Warten auf die neue Welt, in der Gerechtigkeit regiert
Predigt zum Ewigkeitssonntag 2014 (2. Petrus 3,8-13)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

es kommt selten vor, dass ich die Gelegenheit und das Vergnügen habe, an zwei Sonntagen nacheinander hier die Predigt zu halten. Nachdem ich vor einer Woche für unseren Pastor Peter Jörgensen einspringen musste, stehe ich heute ganz regulär im Predigtplan.
So kommt es, dass ich mich in diesem Jahr intensiv mit den beiden „stillen Sonntagen“ beschäftigen konnte, die das Kirchenjahr beschließen: mit dem Volkstrauertag am vergangenen Sonntag und mit dem Ewigkeitssonntag, den wir heute feiern.
Vor einer Woche ging es um die Reise in das unbekannte Land, auf der wir uns als sterbliche Menschen alle befinden. Und um drei „Gepäckstücke“, die auf dieser Reise vielleicht hilfreich sind: Sehnsucht, Zuversicht und Hoffnung.
Heute geht es um das Ziel unserer Lebensreise, wobei die Meinungen darüber, was uns am Ende des Lebens erwartet, ja durchaus unterschiedlich sind, wie schon der Name für den heutigen Sonntag zeigt: Für die einen ist es der Totensonntag, an dem der Verstorbenen gedacht wird. Und das zu tun, ist richtig und wichtig. Wir brauchen diese Erinnerungskultur, um unsere eigene Sterblichkeit nicht zu vergessen. Als Kirche feiern wir heute den Ewigkeitssonntag. Wir bringen damit den Glauben zum Ausdruck, dass der Tod in unserem Leben nicht das letzte Wort hat. Dass da noch etwas kommt – auch wenn niemand so recht weiß, was das sein wird und wie das gehen soll.
Für die ersten Christen war das keine Frage. Sie erwarteten den unmittelbar bevorstehenden Anbruch der Gottesherrschaft, die Wiederkehr des auferstandenen Christus, mit der die neue Welt Gottes kommen und alles Leiden und Sterben ein Ende haben sollte. Zum Problem wurde diese Naherwartung erst als ihre Erfüllung auf sich warten ließ. Als die ersten Gläubigen starben, ohne dass Jesus wiedergekommen war. Der Anbruch der Gottesherrschaft, so schien es, verzögerte sich. Erste Zweifel machten sich breit.
In diese Situation spricht unser heutiger Predigttext aus dem 2. Petrusbrief (2. Petrus 3,8-13):

8 Eines freilich dürft ihr nicht vergessen, liebe Freunde: Für den Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind für ihn wie ein Tag. (vgl. Psalm 90,4)
9 Es ist also keineswegs so, dass der Herr die Erfüllung seiner Zusage hinauszögert, wie einige denken. Was sie für ein Hinauszögern halten, ist in Wirklichkeit ein Ausdruck seiner Geduld mit euch. Denn er möchte nicht, dass irgendjemand verloren geht; er möchte vielmehr, dass alle ´zu ihm` umkehren.
10 Trotzdem: Der Tag des Herrn wird kommen, und er kommt ´so unerwartet` wie ein Dieb. An jenem Tag wird der Himmel mit gewaltigem Krachen vergehen, die Gestirne werden im Feuer verglühen, und über die Erde und alles, was auf ihr getan wurde, wird das Urteil gesprochen werden.
11 Wenn das alles auf diese Weise vergeht, wie wichtig ist es da, dass ihr ein durch und durch geheiligtes Leben führt, ein Leben in der Ehrfurcht vor Gott!
12 Wartet auf den großen Tag Gottes; verhaltet euch so, dass er bald anbrechen kann! Sein Kommen bedeutet zwar, dass der Himmel in Brand geraten und vergehen wird und dass die Gestirne im Feuer zerschmelzen.
13 Doch wir warten auf den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott versprochen hat (Jesaja 65,17; 66,22; vergleiche Offenbarung 21,1) – ´die neue Welt,` in der Gerechtigkeit regiert (siehe z. B. Jesaja 60,21; 1. Korinther 6,9.10; Offenbarung 21,27; 22,15).


Vor einer Woche lief im Fernsehen ein Dokumentarfilm über den Physiker und Kosmologen Stephen Hawking. In dieser Dokumentation wurden die aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung unseres Universums und sein Schicksal präsentiert.
Das derzeitige Standardmodell der Weltentstehung sieht den Beginn des Universums in einem nahezu punktförmigen Zustand, von dem aus es sich in einer „Urknall“ oder „Big Bang“ genannten Expansion zum heute beobachtbaren Kosmos entwickelte. Und viele Kosmologen gehen davon aus, dass der Kosmos in vielen Milliarden Jahren wieder in sich zusammenfallen und in einem „Big Crunch“, einer Art „umgekehrtem Urknall“, enden und völlig verschwinden wird.
Menschen werden – wenn diese Theorie richtig ist – das Ende des Universums nicht miterleben, so wie sie auch seinen Anfang nicht miterlebt haben. Denn unser Sonnensystem, das vor etwa 4,6 Milliarden Jahren – also lange nach dem Urknall – entstanden ist, hat etwa ein Drittel seiner Lebensdauer hinter sich und wird, wenn die Astrophysiker Recht behalten, schon lange vor dem Untergang des Universums nicht mehr existieren. Uns bleiben höchstens noch weitere acht Milliarden Jahre, sagen sie, und raten der Menschheit, sich möglichst bald nach einem Ersatzplaneten in einer anderen Galaxie umzuschauen, wenn sie darüber hinaus eine Zukunft haben will.
Das könnte auch aus anderen Gründen sinnvoll sein, denn vermutlich haben wir lange vor ihrem natürlichen Ende die Erde zu einem unbewohnbaren Ort gemacht, wenn wir weiter so auf ihr hausen, wie wir das im Augenblick tun. Das Ende der Welt, so wie wir sie kennen, könnte viel näher sein als vermutet.
All dies passt gut zu unserem Text aus dem zweiten Petrusbrief:

„Der Tag des Herrn wird kommen, und er kommt ´so unerwartet` wie ein Dieb. An jenem Tag wird der Himmel mit gewaltigem Krachen vergehen, die Gestirne werden im Feuer verglühen, und über die Erde und alles, was auf ihr getan wurde, wird das Urteil gesprochen werden.“ (Vers 10)

Das Ende der Welt kommt, so oder so. Wann es so weit sein wird, wissen wir nicht, denn es kommt wie ein Dieb in der Nacht. Es kündigt sich nicht an. Es klingelt nicht und klopft nicht an die Tür. Plötzlich ist es einfach da!
Wahrscheinlich für uns hier nicht in den eben beschriebenen kosmischen Dimensionen, sondern schlicht und einfach, weil wir sterben müssen. Alle. Und auch wir wissen nicht, wann und wie das geschehen wird. Alt und lebenssatt oder jung und aus dem Leben gerissen. Wir wissen nur, dass dieser Tag kommen wird. Wie ein Dieb in der Nacht.

Manchen von uns ist diese Erkenntnis im vergangenen Jahr schmerzlich in Erinnerung gerufen worden. Wir haben Angehörige und Freunde verloren. Wir trauern. Da ist es gut, dass es Tage wie diesen Ewigkeitssonntag gibt, die unserer Trauer Zeit und Raum geben.
Darüber hinaus ist der Tod, das Ende der Welt eine Chiffre für alle möglichen Abschiede, die uns im Leben begegnen. Für das Ende von Beziehungen, für den Verlust des Arbeitsplatzes, für Einschränkungen durch Krankheit, Armut und Not. Immer wird dabei eine Welt zerstört. Immer stellt sich die Frage: Was kommt danach?
Die Antwort unseres Predigttextes ist einfach: Der Tag des Herrn! Am Ende stehen nicht Verzweiflung, Leid und Tod, sondern ein Neuanfang. Ein neuer Himmel und eine neue Erde, die neue Welt Gottes (Vers 13). Das ist die Hoffnung, von der wir leben.
Viel wird über dieses Neue, das da kommt, in unserem Text nicht gesagt. Nur dass es kommt und wie es kommt – nämlich unerwartet und überraschend, wie ein Dieb in der Nacht eben. Es gibt in diesem Text nur eine einzige inhaltliche Aussage über die neue Welt, die Gott uns versprochen hat, und das ist diese: In ihr wird Gerechtigkeit herrschen! (Vers 13b)
Gerechtigkeit – das ist die große Sehnsucht, die Menschen zu allen Zeiten bewegt hat und auch heute noch bewegt. Ist es gerecht, dass es den einen gut und den anderen schlecht geht? Ist es gerecht, dass so wenige so viel und so viele so wenig haben? Ist es gerecht, dass die einen hungern und die anderen im Überfluss leben? Ist es gerecht, dass die einen in einem friedlichen und freien Land aufwachsen und andere in Krieg und Unterdrückung hineingeboren werden? Ist es gerecht, dass die einen lange leben dürfen und die anderen früh sterben müssen?
Gerechtigkeit ist eines der großen Themen der Bibel. Das Wort findet sich mehr als 500 Mal im Alten und fast 100 Mal im Neuen Testament.

„Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.“ (Psalm 11,7a)
„Was er tut, das ist herrlich und prächtig, und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich.“ (Psalm 111,3)
„Dein Volk sollen lauter Gerechte sein.“ (Jesaja 60,21a)
„Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ (Sprüche 14,34)
„Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden?“ (1. Korinther 6,9a)


Gerechtigkeit, könnte man sagen, ist das Ziel der Wege Gottes. Gerechtigkeit, sagt unser Text, ist das Ziel der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung. Doch es wäre zynisch, wenn wir Menschen, die unter der Ungerechtigkeit in dieser Welt leiden, nur auf die Gerechtigkeit in der neuen Welt Gottes vertrösten würden.
Der Verfasser des zweiten Petrusbriefes weiß das, und er tut genau das nicht. Denn er sagt auch, was die Hoffnung auf die neue Welt Gottes, in der Gerechtigkeit regiert, mit dem Leben in dieser alten Welt, die von Ungerechtigkeit, Leid und Tod geprägt ist, zu tun hat.

„Wenn das alles auf diese Weise vergeht, wie wichtig ist es da, dass ihr ein durch und durch geheiligtes Leben führt, ein Leben in der Ehrfurcht vor Gott! Wartet auf den großen Tag Gottes; verhaltet euch so, dass er bald anbrechen kann!“ (Vers 11-12a)

Ein durch und durch geheiligtes Leben, ein Leben in der Ehrfurcht vor Gott. Was soll das denn sein? Wie sieht das aus? Darüber könnte man jetzt philosophieren, spekulieren und streiten. Schnell fallen uns moralische Kategorien ein, die wir mit dem Begriff „heilig“ verbinden. Ich möchte euch stattdessen eine Geschichte erzählen:

Ein Kind ging mit seiner Mutter einkaufen. Auf dem Weg zum Markt kamen sie an einer großen Kirche vorbei. Das Kind schaute an der Kirche hoch und sagte: „Mutti, guck mal, die Fenster sind ja ganz schön schmutzig, die sehen aber gar nicht schön aus.“ Die Mutter sagte nichts, sondern nahm ihr Kind an die Hand und ging mit ihm in die Kirche hinein. Hier waren die Fenster, die von außen ganz grau und schmutzig aussahen, plötzlich strahlend bunt und leuchteten in den hellsten Farben. Da staunte das Kind und schaute sich die Fenster genau an. Vorne über dem Altar war ein auffallend schönes Fenster zu sehen – mit vielen Heiligenfiguren. Und durch eine Figur strahlte gerade das helle Licht der Sonne hindurch, so dass diese Figur besonders hell war. Das Kind fragte: „Mutti, wer ist das?“ „Da vorne“, antwortete die Mutter, „das ist ein Heiliger. Der heilige Nikolaus.“ Ein paar Tage später hatte die Klasse des Kindes Religionsunterricht. Plötzlich fragte der Lehrer: „Wer von euch kann mir sagen, was ein Heiliger ist?“ Da war großes Schweigen in der Klasse. Nur unser Kind zeigte auf und sagte: „Ich weiß es! Ein Heiliger ist ein Mensch, durch den das Licht der Sonne scheint.“ (Angelehnt an: „Heilige sind Menschen, durch die die Sonne scheint“ von Heinrich Enge)

Ein Heiliger ist ein Mensch, durch den das Licht der Sonne scheint. Eine Heilige ist eine, durch die etwas vom Wesen Gottes sichtbar wird. Heilige bringen einen Vorgeschmack der neuen Welt Gottes in diese Welt hinein. Und wenn das Hauptkennzeichen von Gottes neuem Himmel und seiner neuen Erde die Gerechtigkeit ist, dann sind Heilige Menschen, die sich nach Gerechtigkeit sehnen und etwas dafür tun, dass es gerechter zugeht auf dieser Welt.
Sie werden dadurch die Welt, in der wir leben, nicht zu einem Paradies machen. Die Kirchenfenster bleiben von außen grau und schmutzig. Es wird weiter Ungerechtigkeiten, Gewalt, Krankheit, Leid und Tod geben. Die endgültige Verwandlung dessen was ist zu dem was sein soll liegt allein in Gottes Händen. Aber das Licht, das von dieser Verwandlung ausgeht, strahlt schon jetzt hinein in diese Welt. Auch wenn das an trüben Novembertagen manchmal schwer zu glauben ist.
Eins meiner Lieblingsgedichte, ein Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke, bringt diesen Glauben, diese Hoffnung, dass am Ende die Dunkelheit nicht über das Licht, der Tod nicht über das Leben siegen wird, zum Ausdruck.

Herbst (Rainer Maria Rilke)
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
(c) Volkmar Hamp