Selber suchen!
Philipper 3,12-14


Liebe Geschwister, liebe Freunde!

„Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“ – das ist das Motto der diesjährigen Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland. Unter diesem Motto wollen die Initiatoren uns in der Fastenzeit 2014 aus fragloser Routine und halben Wahrheiten herauslocken „zum Nachfragen und Neudenken“. „Mut und eine Portion Unvernunft“ brauche es, um „Gewohnheiten und Traditionen infrage zu stellen.“ „Und wer gern nörgelt ...,“ sei aufgerufen, „den Zuschauerraum zu verlassen und selber etwas auf die Beine zu stellen.“
Einer, der den Zuschauerraum verlassen und selber etwas auf die Beine gestellt hat, war der Apostel Paulus. Ganz am Anfang als junger Mann stand er noch abseits, bewachte die Kleider derer, die den Jesusnachfolger Stephanus zu Tode steinigten, und hatte Gefallen daran (Apg 7,58-60). Dann wurde er selbst aktiv: Verfolgte die Anhänger des neuen Weges bis auf den Tod, brachte Männer und Frauen, Christen und Christinnen ins Gefängnis (Apg 22,4). Schließlich die Wende: Vor den Toren von Damaskus begegnet ihm der auferstandene Christus – und von einem Tag auf den anderen wird der Christenverfolger zum Christusverkünder. Unermüdlich bereist er die ganze damals bekannte Welt, um sein Evangelium, seine gute Nachricht von der Versöhnung des Menschen mit Gott zu verbreiten.
Und heute? Heute gilt Paulus als der eigentliche Begründer des Christentums. Viele der entscheidenden Wendepunkte der Kirchen- und Theologiegeschichte, ja, der Geschichte überhaupt, wären ohne ihn und seine Theologie so nicht denkbar gewesen:
Die Kirchenväter, allen voran Origenes und Augustinus, entwickelten auf der Grundlage seiner Briefe ihre Theologie, die mehr als 1.000 Jahre ganz Europa prägte. Martin Luther hatte während der Lektüre des Römerbriefs die Erkenntnis, dass allein Gottes Gnade und nicht die guten Werke den Menschen vor Gott gerecht machen, was später zentrales Element der Reformation wurde. Luthers Wegbegleiter Philipp Melanchthon nannte den Römerbrief des Paulus „die Zusammenfassung der christlichen Theologie“, und ganz ähnlich sahen es Calvin und die anderen Reformatoren. John Wesley, einer der Mitbegründer des Methodismus, erlebte seine innere Bekehrung durch Luthers Vorrede zum Römerbrief, und viele bedeutende Theologen des 20. Jahrhunderts wie Karl Barth und die ganze Bekennende Kirche wurden durch diesen Brief und die Theologie des Paulus geprägt.
Was für ein Mann! Ein Großer des Geistes und der Theologiegeschichte! Einer, der selber dachte und mit seinem Denken andere Menschen prägte und inspirierte. Ob so einer auch Selbstzweifel und Unsicherheiten kannte? Ob er all die Gewissheiten, die er sich im Laufe seines bewegten Lebens erarbeitet hatte, auch schon mal in Frage stellte?
Der Predigttext für den heutigen Sonntag legt das nahe. Da spricht Paulus von dem Ziel, das er erreichen will, aber noch nicht erreicht hat.

Philipper 3,12-14 (Luther):
„12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen bin; ich jage ihm aber nach, um es zu ergreifen, nachdem ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder (und Schwestern), ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, 14 und jage auf das Ziel zu, den Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“


„Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen bin“ – wenn einer so anfängt, dann möchte man ihn fragen: Was? Was hast du noch nicht ergriffen, Paulus? Worin bist du noch unvollkommen?
Die Antwort geben die Verse vor unserem Predigttext. Da spricht Paulus von der „Erkenntnis Christi“, die er gewonnen hat, von dem, was Jesus ihm bedeutet. Und er entfaltet einmal mehr die Grundüberzeugungen seiner Theologie: Dass der Zugang zu Gott nicht darin besteht, in immer größerer Selbstvervollkommnung die Gebote Gottes zu befolgen und sich so einen Platz im Himmel zu verdienen. Die „Erkenntnis Christi“, die Paulus gewonnen hat, ist eine andere: Die Gerechtigkeit vor Gott, sagt er, wird nicht verdient, sondern geschenkt. Sie wird nicht als Zwang erlebt, sondern als Befreiung. Sie kommt nicht durch das Gesetz, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.
Diesen Jesus, der genau das nicht nur verkündigt, sondern in seiner Zuwendung zu den Sündern, zu den Ausgegrenzten und Verlorenen, vorgelebt hat, will Paulus mehr und mehr kennen lernen. Diesem Jesus, der für seine Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes am Ende getötet wurde, gilt seine Aufmerksamkeit.
„Ihn möchte ich erkennen“, schreibt Paulus in den Versen vor unserem Predigttext, „und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich zur Auferstehung von den Toten gelange.“ (Phil 3,10-11)
Wow! Das also ist es, was Paulus ergreifen will und noch nicht ergriffen hat? Darin will er „vollkommen“ werden? Die Kraft der Auferstehung Jesu zu erkennen und die Gemeinschaft seiner Leiden und dem Tode Jesu gleichgestaltet zu werden? Was soll denn das bedeuten?
Ich muss gestehen: Ich weiß es nicht genau. Für mich bleibt das, wovon Paulus hier spricht, ein Geheimnis – gehüllt in eine geheimnisvolle Sprache. Ich will dennoch eine Deutung versuchen! Ich denke, im Kern geht es dem Paulus hier um Nachfolge, um die Nachfolge Jesu, die – wenn sie ernstgenommen wird – immer auch etwas mit Leidens- und Kreuzesnachfolge zu tun hat.
Für uns hier in Westeuropa, im „christlichen Abendland“ ist das vielleicht nicht immer offensichtlich. Für Christen in Nordkorea oder im Iran schon. Aber auch für uns gilt: Unsere Lebenserfahrung lässt sich nicht immer gleich mit unserem Glauben an einen gütigen, liebenden und allmächtigen Gott zusammenbringen.
Da hoffen wir vielleicht auf Heilung – und die Schmerzen bleiben. Da beten wir für Versöhnung – und die Fronten brechen nicht auf. Da wünschen wir uns eine Veränderung in unserem persönlichen Leben – und alles bleibt beim Alten.
Und schon fragen wir uns, ob etwas mit uns und unserem Glauben nicht stimmt. Ob dieser Jesus, dem wir vertrauen, wirklich die Macht hat unser Leben zum Guten zu verändern oder ob das nur ein frommes Hirngespinst ist, mit dem wir uns trösten, dem aber keine objektive Realität entspricht.
Einer, der sich mit dieser Spannung bestens auskannte und am eigenen Leib erfahren hat was es mit der Leidens- und Kreuzesnachfolge Jesu auf sich hat, war Dietrich Bonhoeffer.
1906 in Breslau im Hause eines bedeutenden Mediziners geboren entschloss er sich schon früh Theologie zu studieren. Mit 21 Jahren erwarb er die akademische Lehrerlaubnis. Nach einem Vikariat in Barcelona habilitierte er sich 1930 als Privatdozent an der Berliner Universität. Anschließend verbrachte er noch ein Studienjahr in den USA. Dann widmete er sich ganz dem theologischen Lehramt.
1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, entschied Bonhoeffer sich ganz bewusst für den Dienst in der Gemeinde und arbeitete zunächst als Auslandspfarrer in London. 1935 kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde bei Stettin. Bald darauf schon schloss er sich dem politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. 1936 entzog ihm das NS-Regime die Lehrerlaubnis an der Universität Berlin. Es folgten Vorlesungs- und Schreibverbote. Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet. Seine später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlichten Briefe aus dem Gefängnis sind sein eindrücklichstes Vermächtnis aus dieser Zeit. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenburg hingerichtet.
1937 – mitten im Kirchenkampf – schrieb Bonhoeffer ein Buch über die Bergpredigt Jesu und gab diesem Buch den Titel „Nachfolge“. Eins der Kapitel in diesem Buch ist überschrieben mit „Die Nachfolge und das Kreuz“. „Nachfolge“, schreibt Bonhoeffer dort, „ist Bindung an den leidenden Christus“ (S. 67). „Gott“, schreibt er, „ist ein Gott des Tragens. Der Sohn Gottes trug unser Fleisch, er trug darum das Kreuz, er trug alle unsere Sünden und schuf durch sein Tragen Versöhnung. So ist auch der Nachfolger zum Tragen berufen. Im Tragen besteht das Christsein. Wie Christus im Tragen die Gemeinschaft des Vaters bewahrt, so ist das Tragen des Nachfolgenden Gemeinschaft mit Christus.“ (S. 68)
Ich vermute, genau das ist auch das Geheimnis, an das Paulus hier im Philipperbrief rührt, wenn er von der „Gemeinschaft der Leiden Christi“ und der „Kraft seiner Auferstehung“ spricht. Jesus nachzufolgen, das bedeutet eben nicht, allen Schwierigkeiten und allem Negativen entronnen zu sein. Im Gegenteil. Manches Problem und manche Herausforderung entsteht vielleicht gerade erst dadurch, dass wir versuchen Jesus nachzufolgen.
Aber Jesusnachfolge bedeutet, mit hineingenommen zu sein in die Kraft seiner Auferstehung; zu wissen, dass Unglück, Leid und Tod niemals das letzte Wort haben, sondern dass über allem die Hoffnung auf Auferstehung liegt. Und das meine ich nicht nur im Blick auf ein – wie auch immer vorgestelltes – „Jenseits“, sondern auch im Blick auf die Auferstehung im Hier und Jetzt, wie man sie jeden Tag erleben kann.

„Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen bin“, schreibt Paulus, „ich jage ihm aber nach, um es zu ergreifen, nachdem ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ (Phil 3,12)

Wer von Jesus ergriffen ist, der spürt eine unbändige Sehnsucht nach Sinn, nach Heil und Heilung, nach Glück und Zufriedenheit. Paulus spürt diese Sehnsucht auch. Und er jagt ihr nach, damit aus der Sehnsucht eine erfahrbare Wirklichkeit wird. Ohne ein Patentrezept zu haben, wie dieses große Ziel zu erreichen ist, hat er doch einen Rat, einen Hinweis, wie unser Hoffen und Sehnen und Suchen zum Ziel kommen könnte.

„Ich vergesse, was hinter mit liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt!“ (Phil 3,13)

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, heute Morgen nicht auf Uli Hoeneß und das ganze Brimborium rund um seinen Steuerhinterziehungsprozess einzugehen. Aber als am Freitagmorgen die Nachricht kam, dass Hoeneß seine Verurteilung akzeptiert und seine Anwälte beauftragt hat, nicht dagegen in Revision zu gehen, da dachte ich zum ersten Mal: Respekt! Vielleicht übernimmt der – nun ehemalige – Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern jetzt tatsächlich Verantwortung für seine Vergangenheit – und gewinnt dadurch eine neue, unbelastete Zukunft!? Genauso verstehe ich nämlich das, was Paulus hier schreibt:

„Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt!“ (Phil 3,13)

Auch Paulus hat seine Vergangenheit ja nicht in dem Sinne „vergessen“, dass er sie verleugnet oder beschönigt hätte. Ihm war immer bewusst, dass er als Verfolger der ersten Christen große, kaum wieder gut zu machende Schuld auf sich geladen hatte. Aber er wusste seine Vergangenheit im doppelten Sinne des Wortes „aufgehoben“ bei Gott. Ungeschehen machen konnte er seine Schuld nicht, aber er konnte sie hinter sich lassen, weil sie vergeben war und weil Jesus ihm eine neue Zukunft eröffnet hatte.
In diesem Sinne „vergisst“ Paulus, was hinter ihm liegt und streckt sich aus nach dem, was vor ihm liegt. Er macht sich auf die Suche, was nun seine „Berufung“ sein könnte. Und er findet seine „himmlische Berufung“ in der Weitergabe des Evangeliums von der Versöhnung des Menschen mit Gott durch Jesus Christus.
Was ist deine Berufung? Hast du dich schon auf die Suche gemacht danach? Vielleicht kommt nichts Spektakuläres dabei heraus. Vielleicht besteht deine Berufung erst einmal darin Verantwortung für deine Vergangenheit zu übernehmen und dich für eine neue Zukunft zu öffnen. Vielleicht bist du berufen, im Leben eines einzigen Menschen einen Unterschied zu machen, Sinn zu stiften, Heil zu vermitteln, Glück zu schenken. Vielleicht ist deine Berufung das Suchen, das Unzufrieden sein, das in Frage stellen. Vielleicht bist du berufen zum Tragen, dein Kreuz oder das eines anderen, und darin die Gemeinschaft der Leiden Christi und die Kraft seiner Auferstehung zu erleben und sichtbar zu machen. Vielleicht liegt deine Berufung – oder ein Teil davon – hier in der Baptistenkirche Wedding, in unseren Aktivitäten und Plänen für die Zukunft. Dann solltest du nachher in unserer Mitgliederversammlung besonders aufmerksam sein.
Was immer deine Berufung ist, wenn sie himmlischer Natur ist, wenn du sie als Gabe und Aufgabe Gottes annehmen kannst, dann ist dieser Berufung und damit deinem ganzen Leben das sicher, was Paulus in unserem Text als „Siegespreis“ beschreibt. Dann bist du schon am Ziel, weil du auf dem Weg zum Ziel bist.

„Meine Brüder (und Schwestern), ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ (Philipper 3,13-14)

Amen

(c) Volkmar Hamp