Beten - Lieben - Füreinander da sein
(1. Petrus 4,7-11)


Wir leben in einer anstrengenden Zeit. Die Konfliktherde rund um den Globus kommen nicht zur Ruhe. Jeden Tag erreichen uns neue Bilder von Leid und Tod – aus dem Irak, aus Syrien, aus dem Gazastreifen, aus der Ukraine. In Westafrika breitet sich der Ebola-Virus weiter aus. An einem Ort brennen die Wälder, weil es zu trocken ist – woanders gibt es Überschwemmungen, weil es nicht aufhört zu regnen. Wir hier in Deutschland haben es noch vergleichsweise gut, aber um uns herum – so scheint es – liegt die Welt in Scherben.
Ob dieser Eindruck stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht kommt er nur dadurch zustande, dass wir – durch Fernsehen und Internet – viel mehr mitbekommen von dem, was in der Welt um uns herum geschieht. Vielleicht war es früher auch nicht besser, man hat es nur nicht immer gleich gewusst. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren beiden Weltkriegen war ganz sicher auch eine anstrengende Zeit. Und vermutlich gilt das für alle Jahrhunderte davor auf die eine oder andere Weise ebenfalls.
Das Leben kann nun mal anstrengend sein. Nicht nur, wenn man die großen, weltpolitischen Zusammenhänge betrachtet, sondern auch, wenn man sein eigenes, kleines Leben in den Blick nimmt. Da gibt es Krankheit und Tod in der Familie. Da gibt es Streit und Trennung in Beziehungen. Da gibt es Ärger und Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule. Da gibt es die Sorge um das liebe Geld, Probleme mit Nachbarn und Konflikte in Gemeinden.
Das Leben ist anstrengend – so oder so! Und die Strategien, damit umzugehen, sind vielfältig. Man kann versuchen, alles Leiden und alles Böse zu ignorieren, sich so lange wie möglich auf eine Insel der Seligen zu flüchten und es sich darauf – so gut es eben geht – gut gehen zu lassen. Man kann versuchen, dem Leiden und dem Bösen einen Sinn abzuringen. „Für irgendetwas wird es schon gut sein! Irgendwie bringt es mich weiter!“ Aber redet man sich das Schlimme dadurch vielleicht nur schön? Man kann auch versuchen, dem Leiden und dem Bösen etwas entgegen zu setzen, sich an der einen oder anderen Stelle zu engagieren, damit es hier oder da wenigstens ein bisschen besser wird auf dieser Welt. Aber oft ist das nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Anstrengend war das Leben der ersten Christen auch. Als religiöse Minderheit in einer von anderen Religionen geprägten Kultur und Gesellschaft hatten sie es nicht leicht. Was vielen Christen in den ersten Jahrhunderten dabei geholfen hat, war die Hoffnung auf das unmittelbar bevorstehende Anbrechen der Gottesherrschaft. Jesus, der das Reich Gottes als „nahe herbeigekommen“, ja, als „schon angebrochen“ verkündigt hatte, war doch auferstanden und zu seinem Vater im Himmel zurückgekehrt. Von dort, so glaubte man, würde er schon bald wiederkommen – und mit ihm die neue Welt Gottes, in der es kein Leid, keinen Tod, keinen Krieg und kein Geschrei mehr geben würde.
Einer, der aus dieser „Naherwartung“ seine Kraft schöpfte und mit ihr den jungen Christengemeinden Mut machen wollte, war der Verfasser des ersten Petrusbriefes. In der Tradition des Jesusnachfolgers Petrus und des Apostel Paulus schrieb er um 90 n. Chr. seinen Brief an die Gemeinden in Kleinasien. Hier war der unversöhnliche Gegensatz zwischen dem Christentum und der römischen Religion immer deutlicher geworden. Christen nahmen kaum noch am öffentlichen Leben teil, denn alle staatlichen Feiern waren immer auch Feiern zu Ehren der römischen Götter, bei denen sie aufgrund ihres Glaubens an den einen Gott nicht mitmachen konnten. Christen verzichteten auf Beamtenstellen und auf den Dienst im Militär, um nicht zur Teilnahme an heidnischen Kulten gezwungen zu sein. Und weil sie sich weigerten, dem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, wie dies im römischen Reich üblich war, galten sie vielen als Staatsfeinde, ja sogar als Verächter der Religion, da sie die religiösen Vorstellungen und Gebräuche der anderen nicht teilten.
Nichtchristen, die in jenen Anfangsjahren vom christlichen Gottesdienst ausgeschlossen waren, erschienen die Versammlungen dieser neuen Religion geheimnisvoll und verdächtig. Christen wurden alles Bösen für fähig gehalten. Verleumdungen, Schikanen und Gehässigkeiten waren an der Tagesordnung. Und hin und wieder entlud sich das Misstrauen der etablierten Religionen in regelrechten Christenverfolgungen, bei denen Menschen ihr Hab und Gut verloren oder sogar zu Tode kamen.
In dieser bedrängten Situation galt es, die Bedrohten in ihrem Glauben zu stärken und ihnen Trost und Mut zuzusprechen. Das tut der Verfasser des ersten Petrusbriefes. Er tut es, indem er seinen Lesern zum einen vor Augen führt, dass zu erwarten war, dass sie unter Nichtchristen mit ihrem Glauben und ihrer Lebensführung Anstoß erregen. Es ist Teil ihrer christlichen Existenz. Und er tut es zum anderen, indem er ihnen zuspricht, dass gerade das Leiden um Christi willen zur Hoffnung auf die neue Welt Gottes berechtigt.
Nun ist unsere Situation nicht mit der Situation der kleinasiatischen Christen im ersten Jahrhundert nach Christus vergleichbar. Bei allem, was unser Leben anstrengend macht, wir werden nicht wegen unseres Glaubens an Christus verfolgt. Anderen Christen – im Irak, in Indien oder Nordkorea – geht es da anders. Darum sollten wir vorsichtig sein, das, was im ersten Petrusbrief über christliche Existenz unter schwierigen Bedingungen gesagt wird, allzu schnell auf uns und unser Leben, auf unsere Fragen und Probleme zu übertragen. Aber vielleicht hat das, was hier darüber gesagt wird, worauf es im Blick auf die bevorstehende Zukunft Gottes im Leben wirklich ankommt, auch uns etwas zu sagen – unabhängig davon, wie nah oder fern diese Zukunft uns gerade erscheint!? Ich lese aus 1. Petrus 4,7-11 den Predigttext für den heutigen Sonntag (NGÜ):

7 Die Zeit, in der alles zu seinem Ziel kommt, steht nahe bevor. Seid daher wachsam und besonnen und lasst euch durch nichts vom Beten abhalten.
8 Vor allem aber bringt einander eine tiefe und herzliche Liebe entgegen, denn „die Liebe“, so sagt uns die Schrift, „deckt viele Sünden zu“ (Sprüche 10,12).
9 Seid gastfreundlich gegenüber euren Geschwistern; nehmt sie gern und ohne zu murren auf.
10 Jeder soll den anderen mit der Gabe dienen, die er von Gott bekommen hat. Wenn ihr das tut, erweist ihr euch als gute Verwalter der Gnade, die Gott uns in so vielfältiger Weise schenkt.
11 Redet jemand im Auftrag Gottes, dann soll er sich bewusst sein, dass es Gottes Worte sind, die er weitergibt. Übt jemand einen praktischen Dienst aus, soll er die Kraft in Anspruch nehmen, die Gott ihm dafür gibt. Jede einzelne Gabe soll mit der Hilfe von Jesus Christus so eingesetzt werden, dass Gott geehrt wird. Ihm gehören der Ruhm und die Macht für immer und ewig. Amen.


Beten – Lieben – Füreinander da sein. Das ist der Dreiklang, den der Verfasser des ersten Petrusbriefes in diesen Versen anschlägt. Beten – Lieben – Füreinander da sein. Das ist seine Zusammenfassung dessen, was das Leben einzelner Christen und das Leben von Gemeinden im Horizont der anbrechenden Gottesherrschaft prägen soll. Beten – Lieben – Füreinander da sein.

„Die Zeit, in der alles zu seinem Ziel kommt, steht nahe bevor. Seid daher wachsam und besonnen und lasst euch durch nichts vom Beten abhalten.“ (Vers 7)

Mit diesen Worten beginnt unser Text. In anderer Übersetzung:

„Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet!“ (Luther)

Besonnenheit und Nüchternheit – vielleicht wären das nicht die Dinge, die uns als erstes zum Thema Beten in den Sinn kämen! Doch der Verfasser des ersten Petrusbriefes verknüpft diese Begriffe mit dem Gebet. Im Blick auf das Ende aller Dinge und damit auf das, was wirklich zählt im Leben, sind Besonnenheit und Nüchternheit gefragt – auch und gerade beim Beten.
Ich möchte das am Beispiel des Vaterunser erläutern, des vielleicht wichtigsten Gebets der Christenheit, das auch wir in den meisten unserer Gottesdienste miteinander beten.
Olaf Kormannshaus, Lehrer für Praktische Theologie am Theologischen Seminar unserer Kirche in Elstal, nennt das Vaterunser „ein Gebet gegen uns selbst“ (vgl. zum Folgenden Kormannshaus 127f). „Wer betet“, sagt er, „anerkennt die Grenzen eigener Macht, Weisheit und Bedeutung.“ Jedes im Sinne Jesu gesprochene Gebet sei bereits in der Anrede Gottes eine Korrektur übermäßigen Strebens nach Größe. Beten macht bescheiden. Wenn wir im Vaterunser um Heiligung des Namens Gottes bitten, dann treten wir damit zugleich gegen eine Überbewertung unseres eigenen Namens, unserer eigenen Persönlichkeit ein – und gegen alle, die sich selbst, ihren Namen und ihre Person höher achten und höher stellen wollen als andere.
Ein zweites: „Gebete nennen oft das, was dem Beter und seiner Familie persönlich am Wichtigsten ist: Bewahrung, Gesundheit, Erfolg und Gelingen. Doch erst dort, wo das Gebet auf das Reich Gottes und seinen Willen ausgerichtet ist, bekommen die persönlichen Anliegen ihren angemessenen Platz. So sind die Bitten um das Kommen des Gottesreiches und das Geschehen seines Willens auch Bitten gegen ein überzogenes Anspruchsdenken auf Glück, Gesundheit und Wohlstand.“
Diese „doppelte Blickrichtung“ findet sich auch in der Bitte um das tägliche Brot: vertrauensvolle Bitte um alles, was das Leben braucht und schön macht – und Begrenzung dieser Wünsche zugleich. Es geht nämlich in dieser Bitte um den heutigen Tag und um das Leben und Wohl aller, die so beten. Damit steht auch diese Bitte gegen jede Form von Maßlosigkeit und ist ein gutes Beispiel dafür, was es heißt nüchtern und besonnen zu beten.
Dasselbe gilt für die Bitten um Vergebung, Bewahrung vor Versuchung und Erlösung vom Bösen. Sie erinnern uns daran, dass wir alle aneinander schuldig werden. Und sie zeigen uns, wie sehr wir aufeinander angewiesen und wie verletzlich wir sind. So lehren diese Bitten uns Besonnenheit und Nüchternheit im Blick auf uns selbst und andere. Und wer mehr und mehr lernt, im Beten von sich selbst abzusehen, auf Christus und sein Reich zu schauen und andere Menschen mit ihren Nöten in den Blick zu nehmen, der übt sich ein in ein Leben, das der anbrechenden Gottesherrschaft, der Zeit, in der alles zu seinem Ziel kommt, entspricht.
Konkret sieht das dann so aus: „Wer in der Fürbitte für die Armen eintritt, kann ihr Elend im Alltagshandeln nicht ausblenden und wird z.B. fair gehandelte Produkte bevorzugen. Wer regelmäßig für Gerechtigkeit betet, wird bei Wahlen die Parteien wählen, die glaubwürdige Konzepte für eine gerechtere Gesellschaft vertreten, und wer für Flüchtlinge betet, wird keinen Fremdenhass dulden.“ (Dziewas 124)

Damit bin ich beim zweiten Ton unseres Dreiklangs aus Beten – Lieben – Füreinander da sein: bei der Liebe!

„Vor allem aber bringt einander eine tiefe und herzliche Liebe entgegen, denn ‚die Liebe’, so sagt uns die Schrift, ‚deckt viele Sünden zu’“ (Sprüche 10,12).

Aber was bedeutet das tausendfach missbrauchte und geschändete Wort „Liebe“ in diesem Zusammenhang? Die deutsche Sprache hat nur einen einzigen Begriff zur Verfügung, um so verschiedene Dinge wie die Bevorzugung einer bestimmten Sorte Wein, die Beziehung zwischen den Geschlechtern, die Hilfe für notleidende Menschen und die Hingabe des Herzens an Gott zu bezeichnen: das Wort „Liebe“. Die griechische Sprache kennt vier verschiedene Begriffe dafür: den éros, die erotische Liebe, das Sehnen und Verlangen; die storgé, die familiäre Liebe, die Eltern ihren Kindern gegenüber empfinden, und umgekehrt; die philía, die freundschaftlich zugewandte Liebe; und die agápe, die gottgeschenkte, alles umfassende, göttliche Liebe.
Im Neuen Testament wird zumeist dieser vierte, zuletzt genannte Begriff benutzt, wenn von „Liebe“ die Rede ist. So auch hier: agápe. Das Wort stammt aus der Tradition des geschwisterlich geteilten Essens in der Feier des Abendmahls. „Agape bedeutete: Sklavinnen und Herren, Färberinnen, die den Gestank der Tierhäute nicht los wurden, und Geschäftsinhaber, jüdische und griechische Menschen, Ortsansässige und Fremdlinge teilten miteinander, was sie zu essen hatten, in der Feier des Glaubens.“ (Dorothee Sölle)
Das Wort meint die bedingungslose, alles umfassende Liebe, die aus Gottes Liebe zu uns erwächst. Alle anderen Formen der Liebe sind nämlich abhängig von zufälligen Eigenschaften, von Sympathie und Antipathie, von Leidenschaft und Gefühl. Die agápe aber ist von all dem unabhängig. „Sie bejaht den anderen bedingungslos, das heißt, sie sieht ab von seinen edleren oder niedrigeren, angenehmen oder unangenehmen Eigenschaften. Die Agape vereint den Liebenden und den Geliebten um des Bildes willen, das Gott von beiden in ihrer Vollendung hat.“ (Paul Tillich) Die agápe sieht den anderen Menschen so, wie Gott ihn sich gedacht hat, und sie liebt ihn nicht, weil er besonders liebenswert wäre, sondern weil er ein von Gott geliebtes und zur Liebe geschaffenes Geschöpf ist.
Darum deckt die agápe viele Sünden zu, kann von ihnen absehen, sie vergeben. Weil sie weiß, dass alles, was Menschen einander Böses antun, nicht ihrer eigentlichen, gottgedachten Bestimmung entspricht. Und weil sie weiß, dass am Ende aller Dinge alles Böse in dem Guten aufgehoben sein wird, das Gott für die Menschen und diese Welt bereithält.
Diese allumfassende, bedingungslose Liebe ist für den Verfasser des ersten Petrusbriefes die dem Ende aller Dinge, der anbrechenden Gottesherrschaft, entsprechende Lebenseinstellung. Und so frage ich mich, ob in der „Armut“ der deutschen Sprache, nur einen Begriff für alle möglichen, verschiedenen Formen von Liebe zu haben, nicht auch eine Chance liegt: die Chance nämlich, durch die Sprache selber dazu aufgefordert zu sein, das Gemeinsame in allen Gestalten der Liebe zu entdecken. Denn was nützt die Liebe in Gedanken? Sie muss doch konkret, erfahrbar, greifbar werden. Was am Ende zählt, ist nicht, was wir erreicht, geschaffen oder geleistet haben, sondern wie wir geliebt haben – tief und herzlich! Und das betrifft alle Lebensbereiche!

1 Wenn ich in Sprachen rede, die von Gott eingegeben sind – in irdischen Sprachen und sogar in der Sprache der Engel –, aber keine Liebe habe, bin ich nichts weiter als ein dröhnender Gong oder eine lärmende Pauke.
2 Wenn ich prophetische Eingebungen habe, wenn mir alle Geheimnisse enthüllt sind und ich alle Erkenntnis besitze, wenn mir der Glaube im höchsten nur denkbaren Maß gegeben ist, sodass ich Berge versetzen kann – wenn ich alle diese Gaben besitze, aber keine Liebe habe, bin ich nichts.
3 Wenn ich meinen ganzen Besitz an die Armen verteile, wenn ich sogar bereit bin, mein Leben zu opfern und mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen, aber keine Liebe habe, nützt es mir nichts.
4 Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet.
5 Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach.
6 Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
7 Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.
8 Die Liebe vergeht niemals. Prophetische Eingebungen werden aufhören; das Reden in Sprachen, die von Gott eingegeben sind, wird verstummen; die Gabe der Erkenntnis wird es einmal nicht mehr geben.
9 Denn was wir erkennen, ist immer nur ein Teil des Ganzen, und die prophetischen Eingebungen, die wir haben, enthüllen ebenfalls nur einen Teil des Ganzen.
10 Eines Tages aber wird das sichtbar werden, was vollkommen ist. Dann wird alles Unvollkommene ein Ende haben.
11 Als ich noch ein Kind war, redete ich, wie Kinder reden, dachte, wie Kinder denken, und urteilte, wie Kinder urteilen. Doch als Erwachsener habe ich abgelegt, was kindlich ist.
12 Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.
13 Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.


Konkret wird diese, von Paulus in 1. Korinther 13 so unvergleichlich schön beschriebene Liebe im dritten Ton unseres Dreiklangs aus Beten – Lieben – Füreinander da sein.

„Seid gastfreundlich gegenüber euren Geschwistern; nehmt sie gern und ohne zu murren auf. Jeder soll den anderen mit der Gabe dienen, die er von Gott bekommen hat. Wenn ihr das tut, erweist ihr euch als gute Verwalter der Gnade, die Gott uns in so vielfältiger Weise schenkt. Redet jemand im Auftrag Gottes, dann soll er sich bewusst sein, dass es Gottes Worte sind, die er weitergibt. Übt jemand einen praktischen Dienst aus, soll er die Kraft in Anspruch nehmen, die Gott ihm dafür gibt. Jede einzelne Gabe soll mit der Hilfe von Jesus Christus so eingesetzt werden, dass Gott geehrt wird. Ihm gehören der Ruhm und die Macht für immer und ewig. Amen.“

Die Konkretion der Liebe heißt: Füreinander da sein! Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hat einmal gesagt: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ Der Verfasser des ersten Petrusbriefes würde vermutlich sagen: „Frage nicht, was andere für dich tun können, sondern was du für andere tun kannst!“
Und das erste, was ihm in diesem Zusammenhang einfällt, ist Gastfreundschaft. Das hat natürlich besondere, aus der damaligen Situation heraus zu verstehende Gründe: In jener Zeit gab es nur wenige Herbergen. Das Reisen ging nur sehr langsam vor sich. Da war die Ausübung der Gastfreundschaft eine soziale Pflicht. Und sie wir ganz besonders auch eine christliche Pflicht, wenn es sich um Glaubensgenossen, Missionare, Prediger und Verfolgte handelte.
Diese Gastfreundschaft konnte große Opfer mit sich bringen und zur wirklichen Last werden. Darum mahnt der Briefschreiber, nicht zu murren, sondern diese Konkretion der Liebe von Herzen gern zu üben.
Gastfreundschaft wird, so denke ich, auch unter uns groß geschrieben. Wir haben gerne Gäste – privat und als Gemeinde. Doch was, wenn unsere Gastfreundschaft auf die Probe gestellt wird? Wenn Gäste uns mehr beanspruchen, als wir es eigentlich wollen? Wenn sie keine Gastgeschenke mitbringen, sondern unsere Unterstützung und Hilfe brauchen? Und was, wenn Gastfreundschaft nicht nur privates Engagement, sondern politische Notwendigkeit wird? Wenn sie nicht nur den Glaubensgeschwistern, sondern allen Menschen zugute kommen soll? Wenn immer mehr Flüchtlinge, Asylsuchende, Heimatlose nicht nur zu Besuch kommen, sondern bleiben und hier heimisch werden wollen?
Ich glaube, dass dieses Thema uns in Zukunft noch viel mehr beschäftigen wird, als es das jetzt schon tut. Als Einzelne, als Gemeinde und als Gesellschaft. Gut, wenn uns dann ein Satz wie dieser aus dem ersten Petrusbrief leitet: „Seid gastfreundlich gegenüber euren Geschwistern; nehmt sie gern und ohne zu murren auf.“ Oder wie es der Apostel Paulus formuliert: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ (Römer 12,17b)

Das zweite, was dem Verfasser des ersten Petrusbriefes als Konkretion der Liebe und des Füreinander da seins einfällt, ist einander zu dienen:

„Jeder soll den anderen mit der Gabe dienen, die er von Gott bekommen hat. Wenn ihr das tut, erweist ihr euch als gute Verwalter der Gnade, die Gott uns in so vielfältiger Weise schenkt.“

Die übliche Auslegung dieses Verses lautet: Jeder von uns hat von Gott eine besondere Gnadengabe erhalten, mit der er anderen dienen kann. Jeder ist auf die eine oder andere Weise begabt und soll diese Begabung zum Nutzen anderer und der ganzen Gemeinde einsetzen.
Die übliche Frage, die man dann stellt, heißt: Hast du deine besondere Begabung schon entdeckt? Und setzt du das, womit Gott dich begabt hat, schon ein – zur Bereicherung der Gemeinde und zur Ehre Gottes?
Und das Ziel des Ganzen ist, Mitarbeitende für die vielfältigen Aufgaben und Dienste in der Gemeinde zu rekrutieren.
Falsch ist diese Auslegung nicht. Und natürlich leben auch wir hier in der Baptistenkirche Wedding davon, dass viele mitmachen und wir alle miteinander einander dienen. Nur so funktioniert Gemeinde!
Aber diese Auslegung greift zu kurz. Es geht um viel mehr! Denn auch der letzte Ton unseres Dreiklangs aus Beten – Lieben – Füreinander da sein hat seinen Ursprung im ersten Akkord dieses Abschnitts: „Die Zeit, in der alles zu seinem Ziel kommt, steht nahe bevor.“
Und auch wenn wir die „Naherwartung“ der urchristlichen Gemeinden nicht teilen, wenn es noch weitere Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern sollte, bis Jesus wiederkommt und das Reich Gottes endgültig aufgerichtet wird – für jeden und jede von uns kann „das Ende aller Dinge“ jederzeit eintreten.
Die Frage, die der Verfasser des ersten Petrusbriefes uns stellt, ist darum folgende: Lebst du dein Leben jetzt und hier und alle Tage so, dass es jederzeit zu seinem Ziel kommen könnte? Tust du das, was wirklich wichtig und sinnvoll und gut ist, oder „ver-tust“ du deine Zeit und deine Kraft?
Seine Antwort wäre: Du tust das Wichtige und Sinnvolle und Gute, wenn du betest, wenn du dich im Gespräch mit Gott befindest und dein Leben an dem ausrichtest, was Gott dir in diesem Gespräch sagt. Du tust das Wichtige und Sinnvolle und Gute, wenn du liebst, wenn du das, was du tust, die kleinen wie die großen Dinge, mit einem liebenden Herzen tust. Und du tust das Wichtige und Sinnvolle und Gute, wenn du dich nicht nur um dich selber drehst, sondern dich auch um andere kümmerst. Wenn dich kümmert, wie es deinen Menschen- und Glaubensgeschwistern geht.
Beten – Lieben – Füreinander da sein: Wenn das unser Leben prägt bis zu der Zeit, in der alles zu seinem Ziel kommt oder bis wir selbst das Ende aller Dinge erreichen, dann führen wir ein Leben, das Gott ehrt.

„Ihm gehören der Ruhm und die Macht für immer und ewig. Amen.“


Literatur:
Ralf Dziewas, „Herr, erbarme dich!“ – die Kraft des politischen Gebets. In: Gebet. Elstaler Impulse 2014, 123-125.
Olaf Kormannshaus, „Vater Unser, der du bist im Himmel“ – ein Gebet gegen uns selbst. In: Gebet. Elstaler Impulse 2014, 126-128.

(c) Volkmar Hamp