Im Alltäglichen das Messianische hören und sehen
Predigt zum 3. Advent 2014 (Matthäus 11,2-6)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

das war sie also mal wieder, die uralte Weihnachtsgeschichte. Aus ungewöhnlicher Perspektive, eben so wie die Füchse von Bethlehem sie erlebt haben könnten, aber mit derselben guten alten Botschaft: „Der Hirte strahlt, fast so wie die Engel. Er hat einen König gesehen. Genau wie wir. Nicht viele Hirten oder Füchse können davon erzählen.“
Weihnachten ist ein Fest des Sehens und des Hörens. Was die Hirten (und die Füchse) damals gesehen haben, waren die Engel und ein Arme-Leute-Kind in einer Krippe in einem Stall. Was sie hörten, war die gute Nachricht, dass dieses Arme-Leute-Kind in der Krippe der Messias, der versprochene Retter, der König der Welt sei.
Um das Hören und das Sehen geht es auch im Predigttext für den heutigen Sonntag. Es ist kein Text aus der Weihnachtsgeschichte, aber doch ein Text, über den in der Weihnachtszeit oft gepredigt wird. Ein Text, der die Weihnachtsbotschaft aus einer weiteren Perspektive erzählt – aus der Perspektive Johannes des Täufers, des Vorläufers und Wegbereiters Jesu (Matthäus 11,2-6):

2 Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 3 und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; 6 und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Da sitzt einer im Gefängnis. Er hat nichts Böses getan. Er hat in der Tradition der alttestamentlichen Propheten sein Volk zur Umkehr aufgerufen. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 3,2) Das war seine Botschaft – ganz ähnlich wie die seines Schülers, Nachfolgers und Prophetenkollegen Jesus von Nazareth.
Und wie dieser hat Johannes der Täufer sich mit seinem Bußruf nicht nur Freunde gemacht. Im Gegenteil. Er hatte mächtige Feinde. Herodes Antipas zum Beispiel, den Sohn Herodes des Großen, jenes Königs, der durch die Weihnachtsgeschichte zu zweifelhaftem Ruhm gekommen ist. Ihn kritisierte Johannes für seinen unmoralischen Lebenswandel (Matthäus 14,4). Und einen Mächtigen wie Herodes Antipas kritisiert man nicht ungestraft!
Der jüdische Historiker Flavius Josephus führt freilich noch einen anderen Grund für die Inhaftierung des Johannes an: Herodes, so schreibt er, fürchtete, „das Ansehen des Mannes, dessen Rat allgemein befolgt zu werden schien, möchte das Volk zum Aufruhr treiben“ (Ant. Jud. 18,5,2).
Derselbe Vorwurf also, der wenig später zur Kreuzigung Jesu führen sollte, hat auch Johannes ins Gefängnis gebracht und kostete ihn schließlich das Leben (Matthäus 14,1-12): ein Aufrührer, ein Unruhestifter, ein unbequemer Zeitgenosse zu sein.
Johannes sitzt also im Gefängnis. Dort hört er von den „Werken Christi“ (Vers 2) und schickt seine Jünger zu Jesus, um ihm die eine Frage zu stellen, die ihm auf der Seele brennt: „Bist du es, der da kommen soll – der Messias, der Retter, der endzeitliche König, mit dem die Gottesherrschaft anbricht – oder sollen wir auf einen andern warten?“
Ausgerechnet Johannes ist sich nicht sicher, zweifelt und stellt alles in Frage, was wir an Weihnachten feiern. Johannes, der es doch eigentlich wissen müsste. Schließlich hat er das Kommen Jesu angekündigt. Er hat die Menschen auf Jesus und seine Botschaft vorbereitet. Er hat Jesus gesehen, mit ihm gesprochen, ihn getauft sogar. Wenn jemand weiß, wer Jesus ist, dann doch wohl er!
Doch jetzt ist ihm alles fraglich geworden. Vielleicht weil er im Gefängnis sitzt und in seiner Existenz bedroht wird, weil er an eine Grenze, an den Rand seines Lebens gekommen ist. „Die Grenze“, sagt der Theologe Paul Tillich, „ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“. In den Grenzsituationen des Lebens stellen wir die wirklich wichtigen Fragen. Und genau da befindet Johannes sich jetzt. Genau da stellt er die eine, alles entscheidende Frage: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Bist du es, der die Welt rettet, der mich rettet, der dafür sorgt, dass alles gut wird – oder ist das nur Wunschdenken, eine Illusion?
Ich weiß nicht, wie euch das geht: Bei mir will in diesem Jahr keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen. Und das liegt nicht am fehlenden Schnee! Es liegt daran, dass in der Welt und um mich herum so vieles in Unordnung ist. Der Inhalt des Weihnachtsfestes, die Botschaft vom Frieden auf Erden und vom Licht in der Finsternis, kann einem schon fraglich werden, wenn man sich umschaut in dieser Welt. Die ist im vergangenen Jahr doch eher weniger friedlich geworden. IS, Boko Haram, Syrien, Israel und Palästina, die Ukraine ... und in Deutschland marschieren Wutbürger gemeinsam mit Hooligans und Neonazis als „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Und schon brennen die ersten Asylbewerberheime! Aber nicht nur die politische Situation ist bedrückend. Nicht wenige von uns haben auch in ihrem privaten Umfeld im vergangenen Jahr Verluste zu beklagen gehabt oder müssen sich mit Leid und Krankheit auseinandersetzen. Da kann manches, was früher klar und sicher schien, ins Wanken geraten. Auch der Glaube. Und das Warten darauf, dass sich alles zum Besseren wendet, fällt manchmal schwer.
Johannes wäre bereit gewesen, noch länger zu warten. Selbst dort im Gefängnis. „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Lieber die Dunkelheit ertragen als einer Illusion von Licht aufsitzen! Nur eine klare Antwort wünscht er sich! Wie schön wäre es, wenn Jesus jetzt einfach zu ihm ins Gefängnis gehen, ihm den Arm um die Schulter legen und sagen würde: „Ja, ich bin’s! Ich bin der Messias, der Retter der Welt. Alles wird gut! Hab keine Angst!“ Doch genau das tut Jesus nicht! Er beantwortet die Frage des Johannes nicht. Jedenfalls nicht so klar und eindeutig, wie der und seine Jünger sich das wohl gewünscht hätten. Er schickt die fragenden Boten nicht mit einer Antwort zurück, sondern mit einer Aufgabe: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht!“ Es ist ein bisschen wie bei kleinen Kindern und ihren Fragen. Manchmal ist die beste Antwort, die wir geben können, eine Gegenfrage: „Was meinst denn du dazu? Was denkst denn du darüber?“ Und dann kommen sie ins Nachdenken, finden eigene Antworten auf ihre Fragen, Antworten, die zu ihnen passen und ihnen weiterhelfen, werden ein Stück selbständiger und eigenständiger. Ganz ähnlich reagiert Jesus in unserer kleinen Geschichte. Er schickt die fragenden Boten zu Johannes zurück. Ihre Frage nach der Wahrheit über den Messias beantwortet er nicht. Er gibt sie an sie zurück. Denn die Antwort auf diese Frage muss jeder und jede für sich selbst finden. Das ist manchmal mühsam. Da muss man aufmerksam sein. Ganz genau hinschauen und hinhören, ob da irgendetwas Messianisches zu sehen und zu hören ist im Umfeld dieses Jesus von Nazareth.
Eine Auslegerin (Bettina Hoy) schreibt dazu: „Jesus lässt die Frage, ob er der Retter der Welt sei, offen und verweist die Fragenden auf das, was sie selbst wahrnehmen ... Er macht sie selbstständig: Zuerst haben sie nur die Frage des Johannes an Jesus übermittelt. Doch jetzt sollen sie selbst hören und sehen. Jetzt sollen sie selbst hinschauen und selbst wahrnehmen und dann das, was sie sehen, mitteilen und weitersagen.“
Dabei lässt Jesus die Jünger des Johannes nicht ziel- und planlos umherirren. Er gibt ihnen einen Hinweis, worauf sie achten sollen. Er legt eine Spur für sie, an der sie sich orientieren können. Er tut dies, indem er sie an die alten Worte ihrer Väter und Mütter im Glauben erinnert und ihnen die Sehnsucht der Propheten in Erinnerung ruft: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Vers 5)
Diese Worte des Propheten Jesaja, die das endzeitliche Heil, den Anbruch der Gottesherrschaft beschreiben, sollen ihnen als Kompass dienen. Wenn sie solches im Umfeld des Jesus von Nazareth sehen und hören, dann wissen sie jetzt, wie das zu verstehen und zu deuten ist. Das menschenfreundliche Handeln und Reden Jesu, seine Zuwendung zu den Menschen – das ist das Zeichen für den Anbruch der Gottesherrschaft, für das Aufscheinen des Messianischen mitten in dieser Welt.
Damals war das ganz wörtlich zu verstehen. Diese Wunder und Zeichen geschahen im Kraftfeld des Messias. Wie Blumen blühten sie entlang des Weges auf, den er ging. Und hier und da geschieht das auch heute noch. Aber wir tun unserem Text ganz sicher keine Gewalt an, wenn wir das, was dort beschrieben wird, auch in einem übertragenen Sinn verstehen, als Symbol für etwas, was hier und heute und jeden Tag geschehen kann, wenn Menschen Jesus begegnen:

  • Einer, der blind war für seine eigenen Bedürfnisse, nimmt sich plötzlich selber wahr und ernst und wird dadurch an Leib und Seele gesund.
  • Eine, die keinen Blick hatte für die Bedürfnisse und Nöte anderer, wird plötzlich aufmerksam und kümmert sich.
  • Andere, die immer wieder wegsahen, wenn Unrecht geschah und anderen Menschen Gewalt angetan wurde, schauen plötzlich hin und ergreifen Partei.
  • Blinde sehen!

  • Einer, der jahrelang träge und lahm in den Tag hinein lebte, findet eine sinnvolle Aufgabe, die ihn erfüllt und anderen dient.
  • Eine, die durch widrige Umstände oder andere Menschen gelähmt und behindert wurde, strampelt sich frei, lebt auf und bewegt nun ihrerseits andere.
  • Einer, der in seinem Denken und Fühlen starr und unbeweglich war, entwickelt Verständnis und Toleranz und fängt an, die Vielfalt zu schätzen.
  • Lahme gehen!

  • Eine, die von allen anderen gemieden wurde, weil sie anders war – nicht so schlau, nicht so schön, nicht so reich – findet Freunde.
  • Einer, der sich selbst ins Abseits manövriert hat durch seine Haltung und sein Verhalten, sieht seinen Irrtum ein und bekommt wieder Anschluss.
  • Andere, die Menschen ausgrenzten und stigmatisierten, weil sie nicht den Idealen der Mehrheit entsprachen, entdecken ihr Herz und öffnen ihre Arme.
  • Aussätzige werden rein!

  • Eine, die taub war für jedes gute und wertschätzende Wort, bis sie sich selbst für wertlos hielt, versteht plötzlich, dass sie eine geliebte Tochter Gottes ist.
  • Einer, der nicht hören konnte oder wollte, wenn andere klagten und weinten, öffnet seine Ohren und sein Herz und fühlt mit.
  • Ein anderer, der seine Ohren verschlossen hatte für jede Kritik und jede Selbstkritik, hört plötzlich hin und denkt über das Gehörte nach.
  • Taube hören!

  • Eine, die sich selbst am Ende wähnte, die keine Hoffnung mehr hatte für ihr eigenes Leben, wagt einen Neuanfang.
  • Einer, der innerlich leer und ausgebrannt war und wie tot vor sich hin lebte, gewinnt neuen Lebensmut.
  • Andere, die wie Zombies, wie lebende Tote jedem Trend hinterherliefen und mehr gelebt wurden als selber lebten, steigen aus und machen ihr Ding.
  • Tote stehen auf!

  • Und Armen wird das Evangelium nicht nur gepredigt, sondern sie erfahren es am eigenen Leib, weil die, die mehr haben, anfangen ihren Reichtum zu teilen!

Das alles sind Zeichen für die Gottesherrschaft, die kommt und schon mitten unter uns lebt. Es sind Spuren des Messianischen mitten in dieser Welt. Die Jünger des Johannes – und wir mit ihnen – sollen lernen, diese Spuren zu lesen und anderen davon zu erzählen. So bekommt Johannes keine theoretische Antwort auf seine Fragen. Er bekommt die Geschichten seiner Schüler. Auf die kann und muss er sich selber einen Reim machen. So finden Menschen zum Glauben an Jesus!
Und ich bin davon überzeugt, dass bei alledem noch etwas anderes geschieht: Wer so mit offenen Augen und Ohren die Welt betrachtet, wer die Gottesherrschaft wachsen hört, leise wie das Gras, aber unaufhaltsam, wer die neue Welt Gottes mitten in unserer alten Welt und im Leben der Menschen entdeckt, der wird unweigerlich anfangen, selbst Spuren des Messianischen zu hinterlassen. Der wird jenen, die sich von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus verblenden lassen, die Augen öffnen. Der wird denen auf die Sprünge helfen, die zu lahm oder zu träge sind, um sich gegen oder für etwas zu engagieren. Der wird sein Herz öffnen für die Ausgegrenzten und seine Ohren für die mundtot gemachten.
„Was erzählen wir uns und anderen? Gerade in der Adventszeit werden gern Geschichten erzählt. Was aus unserem Leben, was aus unserer Wahrnehmung können wir eintragen in die alten Verheißungen, in die alten Sehnsüchte und Träume unserer Väter und Mütter im Glauben? Wo haben wir Gottes Spuren entdeckt in unserem Leben? Gott braucht unsere Antwortversuche auf die Frage nach ihm, unsere Geschichten und unsere durch Jesus inspirierten Lebensversuche.“ (Bettina Hoy) Und wenn uns durch Leid und Sorgen die Botschaft von Weihnachten fraglich wird, was dann? Dann dürfen wir unsere Fragen stellen! Und vielleicht können die Antwortversuche und Geschichten anderer uns helfen, die „Frag-Würdigkeit“ Gottes auch einfach mal auszuhalten. Denn auch das gehört zum Glauben dazu, dass immer etwas offen bleibt, das uns nötigt zum Wiedersagen, Weitersagen, Wiederholen, Verändern und Dranbleiben. Nur diese Offenheit macht uns empfänglich für Überraschungen, für das ganz Andere, das von Gott kommt. Und wenn uns das ärgert? Wenn es uns ärgert, dass alles so offen, so unsicher, so fraglich ist? Wenn es uns ärgert, dass hinter der Krippe schon wieder das Kreuz seine langen Schatten wirft? Dann sind wir zwar nicht selig, denn Jesus sagt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert!“ Aber auch dann gehören wir zu den Armen, denen das Evangelium, die gute Nachricht gilt. Darauf dürfen wir hoffen.
Amen.
(c) Volkmar Hamp