Fleisch und Geist
Pfingstpredigt zu Römer 8,1-11



Liebe Geschwister, liebe Freunde,

es gibt viele schöne Predigttexte zu Pfingsten. Apostelgeschichte 2 zum Beispiel, wo der Gottesgeist wie ein großer Sturm über die junge Gemeinde kommt, Feuerzungen über den Köpfen tanzen und alle Menschen die Pfingstpredigt des Petrus in ihrer eigenen Sprache hören. Oder Joel 3, wo Gott ankündigt, am Ende der Zeit seinen Geist über „alles Fleisch“ ausgießen zu wollen, so dass junge Leute weissagen und alte Menschen Träume haben. Wunder sollen geschehen und Menschen aus großer Not gerettet werden. Leider gehört der Predigttext, den die Perikopenordnung der Evangelischen Kirche für das diesjährige Pfingstfest (2014) vorsieht, nicht in diese Kategorie. Der ist eher trocken. Theologisch anspruchsvoll und tiefsinnig, das ja, aber auf den ersten Blick nicht sonderlich „begeisternd“. Ich lese ihn trotzdem!

Römer 8,1-11 (Luther 1984)
1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, 4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.
5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht. 8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.
9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. 10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.


Schon beim ersten Hören – noch ohne den Gedankengang des Paulus nachvollziehen zu können – brennen sich zwei Begriffe im Gedächtnis ein: „Fleisch“ und „Geist“. Als machtvolle Gegensätze prägen sie den ganzen Text. Elfmal kommen in der Übersetzung Martin Luthers (1984) die Worte „Fleisch“ und „fleischlich“ vor, elfmal auch die Worte „Geist“ und „geistlich“ – zwei Grundbegriffe paulinischer Theologie, die das ganze Dilemma des menschlichen Lebens, wie Paulus sie sieht, umschreiben.
„Das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch“, schreibt der Apostel an anderer Stelle, „die sind gegeneinander, so dass ihr nicht tut, was ihr wollt.“ (Gal 5,17) Oder wenige Verse vor unserem Text: „Ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich ... Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,14-19 i.A.)
Ich vermute mal, das kennt ihr auch. Da nimmt man sich vor, in Zukunft weniger missmutig, aufbrausend oder verletzend zu sein – und dann passiert es doch, und all die guten Vorsätze sind dahin. Da will man den inneren Schweinehund besiegen und endlich mehr für seine Gesundheit tun – joggen, Treppen steigen anstatt den Aufzug zu nehmen, sich gesünder ernähren – und dann fällt man doch wieder in die alten Gewohnheiten zurück, weil die weniger anstrengend sind oder mehr Vergnügen bereiten. Da möchte man eigentlich nicht, dass für den eigenen Konsum in anderen Ländern Kinder arbeiten müssen oder die natürlichen Ressourcen ausgebeutet werden – aber das neue Handy oder die billige Jeans kauft man dann doch.
Paulus war nicht der erste, der das Leben des Menschen unter dem Gesichtspunkt solcher innerer Konflikte sah (vgl. zum Folgenden Barclay, Fleisch oder Geist?, 9ff). Schon die Juden hatten ihre Lehre über die „gute Natur“ und die „böse Natur“, die im Menschen um den Menschen streiten. „Es ist so, als ob zwei Engel ihm zur Seite stünden, ein guter Engel, der ihm aufwärts hilft und ein böser, der ihn zum Niedrigen verführt.“ (Barclay, S. 9). Der Kampf zwischen Gut und Böse, der in der Seele eines jeden Menschen tobt, war und ist ein wichtiger Bestandteil des jüdischen Glaubens.
Doch es gibt ihn nicht nur dort. Er findet sich auch im griechischen Denken. Der Philosoph Platon zum Beispiel stellt sich in seinem „Phaidros“ (246 b) die Seele wie einen Wagenlenker vor, der zwei Pferde lenken muss, von denen das eine „edel und von edler Herkunft“ und das andere „das Gegenteil in Abkunft und Charakter“ ist. Das edle Pferd ist der Mut, das ungezähmte die Leidenschaft, und dieses bösartige Pferd „drückt den Wagen abwärts“ und zieht ihn zur Erde herunter, wenn es dem Wagenlenker, der Vernunft, nicht gelingt, sie zu zähmen. Ein Bild voller Kampf und Spannung, das die Möglichkeit des Scheiterns immer in sich trägt! Wie der Refrain eines Liedes klingt dieser innere Konflikt in der griechischen und römischen Literatur immer wieder an. Ovid schreibt in seinen Metamorphosen (7.20): „Ich sehe das Bessere, und ich heiße es gut, aber ich folge dem Schlechten.“ Und Seneca klagt in einem seiner Briefe: „Menschen lieben und hassen ihre Laster gleichzeitig“ (112.3).
Doch was ist der Grund für diesen „Krieg“ in der Seele des Menschen? Worin liegt die Stärke des Bösen in uns? Die einmütige Antwort der antiken Welt auf diese Frage ist, dass die böse, zerstörerische Macht im Körper des Menschen wohnt. „Ein sterblicher Leib beschwert die Seele, und diese irdische Hütte ist dem besonnenen Geist eine Last“, heißt es in einem jüdischen Weisheitstext (Weisheit 9,15). Und in der griechischen Philosophie wird der Gedanke, dass der menschliche Körper, unsere leibliche Existenz, die Quelle alles Bösen ist zu einer dominierenden Vorstellung. Der Leib, sagt Philolaus, ist ein Gefängnis, in dem die Seele festgehalten wird, um ihre Sünden zu büßen. Epiktet schämt sich, einen Leib zu besitzen, eine arme, an einen Leichnam gefesselte Seele zu sein (Fragment 23). Und Seneca spricht von der „verabscheuungswürdigen Behausung seines Leibes“ und dem nutzlosen Fleisch, in dem die Seele gefangen ist (Briefe 92.110).
Solche leibfeindlichen Vorstellungen sind uns heute fern und fremd. Unsere Körper empfinden wir in aller Regel nicht als Gefängnis für unsere Seelen, sondern als ein Geschenk des Himmels, das uns für unser Leben anvertraut ist und mit dem wir einigermaßen sorgsam umgehen. Jesu Wort „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“ (Mt 26,41) ist zum Sprichwort degeneriert, mit dem Fremdgeher ihre Seitensprünge und Möchtegern-Vegetarier ihre Grillexzesse rechtfertigen. Ein Songtext wie der folgende von Xavier Naidoo (aus: „Zwischenspiel / Alles für den Herrn“ 2002) wirkt da altertümlich und verstörend:

„Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Ich werde alles tun, damit ich es gefügig mach. Ich halt mich tagelang wach um in der Bibel zu lesen. Wenn ich mein Heil gefunden hab, dann hab ich Zeit zu genesen.“

Nein, diese Art von frommer Selbstkasteiung um eines höheren, geistlichen Zieles willen entspricht nicht dem, wie wir unseren Glauben leben und in unserem Leben glauben. Haben die Worte des Paulus, in denen der Gegensatz von „Fleisch“ und „Geist“ so eine wichtige Rolle spielt, uns also gar nichts mehr zu sagen?
Wenn Paulus vom „Fleisch“ spricht, dann meint er nicht in erster Linie den Körper. Das Wort „sarx“, das hier im Griechischen steht, bedeutet weit mehr als nur „Körper“ oder „Leib“. Es meint die ganze menschliche Natur, unser Menschsein, das in seiner Geschöpflichkeit vergänglich, schwach und unvollkommen ist.
Wenn Paulus vom „Fleisch“ spricht und von der „fleischlichen Gesinnung“, dann denkt er nicht nur an sexuelle Verfehlungen oder andere Genüsse. Unter den „Werken des Fleisches“, die er gelegentlich aufzählt, tauchen zwar Unzucht, Unreinigkeit, Ausschweifung, Fressen und Saufen auf, genauso aber auch Götzendienst und Zauberei, Feindschaft, Zank, Eifersucht und Neid, Zorn und Zwietracht (Gal 5,19-21; vgl. 1 Kor 6,9-10).
Wenn Paulus von unserer „fleischlichen Gesinnung“ spricht, dann beschreibt er damit einfach nur, wie unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln oft nicht von Gott und seinem Willen bestimmt wird, sondern vom Menschlich-Allzumenschlichen, vom Irdischen, von dem, was die Bibel „Sünde“ nennt.
Das Wort „Fleisch“ meint, dass der Mensch einerseits willentlich gegen Gott und seine Mitmenschen agiert (vgl. Gal 5,19 und Röm 8,7) und dass andererseits die Sünde sich des Menschen so sehr bemächtigt, dass sie – wie eine fremde Macht, gegen die er von sich aus nichts ausrichten kann – sein ganzes Wesen bestimmt (vgl. Röm 7,5-25).
Der paulinische Gegenbegriff hierzu – und damit sind wir bei Pfingsten! – ist „pneuma“ / „Geist“ oder „Leben im pneuma“ / „Leben im Geist“. Und wieder ist es so, dass dieser Begriff mehr und anderes meint, als wir vielleicht spontan damit verbinden. Der „Geist Gottes“ ist kein Gespenst. „Geist“ meint auch nicht „Denken“, „Vernunft“ oder „Verstand“. Der „Geist“ ist das, was uns mit Gott verbindet. „Durch den Geist kann Gott zu dem Menschen sprechen, und der Mensch kann Gemeinschaft und Verbindung mit Gott haben.“ (Barclay, S. 12)
Der Dichter und Theologe Christian Lehnert beschreibt in seinem Buch „Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus“ den paulinischen Geistbegriff so:
„Der ‚geistliche Mensch’ dreht den Kopf in einen Wind, der so heftig ist, dass er ihm den Atem raubt. Die Griechen verbanden den Geist (pneuma) mit der Vorstellung einer oberen Welt, einer anderen Sphäre der Wirklichkeit, aus der etwas herüberweht in die Gegenwart. Für hellenistisch-jüdische Ohren, und die des Paulus gehörten dazu, hatte pneuma einen eher eschatologischen Klang. Der Geist dringt aus einem anderen Äon in diese Welt und zeigt deren Ende an.“ (Lehnert, S. 100)
In diesem Zusammenhang zitiert Lehnert dann auch einen jener schöneren Pfingsttexte, von denen schon die Rede war:

„Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch,
und eure Söhne und Töchter sollen weissagen,
eure Alten sollen Träume haben,
und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ (Joel 3,1)


Dann fährt er fort: „Juden und Griechen verbindet das Bewusstsein, dass der Geist in einem Grenzgebiet erfahren wird. Er ist Bewohner eines Niemandslandes – sei es zwischen Diesseits und Jenseits, sei es zwischen gegenwärtigem und kommendem Äon ... Sein Atem lässt alles, was besteht, vorläufig und fragmentarisch erscheinen – auch den Menschen. Der Geist, so Paulus, verändert ihn ... Er verwandelt ihn ... zu einem Gefäß, in das etwas einströmen kann. Er verändert seine Wahrnehmungsstruktur, seine Sinne und sein Selbstverständnis. Das pneuma ist ein harter Eingriff, eine Verwirbelung höchster Geschwindigkeit, und was folgt, ist nicht einfach zu beschreiben: eine Art Durchlässigkeit der Seele, feineres Gehör, gestimmt auf das Andere hin ... Die ‚Gaben des Geistes’, die Paulus später beschreibt, Prophetie und Heilungskraft, Zungenrede und wundertätiger Glaube, sind ... Gesten der Öffnung. Sie münden für Paulus, davon wird die Rede sein, in der Liebe.“ (Lehnert, S. 100f)
Sehr fein ist auch hier bei Paulus der sprachliche Unterschied: Den „Werken“ des Fleisches setzt er die „Gaben“ und „Früchte“ des Geistes entgegen. Ein „Werk“ ist etwas, das der Mensch selber schaffen kann. Eine „Gabe“ hingegen ist ein Geschenk. Eine „Frucht“ wird durch eine Macht geschaffen, die nicht in uns selber liegt. Wir können aus eigener Kraft viel Böses tun. Wir brauchen uns dafür nicht mal anzustrengen. Es geschieht ganz von selbst. Aber das Gute wird uns geschenkt. Die Früchte des Geistes – allen voran die Liebe – produzieren wir nicht selbst. Sie wachsen in uns durch den Geist Gottes, durch unser Verbunden sein mit Christus.
Und was für ein toller Früchtekorb ist das, der uns durch den Geist und im Geist geschenkt wird (Gal 5,22): Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung und vieles andere mehr! Und über allem – die Liebe:

1 Korinther 13,1-13
1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.


Die Liebe ist die Kraft, die aus dem Dilemma unserer menschlichen Existenz herausführt: die Liebe Gottes zu uns, die uns in Jesus Christus begegnet – und unsere Liebe zu Gott, die sich in unserem Umgang miteinander zeigt. Die Liebe legt sich wie eine Klammer um die paulinische Beschreibung der menschlichen Natur in unserem Text. Sie ist der Schlüssel zu dem, was er „Leben im Geist“ nennt.
Das wird deutlich, wenn man den ersten und den letzten Vers dieses Textes zusammen liest und dann die Brücke schlägt zu Worten des Paulus, die im selben 8. Kapitel des Römerbriefs wenige Verse später folgen:

„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind ... Denn wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist der in euch wohnt.“ (Römer 8,1.11)

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Römer 8,14)

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen; denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Römer 8,28)

„Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? ... In dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“ (Römer 8,31-39)


Das erste und wichtigste, was der Geist Gottes im Leben eines Menschen wirkt, ist diese Erkenntnis: Nichts kann dich scheiden von der Liebe Gottes! Wer das glaubt und wer sein Leben aus diesem Glauben heraus gestaltet, der kann nicht anders: der muss selber lieben! Der gibt die Liebe Gottes weiter – und so dem Geist Gottes Raum in seinem Leben und in dieser Welt.
Die Bibel hat ein schönes Bild dafür. Sie vergleicht Gottes Geist mit einem Vogel, der von oben, von Gott her eine Verbindung schafft zwischen Himmel und Erde. Das Bild hinter mir, die Taube und die Brücke, bildet genau diese Symbolik ab. Bei seiner Taufe sieht Jesus, wie sich der Himmel auftut und der Geist Gottes „wie eine Taube“ auf ihn herab kommt (Mk 1,10).
Zwei Texte zum Schluss greifen diese Symbolik auf und drehen sie zugleich um, wenn sie uns mit Vögeln vergleichen, in denen Gottes Geist wirken will. Der erste Text stammt von Lothar Zenetti, einem katholischen Priester und Dichter, den ich schön öfter an dieser Stelle zitiert habe. Der zweite ist von dem Dichter und Theologen Christian Lehnert, von dem heute Morgen schon die Rede war.


Herzklopfen

Im Vogelhaus des
Zoologischen Gartens sah ich fasziniert,
wie aus einem Hühnerei unter wärmendem Licht ein Küken ausschlüpft.
Von innen klopft es mit seinem Schnabel an die weiße Schale und will ans Licht.

Daran musste ich denken, als ich predigen hörte, der Heilige Geist, der weiße Vogel,
wohne in mir und wolle kommen in die Welt.

Mein Herzklopfen vor einer mir zugemuteten neuen Aufgabe – muss ich das deuten als das drängende Klopfen eines unsichtbaren Schnabels in mir?


(Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht, Seite 17)


Und der zweite Text:

Ein Vogel will erwachen, seine Schwingen,
erfasst von Böen, ruhen nicht mehr lang.
Das Nest ist nur noch Gras, und etwas fehlt.

Er fühlt nicht, was es ist, nur, wie es fehlt,
und trägt die Angst, das Beben, Schlag um Schlag,
wenn auf die Nacht folgt immer noch ein Tag,

trägt sein Gefieder wie ein fremdes Lachen.
Es war doch nur ein Laut, ja, nur ein Hauch,
bevor der Laut begann, als Tierversuch?

Als Vogel, als Gerücht des eignen Flugs?
Am Felshang graut der Morgen, weite Schwingen,
gestützt auf Knochen, ruhen nicht mehr lang.

Es fehlt ja nur ein Rascheln zum Erwachen,
ein Flügelschlag, ein Wind, ja, nur ein Hauch.

(Christian Lehnert, Korinthische Brocken, Seite 270)


Literatur:
William Barclay, Fleisch oder Geist? Wortstudie aus Galater 5,19-23 (Bibel in der Zeit 11). Verlag Lebendiges Wort GmbH Augsburg / Berlin 1968.
Christian Lehnert, Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Suhrkamp Verlag Berlin 2013.
Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Texte, die den Tag begleiten – eine Auswahl. Verlag J. Pfeiffer München 1981.

(c) Volkmar Hamp