„In ihm leben, weben und sind wir!“
(Apostelgeschichte 17,22-28)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir in der Apostelgeschichte des Lukas, Kapitel 17, in den Versen 22-28. Es ist ein Ausschnitt aus der Rede des Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen. Der Areopag ist ein nordwestlich der Akropolis gelegener, 115 Meter hoher Felsen mitten in Athen. In der Antike tagte hier der oberste Rat der Stadt, der ebenfalls „Areopag“ genannt wurde.
Paulus kam auf seiner zweiten Missionsreise in den Jahren 48-50 n. Chr. nach Athen. Er war seinen Begleitern Silas und Timotheus vorausgereist und musste nun dort auf sie warten (Apg 17,15). Derweil vertrieb er sich die Zeit damit, durch die einstige Metropole Griechenlands zu bummeln, die zu dieser Zeit kaum mehr als eine Provinzstadt war, die nur noch von ihrer großen Vergangenheit lebte. Die Bevölkerungszahl Athens wird für die zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts auf nicht mehr als 5.000 geschätzt. „Aber die schon damals zahlreichen Bildungstouristen suchten in dem klein gewordenen Athen ehrfürchtig die Spuren eines Sokrates, Platon oder Perikles“ (Jürgen Roloff).
Paulus sah die Stadt mit anderen Augen: „ganz aus der Perspektive des jüdischen Frommen gegenüber dem Heidentum“ (Jürgen Roloff) . „Er wurde zornig, als er die Stadt voller Götzenbilder sah“ (Apg 17,16). Wie immer, wenn er eine neue Stadt erreichte, suchte Paulus zuerst die Synagoge auf und begann mit den Juden und mit den sogenannten „Gottesfürchtigen“ zu reden. Das waren Griechen, die sich zum monotheistischen Glauben des Judentums hingezogen fühlten aber nicht zum Judentum übertreten wollten, weil ihnen das gesellschaftliche Nachteile gebracht hätte.
Doch diesmal besuchte Paulus nicht nur die Synagoge. Vielleicht war ihm die jüdische Gemeinde in Athen zu klein und bedeutungslos. Täglich, so heißt es, suchte er auch die Agora, den Marktplatz auf und sprach dort mit denen, die sich dort einfanden (Apg 17,17). Der Markt von Athen, das war eben nicht nur ein Ort des Handels, sondern auch ein Ort der philosophischen Diskussion. Einige der Philosophen, die sich dort einfanden, gerieten mit Paulus in Streit. „Was will dieser Schwätzer?“ fragten sie. „Verkündet er einen fremden Gott?“ (Apg 17,18) Doch weil die Griechen in Athen alles Neue erst einmal interessant und spannend fanden, nahmen sie Paulus mit, führten ihn auf den Areopag und sagten dort zu ihm: „Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst?“ (Apg 17,20) Paulus bekam also die Chance, vor den versammelten Bürgern, vor dem Rat der Stadt, vor den Denkern und Philosophen sein Evangelium zu verkünden. Wie er diese Chance nutzte, davon erzählt der heutige Predigttext.

Apostelgeschichte 17,22-28
22 Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte:
„Ihr Männer (und Frauen) von Athen!
Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr religiöse Leute.
23 Ich bin durch eure Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut.
Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand:
‚Für einen unbekannten Gott’.
Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.
24 Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist.
Er ist der Herr über Himmel und Erde.
Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden.
25 Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden.
Er selbst gibt uns ja das Leben, die Luft zum Atmen, und alles, was wir zum Leben brauchen.
26 Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll.
27 Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern.
28 Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein.
Oder wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ‚Wir sind sogar von seiner Art.’ ...


Paulus_Areopag

Ich habe euch ein Bild mitgebracht, das diese Szene zeigt. Es stammt aus einer Reihe von 240 Holzschnitten zur Bibel, die der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffen hat.
Paulus, leicht zu erkennen am Heiligenschein über seinem Kopf, bestimmt die Szene. Er steht im Zentrum des Bildes – die linke Hand zum Himmel erhoben, die rechte auf die Menschengruppe zu seiner Linken weisend. Um ihn versammelt – in drei Gruppen – die Zuhörenden. Dahinter, mit deutlichem Abstand, der eine oder andere Skeptiker, der auf Distanz bleibt. Der Blick des Paulus ruht auf der Personengruppe vorne links. Offensichtlich ein Philosoph mit seinen beiden Schülern. Stock, Bart und Hut stehen für Alter und Weisheit. Die geschlossenen Augen mögen Nachdenklichkeit signalisieren. Oder sie sollen zeigen, dass die Philosophie, das menschliche Denken, von sich aus nicht in der Lage ist, die Wahrheit des Evangeliums zu erkennen. Die Personengruppe rechts besteht aus einer bunten Mischung von Alten und Jungen, Männern und Frauen, Bittenden und Fragenden, Zu- und Abgewandten, Neugierigen und Zweifelnden. Sie bringen den Worten des Paulus Interesse entgegen. Die Personengruppe hinten links hingegen – einige Frauen, ein kleines Kind, ein junger Mann – beobachtet die Szene aus der Ferne.
Mit den neunzehn Menschen, von denen Paulus hier umgeben ist, bietet der Künstler denen, die sein Bild betrachten, verschiedene Möglichkeiten zur Identifikation. Wenn ich ein Teil dieser Menge wäre, wo würde ich stehen, wie würde ich mich verhalten? An welcher Stelle des Bildes würdet ihr euch selbst in welcher Weise einzeichnen?
Wenden wir uns, dieses Bild vor Augen, dem Bibeltext zu. Diese Rede des Paulus, sicher stilisiert wiedergegeben und durch den Verfasser der Apostelgeschichte rhetorisch verfeinert, ist eine Perle antiker Redekunst. Geschickt holt der Paulus der Apostelgeschichte die Bürger von Athen da ab, wo sie stehen, und führt sie dorthin, wo er sie haben will: vor die Entscheidung, sein Evangelium anzunehmen oder abzulehnen.
Die Athener sind religiöse Menschen. Sie verehren die Götter, und das nicht zu knapp. Neben ihrer Stadtgöttin Athene haben sie Götter für die Liebe und für den Krieg. Götter, die das Schicksal bestimmen, das Wetter, Gesundheit, Krankheit und Tod. Und um ja keinen dieser Götter und keine Göttin zu vergessen und damit gegen sich aufzubringen, haben sie sogar einen Altar „für einen unbekannten Gott“ aufgestellt. Zur Sicherheit. Man weiß ja nie.
Paulus – so sehr die vielen Götterbilder seinen Zorn erregten (Apg 17,16) – kritisiert das nicht. Im Gegenteil: Er sieht hier einen Anknüpfungspunkt für seine Botschaft: „Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ (Apg 17,23b) Und dann erzählt er den Athenern von seinem Gott. Von dem Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist. Von dem Gott, der Herr über Himmel und Erde ist.
Und mit ein paar Worten wischt er den ganzen griechisch-römischen Götterhaufen vom Tisch. Dieser Gott wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden. Das Gegenteil ist der Fall: Der Gott des Paulus versorgt die Menschen. Er hat sie geschaffen. Er gibt ihnen das Leben, die Luft zum Atmen und alles, was sie zum Leben brauchen. Er ist der Schöpfer und damit der Herr jedes Einzelnen. Und er ist der Herr der Geschichte. Jedem Volk hat er bestimmt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. Ein interessanter und hochaktueller Gedanke! Ob in dem, was gerade in der Ukraine geschieht, auch Gott am Werk ist?
Das Eigentliche aber, was Paulus den Athenern sagt – das, was neu und ungewohnt und überraschend für sie gewesen sein dürfte –, ist das Folgende: Dieser Gott, den sie verehren, ohne ihn zu kennen, ist anders als all ihre anderen Götter. Er ist kein unnahbar ferner Gott. Er thront nicht irgendwo auf dem Olymp – unerreichbar für ihr Hoffen und Sehnen und gleichgültig gegenüber ihrem Tun und Leiden. Der Gott des Paulus ist ein naher und nahbarer Gott. Er will, dass die Menschen nach ihm suchen – „ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können“ (Apg 17,17b). Keinem Menschen ist er fern!
Der Neutestamentler Klaus Berger schreibt dazu: „Gott ist uns sehr nahe. Auch in unserem Suchen nach ihm ... Er ist auch in unserem Zweifeln nahe, auch wenn wir ihn noch nicht kennen. Er geht allem unseren Fragen voraus, auch wenn er noch der unbekannte Gott ist ... Er ist da als der eine, noch unbekannte Gott, den wir meinten. Genau als der, der zu uns passt, der uns Leben gibt, das die Verheißung von Auferstehungsleben in sich hat, wenn wir nur wirklich ernsthaft lebendig sein wollen.“ (Klaus Berger: Wie ein Vogel ist das Wort, S. 166) Oder mit den Worten des Paulus: „Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein.“ In der schönen Übersetzung Martin Luthers: „In ihm leben, weben und sind wir.“ (Apg 17,28a)
Bis hierhin bewegt sich Paulus noch ganz im Horizont des alttestamentlich-jüdischen Schöpfungsglaubens: Gott, der Schöpfer, der zugleich der Herr der Geschichte ist, schenkt und erhält den Menschen das Leben. Mit dem nächsten Satz – für mich zugleich der Höhepunkt seiner ganzen Rede – geht Paulus noch einen Schritt weiter – und damit an die Grenze dessen, was die Schöpfungstheologie der Bibel über das Verhältnis von Gott und Mensch sagen kann. Er macht einen großen Schritt auf philosophisches Nachdenken über dieses Verhältnis zu, wenn er die griechischen Dichter zitiert, die von einer „wesensmäßigen Verwandtschaft“ zwischen Gott und Mensch sprechen: „Wir sind von seiner Art“, so das Wort, das Paulus zustimmend zitiert, oder anders übersetzt: „Wir sind göttlichen Geschlechts.“ (Apg 17,28b)
Natürlich steht bei Paulus hinter diesen Worten zuallererst die biblische Vorstellung von der „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen aus dem ersten Schöpfungsbericht der Bibel: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (Gen 1,27) Aber Paulus weiß auch um das biblische Motiv der Gotteskindschaft. So wie der König Israels in der Hebräischen Bibel „Sohn Gottes“ genannt werden kann (Psalm 2,7), so wie Jesus „Sohn des Höchsten“ genannt wird (Lukas 1,32), so sind die, die ihm nachfolgen, seine Brüder und Schwestern und damit selber „Kinder Gottes“ (Joh 1,12).
Jahre später wird Paulus selbst in seinem Brief an die Gemeinde in Rom diesen Gedanken vertiefen: „Welche der Geist Gottes treibt“, schreibt er dort, „die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“ (Röm 8,14-17) Oder – kurz und knapp – in Galater 4,7: „So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“
Wir sind von Gottes Art. Wir sind von göttlichem Geschlecht. Nicht biologisch. Hier könnte der Abstand zwischen uns und Gott, zwischen dem Geschöpf und seinem Schöpfer, nicht größer sein. Aber in einem geistlichen Sinne. Nicht adoptiert, sondern verwandelt. Noch einmal Paulus: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen ... Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.“ (Gal 3,26-27.29)
Du bist ein Kind, ein Sohn, eine Tochter Gottes. Du bist – durch Christus und in Christus – von göttlicher Art. Gott selbst hat etwas Göttliches in dich hinein gelegt. Was macht dieser Gedanke mit dir? Wie fühlt es sich an, dass Gott dich „Mein Sohn!“ oder „Meine Tochter!“ nennt? Was ist das für ein Gefühl, Jesus als großen Bruder zu haben?
Ich empfinde die Auszeichnung und Wertschätzung, die in diesem Gedanken liegt, als etwas Ungeheuerliches. Ich empfinde sie als Zuspruch und Anspruch zugleich, als größtes Geschenk und größte Herausforderung für mein Leben.
Von Gottes Art, von göttlichem Geschlecht zu sein – wie zeigt sich das in meinem Leben? Wird so wie ich lebe etwas deutlich und erfahrbar von der Gegenwart Gottes in dieser Welt? Können Menschen, die nach Gott suchen, ihn in mir spüren und entdecken (Apg 17,27)?
Und vor allem anderen: Kann ich mich selbst, so wie ich bin, als Kind Gottes begreifen und annehmen? Mit all meinen Macken und Fehlern. Mit meinen Stärken, aber auch mit meinen Schwächen. In dem, was mir gelingt, und in meinem Scheitern. Wenn ich tatsächlich etwas „Göttliches“ an mir habe, dann kann und darf ich mich selbst nicht behandeln wie den letzten Dreck. Dann gebe ich Acht auf mich weil ich in IHM „lebe und webe und bin“ (Apg 17,28 L).
Und noch ein anderer Gedanke: Wenn ich annehme, dass – wie in mir – auch in jedem anderen Menschen etwas „Göttliches“ steckt, dann verändert das meine Sicht auf diese Menschen. Wie sähe die Situation in der Ukraine wohl aus, wenn die Menschen dort sich gegenseitig als „Kinder Gottes“ und „Geschwister Jesu Christi“ wahrnehmen würden? Könnten sie dann noch auf einander schießen? Und könnten die Boko Haram-Kämpfer im Norden Nigerias junge Mädchen und Frauen entführen, verkaufen und versklaven, wenn sie in ihnen „Töchter Gottes“ sehen würden? Können wir achtlos am Leid unserer Mitmenschen vorübergehen, wenn wir sie „Bruder“ oder „Schwester“ nennen, weil sie – wie wir – Kinder desselben Vaters im Himmel sind?
Wir können. Ich kann. Leider viel zu oft! Aber ich kann es nicht mehr, ohne deswegen Scham oder Schuld zu empfinden. Darum kann ich mir und euch auch nicht die Fortsetzung der Paulusrede auf dem Areopag ersparen, die bezeichnenderweise nicht Teil unseres Predigttextes für den heutigen Sonntag geworden ist:

Apostelgeschichte 17,29-31:
29 Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen: Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Gebilden aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft.
30 Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er die Menschen auf – alle und überall –, ihr Leben zu ändern.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er über die ganze Welt ein gerechtes Gericht halten wird. Und zwar durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch seine Auferweckung von den Toten bewiesen.“


Die Rede des Paulus endet mit einem Ausblick auf das Gericht Gottes. Ein gerechtes Gericht wird das sein. Gehalten durch den, den er dazu bestimmt und durch die Auferweckung von den Toten als Richter bestätigt hat: durch Jesus Christus.
Das kann man als Drohung empfinden, die den nötigen Druck erzeugen soll, um uns auf den „rechten Weg“ zu führen oder dort zu halten. Nur funktioniert das leider nicht. Das wissen wir nur zu gut. Darum bin ich froh, dass es so nicht gemeint ist. Dass der, der hier zum Richter bestimmt ist, längst selbst alle Schuld auf sich genommen, sie getilgt und uns mit Gott versöhnt hat. Das befreit uns von aller Sorge, uns selbst vor ihm rechtfertigen zu müssen. Wie könnten wir auch!? Und es befreit uns zu einem Leben, das – hoffentlich – von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr immer mehr von der „göttlichen Art“ bestimmt wird, die wir alle an uns tragen.

Gott ist uns nahe. Wir stehen unter einer Verheißung, eine Verheißung, die in der Auferweckung Jesu von den Toten gründet und in unserer eigenen Auferstehung gipfelt – immer wieder, jeden Tag aufs Neue und endgültig am Ende unseres Lebens und dieser Welt. Die Zuhörer des Paulus damals konnten mit diesem Gedanken nicht viel anfangen. Als er von der Auferweckung vom Tod sprach lachten einige ihn aus (Apg 17,32a). Andere blieben freundlich interessiert und distanziert zugleich: „Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören“ sagten sie (Apg 17,32b) Der missionarische Erfolg der Predigt des Paulus in Athen war also eher bescheiden: „Einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben“ heißt es (Apg 17,33a). Unter ihnen immerhin ein Mitglied des Areopags, der später als erster Bischof Athens gefeiert wurde, und eine namentlich genannte Frau: Damaris. Vielleicht die beiden Figuren im Vordergrund unseres Bildes.
Doch darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, wo du dich in diesem Bild wiederfindest. Und in dem, was nach diesem Bild kommt. Ob du die Rede des Paulus hörst und freundlich interessiert, aber distanziert nach Hause gehst. Oder ob du dich von dieser Rede berühren, erfassen, bewegen lässt – und dem Vertrauen schenkst, der das Göttliche in dir aufblühen lassen und für dich selbst und andere Menschen spürbar machen kann.
Zwei Texte zum Schluss. Im Hören auf sie kannst du über diese Frage nachdenken. Der erste Text ist vom Kirchenvater Augustinus aus dem vierten Jahrhundert nach Christus. Der zweite von Lothar Zenetti, einem katholischen Priester und Dichter des 20. Jahrhunderts.


Augustinus schreibt:

„Spät hab ich dich geliebt, du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab ich dich geliebt. Und siehe, du warst innen, und ich war draußen, und da suchte ich nach Dir, und auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen, warf ich mich, selber eine Missgestalt. Du warst bei mir, ich war nicht bei dir. – Was doch nicht wäre, wäre es nicht in Dir: das eben zog mich weit fort von Dir. Du hast gerufen und geschrien und meine Taubheit zerrissen; Du hast geblitzt, geleuchtet und meine Blindheit verscheucht; Du hast Duft verbreitet, und ich sog den Hauch und schnaube jetzt nach Dir; ich habe gekostet, nun hungere ich und dürste; Du hast mich berührt, und ich brenne nach dem Frieden in Dir.“


Und Lothar Zenetti:

Nachts geträumt

Nachts kamen sie die stummen Helfer des Todes führten mich aus meinem Haus

Nichts konnte ich mitnehmen ins Grab nicht meine Papiere keine Bücher kein Geld nicht meine Kamera kein Tonbandgerät keine Platten nicht meine Kleider nicht Wäsche noch Schuhe keines meiner guten Werke keinen meiner Fehler keine Erinnerung nichts kannst du mitnehmen in das Gericht du hast nichts in der Hand wenn es gilt

Der große Richter flüstert man neben mir soll Jude sein, ein junger Mann um dreißig

Ich weiß ich kenne ihn all meine Hoffnung setze ich auf ihn



(c) Volkmar Hamp