„Du bist schön!“ (Hohelied 1,15 - 2,3)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

in Bibel und Kirche ist viel von der Liebe die Rede. Von der Liebe Gottes vor allem. „Gott ist Liebe“, schreibt der Verfasser des 1. Johannesbriefes, „und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh 4,16b; vgl. Sölle, Wo Liebe ist, da ist Gott). Jesus fasst die Thora, die guten Lebensordnungen Gottes aus der Hebräischen Bibel, in seinem „Doppelgebot der Liebe“ zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben – und deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Mk 12,29-31; Mt 22,35-40; Lk 10,25-28; vgl. Dtn 6,4-5; Lev 19,18). Und er „verschärft“ in seiner Bergpredigt dieses Doppelgebot der Liebe noch um ein drittes, um die Feindesliebe (Mt 5,43f; Manemann 92: „Ein anderes Wort für christliche Verschärfung: Feindesliebe.“). Paulus besingt in seinem „Hohelied der Liebe“ in 1. Korinther 13 die Liebe als das „Größte“ unter den Dingen, die im Leben wichtig sind und bleibende Bedeutung haben: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ (1 Kor 13,13)
Ja, von der Liebe ist viel die Rede in der Bibel und in der Kirche. Was wir manchmal nicht wissen oder vergessen, vergessen wollen oder vergessen sollen, ist, dass auch die erotische Liebe, die Anziehung der Geschlechter, die Sexualität in der Bibel eine wichtige Rolle spielt!
Schon der erste Schöpfungsbericht der Bibel (Gen 1,1 – 2,4a) stellt uns Gott als den „Erfinder der Sexualität“ vor: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“, heißt es da, „zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (Gen 1,27). Und dann segnet Gott die Menschen und spricht zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch!“ (Gen 1,28) Was heißt das anderes als: „Geht hin, habt euch lieb, schlaft miteinander und sorgt dafür, dass das Leben weitergeht!“
Noch deutlicher wird der ältere, zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4b-25): „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, sagt Gott da, „ich will ihm eine Hilfe schaffen als sein Gegenüber“ (Gen 2,18). Und dann wird erzählt, wie Gott den Adam, den ersten Menschen, in einen tiefen Schlaf versetzt und ihm aus einer seiner Rippen eine Frau, die Eva, „baut“ (Gen 2,21-23). Und am Schluss heißt es: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ (Gen 2,24f)
Gott als Erfinder der Sexualität, Sex als gute Gabe Gottes – das ist biblische Schöpfungstheologie und gehört zum biblischen Bild vom Menschen! So ist es vielleicht nicht mehr ganz so verwunderlich, dass es ein Buch in den biblischen Kanon geschafft hat, das irgendwann zwischen dem 8. und 3. Jahrhundert vor Christus entstand und in sehr zärtlichen, sehr erotischen Liedern die Liebe zwischen zwei Menschen besingt: das „Hohelied Salomos“. In der Hebräischen Bibel heißt es das „Lied der Lieder“, was so viel bedeutet wie „Das schönste aller Lieder“. Und natürlich ist das schönste aller Lieder ein Liebeslied!
„Ein Mädchen sehnt sich leidenschaftlich nach seinem Freund. Sie muss auf den Weinberg ihrer Brüder aufpassen, er hütet Schafe und Ziegen. Sie sucht ihn im Sommer unter den Hirten auf den Feldern, sie sucht ihn im Winter auf den Straßen der Stadt, sie vergeht vor Verlangen nach ihm. Er malt sich aus, wie sie aussieht, und er kann ihre Schönheit nicht anders fassen als in Bildern aus der überschäumenden Natur. Er steht vor ihrer Tür, sie lässt ihn bei sich ein. Sie lieben sich unter den Augen der Mutter. Sie lieben sich in den Weinbergen, unter Apfelbäumen, mitten in den Blumen. Ihnen schwinden die Sinne. Wie eine Feuersbrunst, wie ein Strom reißt die Leidenschaft sie fort.“ (Haag 98)
Wenn man heute junge Menschen fragt, was sie beim Thema „Liebe und Sexualität“ von der Bibel und der Kirche erwarten, dann sagen sie wohl meistens: Nix! Gebote und Verbote höchstens, ethische Normen. Verweist man sie dann an das Hohelied, sind sie überrascht und erstaunt, dass die heilige Schrift der Juden und Christen „so klar und ungeschützt das Lob der Liebe singt“ (Wolf 5).
Heute freuen wir uns darüber! Für unsere jüdischen und christlichen Väter im Glauben war das aber vom 1. bis ins 18. Jahrhundert ein Problem. Sie wollten nicht wahrhaben, dass in der Bibel Texte stehen, die die erotische Liebe zwischen zwei Menschen beschreiben. „Liebesgedichte in der Heiligen Schrift – das durfte nicht sein!“ (Wolf 9) Und so begann man, das Hohelied allegorisch zu deuten. Gemeint sei etwas anderes als gesagt werde. Die Liebenden in diesem Lied, das seien Gott und sein Volk, Christus und die Kirche, Christus und Maria oder Christus und die Seelen der Gläubigen (vgl. Elliger 68-72). „Aber je höher man den Text pries, um so weniger nahm man ihn ernst.“ (Haag 98)
Nun ist das Hohelied ganz sicher kein antikes „Fifty Shades of Grey“. Es will nicht – wie das indische Kamasutra – in die „Kunst der (erotischen) Liebe“ einführen. Es drückt in poetischer Sprache die Freude und den Schmerz aus, die mit der Erfahrung der Liebe verbunden sind. Dazu gehört, dass die Liebenden sich gegenseitig Komplimente machen, wie Liebende das eben so tun! Ein solches „Duett der Komplimente“ ist unser heutiger Predigttext (Hohelied 1,15 – 2,3). Und ich habe zwei Liebende gebeten, ihn uns vorzutragen:

Hohelied 1,15 – 2,3
Er (1,15): Sieh, du bist schön, meine Freundin,
sieh, du bist schön, deine Augen sind Tauben.
Sie (1,16): Sieh, du bist schön, mein Freund, wirklich süß,
auch unser Lager ist frisches Grün,
die Balken unserer Häuser sind Zedern,
unsere Dachsparren Zypressen.
Sie (2,1): Ich bin die Lilie von Scharon,
die Lotosblume der Ebenen.
Er (2,2): Wie eine Lotosblume zwischen den Dornen,
so ist meine Freundin unter den Frauen.
Sie (2,3): Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes,
so ist mein Freund unter den Männern,
in seinem Schatten möchte ich sitzen,
und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.

Liebe macht schön! Ganz unabhängig davon, ob jemand den Schönheitsidealen seiner Zeit und Kultur entspricht, mit den Augen der Liebe betrachtet, wird jeder Mensch schön.
Letzte Woche las ich in einem Online-Fotomagazin den autobiographischen Artikel einer Fotografin (Marteline Nystad). Selbst stark übergewichtig entspricht sie so gar nicht dem Schönheitsideal der Fotomodelle, die sie bei ihren Shootings für eine norwegische Modelagentur vor der Kamera hat. Irgendwann beginnt sie, sich selbst zu fotografieren, und sie veröffentlicht diese Bilder auch. Meine Selbstportraits, schreibt sie, „sind für mich eine Möglichkeit geworden, wieder Kontrolle über meinen Körper zu bekommen. Das Gefühl, meinen Körper zu benutzen, um etwas Schönes zu erschaffen, hat mir mehr Freude und Selbstbewusstsein gegeben, als ich es mir jemals vorstellen konnte.“
Und dann kommt sie auf das Thema „Schönheit“ zu sprechen: „Für mich“, schreibt sie, „ist Schönheit das Glänzen in den Augen einer Person, etwas, das sie besonders und einzigartig macht. Und wenn du nichts Schönes in dir drin trägst, ist es schwierig, von außen schön zu sein. Als Fotografin bin ich vielen Menschen begegnet, die die meisten Menschen in die Kategorie ‚normal’ einsortieren würden. Aber wenn ich sie vor meiner Kamera stehen habe, leuchten sie und haben so viele Emotionen und so viel Seele. Das ist Schönheit für mich.“ (Ebd.)
Liebe macht schön! Die beiden Liebenden in unserem Predigttext sagen das einander auch. „Sieh, du bist schön, meine Freundin!“ (1,15) – „Sieh, du bist schön, mein Freund!“ (1,16) Dauernd möchte der eine den anderen anschauen und bewundern. Immer wieder versichern sich beide gegenseitig, wie schön sie einander finden. Schönheit – auch wenn sie nur im Auge des Betrachters liegt – stiftet erotische Anziehungskraft. Und so beginnt unser Text mit zwei kurzen, aufeinander bezogenen Bewunderungsliedern (1,15; 1,16f).

„Sieh, du bist schön, meine Freundin,
sieh, du bist schön, deine Augen sind Tauben.“ (1,15)


Mit den Bildern und Vergleichen im Hohelied ist das so eine Sache. Sie erschließen sich uns heute nicht von selbst. Ich zum Beispiel fände es seltsam, wenn mein Schatz meine Augen mit Tauben vergleichen würde, mit den „Ratten der Lüfte“ also, die in einer Großstadt wie Berlin keine besonders gute Presse haben!
In der Antike war das anders. Da war die Taube der Vogel der Liebesgöttinnen. Überall im östlichen Mittelmeerraum galten Tauben als Liebesboten, die Botschaften der Liebe hin und her trugen. Die Augen der Freundin sind also keine „Taubenaugen“. Sie werden mit Tauben verglichen, weil es um ihre Funktion geht, um die Blicke, die die Frau dem Mann entgegenschickt. Diese Blicke sind ihre „Liebesboten“. Wenn sie nun also im Gegenzug ihren Freund auch „schön“ nennt (V. 16), dann ist das nicht nur ein förmliches Kompliment („Du bist schön!“ – „Du auch!“), dann steht hinter ihren Worten die Liebe, die sie für ihren Freund empfindet.

„Sieh, du bist schön, mein Freund, wirklich süß.“ (1,16a)

Während er die Augen seiner Freundin als Merkmal ihrer Schönheit nennt, geht sie nicht ins Detail. „Er ist, so wie er ist, als ganzer Kerl, ‚schön’ und ‚süß’.“ (Wolf 26f) An anderen Stellen im Hohelied findet auch die Freundin mehr Worte, um ihren Geliebten zu beschreiben (z.B. Hld 5,9-16). Hier aber möchte sie „zur Sache kommen“. Genug der Komplimente! Jetzt wird’s praktisch! Sie wendet sich dem Ort der gemeinsamen Liebe zu.

„Unser Lager ist frisches Grün,
die Balken unserer Häuser sind Zedern,
unsere Dachsparren Zypressen.“ (1,16b-d)


Vielleicht kennt ihr das: Auch wenn es nur um ein romantisches Stelldichein im Grünen geht – wenn man verliebt ist, glaubt man sich in einen königlichen Palast versetzt, der mit den edelsten Hölzern ausgestattet ist, die man sich denken kann. Die Liebe dieser beiden Menschen hat „königliche Dimensionen“. Die ganze Schöpfung ist ihr Palast. Sie vergessen die reale Welt, in der sie leben!
Das kennen wir auch! Liebende, die sich den „Himmel auf Erden“ erträumen, die sich in der Tristesse unserer durchindustrialisierten und technisierten Welt nach einer „Insel des Glücks“ sehnen und unermüdlich daran arbeiten, sich solch eine Insel für ihre Zweisamkeit einzurichten. Für manche ist das „einfache Landleben“ dabei ein erstrebenswertes Ideal. Für die meisten anderen wohl eher nicht.
Ein Ausleger schreibt dazu: „So mancher ‚Bauer sucht Frau’ und findet sie nicht, obwohl er Traktor und Mähdrescher in der Scheune und den Mercedes in der Garage hat. Wer will noch eine ‚Landfrau’ sein, rund um die Uhr beschäftigt mit Agrotechnik und Agrochemie? Die Welt ist anders geworden, die Liebenden suchen ihr Idyll nicht mehr als ‚Romeo und Julia auf dem Dorfe’. Und trotzdem bauen sie auch in ihrer postmodernen Umgebung an ihren Luftschlössern, versprechen sich gegenseitig schier Unmögliches und versetzen sich in eine heile Welt.“ (Wolf 27f)
Gerade angesichts der Schrecken und der Komplexität der Welt um uns herum sehnen wir uns für unser engstes Lebensumfeld nach dem scheinbar Einfachsten und Schlichtesten auf der Welt: nach der trauten Zweisamkeit der Liebe. Und so geht auch der Dialog unserer Liebenden weiter – als Dialog gegenseitiger Bewunderung.

Sie lobt sich selbst:

„Ich bin die Lilie von Scharon,
die Lotosblume der Ebenen.“ (2,1)


Er überbietet galant ihr Eigenlob:

„Wie eine Lotosblume zwischen den Dornen,
so ist meine Freundin unter den Frauen.“ (2,2)


Interessant ist, dass im Hohelied nur die Frau, niemals der Mann das selbstbewusste „Ich bin“ ausspricht! Frauenpower pur! Überhaupt fällt auf, dass die Frau wesentlich häufiger zu Wort kommt als der Mann. Das Hohelied beginnt mit ihrem Sehnsuchtslied (1,2-4) und endet mit ihrer Aufforderung an den Geliebten, zu ihr zu eilen (8,14). Und auch sonst ist die Frau im Hohelied auffallend aktiv, stark und selbstbewusst. Oft ergreift sie die Initiative, setzt mutig der Liebe wegen ihren guten Ruf aufs Spiel, äußert freimütig ihre Wünsche und Bedürfnisse.
Das entspricht so gar nicht der Rolle, die Frauen vor zweieinhalbtausend Jahren in Israel hatten. Doch hier stehen sich – durch die Liebe! – zwei Menschen gleichwertig gegenüber, die eigentlich durch ein starkes Machtgefälle voneinander getrennt sind. Diese „Gleichwertigkeit“ ist ein Kennzeichen wahrer Liebe! Darum gibt es im Hohelied auch keinen „Kampf der Geschlechter“ und nicht den Schimmer irgendwelcher Machtspiele. Der Mann versucht nicht zu herrschen, und die Frau unterwirft sich nicht. Zwei freie Menschen sprechen miteinander auf Augenhöhe. Gleichwertig stehen sie sich gegenüber, sind beide gleich wichtig, selbstbewusst in ihrem Auftreten und sicher im Reden. Der Fluch bei der Vertreibung aus dem Paradies: „Nach deinem Mann sollst du verlangen, er aber wird über dich herrschen“ (Gen 3,16) verkehrt sich durch die Liebe in sein Gegenteil. Nun sind beide voneinander abhängig. Für einen Augenblick ist der Garten Eden wieder offen (vgl. Eggehorn 91).
Deshalb auch die vielen Vergleiche aus der Natur! Welche Blume – rein botanisch betrachtet – mit der „Lilie von Scharon“ gemeint ist, weiß man nicht so genau. Dieselbe Blume dient aber dem Propheten Jesaja zur Beschreibung des endzeitlichen Heils:

„Die Wüste und Einöde wird frohlocken,
und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien.“ (Jes 35,1)


Die Lotosblume hingegen ist wohlbekannt. Im Hebräischen heißt sie schoschanna. Der deutsche Name „Susanne“ leitet sich davon ab. Es ist die Seerose. Wenn also der Freund im Hohelied seine Freundin als Seerose zwischen die Dornen versetzt, dann ist das kein realistisches Bild. Wo Seerosen wachsen, da gibt es keine Dornen! Das Bild beschreibt – Realismus hin oder her! – „die herausragende Schönheit des Mädchens, die sich strahlend vom staubigen, grauen Dornengestrüpp abhebt ... In ihrem Glanz nehmen sich die Frauen ihrer Umgebung wie lauter kümmerliches, vertrocknetes Dornengestrüpp aus ... So sieht sie selbstbewusst sich selbst, so sieht sie der Freund ‚unter den Frauen’. Es ist ganz und gar nicht das Bild des bescheidenen Mauerblümchens, das seine Schönheit in der Menge der ‚Fleißigen Lieschen’ versteckt.“ (Wolf 29f)
Ganz ähnlich sieht auch die Frau ihren Geliebten – und überbietet ihn einmal mehr in diesem Dialog gegenseitiger Bewunderung. „Die Sprache ihrer Liebe ist reicher.“ (Wolf 31)

„Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes,
so ist mein Freund unter den Männern,
in seinem Schatten möchte ich sitzen,
und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.“ (2,3)


In Wirklichkeit steht natürlich auch kein Apfelbaum im Wald! Wie bei der „Lotosblume zwischen den Dornen“ (V. 2) dient das unrealistische Bild der poetischen Aussage des Liedes. Der Geliebte ist wie ein Apfelbaum mitten im Wald – eigentlich unmöglich, aber so ist es! Keiner seiner Freunde kann sich (in ihren Augen) mit ihm messen, so wie keine Frau sich (in seinen Augen) mit ihr messen kann.
Realistisch ist das alles nicht! Natürlich gibt es immer jemanden, der schöner, stärker, besser ist. Nur für die Liebe nicht! Die Liebe macht ihr Gegenüber zum Schönsten und Wichtigsten auf der Welt. Von ihm wünscht und erwartet sie sich die Erfüllung ihrer Sehnsucht.
Dafür steht auch die Frucht am Ende unseres Textes. Natürlich denkt jeder Leser und jede Leserin des Hoheliedes hier an die Frucht im Garten Eden. Auch wenn die kein Apfel ist und es dort nicht um Sexualität geht, sondern um Erkenntnisgewinn, darum „Sein zu wollen wie Gott“ (Gen 3,5) – der sogenannte „Sündenfall“ hat doch Auswirkungen auf die Beziehung der Geschlechter. Nicht weil Adam und Eva miteinander Sex hatten, sondern weil sie anfingen sich voreinander und vor Gott zu schämen. „Das Vergleichen war in die Welt gekommen – der Blick der Schlange. Und sie begannen, Gott und die Welt und einander mit einem wertenden Blick zu betrachten – und nahmen Abstand voneinander.“ (Eggehorn 93)
Das Einzige, was diesen Abstand wieder überwinden kann, ist die Liebe! Und damit schließt sich der Kreis zu dem, was ich am Anfang über die Liebe in Bibel und Kirche gesagt habe. Im Hohelied kommt nicht ein einziges Mal das Wort „Gott“ vor, und der hebräische Gottesname Jahwe wird nur an einer einzigen Stelle erwähnt (8,6) (lest es einmal durch und schaut, ob ihr ihn findet!). Und trotzdem atmet diese kleine Schrift die Freude über den Schöpfer der Welt.
Auch wenn von Gott in diesem ganz und gar diesseitigen Buch nicht die Rede ist, es geht darin doch um Erfahrungen, die etwas mit Gott zu tun haben. Eine Auslegerin beschreibt das so: „So stark wie der Tod ist die Liebe, der menschlichen Verfügungsgewalt entzogen. Ob es sich um die Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott oder um das Verlangen nach dem Einssein mit dem geliebten Menschen handelt, immer geht es um das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, innerem Frieden, Harmonie, ja Glück.“ (Elliger 73)
Wir alle wissen, dass diese Sehnsucht nie ganz erfüllt wird, dass da immer ein Rest an Unsicherheit, Unzufriedenheit und „Sehnsucht nach mehr“ bleibt. Wir wissen auch, wie gefährdet jede Liebe durch äußere Umstände ist. Die Ereignisse der vergangenen Woche haben uns das wieder einmal schmerzhaft in Erinnerung gerufen! Wir wissen, wie zerbrechlich die Liebe ist, wenn Alltag, Gewöhnung und Schuld, wenn Krankheit, Leid und Tod sie in Frage stellen. Das wissen auch die Liebenden im Hohelied. Auch ihre Liebe ist nicht unproblematisch und immer gefährdet. An manchen Stellen erscheint sie „wie ein Pakt gegen das Dunkel der Welt“ (Haag 104).
Darum tut es gut zu wissen, dass all unser Lieben eingebunden ist in die Liebesgeschichte Gottes mit dieser Welt. In unserer Liebe – im Werben umeinander, in Zärtlichkeit und Lust, aber auch in jeder Enttäuschung, in jedem Schmerz, in jedem Verlust – wohnt Gott, wenn wir ihn darin wohnen lassen.
Darum verteidigt der jüdische Religionsphilosoph Franz Rosenzweig (1886-1929) auch die geistliche Deutung des Hoheliedes gegenüber ihren Kritikern: „Nicht obwohl, sondern weil das Hohe Lied ein ‚echtes‘, will sagen: ein ‚weltliches‘ Liebeslied war, gerade darum war es ein echtes ‚geistliches‘ Lied der Liebe Gottes zum Menschen. Der Mensch liebt, weil und wie Gott liebt. Seine menschliche Seele ist die von Gott erweckte und geliebte Seele.“ (Rosenzweig 222)
Auch wenn Gott im Hohelied scheinbar keine Rolle spielt, die Liebe bleibt dennoch eine heilige Sache:

Sag, ob ich störe, sprach er, als er eintrat dann geh ich sofort
Du störst nicht nur, antwortete ich du erschütterst meine ganze Existenz
Willkommen!
(Eeva Kilpis, zitiert bei: Eggehorn 90).


Ein letzter Gedanke: Heute ist Palmsonntag. Mit der Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem beginnt die Karwoche, in der wir uns besonders an das Leiden und Sterben Jesu erinnern – größter Ausdruck der Liebe Gottes zu uns!
Auch Jesus wird bei seinem Einzug in Jerusalem mit einem „Bewunderungslied“ empfangen: „Hosanna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9) Wenig später ist nichts „Bewundernswertes“ mehr an ihm. Die Passionsgeschichte beschreibt das mit Worten aus Jesaja 53:

„Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war nichts, was uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunde sind wir geheilt.“ (Jes 53,2b-5)

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Im leidenden Christus die Schönheit der Liebe Gottes zu entdecken auch! Dadurch wird menschliches Leid nicht relativiert. Aber es ist – im doppelten Sinn des Wortes – aufgehoben in der Liebe, die alles umgibt. Und wir können sagen: „Gott, du erschütterst meine ganze Existenz. Willkommen!“

Literatur
Ylva Eggehorn, Der Liebhaber im Hohelied. Sex und Liebe. In: Dies., Männer in der Bibel (Bibel verstehen). Aus dem Schwedischen von Rainer Haak. Verlag Herder: Freiburg / Basel / Wien 2009, 89-97.
Katharina Elliger, Das Hohelied in seinen Deutungen. In: Gabriele Miller / Franz W. Niehl (Hrsg.), Von Batseba – und andere Geschichten. Biblische Texte spannend ausgelegt. Kösel-Verlag: München1996, 62-74.
Herbert Haag u.a., Schön bist du und verlockend. Große Paare der Bibel. Verlag Herder: Freiburg / Basel / Wien 2001/2003, 98-104.
Jürgen Manemann, Rettende Erinnerung an die Zukunft. Essay über die christliche Verschärfung. Matthias-Grünwald-Verlag: Mainz 2005.
Franz Rosenzweig, Stern der Erlösung. Frankfurt am Main 1988.
Dorothee Sölle, Wo Liebe ist, da ist Gott. In: Herbert Haag u.a., Schön bist du und verlockend. Große Paare der Bibel. Verlag Herder: Freiburg / Basel / Wien 2001/2003, 167-181 (Selbständiger Nachdruck: Verlag Herder: Freiburg / Basel / Wien 2004).
Christian Wolf, Die geerdete Himmelsmacht. Das Hohelied der Liebe. Oncken-Stiftung: Kassel 2012.

(c) Volkmar Hamp