Sehnsucht, Zuversicht und Hoffnung
Zum Volkstrauertag 2014 (2. Korinther 5,1-10)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

heute ist Volkstrauertag. Das ist ein staatlicher Gedenktag, der in Deutschland seit 1952 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres gefeiert wird. Der Volkstrauertag erinnert an die Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft in allen Nationen.
Ich weiß nicht, was ihr mit diesem Tag verbindet, ob ihr überhaupt etwas damit verbindet. In einem Jahr, in dem wir an so viele wichtige Daten der deutschen Geschichte erinnert werden, erhält auch dieser Tag mehr Aufmerksamkeit als sonst. 2014 jährte sich der Beginn der Ersten Weltkriegs zum 100. und der des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Außerdem haben wir uns an 25 Jahre Mauerfall und an die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik vor 65 Jahren erinnert. Gründe zum Trauern und zum Feiern mischen sich in diesem „Super-Gedenkjahr“.
Doch am Volkstrauertag erinnern wir nicht nur Vergangenes. Uns steht auch die gegenwärtige weltpolitische Lage vor Augen: die Gewaltherrschaft des sog. „Islamischen Staates“ im Irak und in Syrien, der Konflikt zwischen Israel und Palästina, die nach wie vor angespannte Lage in der Ukraine und vieles andere ... Wir wissen nicht, wohin all das führen wird in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren.
Aber Sorge und Trauer empfinden wir nicht nur, wenn wir an die große Politik denken. Sie begleiten uns auch in unserem persönlichen Leben. In diesen Tagen trauern wir als Gemeinde mit unserem Pastor Peter Jörgensen und seiner Familie um seine Schwester Kirsten, die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag nach langem Krebsleiden gestorben ist. Und vermutlich hat jeder und jede von uns im Rückblick auf das vergangene Jahr den einen oder anderen größeren oder kleineren Verlust zu betrauern. Bei mir jedenfalls ist das so.
In diese Situation – in öffentliches und persönliches Gedenken, in schöne und schwere Erinnerungen – spricht der Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht im zweiten Brief des Apostel Paulus an die Korinther (2. Korinther 5,1-10):

1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt (unser Körper) abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus (einen neuen, unvergänglichen Leib) im Himmel.
2 Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus (dem Auferstehungsleib) überkleidet zu werden.
3 So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen.
4 Solange wir nämlich in diesem Zelt (dem irdischen Körper) leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde.
5 Gott aber, der uns gerade dazu fähig gemacht hat, er hat uns auch als ersten Anteil den Geist gegeben.
6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind;
7 denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende.
8 Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.
9 Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind.
10 Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.


Es ist ein großes Geheimnis, um das die Gedanken des Paulus hier kreisen: um die Frage nämlich, wie das sein wird, wenn wir sterben; ob es eine Kontinuität gibt zwischen dem irdischen und dem himmlischen Leben; und ob das, was nach dem Tod auf uns wartet, schon jetzt unser Leben prägt und wenn ja, in welcher Weise.
Die Frage, die Paulus nicht stellt, ist die, ob da überhaupt etwas kommt nach dem Tod. Da ist er sich sicher! Das steht für ihn nicht in Frage. Und er braucht auch keine obskuren Nahtoderfahrungen, um das glauben zu können. Schließlich ist er dem auferstandenen Christus begegnet. Das prägt sein Leben und sein Denken.
Trotzdem bleibt das Geheimnis, das den Tod umgibt, bestehen. Auch für uns. Das Leben ist und bleibt eine Reise in ein unbekanntes Land. Und diese Reise beginnt nicht, wenn wir sterben. Sie beginnt, wenn wir geboren werden. Wir sind nun mal sterbliche Wesen, von Anfang an. Dass wir sterben müssen, ist unserem genetischen Code einprogrammiert. Doch sobald uns das bewusst wird, fangen wir an, dieses Wissen zu verdrängen. Der Tod wird tabuisiert. Wir wollen nicht ständig über unsere Endlichkeit nachdenken, und vielleicht sollen und können wir das auch nicht.
Darum ist es gut, dass es diese „Stillen Tage“ im November gibt, die uns – wie die Passionszeit im Frühjahr – daran erinnern, dass wir sterblich sind und dass wir uns auf einer Reise in ein unbekanntes Land befinden. Vielleicht hat Paulus uns ja etwas mitzugeben auf diese Reise!?
Ihr kennt die Frage, die man manchmal gestellt bekommt: Wenn du auf eine einsame Insel reisen müsstest und nur drei Dinge mitnehmen dürftest, welche wären das? So ähnlich möchte ich heut morgen fragen: Welche drei Aspekte, welche „Gepäckstücke“ aus unserem Text wären es wert, auf unsere Reise ins Unbekannte mitgenommen zu werden?
Nun könnte man einwenden, dass das Besondere an dieser Reise doch gerade ist, dass man nichts mitnehmen kann, dass einem alles genommen wird, dass wir uns sogar selbst abhanden kommen, wenn wir sterben. Und das ist richtig. Wir überblicken bestenfalls den Weg bis zu jener letzten Grenze. Dahinter beginnt unbekanntes Terrain. Aber unsere Reise beginnt schon hier, jeden Tag aufs Neue. Darum sollten die drei Gepäckstücke, die wir mitnehmen, auch hier schon nützlich sein und nicht erst drüben auf der anderen Seite der Grenze, die das Leben vom Tod trennt. Mitten im Leben. Nicht erst, wenn es zu Ende geht, nicht erst am Rand des Lebens.


Das erste Gepäckstück, das Paulus uns mitgibt auf unseren Weg, ist die Sehnsucht.

„Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus (dem Auferstehungsleib) überkleidet zu werden.“ (Vers 2)

Wörterbücher definieren Sehnsucht als „inniges Verlangen“, das mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden ist, den Gegenstand der Sehnsucht vielleicht nie zu erreichen. Sehnsucht ist also auf etwas zunächst oder scheinbar Unerreichbares gerichtet. Wenn wir am Ziel all unserer Wünsche ankommen, hören wir auf Sehnsucht zu empfinden.
Paulus erinnert uns daran, dass dies vielleicht kein so erstrebenswerter Zustand ist, wie wir manchmal glauben. Ohne Sehnsucht, ohne den Wunsch nach mehr und anderem entsteht Stillstand. Und Stillstand ist Tod.
Die Sehnsucht hält uns also lebendig. Der Wunsch nach Vollkommenheit, nach dem, was die Bibel „Himmel“, „Reich Gottes“ oder „Ewiges Leben“ nennt, bewirkt eine „heilige Unzufriedenheit“, die uns immer wieder fragen lässt, ob das Leben, das wir leben, wirklich das Leben ist, das wir leben wollen und sollen. Ob es dem entspricht, wie Gott sich unser Leben und Zusammenleben vorstellt.
Die Sehnsucht nach dem „Paradies“, die wir alle in uns tragen, soll aber nicht dahin führen, dass wir uns aus dieser Welt verabschieden, sondern dass wir die Welt, in der wir leben, zu einem besseren, menschenfreundlicheren Ort machen.

„Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm (Gott) zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind.“ (Vers 9)


Das zweite Gepäckstück, das wir aus den Worten des Paulus auf unsere Lebensreise mitnehmen können, ist die Zuversicht.

„Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind.“ (Vers 6)

Zuversicht, Glaube, Vertrauen. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir: Das ist das Grundlegendste und Wichtigste, was Eltern ihren Kindern auf den Weg ins Leben mitgeben können. Vertrauen. Urvertrauen.
Und hier bei Paulus: der Glaube, dass unser Leben am Ende von einer großen Klammer umschlossen wird, vor die Gott selbst ein dickes, fettes Pluszeichen macht. „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ Diesen Satz des Schriftstellers Oscar Wilde hätte Paulus vielleicht auch schreiben können. Das ist sein Auferstehungsglaube!

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Römer 8,28)

Diese Zuversicht zu bewahren, ist nicht immer leicht. Machen wir uns nichts vor! Aber wenn es gelingt, trägt sie uns über alle Höhen und durch alle Tiefen des Lebens. Dass es gelingt, ist und bleibt ein Geschenk Gottes, das wir nur dankbar annehmen können. Das Schwere wird dadurch nicht leichter, aber vielleicht wird es leichter zu ertragen.
“How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard.” – Dieses Zitat aus Winnie-the-Pooh (von A.A. Milne) hat Jenny Jörgensen vorgestern auf Facebook gepostet. „Wie glücklich bin ich, dass ich etwas habe, von dem Abschied zu nehmen mir so schwer fällt!“ – Was für ein Satz mitten in der Trauer um einen geliebten Menschen!

Damit bin ich beim dritten Gepäckstück, das wir aus den Worten des Paulus auf unsere Lebensreise mitnehmen können: bei der Hoffnung. Das Wort selbst kommt in unserem Text zwar nicht vor, wohl aber die Sache:

„Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“ (Vers 10)

Moment mal! Richterstuhl? Wo soll denn da die Hoffnung sein? Über viele Jahrhunderte hinweg hat die Kirche das biblische Wort vom „Gericht Gottes“ zur Unterdrückung von Menschen missbraucht. Wer mit dem „himmlischen Gericht“ drohen kann, sorgt dafür, dass die Schafe in der Herde brav bleiben. So hat die Kirche sich oft selbst zum Richter aufgespielt. Dadurch ist die Hoffnung, die eigentlich in der Gerichtsbotschaft der Bibel liegt, verschüttet worden.
Diese Hoffnung gilt es neu zu heben, und dabei sind mir zwei Dinge wichtig:
Das erste: Wenn Gott der Richter über unser Leben ist, dann können wir aufhören, uns selbst und andere zu richten!

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. „Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders (oder deiner Schwester), aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder (oder deiner Schwester) sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders (oder deiner Schwester) herauszuziehen.“ (Matthäus 7,1-5)

Wer das Richten über andere Menschen Gott überlässt, macht die Welt zu einem freundlicheren, lebenswerteren Ort.
Das heißt nicht, dass wir für unser Zusammenleben keine Regeln brauchen und dass Regelverstöße auch Konsequenzen haben müssen. Aber es heißt, dass wir uns davor hüten sollten, endgültige Urteile zu fällen. Ob ein Leben im Ganzen am Ende vor den Augen Gottes bestehen kann oder nicht – das zu beurteilen steht uns nicht zu. Und das ist gut so!
Das zweite: Weil es Jesus ist, der auf dem Richterstuhl sitzt, brauchen wir uns vor dem Gericht Gottes nicht zu fürchten! „Jeder von uns“, schreibt Paulus, „wird am Ende den Lohn empfangen für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“
Doch die Entscheidung darüber, wie dieser Lohn ausfällt, die liegt allein bei dem, der auf dem Richterstuhl sitzt, bei Christus. Und der hat alles, was des Verurteilens wert gewesen wäre an unserem Leben mit ans Kreuz genommen und uns versöhnt mit Gott.
Der Priester und Dichter Lothar Zenetti hat das einmal in einem Gedicht so beschrieben (vielleicht erinnert ihr euch: Ich habe dieses Gedicht hier schon einmal gelesen). Es heißt:

Nachts geträumt

Nachts kamen sie die stummen Helfer des Todes führten mich aus meinem Haus

Nichts konnte ich mitnehmen ins Grab nicht meine Papiere keine Bücher kein Geld nicht meine Kamera kein Tonbandgerät keine Platten nicht meine Kleider nicht Wäsche noch Schuhe keines meiner guten Werke keinen meiner Fehler keine Erinnerung nichts kannst du mitnehmen in das Gericht du hast nichts in der Hand wenn es gilt

Der große Richter flüstert man neben mir soll Jude sein, ein junger Mann um dreißíg

Ich weiß ich kenne ihn all meine Hoffnung setze ich auf ihn.

(Lothar Zenetti)


Drei Dinge habe ich für die große Reise ins Unbekannte zum Mitnehmen ausgesucht: Sehnsucht nach Leben, nach Vollkommenheit, nach dem, was wir Himmel, Reich Gottes, Paradies oder Ewiges Leben nennen. Zuversicht, dass diese Sehnsucht nicht ins Leere läuft, dass sie bei Gott in guten Händen ist und sich irgendwann erfüllen wird. Ganz sicher! Und Hoffnung, dass dann, wenn es zu Ende geht mit uns, ein gnädiger Richter auf uns wartet, der unser Leben liebevoll betrachtet und nicht den Stab uns bricht.
Ich weiß nicht, ob ich diese Gepäckstücke wirklich dabei haben werde, wenn ich an die letzte Grenze komme. Vielleicht bleibt das ein frommer Wunsch, und am Ende stehen Angst, Leid und Schmerz. Aber ich weiß – nein: ich glaube, ich hoffe –, dass jenseits der Grenze jemand auf mich wartet, mich in die Arme nimmt und mir zuflüstert: Alles gut. Jetzt ist alles gut! Amen.

(c) Volkmar Hamp

Die Idee mit den „Gepäckstücken“ verdanke ich: Gerd Theißen, Die offene Tür. Biblische Variationen zu Predigttexten. München 1990, 160ff.