Den Müden Kraft!
(Jesaja 40,27-31)



Liebe Geschwister, liebe Freunde!

Eine Woche nach Ostern ein Predigttext, der auf den ersten Blick nicht viel mit Ostern zu tun hat – Jesaja 40,27-31:

27 Warum sagst du, Jakob,
und sprichst du, Israel:
„Mein Weg ist vor Jahwe verborgen,
und an meinem Gott geht mein Recht vorbei“.
28 Hast du’s nicht gemerkt
oder nicht gehört?
Der ewige Gott ist Jahwe,
der die Enden der Erde geschaffen.
Er ermüdet nicht und wird nicht matt,
unerforschlich ist seine Einsicht.
29 Er gibt dem Müden Kraft
und dem Ohnmächtigen Stärke in Fülle.
30 Es werden müde die Jünglinge und matt,
und die jungen Männer straucheln und fallen.
31 Doch die auf Jahwe harren, erneuern die Kraft,
sie treiben Schwingen wie die Adler.
Sie laufen und werden nicht matt,
sie wandern und werden nicht müde.


Ostern. Fest der Auferstehung. Jesus, auf Betreiben jüdischer Autoritäten von den Römern gekreuzigt, bleibt nicht im Grab. Gott, sein Vater im Himmel weckt ihn von den Toten auf und bestätigt so sein Evangelium – die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes. Der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern das Leben.
500 Jahre früher. Das Volk Israel lebt in babylonischer Gefangenschaft. Jerusalem und der Tempel sind zerstört. Die Israeliten sitzen tausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt an den Flüssen von Babylon und weinen. Sie glauben nicht mehr an das Leben, an eine gute Zukunft für ihr Volk. Sie haben jede Hoffnung verloren.
Da tritt unter ihnen ein Schüler des alten Propheten Jesaja auf, jenes Propheten, der den Untergang Israels angekündigt und ihn als Strafe dafür gedeutet hatte, dass das Volk seinen Gott verlassen, das Recht gebeugt und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten hat. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ ruft dieser zweite Jesaja. „Redet Jerusalem zu und verkündet ihm, dass vorbei ist sein Dienst, dass bezahlt seine Schuld.“ (Jesaja 40,1-2) Die Wende ist nah. Es geht nach Hause. Schon bald.
Glauben können die, die da in Babylon sitzen, das nicht. Wie soll das denn gehen? Die Macht der Babylonier ist doch ungebrochen! Jeden Tag erleben sie das. Zukunft und Hoffnung? Fehlanzeige!
Doch der junge Prophet lässt sich nicht beirren. Mit leidenschaftlichen Worten versucht er seine in Depressivität und Selbstmitleid versunkenen Leidensgenossen aufzurütteln. „Warum?“ fragt er. „Warum sagst du, Jakob, und sprichst du, Israel: ‚Mein Weg ist vor Jahwe verborgen, und an meinem Gott geht mein Recht vorbei.’“ (Vers 27)
Und ich sehe die Angesprochenen vor mir, wie sie mit den Schultern zucken und mit den Augen rollen. „Warum? Warum fragst du? Ist das dein Ernst? Es ist ja nicht so, dass wir nicht mehr an Jahwe glauben würden. Er ist immer noch unser Gott. Aber entweder kann er nicht helfen oder er will es nicht. Praktisch läuft das auf das gleiche raus!“
So also sieht es in der Gemeinde des zweiten Jesaja aus: Die Menschen haben resigniert, die Hoffnung aufgegeben; sie sind müde geworden vom langen Warten und können auch zu der neuen Botschaft des Propheten kein Zutrauen finden.
Kommt euch das irgendwie vertraut vor? Mich erinnert das an die hoffnungslose Situation der Jünger Jesu nach dessen Tod. Wie sie sich ängstlich hinter verschlossenen Türen verkriechen, weil sie mit ihrem Herrn jede Hoffnung auf eine glückliche und heilvolle Zukunft begraben haben. Mich erinnert das aber auch an ähnliche Situationen in meinem Leben. An Situationen, in denen ich Abschied nehmen musste von großen Hoffnungen. An Zukunftspläne, die endgültig begraben wurden. Und an den Tod lieber Menschen, die eine Lücke hinterlassen haben, die nichts und niemand schließen kann.
Kann die Botschaft des Propheten uns in solchen Situationen erreichen? Kann sie Hoffnung wecken, Mut schenken, Lust auf die Zukunft machen?
„Hast du’s nicht gemerkt? Hast du’s nicht gehört?“ Mit diesen beiden Fragen fordert der Prophetenschüler seine Hörer auf, sich in ihrer scheinbar hoffnungslosen Situation auf das zu besinnen, was seit eh und je die Grundlage ihres Glaubens ist. Und dann erinnert er sie in zwei Verszeilen an vier Grundsätze ihres Bekenntnisses, die ihnen Mut und Hoffnung geben könnten.
Der erste dieser vier Grund-Sätze lautet: „Der ewige Gott ist Jahwe!“ Man könnte auch übersetzen: „Jahwe ist der Gott der Ewigkeit!“ Damit ist nicht gemeint, dass Gott – in einem metaphysischen Sinne – das Leben nach dem Tod bestimmt und in Händen hält. Das Wort „olam“, das hier im Hebräischen für „Ewigkeit“ steht, umfasst nicht nur die gesamte Zeitspanne von der fernsten Vergangenheit bis zur fernsten Zukunft. Es steht vor allem für die „mit Geschichte gefüllte Zeit“, es ist „die Welt als Geschichte, in der Jahwe wirkt und über die er der absolute Herr ist“ (Karl Elliger, BKAT XI/1, 98). Unser Gott ist der Gott der Ewigkeit. Das heißt: Er ist derjenige, der alles, was in dieser Welt geschieht – von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende – in seinen Händen hält und nach seinem Willen gestaltet. Das ist der erste Grund-Satz des Glaubens, den der Prophet seinen Hörern in Erinnerung ruft. Gott ist der Herr der Geschichte. Der großen wie der kleinen. Der Geschichte dieser Welt und der Geschichte deines Lebens. Glaubst du das?
Die anderen drei Grundsätze des Glaubensbekenntnisses der Israeliten, die nun folgen, sind eigentlich nur Explikationen, Erklärungen, Ausführungen dieses einen Satzes. Jahwe ist der, „der die Enden der Erde geschaffen hat“. Da bleibt kein Rand frei, an dem Gott nicht gegenwärtig und tätig wäre. Und wie er den Anfang der Weltgeschichte setzt, so sorgt er auch für deren Fortgang und für ihre Zukunft. Das sagt der dritte Satz: Ganz persönlich hat Gott seine Hände im Spiel. Er arbeitet in der Geschichte und wird dabei „weder müde noch matt“. Nichts geschieht ohne ihn. Nichts bleibt ihm verborgen. Nichts geht an ihm vorbei. Dass das auch gilt, wenn es nicht offensichtlich ist, wenn es augenscheinlich ganz anders aussieht, wenn es ausschaut als sei Gott die Kontrolle über diese Welt und unser Leben entglitten, dafür steht der vierte Grund-Satz des Glaubens, den der Prophet hier zitiert: „Unerforschlich ist seine Einsicht“. Durch eigenes Nachdenken, durch Forschen und Bohren hinter die Pläne Gottes zu kommen und seinen Weg mit uns zu begreifen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Immer bleibt ein Geheimnis. Immer bleibt unser Gott auch ein verborgener Gott, ein Gott, der auch dann anwesend ist, wenn er abwesend scheint.
„Das also ist der Inhalt ihres Bekenntnisses, den der Prophet seinen Hörern zunächst wieder lebendig macht: ihr Gott ist der Herr der Geschichte, der seit der Schöpfung weise und unermüdlich am Werke ist, ohne dass man ihm das im einzelnen nachrechnen kann.“ (Karl Elliger, BKAT XI/1, 99).
Aber was nützt ein solches Bekenntnis, wenn die Realität gerade den Eindruck macht, als habe Gott sich aus ihr verabschiedet? Was nützt ein solches Bekenntnis, wenn die Erfahrungen des Augenblicks dem diametral entgegenstehen? Nicht viel! Das weiß auch der Prophet. Darum nimmt er einen zweiten Anlauf, um die Israeliten von seiner Trost- und Hoffnungsbotschaft zu überzeugen. Er erinnert sie nicht nur an ihr Bekenntnis, sondern auch an ihre Erfahrungen. Haben sie nicht immer wieder – oder doch zumindest hin und wieder – erlebt, dass ihr Gott ein Gott ist, der den Müden Kraft und den Ohnmächtigen Stärke gibt? Die Psalmen, das Gebetbuch des Volkes Israel, sind doch voll von solchen Erlebnissen und Erfahrungen. Vielleicht hilft die Erinnerung daran mehr als die Vergegenwärtigung eines abstrakten und theoretischen Glaubens.
Mich erinnert das an die Emmausjünger. Lange hatte ihr geheimnisvoller Begleiter versucht, sie mit Hilfe der Schrift zu überzeugen, dass das Karfreitagsgeschehen Teil des großen Masterplanes Gottes war. Als den Auferstandenen erkannt haben sie ihn aber erst, als er sie durch das Brechen des Brotes an gemeinsame Erfahrungen aus der Zeit vor seinem Leiden und Sterben erinnerte.
Welche Erfahrungen, die du in der Vergangenheit mit Gott gemacht hast, können dich in der Gegenwart durch schwere Zeiten tragen? Welche Erfahrungen kannst du heute mit Gott machen, um dich für zukünftige schwere Zeiten zu wappnen?
Der zweite Jesaja beschreibt eine solche Erfahrung, und er beschreibt sie in poetischen Worten als eine geistliche Grunderfahrung, die Menschen immer schon mit Gott gemacht haben und immer wieder mit ihm machen:

„Es werden müde die Jünglinge und matt,
und die jungen Männer straucheln und fallen.
Doch die auf Jahwe harren, erneuern die Kraft,
sie treiben Schwingen wie die Adler.“


Dass auch Jünglinge und junge Männer, die doch scheinbar über unerschöpfliche Kraftreserven verfügen, irgendwann müde werden und unweigerlich zu Boden gehen, weil sie erschöpft sind, wissen wir alle. Das gilt übrigens auch für Mädchen und junge Frauen! Anders jene, die auf Gott harren, die beharrlich auf sein Eingreifen in der Not warten: Sie erneuern ihre Kraft. Wie ein abgestorbener Baum, der wieder ausschlägt (Hiob 14,7). Wie eine schlaff gewordene Bogensehne, die neue Spannkraft gewinnt (Hiob 29,20). Das jedenfalls sind die Zusammenhänge, in denen das Wort, das hier im Hebräischen steht, sonst gebraucht wird.
Ein Ausleger schreibt dazu: „Gewiss gibt es Kraftverluste im Ertragen der Widerwärtigkeiten des Lebens; der Prophet erlebt es in Bezug auf die politische Situation ja gerade bei seinen Landsleuten. Aber wer auf Jahwe hofft – so zieht er die Summe aus der Erfahrung all jener Psalmdichter –, der verfällt nicht der Erschöpfung, die an ihrer Lage verzweifelt, sondern bekommt immer wieder Kraft, die Not zu ertragen und an die Wende zu glauben. Ja, nicht nur Kraft zum Tragen, sondern mehr: Kraft zum Fliegen!“ (Karl Elliger, BKAT XI/1, 100)
Der „Traum vom Fliegen“, der seit Ikarus’ Zeiten die Menschheit begleitet, hier bei Jesaja wird er wahr – zumindest im übertragenen Sinne. Nicht durch menschliche Kraft oder technisches Geschick, sondern durch geduldiges sich zu Gott halten. Nicht Red Bull, sondern Jahwe verleiht Flügel!
Und wem dieses Bild zu poetisch, zu schön, zu groß, zu romantisch ist, dem bietet der Prophet ein zweites, weniger abgehobenes aber nicht weniger kraftvolles Bild an (ohne dadurch aus Adlern Strauße zu machen):

„Die auf Gott harren, laufen und werden nicht matt,
sie wandern und werden nicht müde.“


Das ist wohl die Grundhaltung des Glaubens zu allen Zeiten. Der zweite Jesaja wartete auf das Heil, das sich in der Heimkehr des Volkes Israel nach Jerusalem erfüllen sollte. Sein Volk erlebte die Erfüllung dieser Verheißung, wenn auch nur unvollkommen und bruchstückhaft. Dann wartete es auf den Messias. 500 Jahre später kam der und sprach von der anbrechenden Gottesherrschaft. Doch am Karfreitag schien die schon zu Ende zu sein noch bevor sie begonnen hatte. Dann kam Ostern. Seitdem warten wir Christen mit allen Menschen auf die von Gott versprochene heilvolle Zukunft, in der es keinen Tod, keine Krankheit, keinen Hunger, keine Armut, keine Missgunst, keinen Neid, kein Leid und kein Geschrei mehr geben wird.
Die Vorstellungen vom Heil wechseln und bleiben sich doch immer gleich. Und auch das „Harren“ bleibt im Wandel der Zeiten das gleiche. „Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig“, sagt Jesus in den Endzeitreden des Matthäusevangeliums (10,22; 24,13). „Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig!“
So weit unser Bibeltext. Und nun? Das ist ja alles schön und gut. Aber hilft es wirklich, sich an sein Glaubensbekenntnis und an Erfahrungen aus der Vergangenheit zu erinnern, wenn es im Leben drunter und drüber geht, wenn Situationen trübe und ausweglos erscheinen, wenn wir mit Krankheit, Leid und Tod beschäftigt sind?
Dazu ein paar persönliche Gedanken. Wie einige von euch wissen, liegen einige anstrengende und aufwühlende Wochen hinter Anne und mir. Wir hatten einen Umzug zu bewältigen, eine neue Wohnung einzurichten und zwei alte übergabefertig zu machen. Mitten in diesem Stress erreichte uns die Nachricht vom völlig unerwarteten und viel zu frühen Tod von Annes Bruder. Und plötzlich waren diese Wochen nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch emotional sehr aufwühlend.
Was hat uns in dieser Zeit Kraft gegeben und tut es noch? Natürlich die vielen Freunde und Bekannte, die mitgelitten und mitgetragen haben. Darüber hinaus aber habe ich genau die Dinge erlebt, von denen in unserem Bibeltext Rede ist: den Halt, den der Glaube an den Gott der Ewigkeit geben kann, und die Kraft, die uns aus guten Erfahrungen zuwächst, die wir mit diesem Gott gemacht haben.
Über der Todesanzeige von Annes Bruder stand sein Taufspruch, ein Jesaja-Vers aus demselben Kontext wie unser Predigttext: „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60,2)
Diesen Vers hat Annes Vater bei der Beerdigung seines Sohnes durch ein Rilke-Gedicht ausgelegt, das Schmerz und Trauer Raum gibt, aber auch der Hoffnung, die darin liegt, dass jenseits der Todesgrenze der Gott der Ewigkeit auf uns wartet:

Überfließende Himmel verschwendeter Sterne prachten über der Kümmernis.
Statt in die Kissen, weine hinauf.
Hier an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend,
beginnt der hinreißende Weltraum.
Wer unterbricht,
wenn du dort hindrängst,
die Strömung? Keiner.
Es sei denn, dass du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung jener Gestirne nach dir. Atme.
Atme das Dunkel der Erde und wieder aufschau! Wieder.
Leicht und gesichtlos lehnt sich von oben Tiefe dir an: Das gelöste nachtenthaltne Gesicht gibt dem deinigen Raum.

(Rainer Maria Rilke 1875-1926)



„Der ewige Gott ist Jahwe,
der die Enden der Erde geschaffen.
Er ermüdet nicht und wird nicht matt,
unerforschlich ist seine Einsicht.
Er gibt dem Müden Kraft
und dem Ohnmächtigen Stärke in Fülle.“


Amen

© Volkmar Hamp