Die Berufung des Matthäus (Matthäus 9,9-13)
Nachfolge, Barmherzigkeit, Gastfreundschaft



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

manchmal denke ich, wie schön es wäre, wenn wir den Autoren der biblischen Bücher beim Schreiben ihrer Texte über die Schulter schauen könnten! Dem Verfasser des ersten Evangeliums zum Beispiel, der gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. seine Version der guten Nachricht von Jesus aufschreibt.


Matthäus und seine Zeit


Den Namen dieses Mannes kennen wir nicht. Die spätere kirchliche Tradition identifiziert ihn mit Matthäus, einem aus dem Zwölferkreis um Jesus, und nennt sein Evangelium darum bald das „Evangelium nach Matthäus“. Aber diese Zuordnung ist nachträglich erfolgt und wohl eher unwahrscheinlich. Vermutlich war „Matthäus“ – bleiben wir der Einfachheit halber bei diesem Namen! – ein Christ der zweiten oder dritten Generation, der in einer judenchristlich geprägten Gemeinde im heutigen Syrien lebte und lehrte, vielleicht in Antiochia oder in Damaskus.
Hinter ihm – und hinter seiner Gemeinde – liegen die Schrecken des Jüdischen Krieges. Nachdem die Bevölkerung Judäas sich geweigert hatte, Steuerforderungen der römischen Besatzer nachzukommen, waren im Mai 66 n. Chr. Soldaten des römischen Statthalters in den Jerusalemer Tempel eingedrungen und hatten sich dort Teile des Tempelschatzes angeeignet. Ein Aufstand brach los. Die Römer verloren die Kontrolle über Jerusalem und das judäische Umland und konnten sie erst vier Jahre später wieder zurück gewinnen. Im September des Jahres 70 n. Chr. wurde Jerusalem zurück erobert. Der Tempel ging in Flammen auf und wurde weitgehend zerstört. Die Stadt selbst war für 60 Jahre nahezu unbewohnbar (vgl. die eindrückliche Schilderung dieser Ereignisse bei Montefiore, Jerusalem. Die Biographie).
Die Folgen waren verheerend: Mehr als eine Millionen Juden verloren ihr Leben. Fast 100.000 wurden in die Sklaverei verschleppt. Viele andere verließen ihre Heimat und vergrößerten so rund um das Mittelmeer und bis ins Persische Reich hinein die Zahl der ohnehin schon in der Fremde lebenden Juden. Mit dem Tempel verlor das Judentum sein kulturelles und religiöses Zentrum. Viele Gebote der Thora, die in direkter Verbindung mit diesem Zentrum standen, konnten nicht mehr praktiziert, das wichtige Amt des Hohen Priesters konnte nicht mehr ausgeübt werden. Die Synagogen in den Dörfern und Städten wurden zum neuen Zentrum des jüdischen Lebens. Das Rabbinische Judentum gewann an Bedeutung.
Die Christen der zweiten und dritten Generation interpretierten den Fall Jerusalems und die Zerstörung des Tempels als Strafe Gottes für das jüdische Volk, das den Messias Jesus von Nazareth nicht anerkannt hatte (Mt 22,7). Das Christentum hatte sich zu dieser Zeit längst von Jerusalem aus über Kleinasien bis nach Rom ausgebreitet. Es war von einer jüdischen Sekte zu einer neuen Religion geworden, der sich nicht nur Juden und sogenannte „Gottesfürchtige“ zuwandten – Nichtjuden also, die sich vom Judentum angezogen fühlten, ohne selbst zu ihm übertreten zu wollen –, sondern auch viele „Heiden“.
Vor allem der „Völkerapostel“ Paulus hatte großen Anteil daran (vgl. Jürgen Becker, Paulus. Der Apostel der Völker). Seine Briefe kursierten in den Gemeinden. Doch wie Paulus waren um 70 n. Chr. die meisten Wegbegleiter Jesu, die von seinem Leben, seinem Leiden und Sterben und von seiner Auferstehung erzählen konnten, längst gestorben. Der von Jesus angekündigte Anbruch der Gottesherrschaft aber ließ weiter auf sich warten. Die Christen der zweiten und dritten Generation standen also vor der Herausforderung, sich in der – entgegen allen Erwartungen – weiter existierenden Welt einzurichten und zugleich die Botschaft Jesu vom Kommen des Reiches Gottes nicht zu vergessen.

Matthäus und sein Evangelium

Da kam einer auf die Idee, ein „Evangelium“ zu schreiben. Er stellte bis dahin überwiegend mündlich überlieferte Worte Jesu und Geschichten über Jesus zusammen, um mit ihnen und durch sie die „gute Nachricht“ vom Gekommen sein und vom Wiederkommen des Messias zu verkünden.
Der Verfasser des Markusevangeliums war wohl einer der ersten, die das taten, wenn nicht der erste überhaupt. Sein Buch beginnt mit den Worten: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1,1). Es begründet eine völlig neue Literaturgattung, die irgendwo zwischen antiker Lebensbeschreibung und urchristlicher Predigt einzuordnen ist.
Es fällt nicht schwer, sich die Aufregung vorzustellen, die entstand, wenn die Abschrift eines solchen Evangeliums durch umherwandernde Prediger oder Propheten eine Gemeinde erreichte und wenn dann im Gottesdienst diese Worte verlesen wurden! Gute Nachrichten, Ur-Kunden des Glaubens waren diese Bücher. Sie wurden wie Schätze gehütet, immer wieder gelesen, abgeschrieben, umgeschrieben und weiter verbreitet.
Irgendwann – vermutlich in den 90er Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. – erreicht eine Abschrift des Markusevangeliums Matthäus, der – wie gesagt – wohl nicht so hieß, dessen eigenes Werk aber später unter diesem Namen Verbreitung fand. Das Evangelium nach Markus ist nicht das erste Jesus-Buch, in dessen Besitz er gelangt. Auf seinem Schreibtisch liegt bereits eine Sammlung mit Jesusworten (die sog. „Logienquelle Q“). Und so macht Matthäus sich daran, aus diesen beiden Büchern – der Zitate-Sammlung und den Jesusgeschichten des Markus – ein neues Werk zu schaffen.
Dabei orientiert er sich beim Schreiben seines Evangeliums an der Gliederung der Markusvorlage und fügt hier und da Texte aus der Spruchsammlung mit den Jesusworten ein. Das Ganze ergänzt er – vor allem nach vorne und nach hinten – mit weiteren Jesus-Überlieferungen, von denen er gehört oder gelesen hat.
Aber was das Wichtigste ist: Er schreibt seine Vorlagen nicht einfach ab und führt sie zusammen, er schreibt sie auch um und drückt dem Ganzen so den Stempel seiner eigenen Theologie auf! Er selbst hat Wichtiges zu sagen über diesen Jesus von Nazareth, den Messias, den Sohn Gottes. Und er sagt es in der Form und mit den Mitteln, die ihm diese neue literarische Gattung „Evangelium“ zur Verfügung stellt.


Die Berufung des Matthäus (Mt 9,9-13)

Die ersten Kapitel sind bereits geschrieben. Von der Geburt Jesu hat er erzählt, vom Besuch der Weisen aus dem Morgenland, von der Flucht der Heiligen Familie vor König Herodes nach Ägypten und von ihrer Rückkehr nach Israel (Mt 1-2). Von alledem wusste Markus nichts. Dann ein Sprung zu Johannes dem Täufer, zur Taufe Jesu und zu seiner Versuchung in der Wüste, und schließlich zum Beginn seines Wirkens in Galiläa und zur Berufung der ersten Jünger (Mt 3-4). Hier folgt Matthäus ganz dem Markusevangelium. Einen wichtigen eigenen Akzent setzt er danach durch die Zusammenstellung zentraler Aussagen Jesu in der sogenannten „Bergpredigt“ (Mt 5-7). Was für ein Text!
Und nun will er den großen Worten große Taten folgen lassen: Heilungsgeschichten und andere Wundererzählungen – und mitten drin eine weitere Berufungsgeschichte (Matthäus 9,9-13 – hier in der Übersetzung von Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus. EKK I/2, Matthäus 8-17, Neukirchen-Vluyn 5. Aufl. 2013, 40f).

9 Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der Matthäus hieß, und sagt ihm: „Folge mir nach!“ Und er stand auf und folgte ihm nach.
10 Und es geschah, als er im Hause zu Tische lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen mit Jesus und seinen Jüngern zu Tische.
11 Und als es die Pharisäer sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: „Weswegen isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“
12 Er aber hörte es und sprach: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken! 13 Geht aber und lernt, was es bedeutet: ‚Erbarmen will ich und nicht Opfer.’ Denn ich kam nicht, Gerechte zu berufen, sondern Sünder!“


Seine Vorlage kennt der Verfasser unseres Evangeliums sehr genau. Er hat sie vor sich auf dem Schreibtisch liegen. Aber er fühlt sich nicht sklavisch an sie gebunden. Er greift an mehreren Stellen in den Markustext ein und erzählt dessen Geschichte neu, um so eigene Akzente zu setzen. Vor allem an drei Stellen ist das zu beobachten.


1. „Matthäus“ statt „Levi“

Statt Levi (wie bei Markus und bei Lukas) heißt der Zöllner, von dem diese Geschichte hier erzählt wird, Matthäus. Vermutlich gab es mehrere ehemalige Zöllner im Kreis der Jesusjünger, und bei allen wird die Berufung ähnlich verlaufen sein. „Komm, folge mir nach!“ Einer von ihnen aber – eben jener Matthäus – gehörte zum Kreis seiner engsten Nachfolger, zu den Zwölfen (Mt 10,3).
Das ist dem Verfasser des Matthäusevangeliums offensichtlich wichtig, dass hier nicht irgendjemand berufen wird, sondern einer von den engsten Vertrauten Jesu – und der war ein Zöllner, einer, der sich durch die Ausbeutung seines eigenen Volkes und durch seine Zusammenarbeit mit den Römern, selbst aus dem Volk Gottes ausgeschlossen hatte!
Nun stehen die zwölf Jünger Jesu in den Evangelien symbolisch für das neue Volk Gottes, das Jesus sich – in Analogie zu den zwölf Stämmen Israels im Alten Testament – beruft. Das macht die Ungeheuerlichkeit dieser Berufung des Matthäus deutlich: Einer, der aus dem alten Bund ausgeschlossen war, wird zum Gründungsmitglied des neuen Bundes! Einer, von dem alle glaubten, Gott wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben, wird zum Nachfolger und Gefährten des Gottessohnes!
Damit illustriert diese Berufungsgeschichte – in der besonderen Zuspitzung, die unser Evangelist ihr durch die Namensänderung gibt! –, was in den Versen danach von Jesus so auf den Punkt gebracht wird:

„Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken ... Denn ich kam nicht, Gerechte zu berufen, sondern Sünder!“ (Vers 12+13b)


2. Ein Zitat aus dem Propheten Hosea

Das ist zugleich die zweite Stelle, an der unser Evangelist redaktionell in seine Vorlage aus dem Markusevangelium eingreift. Denn er ergänzt zwischen diesen beiden Sätzen ein Zitat aus dem Propheten Hosea, das ihm auch an anderer Stelle wichtig ist (vgl. Mt 12,7):

„Geht aber und lernt, was es bedeutet: ‚Erbarmen will ich und nicht Opfer.’“ (Vers 13a; vgl. Hos 6,6)

Gott will keine nur äußerliche Frömmigkeit, die sich in frommen Ritualen erschöpft. Er will Erbarmen, Barmherzigkeit, Mitgefühl, Menschlichkeit, Empathie!
Das hebräische Wort, das hier bei Hosea steht, meint ursprünglich den Unterleib, die Eingeweide, die Innereien. Es meint, dass es mir im tiefsten Inneren weh tut, wenn andere Menschen leiden. Es meint, dass sich mir der Magen umdreht, wenn anderen Menschen Unrecht widerfährt.
„Barmherzigkeit“ ist ein schönes, altes, deutsches Wort dafür. Gebildet aus „arm“ und „Herz“ und einer Vorsilbe, die die Tätigkeit des Herzens ausdrückt, meint es die „Hinwendung des Herzens zu den Armen“. Barmherzig zu sein heißt „arm-herzig“ zu sein, ein Herz für die Armen zu haben – und zwar nicht nur im Sinne eines Gefühls sondern im Sinne eines mitleidenden Tuns! Barmherzig ist, wer seinem Mitgefühl Taten folgen lässt!
Und wieder setzt unser Evangelist in seiner Neufassung dieser Geschichte aus dem Markusevangelium mit dem Hosea-Zitat einen ganz eigenen Akzent: So wie die Berufung des Matthäus in die Nachfolge ein Akt der Barmherzigkeit Jesu ist – der Zöllner und Sünder wird zum Gefährten des Gottessohns! –, so sollen auch die Nachfolger Jesu nun selbst barmherzige Menschen sein, die niemanden ausschließen aus der Gemeinschaft mit Gott. Alle sind willkommen! Keiner soll abgewiesen werden!


3. Tischgemeinschaft mit Jesus und untereinander

Ein starkes Symbol für diesen inklusiven Charakter der Gottesherrschaft ist die Tischgemeinschaft, die unsere Geschichte schon bei Markus prägt. Auch an dieser Stelle setzt Matthäus einen eigenen Akzent, indem er den Markustext so verändert, dass man den Eindruck bekommt, das sich an die Berufung des Matthäus anschließende Mahl Jesu mit den Zöllnern und Sündern habe nicht bei Matthäus, sondern bei Jesus stattgefunden (statt „in seinem Haus“ nur „im Hause“). Die Geschichte spielt ja in Kapernaum (Mt 9,1), jener Stadt am See Genezareth, in der der matthäische Jesus seine „Homebase“ hat – ein eigenes Haus vielleicht oder die Möglichkeit, bei Freunden zu wohnen, wenn er in der Gegend war (vgl. Mt 4,13).
Das Abenteuer der Nachfolge Jesu beginnt also für den Zöllner a.D. nicht mit evangelistischen Aktionen oder diakonischen Projekten. Es beginnt damit, sich von Jesus zu einem Festmahl einladen zu lassen! Nachfolge Jesu heißt zuallererst, Gemeinschaft mit Jesus zu pflegen, in seiner Nähe zu sein, mit ihm das Leben zu feiern!
Und weil diese Gemeinschaft mit Jesus niemals exklusiv, sondern immer inklusiv ist, bedeutet Nachfolge Jesu zweitens, nun auch Gemeinschaft mit all jenen zu pflegen, die ebenfalls mit Jesus unterwegs sind oder sich zu ihm hingezogen fühlen.
Oder anders ausgedrückt: Jesus nachzufolgen bedeutet, sich die Gastfreundschaft Jesu gefallen zu lassen und selbst anderen Menschen gegenüber gastfreundlich zu sein!
Ein schönes Symbol dafür ist das Abendmahl. Jesus selbst lädt uns an seinen Tisch, um uns zu stärken und zu segnen. Er lädt jede und jeden von uns persönlich ein, mit unserer je eigenen Geschichte, mit individuellen Wünschen und Träumen, mit persönlichen Fragen und Sorgen, mit unseren Erfolgen und mit unserem Scheitern zu kommen und seine Nähe zu suchen.
Und wenn wir das tun, wenn wir diese Einladung Jesu annehmen, dann bleiben wir nicht allein mit ihm. Am Tisch des Herrn sind immer schon andere, die auch die Nähe Jesu suchen und brauchen. Ein bunter Haufen!
Nicht immer sind es die, die wir dort erwarten und vermuten würden. Nicht die Gesunden, sondern die Kranken. Nicht die Gerechten, sondern die Sünder. Nicht die Starken, sondern die Schwachen. Nicht die Glaubenden, sondern die Zweifelnden. Jedenfalls nicht nur die einen, sondern auch die anderen! Und auf jeden Fall Menschen, die Jesus um sich und in seiner Nähe haben will. Alle also!


Literatur:

  • Jürgen Becker, Paulus. Der Apostel der Völker. Tübingen 1989.
  • Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus. EKK I/2, Matthäus 8-17, Neukirchen-Vluyn 5. Aufl. 2013.
  • Simon Sebag Montefiore, Jerusalem. Die Biographie. Frankfurt am Main 2011.

(c) Volkmar Hamp