Das Lied des Mose und das Lied das Lammes
(Offenbarung 15,2-4)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in einem der geheimnisvollsten und schwer verständlichsten Bücher der Bibel: in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 15, Vers 2-4. Der Seher Johannes beschreibt dort eine seiner eindrücklichen Visionen.

2 Dann sah ich etwas, das einem gläsernen Meer glich und mit Feuer durchsetzt war. Und die Sieger über das Tier, über sein Standbild und über die Zahl seines Namens standen auf dem gläsernen Meer und trugen die Harfen Gottes.
3 Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes:
„Groß und wunderbar sind deine Taten,
Herr, Gott und Herrscher über die ganze Schöpfung.
Gerecht und zuverlässig sind deine Wege,
du König der Völker.
4 Wer wird dich nicht fürchten, Herr,
wer wird deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig:
Alle Völker kommen und beten dich an; denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden.“


Eine Szene wie aus einem Fantasyroman! Johannes von Patmos, der alte Seher, sieht vor seinem inneren Auge etwas, das sich mit Worten kaum beschreiben lässt. Es sieht aus wie ein „gläsernes Meer“. Und es leuchtet, als wäre es „mit Feuer durchsetzt“. An oder auf diesem feurig leuchtenden Meer aus Glas stehen Menschen. Viele Menschen. Sie tragen die „Harfen Gottes“ und singen ein Lied.
Verrückt, könnte man sagen! Und viele haben das gesagt. Der französische Schriftsteller André Gide zum Beispiel. Der meinte, die Visionen des Johannes seien wohl darauf zurückzuführen, dass dieser auf Patmos ein Buch gegessen habe – und von dem Verzehr von Büchern bekämen bekanntlich selbst Ratten Verdauungsprobleme. Und eine durchaus ernst gemeinte Studie über „Visionen und Auditionen in der alten Kirche“ kommt zu dem Ergebnis, dass diese auf Kohlehydratmangel zurückzuführen seien.
Andere wiederum nehmen die Offenbarung des Johannes und fantasieren wild drauflos, was diese geheimnisvollen Visionen wohl bedeuten könnten. „Keine andere Schrift des Neuen Testaments hat zu so vielen Spekulationen und Berechnungen über die Zukunft unserer Geschichte und über das Ende der Welt Anlass gegeben.“ (Hans Schwarz)
Für die ursprünglichen Adressaten der Johannesoffenbarung hingegen war dieses Buch wohl kaum ein „Buch mit sieben Siegeln“ (Offb 5,1). Für sie war es ein Trostbuch in trostloser Zeit.
Gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus forderte der römische Kaiser Domitian als erster der römischen Cäsaren von seinen Untertanen, dass sie ihn wie einen „Gott“ verehren sollten. Wer sich diesem Anspruch verweigerte, musste mit Verfolgung, Verbannung oder Tod rechnen – so auch Johannes und die Mitglieder der judenchristlichen Gemeinden in seinem Umfeld. Ihnen gilt die Botschaft der Offenbarung – Worte des Trostes und der Mahnung in einer schwierigen Zeit der Bedrängnis. Und diese Botschaft lautet: Haltet durch! Bleibt eurem Glauben treu! Denn am Ende wird euer Gott den Sieg davontragen über all jene, die sich anmaßen, mit absolutem, göttlichem Machtanspruch über euch und euer Leben verfügen zu wollen!
Wie also haben die ersten Leser der Offenbarung des Johannes diese Vision verstanden? Sie konnten gar nicht anders als beim Wort „Meer“ an das Schilfmeer zu denken. Dessen Fluten hatten sich einst für das Volk Israel geteilt, so dass es aus der Sklaverei in Ägypten entkommen konnte. Und beim Wort „Feuer“ sahen sie vor ihren inneren Augen ganz sicher die Feuersäule, die dem Volk auf dem dunklen und entbehrungsreichen Weg durch die Wüste in die ersehnte Freiheit des gelobten Landes voran geleuchtet hatte.
Und so singen die Menschen in der Vision des Johannes nicht von ungefähr das „Lied des Mose“. Vermutlich sind das die allerältesten Worte der Bibel, zur Zeit des Geschehens – etwa 1200 vor Christus – zuerst gesungen von Mirjam, Moses Schwester, die dazu mit ihrer Handpauke den Takt schlug:

„Singt dem Herrn, denn hoch erhob er sich;
Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt!“ (Ex 15)


Das ist die Ursprungserfahrung des jüdischen Volkes mit seinem Gott: eine Erfahrung von Befreiung aus großer Not und Begleitung auf dem Weg in die Freiheit. Fast 1300 Jahre später hört der Seher von Patmos dieses Lied erneut in seiner Vision. Und in dem Meer, das er sieht, spiegelt sich der Feuerschein der Fackel, die den Israeliten auf ihrem Weg in die Freiheit vorangegangen ist.
Doch etwas hat sich verändert. Das dunkle, unüberwindlich drohende, Menschen verschlingende Meer von damals ist „glasklar“ und ruhig geworden. Die Panik der hektischen Flucht von damals hat sich gelegt. Das „Lied des Mose“ wird nicht mehr vom Stakkato der Trommeln, sondern von sanftem Harfenklang begleitet.
Mit dem Alltag und der Lebenswirklichkeit des Johannes und seiner Gemeinden hat dieses Bild nicht viel zu tun. Die ist geprägt von Dunkelheit, Bedrängnis und Angst.
Da sind die Unterdrücker seiner Generation: Caligula (37-41 n. Chr.), was auf deutsch „Soldatenstiefel“ heißt – ein Terrorist auf dem Kaiserthron in Rom. Seine Losung war: „Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten!“ Oder Nero (54-68 n. Chr.), ein größenwahnsinniger Tyrann, der den Christen im Juli 64 die Schuld an dem großen Brand in Rom in die Schuhe schob. Und jetzt Domitian (81-96 n. Chr.), der sich als erster der Cäsaren mit „Herr und Gott“ (dominus et deus) anreden ließ.
Für die verfolgten Christen im Untergrund waren das „Tiere“. Übermächtige Gegner, deren Namen nicht genannt werden durften, wie der von Voldemort in den Harry Potter-Romanen. Mit einem alten hebräischen Geheimcode, der Zahlen statt Buchstaben verwendete, wandelten sie darum die Namen der Tyrannen in Zahlenreihen um. Die 6-6-6 stand dabei wohl für Nero. Sie entspricht aber auch dem griechischen Wort „therion“, das einfach nur „Tier“ oder „Bestie“ bedeutet.
Doch auf die Zahlen kommt es nicht an. Jede Generation hat ihre eigenen „Ungeheuer“. Caligula, Nero, Domitian. Hitler, Stalin, Pinochet. Oder – zur Zeit der Mirjam und ihres Bruders Mose – Ramses II., der große Pharao, der die Hebräer zu Sklaven machte für seine Bauprojekte. Wer aus unseren Tagen als solch ein „Ungeheuer“ in die Geschichtsbücher eingehen wird bleibt abzuwarten.
Irgendwie wiederholt die Weltgeschichte sich doch. Immer wieder das alte Lied von Unterdrückung, Ausbeutung und Herrschaft der Mächtigen über die Ohnmächtigen! Doch seit Mose und Mirjam mischen sich neue Töne unter dieses Lied. Leise und zaghaft vielleicht, aber unüberhörbar!
Nicht umsonst ist der heutige Predigttext einem Sonntag im Kirchenjahr zugeordnet, der den Namen „Kantate“ trägt. Singt! Singt! Die neue Welt Gottes braucht Vorsänger und Vorsängerinnen, die nicht immer nur das alte Lied der Angst und Verzweiflung anstimmen.
Mirjam und Mose waren solche Vorsänger. Die Psalmendichter und die Propheten auch. Und Jesus natürlich, der das Lied von der neuen Welt Gottes nicht nur gesungen, sondern auch gelebt hat. Und hier, bei Johannes auf Patmos, stimmt nun ein großer Chor in dieses Lied mit ein. Jetzt sind es nicht mehr nur Mirjam und Mose, die singen, sondern das ganze Volk aus Juden und Christen. Und Johannes nennt die, die hier singen, die „Sieger“.
Doch ihr Sieg ist kein Sieg „mit Pauken und Trompeten“. Es ist ein leiser, ein sanfter Sieg, der von Harfenmusik begleitet wird. Der Theologe Friedrich Wilhelm Marquardt (1928-2002) zieht hier eine Linie zur G-Dur-Messe von Franz Schubert (1797-1828).
„Diese Messe“, schreibt er, „hat etwas Leises und Zartes, und Schubert wusste vielleicht, dass mit dem Gott der Juden und Christen kein ‚Allmächtiger’ beschworen werden kann, sondern nur ein stiller Freund. Wer dem anhängt, kann keinen Siegertypen mimen, ist nur ein mit Mühe vor immer neuem Abrutschen geretteter Mensch.“ Kirchenmusik mit allzu lautem Donnergetöse und Allmächtigkeitspose passe nicht dazu. Sie passe vielleicht zu Jupiter, mit dem Kaiser Domitian sich von seinen Hofdichtern vergleichen ließ, aber nicht zu dem Gott des neuen Liedes, das Jesus Christus mit seinem Leben und Sterben gesungen hat.
Wir müssen also aufpassen, dass wir Johannes und seine Vision nicht missverstehen. Gewiss – er sieht die, die da singen, als „Sieger“. Durch ihre Standhaftigkeit haben sie „das Tier“, den „Un-Menschen“ und sein „Bild“ und die „Zahl seines Namens“ besiegt. Und wir überinterpretieren hier sicher nicht, wenn wir dabei nicht nur an Caligula, Nero und Domitian denken, die mit Tausenden über ihr Imperium verteilten Herrscher-Statuen ihre Macht demonstrierten. Wir können hier getrost die vielen Bilder mitdenken, die heute Macht ausüben, die uns „ver-bilden“, manipulieren, dumm, angepasst und zahm machen. Und bei der „Zahl seines Namens“ denken wir vielleicht an die Herrschaft der Zahlen in unserer globalisierten Welt, an die Macht des Geldes und der Börsen, an Erfolgs- und Misserfolgsstatistiken, an Bankenskandale und Steuerhinterziehung.
Der Seher Johannes sieht das singende und musizierende Gottesvolk auch über diesen Dingen stehen. Aber er meint mit dem „Sieg“ derer, die hier singen, keine Fortsetzung des ewig gleichen unter neuen Vorzeichen. Als ob man nur die Verlierer zu Siegern, die Unterdrückten zu Herrschern machen müsse und alles wird gut. Die Geschichte lehrt uns etwas anderes! Johannes sieht mit dem singenden und musizierenden Gottesvolk den Anbruch einer völlig neuen Weltordnung. In das Lied der Mirjam und des Mose, in das Lied der „geretteten Sieger“ (Marquardt) mischen sich neue Töne: Zusammen mit dem „Lied des Mose“ erklingt das „Lied des Lammes“.
Natürlich ist dieses Lied das Jesus-Lied, auch wenn der Name hier nicht fällt. In der Welt der Caligulas, Neros und Domitians lebt gefährlich, wer den Namen Jesu nennt, wer ihn als seinen Herrn und Gott bekennt und damit alle Herrschafts- und Göttlichkeitsansprüche irdischer Machthaber ablehnt und in Frage stellt. Da muss der Name Jesu manchmal ein Geheimnis bleiben. Aber wie den Tyrannen, so gab man auch Jesus einen „Tiernamen“ – Agnus Dei, das Lamm Gottes – und stellte sich damit ganz bewusst gegen die „großen Tiere“ der Unmenschlichkeit in Rom, gegen ihre Bilder und Zahlen. Lamm gegen Bestie. Harfen gegen Pauken und Trompeten. Das ist die Logik des Jesus-Liedes!
Und bei „Lamm“ dachten die ersten Leser der Offenbarung des Johannes natürlich wieder an die Ägyptengeschichte Israels, an das Passa-Lamm, dessen Blut die Juden in Ägypten an die Pfosten ihrer Türen strichen, damit der Todesengel an ihnen vorbeigehen möge.
Wenn Jesus das „Lamm Gottes“ genannt wird, dann wird er als der gepriesen, der den Todesengel von unseren Wohnungen und Seelen verscheucht. Wie Mose das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei befreite, so befreit Jesus uns von der Sklaverei der Sünde und des Todes.
Das klingt vielleicht wie eine „theologische Lehrformel“, aber so ist es nicht gemeint. Gemeint ist, dass Jesus uns aus dem Machtbereich des Dunklen und Bösen herausreißt und der Macht Gottes, des Lichts und des Guten unterstellt.
Insofern ist der Vergleich mit der „Fantasy“ vom Anfang gar nicht so abwegig. Auch hier – vom „Herrn der Ringe“ bis zu „Harry Potter“ – geht es ja um den „ewigen Kampf“ zwischen „Gut“ und „Böse“, zwischen „Licht“ und „Finsternis“. Und um die Gewissheit, dass dieser Kampf eben nicht „ewig“ andauert, dass am Ende doch das Gute und das Licht den Sieg davontragen. Nur dass die biblische Vorlage für all diese Fantasy-Geschichten für den, der glaubt, eben keine Phantasie, sondern Realität ist!
Darum stehen wir heute mit Mirjam und Mose am Schilfmeer und hören ihr Lied. Darum sind wir dabei, wenn Johannes auf Patmos das Mose-Lied und das Jesus-Lied im Kanon singen hört. Doch was singen die da eigentlich? Sie besingen die „Taten“ und die „Wege“ Gottes!

„Groß und wunderbar sind deine Taten,
Herr, Gott und Herrscher über die ganze Schöpfung.
Gerecht und zuverlässig sind deine Wege,
du König der Völker.“


Das Lied, das hier gesungen wird, ist das Lied der Schöpfung. Es preist den Gott Israels als denjenigen, der alles, was ist, geschaffen hat und in Händen hält. Es preist ihn aber auch als den „König der Völker“, zu dem nun alle Nationen kommen, um ihn zu feiern und anzubeten:

„Wer wird dich nicht fürchten, Herr,
wer wird deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig:
Alle Völker kommen und beten dich an; denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden.“


Die Versuchung ist groß, dieses Lied nun doch mit Pauken und Trompeten zu begleiten! Klingt das nicht sehr nach einem „Endsieg“ Gottes? Und tatsächlich: An anderer Stelle der Offenbarung des Johannes ist von den sieben Posaunen-Engeln die Rede, die mit ihrer lauten Musik eben diesen Sieg Gottes über die Macht des Bösen einleiten. Und ganz am Ende – nachdem der siebte Engel seine Posaune geblasen hat – heißt es:

„Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserem Herrn und seinem Gesalbten;
und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.“ (Offb 11,15)


Keine Frage: Die Sehnsucht der Schwachen und Ohnmächtigen, der Verfolgten und Unterdrückten, der Kleinen und Machtlosen richtet sich auf eine Umkehrung der Verhältnisse. Doch – wie gesagt – die Verlierer zu Siegern, die Unterdrückten zu Herrschern zu machen, heißt noch nicht, dass alles gut wird. Es heißt leider viel zu oft, dass alles beim Alten bleibt und ganz genauso weiterläuft wie immer – nur mit anderen Vorzeichen!
Darum ist es gut, dass die Herrschaft über die Welt in der Offenbarung des Johannes nicht einfach nur den „Verlierern“, dem unterdrückten und verfolgten Volk Gottes aus Juden und Christen übergeben wird, sondern bei Gott und seinem Gesalbten bleibt.
Und dieser Gesalbte, der Christus, der ist und bleibt das „Lamm Gottes“. Der behält seine leise, sanfte Stimme, zu der Harfen besser passen als Trommeln, Pauken und Trompeten.
Und so steht am Ende dieser Predigt das „Agnus Dei“, das seit dem 7. Jahrhundert in der römisch-katholischen Messe und seit der Reformation auch in evangelischen Gottesdiensten seinen festen Platz hat:

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.


In diesem Frieden agieren wir – wie Jesus – als Lämmer unter Wölfen. In diesem Frieden brauchen wir das Reich Gottes nicht mit Pauken und Trompeten herbei zu führen, sondern dürfen es mit sanfter, heiterer Gelassenheit erwarten. In diesem Frieden singen wir unseren Part im großen Chor der Befreiten, die andere in Freiheit setzen.

Darin segne euch Gott, der Herrscher über die Schöpfung und König der Völker!

Amen.
(c) Volkmar Hamp

Literatur:
  • Eduard Lohse, Die Offenbarung des Johannes (13. Aufl. 1983).
  • Friedrich Wilhelm Marquardt, Predigt über Offenbarung 15,2-4 in der Jesus Christus Kirche in Berlin-Dahlem am Sonntag Kantate, dem 28. April 2002.
  • Hans Schwarz, Das Geheimnis der sieben Sterne. Eine Deutung der Johannesoffenbarung.