Paulus und Lydia
(Apostelgeschichte 16,9-15)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

vielleicht gibt es spannendere Predigttexte als den, den die Perikopenordnung der Evangelischen Kirche für den heutigen Sonntag vorschlägt: Apostelgeschichte 16,9-15 – ein Ausschnitt aus dem Bericht über die zweite Missionsreise des Apostel Paulus. Der Text erzählt, wie Paulus und seine Begleiter von Troas an der Westküste der heutigen Türkei über die Insel Samothrake im Ägäischen Meer nach Philippi reisen, eine römische Kolonie in der griechischen Provinz Mazedonien.
Eine Kollegin von mir meinte einmal in einer Predigt zu diesem Text, dass die Reiseberichte der Apostelgeschichte manchmal so aufregend seien „wie ein Lehrbuch über die verschiedenen Gattungen von Staubsaugerbeuteln“. Ich hoffe, dass ihr den Text, um den es heute Vormittag geht, dann doch ein bisschen aufregender findet. Und wenn wir uns heute Nachmittag im Gemeindeunterricht weiter mit dem Apostel Paulus beschäftigen dann wird das hoffentlich auch nicht langweilig. By the way: Wer von den GU-Teilnehmenden heute Morgen bei der Predigt gut aufpasst, hat vielleicht heute Nachmittag einen kleinen Vorteil gegenüber denen, die das nicht tun.
Also: Wir schreiben das Jahr 49 oder 50 nach Christus. Paulus ist mit seinen Begleitern Silvanus, auch Silas genannt, und Timotheus unterwegs auf seiner zweiten Missionsreise. Von Jerusalem hat ihr Weg sie nach Nordwesten geführt. Über Antiochien und Tarsus, die Geburtsstadt des Paulus, in die kleinasiatische Provinz Galatien. Schließlich kommen sie nach Troas an die Westküste der heutigen Türkei. „Dort“, so heißt in Apostelgeschichte 16,9 „hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Er sah einen Mazedonier vor sich stehen (einen Mann aus dem Norden Griechenlands also, einen Europäer), der ihn bat: ‚Komm nach Mazedonien herüber und hilf uns!’“
Dann heißt es weiter (Vers 10-15): „Daraufhin suchten wir unverzüglich nach einer Gelegenheit zur Überfahrt nach Mazedonien; denn wir waren überzeugt, dass Gott selbst uns durch diese Vision dazu aufgerufen hatte, den Menschen dort das Evangelium zu bringen. Nachdem unser Schiff von Troas ausgelaufen war, fuhren wir auf direktem Weg zur Insel Samothrake (im ägäischen Meer). Am folgenden Tag kamen wir nach Neapolis, und von dort ging die Reise landeinwärts nach Philippi. Philippi, eine römische Kolonie, war die bedeutendste Stadt in diesem Teil der Provinz Mazedonien. Hier blieben wir einige Tage und warteten, bis es Sabbat war. Am Sabbat gingen wir vor das Stadttor an den Fluss, wo wir eine jüdische Gebetsstätte vermuteten und dann auch tatsächlich einige Frauen antrafen, die sich dort versammelt hatten. Wir setzten uns zu ihnen und begannen mit ihnen zu reden. Eine dieser Frauen – sie hieß Lydia – war eine Purpurhändlerin aus Thyatira, die an den Gott Israels glaubte. Während sie uns zuhörte, öffnete ihr der Herr das Herz, so dass sie das, was Paulus sagte, bereitwillig aufnahm. Nachdem sie sich dann mit allen, die in ihrem Haus lebten, hatte taufen lassen, lud sie uns zu sich ein. ‚Wenn ihr überzeugt seid, dass ich jetzt eine Christin bin und an den Herrn glaube’, sagte sie, ‚dann kommt in mein Haus und seid meine Gäste!’ Sie drängte uns so, dass wir einwilligten.“
Zwei Menschen werden in diesem Text mit Namen genannt. Um sie dreht sich die Geschichte. Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwei, die sich sicher nie begegnet wären, wenn es da nicht diesen jungen, dynamischen Glauben gegeben hätte, dass Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus seine Schöpfung besucht hatte um sie mit sich zu versöhnen und den Menschen – allen Menschen – eine neue Perspektive für ihr Leben zu geben. Da ist Paulus: der junge Pharisäer, der die Christen zunächst verfolgt hatte und dann durch seine Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor den Toren von Damaskus zu einem ihrer glühendsten Missionare geworden war. Und da ist Lydia: eine reiche, unabhängige Unternehmerin aus der Modebranche, die von der Botschaft des Paulus so nachhaltig beeindruckt wird, dass ihr vorsichtig-zurückhaltender Glaube an den Gott Israels umschlägt in die feste Überzeugung, dass mit diesem Jesus von Nazareth tatsächlich etwas grundlegend Neues in die Welt gekommen ist, und dass sich dadurch auch ihr Leben von Grund auf verändern kann. Paulus und Lydia – mit beiden geschieht etwas in dieser Geschichte, beide erfahren etwas Neues über sich selbst und über ihren Glauben.
Doch bevor wir weiter darüber nachdenken, möchte ich euch bitten, über etwas anderes nachzudenken. Über eine Frage nämlich: Was würde in eurem Leben fehlen, wenn es den Glauben, wenn es Gott, wenn es Jesus darin nicht gäbe? Dafür gehen jetzt Zettel und Stifte herum, und ihr habt ein paar Minuten Zeit, euch ein, zwei Sätze dazu aufzuschreiben. Und keine Angst: Niemand anders soll diese Sätze lesen, und ihr müsst auch nicht in Kleingruppen darüber sprechen. Es geht einfach darum, dass ihr für euch selbst einmal festhaltet: Was würde in eurem Leben fehlen, wenn es den Glauben, wenn es Gott, wenn es Jesus darin nicht gäbe? Und wenn ihr darüber nicht nachdenken oder nichts dazu aufschreiben wollt, ist das auch okay. Dann genießt einfach drei Minuten lang die schöne Musik!

(-> Zettel & Stifte / Musik)

Da ist also Paulus: Sein missionarisches Konzept war so einfach wie großspurig! Immer ging er zunächst in die Hauptstadt einer Region und arbeitete sich von da aus ins Hinterland vor. Immer suchte er zuerst eine Synagoge auf und wandte sich danach den Nichtjuden zu. Paulus, so sagt man, war ein Mann fürs Grobe. Er wollte „Strecke machen“. Er wollte, dass das Evangelium, die gute Nachricht von Jesus Christus, möglichst schnell möglichst weit verbreitet wurde. Es sollte die „Enden der Erde“ erreichen.
Nun lagen die „Enden der Erde“ vor 2.000 Jahren noch dichter zusammen als heute. Aber auch die damals bekannte Welt, der Raum rund um das Mittelmeer von Jerusalem bis Spanien, wollte erst einmal bereist werden. Zu Fuß, im Pferdekarren und per Schiff brauchte das seine Zeit. Und Paulus und seine Begleiter hatten einen Plan, eine Strategie dafür. Da bringt ein Traum, eine Vision sie aus dem Konzept!
Nun kann man sagen: „Wer Visionen hat, der sollte mal zum Arzt gehen!“ (H. Schmidt) Träume sind Schäume sagt man doch. Und Argumente, nicht nach Mazedonien zu reisen, hätte es wohl auch genug gegeben. Was, wenn diese Vision, dieser Traum zerplatzt wie eine Seifenblase? Und was können drei Leute schon erreichen in einem großen, fremden Land? Und überhaupt: Ist eine solche Reise nicht viel zu weit, viel zu gefährlich und viel zu teuer? Und mit den Städten hier in Kleinasien, wo wir uns auskennen, wo wir uns zuhause fühlen, sind wir doch auch längst noch nicht durch! Was, wenn auf der anderen Seite überhaupt kein mazedonischer Mann steht, der unsere Hilfe braucht?
Erzählt wird von solchen Diskussionen nichts, aber man kann durchaus annehmen, dass es sie gegeben hat. Paulus und seine Begleiter, so müsste man in Vers 10 nämlich wörtlich übersetzen, „kommen überein“, „schließen“, „schlussfolgern“, dass es richtig ist nach Mazedonien zu reisen. Das heißt: Sie diskutieren darüber, wie der Traum des Paulus zu verstehen ist. Ob man ihn ernst nehmen muss und sich darauf verlassen kann. Die drei, die da miteinander unterwegs sind, prüfen die Vision des einen und machen sie so zu ihrer eigenen.
Silas und Timotheus folgen also nicht einfach einem „Leiter mit Vision“, sondern sie folgen gemeinsam mit ihm einem Traum, den sie kritisch bedenken und schließlich miteinander teilen. So funktioniert missionarische Gemeindearbeit, die Bewegung Gottes hin zu den Menschen. Das Wort Gottes wird nicht nur in den Träumen und Visionen einzelner lebendig, sondern auch in der Auseinandersetzung einer Gemeinschaft darüber, was es mit diesen Träumen und Visionen auf sich hat. Das schützt vor blindem Glauben und Sektierertum!
Was Paulus, Silas und Timotheus letztendlich glauben ließ, dass es richtig war, dieser Vision zu folgen, wissen wir nicht. Aber sie tun’s. Und so öffnet sich für das Christentum die Tür nach Europa. „Einfach weil vier Missionare nachsehen wollen, ob auf der anderen Seite der Ägäis tatsächlich ein mazedonischer Mann steht, der ihre Hilfe braucht.“ (Anja Neu-Illg) Das erste, was wir aus dieser Geschichte mitnehmen könnten, wäre also die Bereitschaft uns mit Gott und im Glauben mutig und neugierig auf Neues einzulassen. „Ja“ zu sagen zum Wagnis, zu seltsamen Träumen und unkalkulierbaren Risiken. Und auch unseren kleinen Kräften und begrenzten Kapazitäten große Dinge zuzutrauen, wenn wir uns getragen wissen, von einer Gemeinschaft Glaubender, die miteinander unterwegs sind und dieselbe Vision teilen.
Vor Enttäuschungen bewahrt uns das nicht. Ich vermute, auch Silas, Timotheus und Paulus werden zunächst einmal enttäuscht gewesen sein, als sie schließlich in Philippi ankamen. Denn da wartet niemand auf sie. Kein mazedonischer Mann, der sagt: „Da seid ihr ja endlich, ich habe schon von euch geträumt!“ Nicht mal eine Synagoge gibt es und keinen Ansatzpunkt für die übliche Missionsstrategie des Paulus. Und so laufen die drei ein paar Tage lang ziemlich planlos durch die Gegend. Sie warten auf den Sabbat, denn dann – so vermuten sie – werden sich die Juden der Stadt, wenn es denn Juden geben sollte in Philippi, draußen vor dem Stadttor am Fluss versammeln um miteinander zu beten. So nämlich war es üblich in Städten, in denen es keine Synagoge gab.
Und tatsächlich, unten am Fluss versammelt sich am Sabbat eine Handvoll ... Frauen ... Hm ... Mit der großen Vision, die sie hergeführt hat, hat das nun nicht mehr viel zu tun. Und trotzdem: Für mich ist das, was jetzt kommt, der heimliche Höhepunkt der ganzen Geschichte. Ein ganz schlichter, unscheinbarer Satz – und doch der Dreh- und Angelpunkt von allem. „Wir setzten uns zu ihnen und begannen mit ihnen zu reden.“ (Vers 13b) Die Mission des Paulus und seiner Begleiter bekommt hier eine neue Wendung und, wie ich finde, eine ganz besondere Tiefe. Im schlichten bei den Menschen sein, sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu reden kommt das Evangelium, die gute Nachricht von Jesus, zum Ziel. Lässt sich auch das auf heute übertragen? Paulus und seine Begleiter suchten damals einen Ort auf, an dem sich Menschen trafen, um zu ihrem Gott zu beten und dabei sich selbst und anderen Menschen zu begegnen. Wo sind heute diese Orte? Sicher sind es die Kirchen, Moscheen und Synagogen, auch hier in dieser Stadt. Sicher ist es auch dieser Ort hier, die Baptistenkirche Wedding.
Aber genauso sicher ist, dass sich viele, wenn nicht die meisten, Menschen unserer Zeit von diesen Orten institutionalisierter Religion längst entfremdet haben. Doch das heißt nicht, dass die Fragen, auf die der Glaube eine Antwort zu geben versucht, sie nicht beschäftigen. Und es heißt nicht, dass sie nicht auch ihren ganz eigenen Göttern huldigen und die Sehnsucht nach dem Ewigen in sich tragen.
Doch die Orte, wo sie das tun, das sind heute vielleicht Einkaufszentren, Kinos und Fitnessstudios. Das sind Vereine, Restaurants und Kneipen. Das sind Konzerthäuser, Museen und Fußballstadien. Das sind überwiegend säkulare Orte, an denen gearbeitet, gespielt, diskutiert, geliebt und gehasst wird. Wie wäre es, wenn wir – wie Paulus und seine Begleiter damals – einfach an diese Orte gingen, uns zu den Menschen setzen und mit ihnen reden würden: von unserem Glauben und unserer Hoffnung; von dem, was uns fehlen würde, wenn wir keine Christen wären.
Was steht auf deinem Zettel von vorhin? Etwas, das auch für einen anderen Menschen wichtig sein könnte? Für eine, die danach fragt, ob der Glaube an Gott vielleicht doch eine Bedeutung haben könnte in ihrem Leben?

Damit bin ich bei der zweiten Person, die in unserem Text mit Namen genannt wird: bei Lydia. Von ihr heißt es, sie sei eine „Gottesfürchtige“ gewesen. Das meint: Sie war eine griechische Frau, die sich zur jüdischen Gemeinde hielt ohne ganz zum Judentum überzutreten. Eine Praktikantin oder Hospitantin des Glaubens, die sicher ihre Gründe hatte, warum sie nicht ganz dazu gehören wollte oder konnte. Wahrscheinlich um ihre Geschäftspartner nicht zu verprellen. Die nämlich stammten aus den höchsten gesellschaftlichen Schichten des römischen Reiches, wo es bekanntlich üblich war, viele Götter sehr liebevoll und möglichst gleichmäßig zu verehren.
Lydia hospitierte nämlich nicht nur in der jüdischen Gemeinde, sie war auch eine sehr reiche und unabhängige Unternehmerin. Wenn es heißt, sie sei Purpurhändlerin gewesen, dann dürfen wir uns keinen kleinen Krämerladen vorstellen, in dem sie hinter der Theke stand, sondern sollten eher an ein luxuriöses Import/Export-Geschäft im ganz großen Stil denken.
Purpur, das ist ein Farbstoff, der aus der Drüse einer bestimmten Schneckenart gewonnen wird, bis heute der teuerste Farbstoff der Welt. Um ein Gramm Purpur zu gewinnen, benötigt man etwa 10.000 Schnecken. Erst im 20. Jahrhundert wurde es möglich diesen Farbstoff synthetisch herzustellen. Und noch heute kostet ein Gramm echtes Purpur 2.000 €.
Im 1. Jahrhundert nach Christus hatte Farbe darüber hinaus noch einen ganz anderen Stellenwert als heute. Eben weil die Gewinnung schwierig war, konnte sich gar nicht jeder ein farbiges Gewand leisten, schon gar kein purpurrotes. Darum kann man davon ausgehen, dass Kaiser, Senatoren, Hohepriester und militärische Würdenträger zu Lydias Kunden gehörten. Und so ist sie nie ganz zum Judentum übergetreten um diese Kundschaft nicht durch ihre Religion zu verprellen. Eine sehr vernünftige und geschäftstüchtige Einstellung! Doch dann begegnet diese Frau dem Apostel Paulus: „Während sie uns zuhörte, öffnete ihr der Herr das Herz,“ heißt es, „so dass sie das, was Paulus sagte, bereitwillig aufnahm. Nachdem sie sich dann mit allen, die in ihrem Haus lebten, hatte taufen lassen, lud sie uns zu sich ein. ‚Wenn ihr überzeugt seid, dass ich jetzt eine Christin bin und an den Herrn glaube’, sagte sie, ‚dann kommt in mein Haus und seid meine Gäste!’ Sie drängte uns so, dass wir einwilligten.“ (Vers 14 und 15)
Für diese Frau also hatten Paulus und seine Begleiter die lange Reise gemacht. Ihre Vision kommt an einem Fluss vor den Toren Philippis zum Ziel. Lydia hört zu. Sie hört das, was Paulus sagt so, als wenn Gott direkt zu ihrem Herzen sprechen würde. Was Paulus sagt wird für sie zum Wort Gottes.
So findet das Wort Gottes seinen Weg und erreicht jeden auf seine Weise: Umtriebige und viel beschäftigte Menschen wie Paulus, die tagsüber schwer zu erreichen sind, erreicht es bei Nacht, im Traum. Und Menschen wie Lydia, die geschäftstüchtig sind und die meisten Dinge mit dem Verstand angehen, erreicht es im Herzen. Und was hier ganz unscheinbar an einem Fluss vor den Toren von Philippi beginnt, führt schließlich zum ersten christlichen Hauskreis auf europäischem Boden.
Lydia lässt sich taufen. Davon wird Paulus also auch gesprochen haben. Was diese Frau bis dahin nicht wollte, sich ganz zu einem Glauben zu bekennen, wird nun auf einmal möglich. Was wird Paulus ihr wohl gesagt haben? Sehr einfache Dinge vermutlich. Dass jeder Mensch mit Gott ins Reine kommen und mit ihm seinen Frieden machen kann. Dass jede, die ihr Leben Jesus anvertraut, sich taufen lassen kann und damit zur Gemeinschaft der Glaubenden gehört.
Es gab und gibt kompliziertere Heilslehren. Und vielleicht denkt auch der eine oder die andere von euch, dass erst noch etwas sehr kompliziertes passieren muss, bevor ihr glauben und euch taufen lassen könnt. Aber im Grunde ist es sehr einfach. Lydia, römische Kunden hin oder her, erkennt: Dieser Paulus meint mich, mich ganz persönlich. Und sie sagt: „Jetzt oder nie! Heute höre ich Gottes Stimme durch die Worte dieses Predigers.“ Und dann heißt es ganz lapidar: „Nachdem sie sich mit allen, die in ihrem Haus lebten, hatte taufen lassen, lud sie uns zu sich ein.“ Das Taufseminar hat man wohl später nachgeholt. So ist das also mit dem Wort Gottes! Es öffnet die Tür nach Europa, es öffnet das Herz einer unabhängigen Unternehmerin und es öffnet ihr Haus. Paulus und seine Begleiter haben, so scheint es, ein Problem damit, die Gastfreundschaft Lydias anzunehmen. Was ist denn nun mit dem mazedonischen Mann, der ihre Hilfe braucht? Was ist mit ihren missionarischen Strategien und Plänen?
Doch Lydia ist „manns“ genug, die Missionare gleich nach ihrer Taufe herauszufordern: Wenn ihr der Meinung seid, dass ich nun eine Christin bin und an Jesus glaube, dann kehrt in mein Haus ein und seid meine Gäste! Plötzlich hören Paulus und seine Begleiter das Wort Gottes aus dem Mund einer Frau, die gerade vor ein paar Minuten zum Glauben gefunden hat. Gott stellt sie durch diese Frau in Frage: Wie sieht es aus mit eurem Glauben? Wenn diese Frau jetzt zu mir gehört, findet sie dann auch einen Platz in euren Herzen? Wollt ihr sie überhaupt in euren Reihen haben? Glaubt ihr dieser Frau ihren Glauben? Darf sie ein Teil eurer Gemeinschaft sein? Manchmal ist es leichter, große Träume zu träumen, schöne Visionen zu haben und eine Reise in ein unbekanntes Land zu wagen als das Herz einer bestehenden Gemeinschaft für neue Menschen zu öffnen. Doch genau das fordert Lydia jetzt von Paulus und seinen Begleitern. Und so lernen sie einmal mehr Ja zu sagen zu etwas ganz Alltäglichem und Unscheinbarem.

Am Ende lernen wir das vielleicht auch:
  • Ja zu sagen zu unscheinbaren Träumen, auch, wenn sie nicht genauso in Erfüllung gehen wie wir sie geträumt haben.
  • Ja zu sagen zu Diskussionen darüber, wie diese Träume zu verstehen sind.
  • Ja zu sagen zu kleinen Gruppen, die miteinander unterwegs sind, um nachzuschauen, ob abseits der ursprünglichen Route vielleicht jemand ist, der Hilfe braucht.
  • Ja zu sagen zu ein paar wenigen Menschen die an ungewöhnlichen Orten ihre Götter verehren und ihrer Sehnsucht folgen.
  • Ja zu sagen zu unscheinbaren Predigten, in denen es einfach nur darum geht, dass jeder Mensch mit Gott ins Reine kommen kann.
  • Und schließlich ja zu sagen zu einer herzlichen Gemeinschaft mit Menschen, die uns allen heute vielleicht noch völlig fremd sind.
Das Wort Gottes hat beide bewegt: Paulus und Lydia. Vielleicht bewegt es uns ja auch!? Amen

(c) Volkmar Hamp (mit Gedanken und Motiven aus einer Predigt von Anja Neu-Illg, Eimsbüttel)