagen, Schuld hast du auf dich geladen? Wenn wir sterben, dann wird Gott uns mit offenen Armen empfangen und sagen: „Da bist du ja, mein geliebtes Kind! Schön, dass es dich gibt! Ich habe schon auf dich gewartet! Jetzt wird alles gut!“
Der libanesisch-amerikanische Maler, Dichter und Philosoph Khalil Gibran (1883-1931) schreibt in seinem Buch „Der Prophet“ über die Liebe: „Wenn du liebst, so sage nicht: ‚Gott ist in meinem Herzen’, - sag lieber: ‚Ich bin in Gottes Herzen.’ Und denke nicht, du könntest der Liebe Lauf lenken; denn Liebe, so sie dich würdig schätzt, lenkt deinen Lauf.“
Das ist das zweite, was in unserem Text über die „vollkommene Liebe“ steht: Dass sie sich nicht nur um sich selber dreht, sondern immer auch den anderen, die Schwester und den Bruder, den Nächsten im Blick hat. Die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein mit einer Liebe, die alle Furcht austreibt, macht uns selbst zu furchtlos Liebenden.
„Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“, heißt es im Römerbrief (Röm 8,35). Dorothee Sölle schreibt dazu: „Diese tiefste Gewissheit erfahren wir nicht, wenn wir uns wie Kinder in den Mantel Gottes wickeln wollen und dann beim Erwachsenwerden glauben, ihn nicht mehr zu benötigen. Es ist zu kalt auf der Welt, als dass wir meinen könnten, es ließe sich ohne diesen Mantel leben. Die Gnade wärmt uns, aber sie macht uns zugleich am Mantel Gottes mitstricken.“ (Sölle, Wo Liebe ist, da ist Gott, Seite 34ff)
Für andere Menschen mitzustricken am Mantel der Liebe Gottes – das ist unsere Aufgabe als Nachfolger Christi. Oder wie unser Bibeltext es ausdrückt: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“
Von der „Bruderliebe“ ist hier zuallererst die Rede. Gemeint ist die geschwisterliche Liebe der Nachfolger Jesu untereinander. Das hat mit der Situation der johanneischen Gemeinde zu tun, in der es zum Streit um die „wahre Lehre“, um den „richtigen Glauben“ gekommen ist – ein Streit, bei dem die gegenseitige Liebe auf der Strecke blieb.
Diese Erinnerung an die geschwisterliche Liebe, die das Miteinander in der Gemeinde prägen soll, brauchen wir heute auch. Aber die furchtlose Liebe, von der in unserem Text die Rede ist, geht natürlich weit darüber hinaus! Sie gilt nicht nur den „Geschwistern im Glauben“ – sie gilt allen Menschenbrüdern und Menschenschwestern.
Weil alle Menschen Kinder Gottes sind – von ihm gewollt, erschaffen und geliebt – sind wir mit allen Menschen geschwisterlich verbunden. Mit denen, die unseren Glauben teilen, genauso wie mit jenen, die das nicht tun, die an etwas anderes glauben oder an gar nichts. Mit denen, die dieselben kulturellen Wurzeln haben wie wir, genauso wie mit jenen, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind und uns darum erst einmal fremd, ungewohnt, ja, vielleicht sogar bedrohlich erscheinen. Mit denen, die ihr Leben an denselben Werten ausrichten wie wir, genauso wie mit jenen, die einem völlig anderen Wertekanon folgen.
Was uns alle miteinander verbindet, ist, dass wir von Gott zu einem gemeinsamen Leben auf diesem Planeten bestimmt sind. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, schreibt der Arzt und Theologe Albert Schweitzer (1875-1965) in seinem Buch „Die Ehrfurcht vor dem Leben“. Ich glaube, das Einzige, was die große bunte Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten auf Dauer zusammen halten und miteinander verbinden kann, ist die Liebe.
Nur die Liebe zur Natur, die wir als Schöpfung Gottes begreifen, wird uns davon abhalten, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Nur die Liebe zu uns selbst, zu dem Leben, das uns von Gott geschenkt wurde, bringt uns dazu, achtsam mit uns selbst, mit unserem Körper und unserer Seele, umzugehen. Nur die Liebe untereinander, zu der wir von Gott in der Gemeinschaft der Glaubenden zusammengestellt sind, macht es möglich, dass wir – bei allen Unterschieden in Fragen des Glaubens und des Lebens – als Gemeinde beieinander bleiben und miteinander unterwegs sind. Nur die Liebe zum Nächsten, dem Nahen wie dem Fernen, dem Freund wie dem Feind, lässt uns hoffen, das irgendwann ein friedliches Zusammenleben aller Menschen auf diesem Planeten möglich sein könnte.

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.

„‚Ich weiß, dass ich Mister Gott lieb habe und Leute und Katzen und Hunde und Spinnen und Blumen und Bäume ... und überhaupt alles; ich ganz allein mit meiner ganzen Figur.’“


Amen.


Literatur:

Fynn, Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1978.
Khalil Gibran, Der Propohet. Wegweiser zu einem sinnvollen Leben. Walter-Verlag: Olten und Freiburg i. Br. 17. Aufl. 1984.
Dorothee Sölle, Wo Liebe ist, da ist Gott. In: Schön bist du und verlockend – Große Paare der Bibel. Verlag Herder: Freiburg i.Br. 2001/2003 (Neuausgabe 2004).


(c) Volkmar Hamp