Der rote Faden der Liebe
Römer 12,6-9


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

das Jahr 2015 ist noch jung – und vielleicht hat der eine oder die andere von euch die guten Silvestervorsätze noch nicht vergessen oder über Bord geworfen. In einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE war auf Platz 1 der guten Vorsätze für dieses Jahr (mit 27,26%) „Keine guten Vorsätze mehr machen (klappt eh nie)“ – gefolgt von „Mehr Sport treiben“ (mit 22,53%). Dann kam lange nichts und schließlich auf Platz 3 (mit 9,19%) „Ein besserer Mensch werden“.
„Ein besserer Mensch werden“ – das könnte auch als Überschrift über dem Predigttext für den heutigen Sonntag stehen. Oder „Eine bessere Gemeinde werden“. Aber die Gemeinde, auch unsere Gemeinde hier im Wedding, besteht ja aus Menschen! Bei unserem Predigttext handelt sich um einen Abschnitt aus dem Römerbrief des Apostel Paulus (Römer 12,6-9). Da schreibt Paulus an die Mitglieder der Gemeinde in Rom:

9 Die Liebe (unter euch) soll echt sein, nicht geheuchelt. Verabscheut das Böse, haltet euch unbeirrbar an das Gute.
10 Lasst im Umgang miteinander Herzlichkeit und geschwisterliche Liebe zum Ausdruck kommen. Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.
11 Lasst in eurem Eifer nicht nach, sondern lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch immer stärker werden. Dient dem Herrn.
12 Freut euch über die Hoffnung, die ihr habt. Wenn Nöte kommen, haltet durch. Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen.
13 Helft Gläubigen, die sich in einer Notlage befinden; lasst sie mit ihrer Not nicht allein. Macht es euch zur Aufgabe, gastfreundlich zu sein.
14 Segnet die, die euch verfolgen; segnet sie, verflucht sie nicht.
15 Freut euch mit denen, die sich freuen; weint mit denen, die weinen.
16 Lasst euch im Umgang miteinander davon bestimmen, dass ihr ein gemeinsames Ziel habt. Seid nicht überheblich, sondern sucht die Gemeinschaft mit denen, die unscheinbar und unbedeutend sind. Haltet euch nicht selbst für klug.


„Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt.“ – Mit diesen Worten legt der Apostel Paulus den „roten Faden“ aus, der sich durch alles Folgende, ja, durch sein ganzes Denken, seine ganze Theologie zieht.
Das Bild vom „roten Faden“ stammt ursprünglich aus dem militärischen Bereich, vom sogenannten „Kennfaden“ der britischen Marine: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“ (Goethe, Wahlverwandtschaften)
An der Liebe – wenn sie denn echt ist – erkennt man, ob einer zu Christus gehört oder nicht. Und die Liebe, von der Paulus hier spricht, ist nicht der éros oder die philía, die erotische oder freundschaftliche Liebe, die sich auf einzelne Menschen richtet. Obwohl natürlich auch die echt und nicht geheuchelt sein sollen! Es ist die agápe, die von Gott geschenkte, allumfassende Liebe zu allen Menschen und zur ganzen Welt. An dieser Liebe erkennt man vom Geist Gottes geprägte Menschen. Diese Liebe hat Paulus einige Zeit vor der Abfassung des Römerbriefs in seinem ersten Korintherbrief mit unvergesslichen Worten beschrieben:

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1. Korinther 13,4-7)

In unserem Predigttext findet Paulus andere Worte, um den „roten Faden der Liebe“ zu beschreiben, der sich durch das Denken, Fühlen, Reden und Handeln derer ziehen soll, die als Nachfolger Christi zur Gemeinde gehören. Zum Beispiel diese:

„Verabscheut das Böse, haltet euch unbeirrbar an das Gute.“ – Paulus wählt sehr emotionale Begriffe, wenn er hier von Gut und Böse spricht: Das Böse sollen wir „verabscheuen“ und uns dem Guten „hin-“ oder „völlig zu eigen geben“. Ob wir das Gute unterstützen und dem Bösen wehren, ist also nicht einerlei. Gleichgültigkeit ist in ethischen Fragen keine Option! Wir sollen uns für das Gute entscheiden und das Böse vermeiden.
Doch das ist gar nicht so einfach! Wer weiß denn schon immer, was Gut und was Böse ist? Es gibt ja nicht nur Schwarz und Weiß, sondern jede Menge Schattierungen von Grau dazwischen. Was ist mit denen?
Vielleicht wird die Unterscheidung zwischen Gut und Böse leichter, wenn wir die Liebe als mitentscheidendes Kriterium einbeziehen. Gut wäre dann das, was aus Liebe und in Liebe geschieht – in jener Liebe, die echt ist und ungeheuchelt und nicht das Ihre sucht, sondern das, was dem anderen hilft und dient.
Paulus jedenfalls sieht sich durchaus in der Lage, diese abstrakten Begriffe – „Liebe“, „Gutes“ und „Böses“ – zu konkretisieren. Er bleibt nicht abstrakt, sondern wird sehr konkret.

„Lasst im Umgang miteinander Herzlichkeit und geschwisterliche Liebe zum Ausdruck kommen. Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.“ – Die agápe, die göttliche, von Gott geschenkte Liebe, findet ihren konkreten Ausdruck in der philadelphía, in der herzlichen, geschwisterlichen Liebe, die wir einander entgegen bringen.
Vielleicht kennt der eine oder die andere von euch den US-amerikanischen Spielfilm „Philadelphia“ aus dem Jahre 1993. Das war der erste große Hollywoodfilm, der sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit AIDS-Kranken und Homosexuellen in den USA auseinandersetzte. Tom Hanks spielt darin einen homosexuellen und an AIDS erkrankten Anwalt, der sich gegen die Diskriminierung zur Wehr setzt, die er aufgrund seiner sexuellen Orientierung und seiner Erkrankung erfährt. Denzel Washington wiederum verkörpert dessen Anwalt, der zunächst auch mit Vorbehalten und Vorurteilen zu kämpfen hat, dann aber mehr und mehr Verständnis für seinen Klienten und ein tiefes Mitgefühl entwickelt. Schließlich treibt ihn nicht mehr nur der Ehrgeiz an, sondern seine sich entwickelnde tiefe Mitmenschlichkeit. Der Filmtitel „Philadelphia“ ist hier also nicht nur der Name der Stadt, in der diese Geschichte spielt, sondern zugleich die Zusammenfassung der Hauptaussage des Films.
Philadelphía, die geschwisterliche Liebe – bis zur Zeit des Neuen Testaments meinte dieses griechische Wort tatsächlich nur die Liebe zu den eigenen, blutsverwandten Brüdern und Schwestern. Erst im Neuen Testament wird es im übertragenen Sinne gebraucht für die geschwisterliche Liebe der durch die gemeinsame Gotteskindschaft miteinander verbundenen Christenmenschen. Und wenn wir heute – nach den Ereignissen der vergangenen Wochen – die Werte der Französischen Revolution („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“) wiedererinnern, so ist diese Ausweitung der philadelphía, der geschwisterlichen Liebe, auf alle Menschen – wie nah oder fern sie uns durch ihre Herkunft auch sein mögen – ganz im Sinne dessen, was Paulus über den herzlichen Umgang miteinander, geschwisterliche Liebe und gegenseitige Achtung schreibt.

Liebe in diesem Sinne ist kein schönes Gefühl. Sie ist ein Geschenk Gottes. Und zugleich macht sie Arbeit und Mühe. Darum schreibt Paulus weiter:

„Lasst in eurem Eifer nicht nach, sondern lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch immer stärker werden. Dient dem Herrn.“ – Die von Paulus beschriebene Liebe ist die vornehmste und wichtigste der Geistesgaben Gottes. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13,13) Doch sie ist kein Selbstläufer. Sie will „befeuert“ werden.
„Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe“ hat Martin Luther einmal in einer seiner Predigten gesagt (7. Invokavitpredigt vom 15. März 1522, gehalten am 14.3.2004 in Stuttgart). Wie glühend ist die Liebe – in all ihren Facetten – in dir? Liebst du Gott, dich selbst, deine Nächsten, diese Welt von ganzem Herzen und mit all deiner Kraft?
Im Deutschen sprechen wir manchmal davon „Liebe zu üben“. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass wir die Liebe üben müssen, damit sie in uns herrscht und durch uns andere wärmt. Gott jedenfalls dienen wir am Besten wenn wir lieben – ihn, uns selbst und unsere Nächsten. Der Geist Gottes ist die Kraft, die Gottes Liebe immer stärker werden lässt in uns. Und er ist die Kraft, die uns durchträgt, wenn uns das Lieben einmal schwer fällt und wenn wir uns selbst ungeliebt, verlassen und bedrängt fühlen.

„Freut euch über die Hoffnung, die ihr habt. Wenn Nöte kommen, haltet durch. Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen.“ Oder wie Luther diesen Vers übersetzt hat: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ – Für mich ist dieser Dreiklang die Mitte, der Dreh- und Angelpunkt unseres Predigttextes. Wir können viel über Liebe, Gut und Böse, Geschwisterlichkeit und gegenseitige Achtung philosophieren. Am Ende des Tages stellt sich dann doch die Frage, was uns durchträgt, wenn uns die „Kunst des Liebens“ (Erich Fromm) nicht gelingen will, wenn wir das Gute, das wir tun wollen, nicht tun, sondern das Böse, das wir eigentlich vermeiden wollten (Paulus), wenn statt Geschwisterlichkeit und gegenseitiger Achtung ungebremster Egoismus und die Diskriminierung Anderer das Reden und Handeln bestimmen.
Dann – so Paulus – können und sollen wir uns an die Zukunft erinnern! An das, was Gott uns versprochen hat. Dass er, dass seine Liebe einmal „alles in allem“ sein wird (1. Korinther 15,28). Das ist die Hoffnung, von der wir leben und über die wir uns freuen dürfen, auch wenn wir aktuell vielleicht keinen Grund zur Freude haben. Das ist die Aussicht, die uns die Kraft gibt durchzuhalten, wenn es durch Trübsal, Krankheit und Not, Einsamkeit, Verzweiflung und andere dunkle Täler geht (Psalm 23). Das ist die Zusage, die uns beten lässt, auch wenn der Glaube, dass unsere Gebete erhört werden könnten, verschwindend klein wie ein Senfkorn ist.
Die Erinnerung an die Zukunft, die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, lässt auch Paulus seinen „roten Faden der Liebe“ weiter verfolgen. Gegen alle Widerstände, gegen alles, was dagegen spricht, und getreu dem Motto „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ bleibt er dabei sehr konkret, praktisch und lebensnah.

„Helft Gläubigen, die sich in einer Notlage befinden; lasst sie mit ihrer Not nicht allein. Macht es euch zur Aufgabe, gastfreundlich zu sein.“ – Ganz uneigennützig ist diese Ermahnung des Paulus nicht. Er schreibt an die Gemeinde in Rom, weil er die Absicht hat dort hinzureisen. Da kann es nicht schaden, die potentiellen Gastgeber schon mal an ihre Gastgeberpflichten zu erinnern.
Doch zugleich gilt: Wer nie die Erfahrung gemacht hat, auf Hilfe angewiesen zu sein und Gastfreundschaft in Anspruch nehmen zu müssen, der tut sich vielleicht auch schwer damit, anderen Menschen in Not beizustehen und selbst gastfreundlich zu sein. Vielleicht ist das ein Grund, warum wir uns in einem der reichsten Länder der Welt so schwer tun, eine echte Willkommenskultur für notleidende Menschen aus anderen Ländern zu entwickeln.
Dabei wäre das noch eine der leichteren Übungen. Paulus geht noch einen Schritt weiter.

„Segnet die, die euch verfolgen; segnet sie, verflucht sie nicht.“ – Ich denke, ihr alle habt das Titelbild der „Charlie Hebdo“-Ausgabe von vergangener Woche vor Augen. Wenige Tage nach dem Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins war dort ein weinender Mohammed abgebildet, mit einem „Je suis Charlie“-Schild in den Händen. Darüber stand „Tout est pardonnée“ – „Alles ist vergeben“.
Einer der überlebenden Karikaturisten der Zeitung wollte damit seine Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass der Prophet, dass Gott ihnen ihre kritischen, ja, lästerlichen Kommentare zum Glauben und zur Religion sicher vergeben würde. Terror und Gewalt lässt sich eben mit keiner Religion der Welt rechtfertigen! Auf die Frage, ob seine Karikatur auch zum Ausdruck bringen solle, dass er den Attentätern von Paris vergeben wolle, antwortete der Zeichner allerdings: „Das kann und werde ich nicht tun!“
„Segnet die, die euch verfolgen; segnet sie, verflucht sie nicht.“ – Die Ungeheuerlichkeit dieses Anspruchs wird angesichts dessen, was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben und vielleicht in Zukunft noch erleben werden, überdeutlich. Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Aber ich höre in den Worten des Paulus Jesus sprechen:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist (3. Mose 19,18): ‚Du sollst deinen Nächsten lieben’ und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,43-45)

Ich vermute, auch Paulus hat bis zu seinem Lebensende an diesem schier unerfüllbaren Anspruch grenzenloser Liebe herumbuchstabiert. Aber er hat ihn sich nicht vom Leibe gehalten, indem er ihn für „unerfüllbar“ hielt. Er hat darauf vertraut, dass Gott ihm dann, wenn’s drauf ankommt, schon die nötige Kraft und den nötigen Mut zu lieben schenken würde. Und er hat sich selbst und die Leser seiner Briefe dazu eingeladen, diese Liebe in kleinen Schritten (und nicht nur in Gedanken) zu üben. Empathie, Einfühlung in die Gefühle anderer, wäre ein solcher kleiner Schritt:

„Freut ich mit denen, die sich freuen; weint mit denen, die weinen.“ – So einfach ist das! Wahrnehmen, wie es anderen geht, und an ihrer Seite sein in Freude und Leid. Wenn uns das im Unterwegssein miteinander gelingen würde, dann kämen wir dem schon sehr nahe, wie Paulus sich Gemeinde vorstellt. Und noch einen Vorschlag hat der Apostel:

„Lasst euch im Umgang miteinander davon bestimmen, dass ihr ein gemeinsames Ziel habt. Seid nicht überheblich, sondern sucht die Gemeinschaft mit denen, die unscheinbar und unbedeutend sind. Haltet euch nicht selbst für klug.“ – Die letzten Worte unseres Predigttextes mahnen zu Bescheidenheit und Rücksichtnahme. Weil wir alle miteinander ein Ziel haben – den roten Faden der Liebe Gottes weiter zu spinnen –, sollen eigensüchtige Interessen zurückgestellt werden. Es gilt, sich nicht nur an denen zu orientieren, die mit großer Klappe und in gekonnter Selbstdarstellung vorneweg gehen, sondern die mitzunehmen, die unscheinbar und übersehen auf der Strecke zu bleiben drohen. Bescheidenheit in diesem Sinne, die eigenen Erkenntnisse und Wahrheiten nicht für der Weisheit letzten Schluss zu halten, bewahrt uns vor Überheblichkeit und Selbstüberschätzung.

Dass unser Predigttext an dieser Stelle endet, ist ein bisschen willkürlich. Im Römerbrief ist der rote Faden der Liebe, den Paulus hier knüpft, noch ein gutes Stück länger.

„Vergeltet niemand Böses mit Bösem“, schreibt Paulus weiter, „und bemüht euch um ein vorbildliches Verhalten gegenüber jedermann. Wenn es möglich ist und soweit es an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden. Rächt euch nicht selbst, sondern überlasst die Rache dem Zorn Gottes ... Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,17-21)


Gott, der selbst die Liebe ist, schenke euch Fantasie und Kraft, den roten Faden seiner Liebe in euren Alltag einzuweben! Amen.

(c) Volkmar Hamp