Du bist ein Talent!
(1 Korinther 12.,7-11)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,


Jesus war ein Geschichtenerzähler. Ein begnadeter noch dazu. Eine seiner Geschichten (Mt 25,14-30; vgl. Lk 19,12-27; Mk 13,34) handelt von einem Mann, der auf Reisen ging. Bevor er sich auf den Weg machte, verteilte er sein nicht unbeträchtliches Vermögen an seine Knechte. Dem ersten gab er fünf Talente, dem zweiten zwei und dem dritten eins – „jedem nach seinen Fähigkeiten“ (Mt 25,15). „Handelt damit, bis ich wiederkomme!“, sagte er zu ihnen (Lk 19,13).
Was dieser Mann seinen Knechten anvertraute, war eine Menge Geld! „Talent“ ist im Griechischen eine Gewichtseinheit, die etwa 30-40 Kilogramm entspricht, also ungefähr dem, was ein Mensch so tragen kann. Martin Luther übersetzt darum das Wort „Talent“ an dieser Stelle auch mit „Zentner“. Ein, zwei, fünf Zentner Silber bekommen die Knechte hier also. Nach heutigen Maßstäben sind das eine, zwei, fünf Millionen Euro! Eine Menge Geld.
Ihr wisst vielleicht, wie die Geschichte weitergeht: Die beiden ersten, denen fünf bzw. zwei Talente anvertraut worden waren, verdoppelten ihr Vermögen. Sie wurden dafür von ihrem Herrn gelobt und belohnt. Der Dritte, dem „nur“ ein Talent anvertraut worden war, hat dies aus Angst vor seinem Herrn vergraben und darum sein Kapital nicht vermehrt. Er wurde dafür von seinem Herrn getadelt und verstoßen (Mt 25,16-30).
Wenn wir heute von „Talenten“ im Sinne von „Begabungen“ sprechen, dann geht dieser Sprachgebrauch auf genau diese Geschichte zurück.

Du bist ein Talent! Das ist das Thema des heutigen, zweiten Gottesdienstes im Rahmen der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“. Du bist ein Talent! Du bist begabt! Du hast etwas einzubringen! Darum geht es auch in dem für diesen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext 1. Korinther 12,7-11 (in der Übersetzung der BasisBibel):

7 Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle.
8 Der eine ist durch den Geist in der Lage, voller Weisheit zu reden. Ein anderer kann Einsicht vermitteln – durch denselben Geist! 9 Ein dritter wird durch denselben Geist im Glauben gestärkt. Wieder ein anderer hat durch den einen Geist die Gabe zu heilen. 10 Ein anderer hat die Fähigkeit, Wunder zu tun. Ein anderer kann als Prophet reden. Und wieder ein anderer kann die Geister unterscheiden. Der Nächste spricht in verschiedenen Arten von fremden Sprachen.
11 Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so wie er es will.


Von den Charismen, den Gnaden- oder Geistesgaben Gottes, ist hier die Rede. Das ist ein ebenso spannendes wie umstrittenes Thema. Was sind das für Gaben? Natürliche oder übernatürliche? Sind sie etwas Besonderes, oder ist jede Begabung, die in der Gemeinde zum Nutzen aller eingesetzt wird, ein Charisma, eine Gnadengabe? Und wie wäre dann das Verhältnis dieser Charismen zu anderen Begabungen zu beschreiben? Liegt ihnen eine natürliche Anlage zugrunde, die durch den Geist Gottes entwickelt und auf einen christlichen Zweck hin ausgerichtet wird? Oder sind sie etwas vollkommen Neues, das mit dem eigenen Ich und dem natürlichen Wesen der betreffenden Personen nichts zu tun hat?
Paulus sagt dazu nichts. Warum auch? Für ihn ist in jedem Fall Gott derjenige, der durch seinen Geist an und in den Menschen wirkt. Außerdem geht Paulus davon aus, dass sowieso jeder Mensch, der zum Glauben und zur Gemeinde findet, ein vollkommen neuer, ein neu geschaffener Mensch ist.

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17)

Die Unterscheidung zwischen „natürlicher“ und „wunderbarer“ Begabung spielt für Paulus also überhaupt keine Rolle. Wichtig ist für ihn, dass Gott jede Gabe nach seinem Maß „gibt“ (Vers 7) und „wirkt“ (Vers 11). Keine Begabung ist unser Besitz, über den wir frei verfügen könnten. Alles ist Geschenk Gottes.
Hier kommen Paulustext und Jesusgleichnis zusammen. Nichts von dem, mit dem die Knechte in Jesu Geschichte handeln könnten, haben sie sich selbst zu verdanken. Alles ist ihnen von ihrem Herrn geschenkt worden.
„Dies Gleichnis“, schreibt der Neutestamentler Gerd Theißen, „will die Augen dafür öffnen, dass jeder eine Gabe besitzt, die nur er vermehren kann, ein Pfund, mit dem nur er wuchern, eine Aufgabe, die nur er lösen, Kompetenzen, die nur er fruchtbar machen kann. Und es sagt gleichzeitig: Verloren sind nur die, die sich grundsätzlich dagegen auflehnen, dass ihnen das Leben eine Aufgabe stellt, eine Aufgabe, die sich niemand selbst gegeben hat. Eine Aufgabe, die Gott uns stellt.“ (Theißen, Der Mensch als Gottes Kapital 116f)
Welche Aufgabe das ist, sagt Paulus: Wie auch immer sich das Wirken des Geistes Gottes in einem Menschen zeigt, immer geht es um den Nutzen für alle! Gaben wollen gebraucht, Gaben wollen eingesetzt werden – und zwar so, dass auch andere, dass alle etwas davon haben! „Jeder hat seine Gabe, aber keiner hat sie zum Privatgebrauch, zum Eigennutz oder zum Ausdruck der eigenen pneumatischen Virtuosität.“ (Schrage, EKK VII/3 147)
Die konkreten Gaben, die Paulus aufzählt, verdanken sich der konkreten Situation in Korinth. An anderen Stellen gibt es andere Aufzählungen. Die Liste der Geistesgaben in unserem Text ist also beispielhaft und illustrierend. Sie ist weder vollständig, noch unterscheidet sie zwischen regelmäßig und gelegentlich ausgeübten, verbalen oder nichtverbalen, wichtigen oder unwichtigen, natürlichen oder übernatürlichen Charismen.
Paulus geht es nicht darum, eine systematische Lehre von Gottes Geist und seinen Gaben vorzulegen. Er hat ein ganz anderes Problem. Sein Problem ist, dass es in Korinth Menschen gibt, die glauben, etwas Besonderes, etwas Besseres zu sein, wenn sie mit bestimmten Gaben glänzen können, vor allem mit der Zungenrede (Glossolalie), dem Gebet in geistgewirkten, aber unverständlichen Sprachen.
Paulus mag diese Gabe nicht, obwohl er sie selbst besitzt (vgl. 1. Korinther 14,18). Er hält sie für zutiefst ichbezogen und egoistisch (vgl. Lehnert, Korinthische Brocken, 223f). In der Öffentlichkeit der Gemeinde hat sie nichts zu suchen, es sei denn, es ist zugleich jemand da, der die Gabe hat, das unverständliche Beten in verständliche Worte zu übersetzen und auszulegen.

„Bemüht euch um die Gaben des Geistes“, schreibt Paulus zwei Kapitel später, „am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich wollte, dass ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde.“ (1. Korinther 14,1-5)

Darauf also kommt es an: Dass durch das, was Menschen an Gaben und Begabungen einzubringen haben, die Gemeinde aufgebaut wird, dass sie selbst und andere etwas davon haben, dass die Gaben einzelner allen etwas nützen.
Die Frage ist also nicht, welche der Gaben, die Paulus hier oder andernorts aufzählt, ich habe oder gerne hätte: die Gabe der weisen oder erkenntnisreichen Rede, die Gabe besonderer Glaubens-, Heilungs- oder Wunderkraft, die Gabe der Prophetie oder der Unterscheidung der Geister, die Gabe der Zungenrede oder ihrer Auslegung. Die Frage ist, ob ich die Gabe, die Gott in mich hineingelegt hat, entdecke und zum Wohle anderer Menschen und der Gemeinde nutze!
Vielleicht hast du eine der hier aufgezählten Gaben. Dann bring sie in die Gemeinde ein. Vielleicht liegt deine Begabung aber auch ganz woanders.

  • Vielleicht kannst du zuhören und dann zur richtigen Zeit das richtige Wort sagen.
  • Vielleicht kannst du mitleiden und trösten.
  • Vielleicht bist du ein guter Gastgeber, eine gute Gastgeberin und kannst Menschen zueinander bringen, die sich schwer damit tun, Kontakte zu knüpfen und aufeinander zuzugehen.
  • Vielleicht bist du handwerklich begabt und kannst dich um die vielen Baustellen kümmern, die wir hier in diesem Gebäude haben.
  • Vielleicht bist du ein Organisationstalent und übernimmst die Orga für unsere Gemeindefreizeit im Herbst.
  • Vielleicht hast du eine gute Art, mit Kindern umzugehen und engagierst dich im Kindergottesdienst oder in der Jungschar.
  • Und es gibt noch tausend andere Möglichkeiten, genau deine Gabe einzusetzen!

So weit der Appell! Du hast ein Talent, bring es ein! Vergrab es nicht. Lass es nicht ungenutzt liegen. Dein Talent wird gebraucht.
Das Thema des heutigen Gottesdienstes heißt aber nicht: „Du hast ein Talent!“, sondern „Du bist ein Talent!“. Du! Du selbst – als Person und völlig unabhängig von dem, was du hast oder kannst. Du bist ein wertvolles Geschenk Gottes. Für dich selbst und für andere Menschen!
Du bist schön! Also hör auf, dich selber runterzumachen. Du bist ein, zwei oder fünf Zentner Gestalt gewordene Fantasie und Liebe Gottes. Du bist eine Bereicherung für uns alle. Ohne dich ist alles doof! Also vergrab dich nicht in dir selbst. Versteck dich nicht vor Gott oder anderen Menschen. Zeig dich! Mach was aus dir und deinem Leben. Wuchere mit deinen Pfunden!
Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan! Diese Botschaft muss viele innere Barrieren überwinden, ehe sie uns erreicht (zum Folgenden vgl. Theißen, Der Mensch als Gottes Kapital 117).
Zum Beispiel die Barriere der Minderwertigkeitsgefühle. Dass wir uns selbst immer wieder sagen: „Ich kann nichts, ich bin nichts, ich bekomme eh nichts auf die Reihe, und die anderen können sowieso alles viel besser als ich!“ Ab und an geht das jedem von uns so. Aber wenn das zu einem Dauerzustand der Selbstabwertung, des Sich-selber-klein-Machens wird, dann kann irgendwann kein Argument, keine Anerkennung, keine Ermutigung diese Barriere mehr durchbrechen.
Oder die Barriere der Bequemlichkeit. Du weißt, dass du die eine oder andere Gabe hast. Aber du hütest dich davor, sie zu zeigen! Denn du weißt auch, dass jemand, der sich und seine Begabungen zeigt, gerne mal ausgenutzt wird. Dass man dann immer mehr Aufgaben aufgebürdet bekommt, bis man nicht mehr kann. So soll es natürlich nicht sein! Aber diese Gefahr, die tatsächlich besteht, darf auch nicht als Ausrede missbraucht werden, um sich selbst unsichtbar zu machen. Das eigene Talent zu vergraben, ja als Trottel zu erscheinen, um auch von den Aufgaben entlastet zu werden, die man sehr wohl übernehmen könnte, ist auch keine Lösung! Dabei vergräbt manch einer nicht nur sein Talent, sondern gleich sich selbst in unzugängliche Nischen des Lebens.
Dann gibt es die Barriere der Kränkungen. Da sagt man zu sich selbst: „Ich bin doch ein begabter Mensch. Ich kann so viel – und so vieles besser als andere. Aber keiner nimmt Notiz von mir. Keiner würdigt meine Qualitäten. Keiner schätzt meine Ideen. Und andere bekommen Applaus für Dinge, die ich viel besser könnte als sie. Das ist doch ungerecht!“ Und dann leidet man lieber still und leise vor sich hin, als sich einzubringen. Und hinter vorgehaltener Hand meckert man noch über das, was die anderen tun.
Und noch eine Barriere gibt es, die Barriere der Verhinderungen. Was hätte nicht alles aus mir werden können! Wenn meine Eltern oder Lehrer mich besser gefördert hätten, zum Beispiel. Oder wenn ich an der einen oder anderen Stelle in meinem Leben eine andere Entscheidung getroffen hätte. Oder wenn dieses oder jenes nicht passiert, wenn andere mir nicht so übel mitgespielt, wenn Türen auf- statt zugegangen wären, und so weiter.
Gegen all diese Barrieren – gegen Minderwertigkeitsgefühle und Bequemlichkeit, gegen Kränkungen und Verhinderungen und gegen manches andere mehr – steht heute Morgen dieses Wort: Du bist ein Talent! Du bist Kapital Gottes, das Profit bringen soll! Er hat in dich investiert. Er hat dich geschaffen und begabt. Er hat seinen Geist in dich hineingelegt, damit du aus diesem Geist heraus dein Leben gestaltest.
Und das sollst du nicht nur für dich selber tun, sondern auch für andere. Und mit ihnen. Darum gibt es die Gemeinde. Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf andere Weise, aber immer geht es um den Nutzen für alle (1. Korinther 12,7). Also vergrab deine Talente nicht. Und wenn du sie schon vergraben hast, buddel sie wieder aus und mach was draus!

© Volkmar Hamp


Literatur:
Christian Lehnert, Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Berlin 2013.
Wolfgang Schrage, Der erste Brief an die Korinther. 3. Teilband: 1 Kor 11,17 – 14,40 (EKK VII/3). Zürich-Düsseldorf / Neukirchen-Vluyn 1999.
Gerd Theißen, Der Mensch als Gottes Kapital, oder: Die merkwürdige Geschichte des Papstes Kallist (Lukas 19,11-27). In: Ders., Die offene Tür. Biblische Variationen zu Predigttexten. München 1990, 116-124.