Von geknickten Rohren und glimmenden Dochten (Jesaja 42,1-9)


Liebe Geschwister, liebe Freunde, liebe Gäste!

Am vergangenen Sonntag hat unser Pastor Peter Jörgensen an dieser Stelle gestanden und über die Jahreslosung für das eben begonnene Jahr 2014 gepredigt. Die heißt „Gott nahe zu sein ist mein Glück!“ und steht in Psalm 73,28. In seiner Predigt hat Peter deutlich gemacht, dass dieser Satz, wenn man ihn in seinem Zusammenhang liest, nicht meint, dass Menschen, die sich zu Gott halten, automatisch ein „glückliches Leben“ haben. Im Gegenteil! Im 73. Psalm geht es gerade auch um das Unglück der Frommen und das Glück der Gottlosen – und wie dieser Widerspruch auszuhalten ist, dass es manchmal denen, die sich einen Dreck um Gott scheren, trotzdem gut geht, und denen, die ihr Leben an Gott auszurichten versuchen, geht es schlecht. Gott nahe zu wissen, wenn ich glücklich bin und alles gut läuft in meinem Leben – das ist das eine und leicht. Seine Nähe auch in schweren und „unglücklichen Zeiten“ glauben zu können, ist etwas anderes und unendlich viel schwerer.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag hat ein ganz ähnliches Thema. Er steht im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 42, in den Versen 1-9, und er enthält eines der sogenannten „Gottesknechtslieder“, die eine besonders eigentümliche Schicht im zweiten Teil dieses Buches bilden (Jes 42,1–4.(7); 49,1–6; 50,4–9; 52,13 bis 53,12). Von dem in diesen Liedern besungenen „Knecht Gottes“, der gelegentlich auch als sein „Sohn“ bezeichnet wird, heißt es, dass er Licht und Recht zu allen Völkern bringt. Dafür trägt er selbst stellvertretend die Schmach und Schande des Volkes bis zum Opfer des eigenen Lebens – und dennoch wird er, was ein großes Geheimnis bleibt, „auf Dauer leben“ (Jes 53).
In manchen dieser Texte wird das ganze Volk Israel als „Knecht“ angesprochen. Dann wieder eine Einzelperson, der göttliche Erlöser, der wiederkehrende König David, der Messias. Die ersten Christen haben viele hundert Jahre später die Tradition des stellvertretend für sein Volk leidenden Gottesknechtes aufgegriffen und auf Jesus bezogen (vgl. Apg 8,30–35). Im Neuen Testament ist ER der „Knecht Gottes“, das Lamm, das die Sünde der Welt trägt (Joh 1,29). Ich lese aus Jesaja 42 die Verse 1-9:

1 Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist:
6 Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein:
7 blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.
8 Ich bin Jahwe, das ist mein Name; ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern, meinen Ruhm nicht den Götzen.
9 Seht, das Frühere ist eingetroffen, Neues kündige ich an. Noch ehe es zum Vorschein kommt mache ich es euch bekannt.


Das erste, was ich tue, wenn ich mir für eine Predigt Gedanken über einen Bibeltext mache ist Folgendes: Ich frage mich, in welche Situation dieser Text ursprünglich gehört, wo er seinen „Sitz im Leben“ hat. Die Entstehungssituation des heutigen Predigttextes möchte ich euch mit einem Lied in Erinnerung rufen, das ihr alle kennt:

-> Boney M., Rivers of Babylon

Der Text dieses Liedes, das im Original von der jamaikanischen Reggae-Gruppe Melodians aus dem Jahr 1970 stammt, beruht auf zwei Psalmtexten der Bibel (Psalm 137,1 und Psalm 19,14). Er reflektiert die Situation des nach der Zerstörung Jerusalems durch den Babylonierkönig Nebukadnezar 586 v. Chr. nach Babylon deportierten Volkes Israel.

„By the rivers of Babylon, there we sat down Yea, we wept, when we remembered Zion. When the wicked Carried us away in captivity Requiring from us a song Now how shall we sing the lord's song in a strange land?” (Psalm 137,1)

„An den Strömen von Babel setzten wir uns nieder, ja, wir weinten, wenn wir an Zion dachten Als die Gottlosen uns als Gefangene verschleppten, verlangten sie von uns Lieder. Aber wie sollten wir die Lieder des Herrn singen in einem fremden Land?“ (Psalm 137,1)


In ein fremdes Land verschleppt, Tempel und Königsstadt zerstört, sitzen die Israeliten an den Flüssen von Babylon und weinen. Sie weinen über ihr Unglück. Sie trauern ihrer verloren gegangenen Vergangenheit hinterher. Dass es so kommen würde, hatten ihnen die Propheten angekündigt, allen voran der große Jesaja. Weil die Mächtigen das Recht der Ohnmächtigen beugten, weil die Reichen die Armen ausbeuteten und weil die Herrschenden die falschen politischen Entscheidungen trafen hatte es soweit kommen müssen. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie die Verschleppung großer Teile des Volkes Israel nach Babylon deuteten die Propheten als Strafe Gottes dafür, dass sich soziale Ungerechtigkeit und politische Dummheit im Volk ausgebreitet hatten. Theologisch gesprochen: Das Volk hatte seinen Gott, der für Recht und Gerechtigkeit stand, vergessen. Und so sitzen sie nun an den Flüssen von Babylon und beweinen ihr Schicksal. Doch nach einiger Zeit tritt ein Schüler des Propheten Jesaja vor sie hin und spricht ihnen wieder Mut zu:

„Tröstet, tröstet mein Volk!“, sagt er. „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass die Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.“ (Jesaja 40,1-2)

Und der Prophet erzählt den Menschen von jenem seltsamen „Gottesknecht“, der ihnen durch sein stellvertretendes Leiden eine neue, glücklichere Zukunft eröffnet.
Nun könnte man lange darüber spekulieren, wen er damit meint. Vielleicht die Verbannten selbst, die – wenn sie ihr Leid als göttliche Strafe annehmen und daraus lernen – zukünftigen Generationen den Weg in eine heilvollere Zukunft bahnen. Vielleicht einen neuen, messianischen König, der das alte Jerusalem in neuem Glanz wieder aufbauen und mit Recht und Gerechtigkeit regieren wird. Wichtiger als diese konkreten Deutungen ist, was der Prophet über GOTT sagt, wenn er vom Gottesknecht spricht. Denn die vornehmste Aufgabe eines Knechtes ist doch, den Willen seines Herrn zu erfüllen. Der Knecht führt aus, was der Herr befiehlt. Er vertritt das Wesen und den Willen seines Herrn nach außen. Genauso zeigt der Gottesknecht das Wesen und den Willen Gottes. Was hier über den Gottesknecht gesagt wird, kann in genau derselben Weise über Gott selbst gesagt werden:

GOTT bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Gott wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat.

Und plötzlich spricht dieser 2.500 Jahre alte Text in unsere Gegenwart und findet hier einen neuen „Sitz im Leben“ – in deinem und in meinem Leben. Wie geknickte Rohre oder glimmende Dochte fühlen wir uns doch alle mal. Das sind Bilder, die uns unmittelbar berühren.
Da tut es gut zu wissen, dass Gott keiner ist, der laut lärmend durch die Straßen läuft und andere Leute niederschreit.
Da tut es gut zu wissen, dass Gott nicht auch noch auf dir rumtrampelt, wenn andere Menschen oder das Leben an sich schon nicht besonders rücksichtsvoll mit dir umgehen; das kann etwas sehr Tröstliches sein.
Da tut es gut zu wissen, dass da einer ist, der dein kleines, inneres Flämmchen mit seinen großen, freundlichen Händen schützt, wenn dir ein Burnout droht.
Da tut es gut zu wissen, dass Gott nicht müde wird und unter der Last der täglichen Ungerechtigkeit nicht zusammenbricht, bis endlich überall Gerechtigkeit einkehrt. Das kann unendlich tröstend und hoch motivierend sein.

Aber ist Gott wirklich so? Erfahren wir ihn so? Oder ist das etwas, das wir manchmal nur – gegen alle Erfahrung – glauben können?

ICH glaube: Gott ist tatsächlich so! Aber ich brauche auch „Gottesknechte“, die mir diesen Gott in meinem alltäglichen Leben nahebringen. „Gott nahe zu sein ist mein Glück!“ Ja, das stimmt. Doch am nächsten kommt mir dieser Gott in Menschen, die mich seine Nähe spüren lassen. Allen voran in seinem Sohn Jesus Christus.
Als Johannes der Täufer zwei seiner Jünger zu Jesus schickte, um ihn fragen zu lassen, ob er tatsächlich der Messias sei oder ob sie noch auf einen anderen warten sollten, da antwortete Jesus ihnen:

„Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Lukas 7,22)

Damit stellt Jesus sich selbst in die Tradition des 600 Jahre zuvor vom Propheten angekündigten Gottesknechtes. Noch einmal unser Predigttext:

„Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.“

Ich glaube Jesus seinen Gott, weil er sich mir als glaubwürdiger Gottesknecht vorstellt. Wenn er die Armen selig preist und ihnen das Himmelreich verspricht, dann glaube ich ihm das. Wenn er die Leidtragenden glücklich nennt und ihnen Trost in Aussicht stellt, dann glaube ich ihm das. Wenn er sagt, dass nicht die Harten in den Garten kommen, sondern die Zarten und dass die Sanftmütigen die Erde besitzen werden, dann glaube ich ihm das. Wenn er den Hungernden Brot und den Durstenden Wasser verspricht, dann glaube ich ihm das. Wenn er sagt, dass jeder, der Barmherzigkeit übt, auch Barmherzigkeit erfahren wird, dann glaube ich ihm das. Wenn er sagt, dass nicht meine Rechtgläubigkeit oder meine Frömmigkeit mich zu einem Kind Gottes macht, sondern ein aufrichtiges Herz und ein friedfertiges Leben, dann glaube ich ihm das. (Matthäus 5,3-10 / Lukas 6,20-22).

-> Reinhard Mey, Selig sind die Verrückten

„Selig die Abgebrochenen,
die Verwirrten, die in sich Verkrochenen,
die Ausgegrenzten, die Gebückten,
die an die Wand Gedrückten,
selig sind die Verrückten.“


Weil Jesus es ist, der die Verrückten, die an die Wand Gedrückten und Gebückten selig preist, glaube ich das. Aber ich möchte noch einen Schritt weitergehen. Wenn es denn stimmt, dass Gott so ist, wie in unserem Predigttext beschrieben: dass er nicht schreit und nicht lärmt, sondern sanft und freundlich mit uns umgeht; dass er Geknickte nicht zerbricht und die Flamme der Hoffnung nicht verlöschen lässt – und sei sie noch so klein. Wenn es stimmt, dass Gott sich nach Gerechtigkeit sehnt und nicht müde wird, bis sich das Recht durchgesetzt hat auf dieser Welt. Wenn all das stimmt, dann möchte ich ihm genau auf diese Weise nachfolgen.
Darum ist mir alles Marktschreierische und Laute suspekt, auch wenn es im Mantel der Frömmigkeit daherkommt. Darum trete ich nicht nach, wenn einer schon geknickt am Boden liegt. Jedenfalls nehme ich mir das ganz fest vor. Und wenn der raue Wind des Lebens die Flamme der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung in mir auszulöschen droht, dann halte ich Gott den glimmenden Docht meiner Seele hin und bitte ihn, sie in seine schützenden Hände zu nehmen. Und wo immer es mir möglich ist, setze ich mich für Gerechtigkeit ein. In den aktuellen Diskussionen über Homophobie und Armutszuwanderung genauso wie in den „Dauerbrennern“ unserer Zeit, wenn es um Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung geht – im Großen wie im Kleinen.
Ich vertraue darauf, dass auch heute noch gilt, was der Prophet vor 2.500 Jahren gesagt hat:

„Seht, das Frühere ist eingetroffen, Neues kündige ich an. Noch ehe es zum Vorschein kommt mache ich es euch bekannt.“

© Volkmar Hamp