David und Batseba (2. Samuel 11-12)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

ich oute mich heute hier als Fan von „Game of Thrones“. Ich lese diese unfassbar dicken Fantasy-Bücher von George Richard Raymond Martin. Und ich gucke die amerikanische Fernsehserie, die diese Bücher in mehreren Staffeln verfilmt. Die Geschichte spielt in einer fiktiven Welt, die dem mittelalterlichen Europa ähnelt. Verwirrend viele Figuren kommen darin vor, die nicht immer ganz eindeutig gut oder böse sind. Politik und Macht, Gesellschaft und Religion, Liebe und Gewalt – das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen und Emotionen!
Als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag las, musste ich an diese Geschichte denken. Das, was in diesem Text erzählt wird, könnte eine Episode aus dem „Spiel“ um den Eisernen Thron von Westeros sein. Es ist aber ein Ausschnitt aus dem Kampf um die Thronfolge König Davids im 2. Samuel- und 1. Königebuch des Alten Testaments (2. Samuel 9-20 / 1. Könige 1-2), nachzulesen in 2. Samuel 11 und 12.
Die handelnden Personen sind: David, der große und berühmte König Israels, auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der Heerführer Joab, der seinem König bedingungslos ergeben und gehorsam ist. Batseba, die schöne Frau von Gegenüber, von der man nicht weiß, ob sie nur ein Spielball der Mächtigen ist oder ihre eigenen Pläne hat. Ihr Mann Uria, der Hetiter, ein tragischer Held. Und natürlich Nathan, der Prophet.
David also! Nur wenige Gestalten in der Bibel werden so genau beschrieben wie er. Unverschämt gut sieht er aus, hat einen beneidenswerten Körper und eine besondere Ausstrahlung. Sein Leben lang ist er ein Liebhaber der Frauen, so vieler, dass er wohl manchmal den Überblick verliert. Gar nicht zu reden von seinen vielen Söhnen und Töchtern.
Dass ein Mann, ein König sowieso, mehrere Frauen hatte, war vor 3.000 Jahren nichts Besonderes. Aber David hat auch einiges zu bieten: Nicht nur, dass er aussieht wie ein Filmstar, er spielt Harfe und einige andere Instrumente, er tanzt, komponiert und dichtet. Und auch wenn er heute nicht mehr als Verfasser aller Psalmen gilt, die ihm zugeschrieben wurden, sein Ansehen ist groß genug, ihm solche Dichtung zuzutrauen.
David ist der jüngste Spross einer Familie aus Bethlehem, ein kluger und talentierter Hitzkopf. Er kommt an den Hof Sauls, des ersten Königs von Israel, und wird dessen persönlicher Schildträger. Ständig gibt es Krieg im Land. Irgendeiner der vielen Stämme liegt immer mit einem anderen im Clinch. Und David wird schnell ein beliebter Truppenführer, der von einem Sieg zum anderen eilt. „Saul hat tausend Mann erschlagen“, singen die Leute, „David aber zehnmal tausend.“ (1. Samuel 18,7)
König Saul neidet dem jungen David seinen Erfolg. Er glaubt, dass David ihm gefährlich werden kann. Da macht sich der junge Mann selbständig. Er streitet nicht mehr für Saul, sondern auf eigene Rechnung. Mit einem verwegenen Haufen gescheiterter Existenzen führt er das Leben eines Gesetzlosen. Er plündert ganze Landstriche und wird reich dabei. Rasch entwickelt er sich vom Wegelagerer zum militärischen und politischen Führer, der seine Feinde gnadenlos unterwirft. Und eines Tages wird er wirklich als Sauls Nachfolger König von Israel, so wie es ihm Jahre zuvor vom Propheten Samuel angekündigt worden war.
Und weil David nicht nur furchtlos und rachedurstig, sondern auch klug und listig ist, eint er die zerstrittenen Stämme und schafft so ein Königreich, das über seinen Tod hinaus die Nachbarvölker beherrscht. Vierzig Jahre lang lenkt er die Geschicke Israels. Krieg und Rebellion, Intrigen und Verrat überlebt er. Aber nun ist Frieden, und der alte König in Jerusalem auf der Höhe seiner politischen Macht.
Frieden? Naja, an den Rändern des Reiches gibt es immer wieder Unruhen und kleinere Scharmützel. Diesmal sind es die Ammoniter im Osten, die den Aufstand wagen. Doch David zieht schon lange nicht mehr selber in den Krieg. Er schickt seinen Heerführer Joab. Der wird die Sache schon richten! Derweil genießt David in der Hauptstadt Jerusalem das süße Leben eines Königs.
Und hier kommt Batseba ins Spiel. Ihr Name bedeutet „Tochter der Fülle“. Und tatsächlich: Auch sie hat einiges zu bieten, vor allem einen schönen Körper! Als David sie vom Dach seines Palastes aus in der Nachbarschaft baden sieht, ist es um ihn geschehen. Diese Frau muss er haben! Und er kann sie haben. Schließlich ist er der König! Obwohl er erfährt, dass Batseba verheiratet ist – mit Uria, einem Hetiter, der just zu dieser Zeit als Söldner in des Königs Diensten gegen die Ammoniter kämpft –, lässt er sie holen und schläft mit ihr.
Lust oder Liebe? Der Text schweigt sich aus darüber. Auch die Frage nach einer eventuellen Mitschuld Batsebas an diesem Ehebruch wird nicht gestellt. Die nimmt dafür in vielen Kommentaren und Nacherzählungen zu dieser Geschichte einen großen Raum ein. Und in den Bildern, die im Laufe der Jahrhunderte dazu gemalt worden sind. Bot sich hier doch für die Maler die Gelegenheit, einen Bibeltext zum Vorwand zu nehmen, um verführerische, nackte Frauen zu malen!
Hat Batseba mit Absicht dort im Freien gebadet, damit der König sie sehen konnte? Hat sie das Ganze geplant? Wollte sie David verführen?
Sicher ist: Später, als sie mit David verheiratet war, hat sie alles dafür getan, ihrem Sohn die Thronfolge zu sichern. Gegen Davids Ältesten, den er mit einer anderen Frau gezeugt hatte, setzt sie den Jüngeren, Salomo, als Thronerbe durch. Spätestens hier erweist sie sich als energische und konsequente Strippenzieherin. Unter allen Frauen Davids genoss sie besonderes Ansehen und verfügte in späteren Jahren als Königinmutter über großen Einfluss am Hof.
Doch diese spätere Entwicklung darf man nicht in den Anfang der Geschichte von David und Batseba zurück projizieren! Hier ist nichts von alledem angedeutet oder erzählt. David sieht Batseba und will sie haben. Er nutzt seine Stellung als König aus, um sich über Recht und Gesetz hinwegzusetzen.
Hier geht es nicht um eine Beziehung auf Augenhöhe, sondern um Macht und Machtmissbrauch. Und wenn in der Auslegungsgeschichte dieses Textes immer wieder nach der Schuld Batsebas gesucht wird, dann geschieht hier etwas, das auch heute noch in vielen Diskussionen über Gewalt gegen Frauen immer wieder passiert:
Ein Mann vergewaltigt eine Frau – und hinterher wird argumentiert, sie sei doch selber schuld oder zumindest mitschuldig daran. Sie habe durch ihr Aussehen oder durch ihr Verhalten den gewalttätigen Übergriff provoziert. Das ist Unsinn! Selbst wenn es so wäre, wenn eine Frau in verführerischer Kleidung oder nackt über den Alexanderplatz liefe, sie hätte trotzdem ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, und kein Mann der Welt dürfte über sie herfallen! Und so thematisiert unsere Geschichte auch an keiner Stelle eine Mitschuld Batsebas an dem, was geschieht.
Dabei wäre es so leicht gewesen, ihr die Verantwortung für Davids Fehltritt in die Schuhe zu schieben. Doch so leicht macht es sich der Verfasser dieser Geschichte nicht.
Die Affäre des Königs mit der Frau des Hetiters bleibt nicht folgenlos. Batseba wird schwanger. Und erst jetzt beginnt das eigentliche Drama! Anstatt sich den Folgen seines Fehltritts zu stellen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, versucht David, das Ganze zu vertuschen. Doch all seine Verschleierungsversuche schlagen fehl. Uria nutzt den eilig anberaumten, kurzen Fronturlaub nicht, um – wie gehofft – mit seiner Frau zu schlafen. Selbst im volltrunkenen Zustand ist er noch so weit Herr seiner Sinne und loyaler Soldat, dass er die Nacht nicht zu Hause verbringt, sondern draußen vor der Stadt bei seinen Kameraden. Davids Chance, Uria das ungeborene Kind als sein eigenes unterzuschieben, ist vertan.
Da ändert David seine Strategie! Weil die elegante Lösung des Problems erfolglos bleibt, muss ein Plan B her. Geradezu zynisch liest es sich, wie David Uria selbst zum Boten dieses Plans macht. Er gibt dem Hetiter einen Brief an seinen Feldherrn Joab mit, in dem dieser aufgefordert wird, bei nächster Gelegenheit möglichst unauffällig für das Ableben Urias zu sorgen.
Und diese Gelegenheit lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich herrscht Krieg an der Ostfront. Der fiese Plan geht auf, Uria stirbt, und David quittiert die Nachricht vom Erfolg seiner Intrige mit einem teilnahmslosen Schulterzucken. „Das Schwert frisst bald diesen, bald jenen“, sagt er (2. Samuel 11,25). So what!?
Nun ist der Weg frei, das Kind, das Batseba erwartet, auf andere Weise zu legitimieren. Von schlechtem Gewissen keine Spur! Die Form ist gewahrt, das Verbrechen vertuscht. Nach der vorgeschriebenen Trauerzeit nimmt David Batseba zur Frau und macht sie zu einer seiner Königinnen. Wenig später wird ihr Kind geboren.
Wie viele Geschichten dieser Art, könnte auch diese Geschichte hier enden. Und wenn das Ganze eine Episode aus „Game of Thrones“ wäre, vielleicht würde sie hier enden. Aber das geschieht nicht! Denn jetzt kommt Gott ins Spiel. „Ihm missfiel die Tat, die David getan hatte“, heißt in 2. Samuel 11,27. Und er schickt seinen Propheten Nathan zu David, um diesen mit seiner Schuld zu konfrontieren.
Jetzt wird es spannend! Nathan begibt sich auf ganz dünnes Eis, wenn er dem König sein Fehlverhalten vorwirft. Darum ist die Art, wie er das tut, ein Musterbeispiel prophetischer Diplomatie! Der Prophet konfrontiert David nicht direkt mit seiner Schuld. Er erzählt ihm eine Geschichte und bringt ihn so dazu, sich selbst das Urteil zu sprechen. Dabei thematisiert Nathan nicht das unschickliche Verhalten Batsebas. Er redet nicht über den leicht zu reizenden und unkontrollierbaren männlichen Sexualtrieb. Er redet überhaupt nicht von Untreue und Sex. Ihm geht es nicht um Reinheit und Moral in sexueller Hinsicht. Ihm geht es um etwas ganz anderes.
Nathan redet über arm und reich. Er redet über Macht! Er erzählt dem König die Geschichte von der Habgier eines reichen Mannes, der mit niemandem teilen will. Darum nimmt er das einzige Lamm seines armen Nachbarn und schlachtet es, als er eines Tages einen Gast bewirten muss.
Um zu beschreiben, worum es bei dem sexuellen Übergriff Davids eigentlich ging, erzählt Nathan von einem, der seinen eigenen Willen zum Gesetz macht, weil er weiß, dass er stärker und mächtiger ist als sein Gegenüber. Das ist Davids Sünde! Hier liegt seine eigentliche Schuld!
Und weil es immer leichter ist, den Splitter im Auge eines anderen zu sehen als den Balken im eigenen Auge (Matthäus 7,3), empört David sich über das Verhalten des reichen Mannes und würde ihn am liebsten zum Tode verurteilen. Dass er sich damit selbst das Urteil spricht, merkt er nicht. Das muss Nathan, der Prophet, ihm erst erklären.
Ohne Umschweife sagt er es ihm auf den Kopf zu: „Du bist der Mann!“ (2. Samuel 12,7). „Du hast deine Macht missbraucht, um deine eigensüchtigen Wünsche zu befriedigen. Und Gott wird dich dafür strafen! So wie du Uria, den Hetiter, umgebracht und seine Frau genommen hast, so wird man dir deine Frauen nehmen, und das Schwert wird über dein Haus kommen.“ (2. Samuel 12,9-11) „Auge um Auge – Zahn um Zahn!“ (Exodus 21,23-25) Weil es Gott gibt und weil Gott gerecht ist, gilt dieser Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, zwischen Schuld und Strafe auch für den König!
Auch hier könnte unsere Geschichte enden: mit der Genugtuung über die Strafe, die David für seine Schuld auf sich nehmen muss. Aber diese Geschichte steht nicht in einem Fantasy-Roman, sie steht in der Bibel. Darum endet sie auch an dieser Stelle nicht, sondern geht weiter.
David nämlich erkennt und bekennt seine Schuld. „Ich habe gegen den Ewigen gesündigt“, sagt er (2. Samuel 12,13). Nur diesen einen Satz. Kein Entschuldigen und Herumlavieren. Keine Geschwafel über „mildernde Umstände“ und „männliche Schwäche“. David übernimmt die Verantwortung für das, was er getan hat. Er versucht nicht, Batseba die Schuld in die Schuhe zu schieben. Er lässt nicht Joab den Kopf hinhalten für den Mord an Uria. David gibt zu, mit klarem Verstand und willentlich gegen die Gesetze Gottes und der Menschlichkeit gehandelt zu haben. Er bekennt seine Schuld: „Ich habe gegen den Ewigen gesündigt.“ (2. Samuel 12,13)
Vielleicht ist das der schwierigste, aber auch der wichtigste Schritt, den wir hin und wieder im Leben tun müssen: falsches Verhalten einzugestehen, uns nicht hinter anderen zu verstecken und nicht nach einem Sündenbock für eigenes Versagen zu suchen. Vielleicht liegt in diesem Eingeständnis die Chance, frei zu werden von der Last und Schuld der Vergangenheit und neu zu beginnen, so wie David dies in dieser Geschichte tut.
Denn das ist das Besondere, dass seine Geschichte von allen „Game of Thrones“-Episoden unterscheidet: David erfährt Vergebung! Als er sein Fehlverhalten eingesteht, lässt Nathan ihn wissen: „Der Ewige hat deine Sünde weggenommen. Du musst nicht sterben.“ (2. Samuel 12,13)
Das Tempo, mit dem David hier die Vergebung seiner Schuld zugesprochen wird, ist atemberaubend! Geht das wirklich so schnell, fragt man sich? Muss er nicht vorher irgendetwas tun dafür? Kommt er durch diesen unmittelbaren Zuspruch der Vergebung nicht viel zu gut und unbeschadet weg?
Aus menschlicher Perspektive betrachtet, scheint das so zu sein. Aus Gottes Perspektive offensichtlich nicht. In Sachen Vergebung ist Gott viel radikaler mit uns als wir das mit uns selbst und miteinander sind. Seine Vergebung kennt auch da keine Grenzen, wo wir uns selbst und anderen kaum vergeben können.
In dem Moment, in dem David eingesteht, dass er Schuld auf sich geladen hat, spricht Gott ihn schon von dieser Schuld frei. Da ist kein Platz für die selbstquälerische oder selbstmitleidige Faszination, mit der wir oft auf unsere eigenen Fehler starren. Da gibt es auch kein deprimiertes „So bin ich nun mal!“, mit dem wir uns oft selber rechtfertigen, um nichts an unserem Verhalten ändern zu müssen. Und da ist kein Platz für die Schuldgefühle, die wir manchmal monate- oder jahrelang mit uns herumtragen, um uns selbst zu bestrafen. Weil David sein Unrecht benennt und sich davon abkehrt, kann er neu beginnen, kann Gott neu mit ihm beginnen!
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille, denn Vergebung von Schuld macht deren Folgen ja nicht ungeschehen! So wie jedes Vergehen eine Vorgeschichte hat, hat es auch eine Nachgeschichte. Batsebas Ehe mit Uria ist zerstört. Uria ist tot und wird durch Davids Sündenbekenntnis nicht wieder lebendig. Davids Taten haben bleibende Konsequenzen. Die Gewalt, die er geübt hat, führt zu Misstrauen am Königshof. Sie hat politische Unruhen zur Folge, die bis in Davids eigene Familie reichen. Der König hat eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die er nicht mehr aufhalten kann und die im Aufstand seines eigenen Sohnes Absalom gipfelt, der sich sogar an Davids Frauen vergreifen wird.
Unsere Geschichte unterscheidet also zwischen zwei Ebenen: zwischen der Wiederherstellung der Gottesbeziehung Davids einerseits und dem bleibenden Unheil, das durch ihn in die Welt gesetzt wurde, andererseits. Eine Auslegerin (Dr. Klara Butting) schreibt dazu:
„Wenn David seine Sünden vergeben werden, tilgt das nicht seine Schuld. Die Vergebung der Sünden löst ihn aus der zwanghaften Verstrickung in seine Untaten. David ist nicht festgelegt auf das, was er einmal getan hat. Er wird handlungsfähig, und kann auch erneut auf Gottes Unterstützung hoffen. Neues Leben wird möglich. Doch die Schuld ist damit nicht beseitigt. Die Schuld, die durch Gewalt und Zerstörung entstanden ist, wird durch die Vergebung der Sünden, die die Täter erbitten, nicht aus der Welt geschafft.
Denn die Vergebung, die Gott gewährt, tilgt nicht die Verletzungen, die anderen Menschen zugefügt wurden. Im Gegenteil. Wenn Gott einem Menschen seine Sünde vergibt, befähigt er ihn dazu, mit der Zerstörung von Gemeinschaft, die seine Untaten bewirkt haben, als seiner Schuld verantwortlich umzugehen. Gott ermöglicht dem Täter die Folgen seiner Untat als seine Verantwortung anzunehmen und daran zu arbeiten, damit Heilung geschieht.
Denn Mühe und Arbeit ist nötig, bis wieder Frieden und Heilung in die durch Gewalt zerstörte persönliche oder politische Situation einkehrt. Auch wenn der Täter bereut und umkehrt, kann es Jahre dauern, bis die Opfer geheilt werden von den Schäden an Körper und Seele. Gottes Vergebung macht die hierfür notwendige Arbeit und Mühe möglich.“

Das Kind, das David mit Batseba gezeugt hat, stirbt. Der Verfasser der Samuelbücher sieht hier – für uns schwer nachvollziehbar – einen direkten Zusammenhang mit Davids Verfehlung. Er gewinnt so dem unsinnigen Tod dieses unschuldigen Kindes einen Sinn ab.
Verstehen lässt sich das nur, wenn man sich vor Augen hält, dass Kinder in der Bibel immer auch Bilder und Symbole für eine gute, heilvolle Zukunft sind. Wenn dieses Kind stirbt, dann heißt das übersetzt, dass David und Batseba vorerst keine gute Zukunft miteinander haben werden.
Anders ausgedrückt: Batseba wird nicht unter Druck gesetzt, David zu vergeben, weil Gott ihm vergeben hat! „Es wird lange dauern, bis Batsebas Trauer und Verletztheit heilen kann. Es wird lange dauern, bis zwischen David und Batseba Erfahrungen des Friedens möglich sind.“ (Dr. Klara Butting)
Heilungsprozesse brauchen eben Zeit und Raum. Wer an Unrecht oder Gewalt beteiligt war, kann im Aussprechen seiner Schuld vor Gott Vergebung suchen und finden. Er kann ein neues Leben beginnen und – wenn es gut läuft – versuchen, an der Heilung der verschuldeten Verletzungen mitzuarbeiten. Einen Anspruch auf die Vergebung seiner Opfer hat er nicht. Vergebung ist nicht einklagbar!
Erst Jahre später bringt Batseba erneut ein Kind zur Welt. Sie nennt es Salomo. In diesem Namen steckt das hebräische Wort für Frieden: Schalom. Am Ende – so scheint es – haben David und Batseba ihren Frieden miteinander gemacht.
Ein Bild von Marc Chagall bringt das sehr schön zum Ausdruck.

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Es ist ein Doppelportrait der beiden biblischen Gestalten. David und Batseba schauen nicht in dieselbe Richtung, aber sie schauen – jeder für sich – nach vorn. Sie sind eigenständige Persönlichkeiten, doch sie gehören zusammen. Sie haben ihren je eigenen Blick auf die Dinge und sind doch irgendwie eins. Die Vergangenheit ist noch gegenwärtig – der tote Uria, das Blut an Davids Händen –, aber sie beginnt zu verblassen. Sie verliert an Gewicht, weil der Engel der Liebe und der Vergebung lächelnd über ihnen schwebt!
Der 51. Psalm, den David nach seiner Begegnung mit dem Propheten Nathan geschrieben haben soll, drückt die Hoffnung, dass es auch nach Schuld und Versagen Neuanfänge und Glück geben könnte, so aus (Psalm 51,12-15):

„Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
und mit einem willigen Geist rüste mich aus.
Ich will die Übertreter deine Wege lehren,
dass sich die Sünder zu dir bekehren.“

Auch wenn Davids Gotteslob nach all seinen Erfahrungen mit sich selbst, mit Lust und Liebe, mit Macht und Machtmissbrauch, mit Schuld und Vergebung, nur ein sehr verletzliches, ein „gebrochenes Halleluja“ sein kann – es ist und bleibt doch ein Halleluja, das heißt ein: „Gelobt sei Gott“.
Und ganz sicher ist es kein Zufall, dass David und Batseba an prominenter Stelle im Stammbaum Jesu auftauchen (Matthäus 1,6). Denn als Christen glauben wir, dass mit dem Kommen Jesu in diese Welt eine ganz neue Qualität von Vergebung und Versöhnung möglich geworden ist.
Es wäre sicher spannend, darüber nachzudenken, was das zum Beispiel für unsere Haltung als Christen zu den aktuellen Konflikten in Palästina, Syrien oder in der Ukraine bedeutet. Dafür reicht die Zeit heut morgen nicht. Aber vielleicht denkt ihr bei dem „gebrochenen Halleluja“, das gleich gesungen wird, darüber nach, was die Geschichte von David und Batseba für euer Leben bedeuten könnte. Zum Schluss eine Bitte (über die ihr auch nachdenken könnt):

Bitte

Schlage mich wie einen Nagel in Gott,
dass die Mauer nicht bröckelt,
wenn du an mich deine Liebe hängst.

(Christina Busta)


Lied:
„Halleluja“ von Leonard Cohen (in der Version von Jeff Buckley)


Literatur:
Siegfried Theiss, „Stier-Mann“ und „Tochter der Fülle“. Perspektiven zu David und Batseba. In: Gabriele Miller / Franz W. Niehl (Hrsg.), Von Batseba – und andere Geschichten. Biblische Texte spannend ausgelegt. Kösel-Verlag München 1996, Seite 75-89.
Dr. Klara Butting, Über den verantwortlichen Umgang mit der Schuld. Andacht über 2. Samuel 12,1-14 (Manuskript).

(c) Volkmar Hamp