Wenn ihr nicht werdet wie die Vögel.
Eine Predigt zum Volkstrauertag (Jeremia 8,4-7)



Liebe Geschwister, liebe Freunde, liebe Gäste,

heute feiern wir in diesem Gottesdienst nicht nur eine Goldene Hochzeit. Heute ist auch Volkstrauertag. Miteinander zu tun hat das glücklicherweise nichts! Der Volkstrauertag ist auch kein kirchlicher Feiertag, sondern ein staatlicher Gedenktag, der seit den 50er-Jahren zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen wird. Die kirchliche Bezeichnung für den heutigen Sonntag heißt nicht „Volkstrauertag“, sondern einfach nur „vorletzter Sonntag im Kirchenjahr“. Was also hat der Volkstrauertag in diesem Gottesdienst zu suchen? Könnten wir ihn nicht einfach ignorieren und uns mit etwas anderem beschäftigen?
Klar, das könnten wir! Allerdings schlägt die Perikopenordnung der evangelischen Kirche für den heutigen Sonntag einen Text vor, von dem aus sich durchaus Brücken schlagen lassen zu unserem Volkstrauertag. Und die Verankerung dieses Tages in einer Zeit des Kirchenjahres, in der es theologisch um die Themen Tod, Zeit und Ewigkeit geht, legt irgendwie doch einen Bezug zu diesem Gedenktag nahe. Was also soll dieser Tag? Und was lässt sich von unserem Predigttext her dazu sagen?

Die Einführung eines Volkstrauertages wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge vorgeschlagen, und zwar als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges. Drei Jahre später gab es hier in Berlin im Reichstag eine erste Gedenkstunde dieser Art. 1926 wurde dann entschieden, den Volkstrauertag regelmäßig zu begehen, damals noch am fünften Sonntag vor Ostern, also in der Passionszeit, was ja auch irgendwie Sinn macht. Von Anfang an aber stritt man sich um den Sinn dieses Tages.
Die einen (die politisch Rechten) wollten im Gedenken an die gefallenen Soldaten alle Deutschen vereinen – „über die Schranken der Partei, der Religion und der sozialen Stellung“ hinweg. Sie wollten darüber hinaus die Botschaft vermitteln, dass es das höchste Ideal eines jeden Deutschen sei, alles für das Wohl des Vaterlandes zu opfern und demgegenüber eigene Ansprüche und Wünsche zurückzustellen. Die anderen (die politisch Linken) wehrten sich gegen diese nationalistische Instrumentalisierung des Volkstrauertags. Stattdessen nutzten sie diesen Tag für Appelle zur Friedensbereitschaft.
Wie unterschiedlich die Zielvorstellungen dieser Gruppen auch waren, Einigkeit bestand darüber, dass alle es wichtig fanden, an die Gefallenen und Opfer des Ersten Weltkriegs zu erinnern. Dass dieser Krieg ein einschneidendes und tiefgreifendes Ereignis der deutschen Geschichte war, war allen klar. Nur über die Bewertung dieses Ereignisses und die daraus zu ziehenden Konsequenzen stritt man sich.
Dann übernahmen die Nationalsozialisten den Volkstrauertag. 1934 wurde er in „Heldengedenktag“ umbenannt und sein Charakter danach vollständig verändert. Nicht mehr das Totengedenken sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Heldenverehrung. Träger waren die Wehrmacht und die NSDAP. Propagandaminister Joseph Goebbels erließ die Richtlinien über Inhalt und Durchführung. Die Flaggen wurden nicht mehr wie bisher auf halbmast gehisst, sondern vollstock gesetzt. 1939 schließlich wurde dieser Heldengedenktag auf den 16. März verlegt, den Tag der Wiedereinführung der Wehrpflicht im Jahr 1935. Und wenn dieser Tag nicht auf einen Sonntag fiel, sollte der Heldengedenktag am Sonntag vor dem 16. März begangen werden. Damit wurde die Bindung an den christlichen Kalender endgültig aufgegeben. Der letzte Heldengedenktag wurde 1945 begangen, als der Zusammenbruch des Dritten Reiches längst abzusehen war.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Tradition des Volkstrauertages 1948 in den drei westlichen Besatzungszonen wieder in der alten Form aufgenommen und nach der Gründung der Bundesrepublik fortgeführt. In der DDR wurde ein „Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“ eingeführt. 1950 fand die erste zentrale Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Bundestag in Bonn statt, und in Abgrenzung zur Tradition des Heldengedenktags der Nazis wurde zwei Jahre später beschlossen, den Volkstrauertag an das Ende des Kirchenjahres zu verlegen.
Und da liegt er nun! Gedacht wird der „Toten zweier Kriege an den Fronten und in der Heimat“. Gedacht wird aber auch der Opfer jeder Gewaltherrschaft in allen Nationen. In rechtsextremen Kreisen allerdings wird auch heue noch – in bewusster Abgrenzung von dieser offiziellen Ausrichtung – der Heldengedenktag gefeiert.

So weit die wichtigsten Informationen zum Volkstrauertag. Dazu nun der Predigttext für den heutigen Sonntag aus Jeremia 8,4-7:

4 Du sollst zu ihnen sagen: So spricht der Herr: Wer hinfällt, steht der nicht wieder auf? Wer vom Weg abkommt, kehrt der nicht wieder zurück?
5 Warum wendet dieses Volk sich ab [Jerusalem] und beharrt auf der Abkehr? Warum hält es am Irrtum fest, weigert sich umzukehren?
6 Ich horche hin und höre: Schlechtes reden sie, keiner bereut sein böses Tun und sagt: Was habe ich getan? Jeder wendet sich ab und läuft weg, schnell wie ein Ross, das im Kampf dahinstürmt.
7 Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten; Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein; mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.


Mit diesen Worten mahnt der Prophet Jeremia – wie so oft – sein Volk zur Umkehr! Was war geschehen? Die Stämme Israels hatten sich um das Jahr 1000 v. Chr. unter ihren ersten Königen Saul, David und Salomo zu einem Königreich vereint. Dieses Königreich erlebte eine kurze Blütezeit, spaltete sich aber schon unter den Nachfolgern Salomos in die beiden Kleinstaaten Israel und Juda.
Das Nordreich Israel war in der Folgezeit ein wirtschaftlich und politisch erstarkender Pufferstaat, der in einer Zeit politischer Schwäche der Großmächte zwischen Ägypten im Süden und Mesopotamien im Norden gedieh. Erst das Aufkommen der Assyrer beendete diesen Zustand. Zwischen 722 und 721 v. Chr. wurde des Nordreich Israel von ihnen erobert und in einen Vasallenstaat verwandelt. Ein Teil der Einwohner wurde zwangsumgesiedelt und durch deportierte Bewohner anderer Teile des assyrischen Großreichs ersetzt.
Jerusalem und Juda waren zu dieser Zeit noch zu unbedeutend, um das Interesse der Assyrer zu wecken. So konnte sich das Südreich Juda nach der Zerschlagung des Nordreichs durch die Assyrer noch einmal behaupten. Die Könige in Jerusalem bemühten sich sogar um eine Ausdehnung ihrer Macht auf die Nordgebiete und die Städte des Nordens.
Genau in dieser Situation trat der Prophet Jeremia auf und erhob seine warnende Stimme. 40 Jahre lang predigte er dem Volk des Südreichs und seinen Herrschern Bekehrung und Umkehr zu seinem Gott. Er mahnte die Mächtigen, sich nicht auf politische Abenteuer und gefährliche Machtspiele einzulassen und prophezeite schließlich den Untergang Jerusalems und des Tempels.
586 v. Chr. war es dann so weit: Der babylonische König Nebukadnezar II hatte die Nase voll von den aufmüpfigen Judäern. Er eroberte Jerusalem und verschleppte die Oberschicht des Volkes ins Babylonische Exil. Jeremia selbst verschlug es nach Ägypten, wo er wenige Jahre später gesteinigt worden sein soll.

4 Du sollst zu ihnen sagen: So spricht der Herr: Wer hinfällt, steht der nicht wieder auf? Wer vom Weg abkommt, kehrt der nicht wieder zurück?
5 Warum wendet dieses Volk sich ab [Jerusalem] und beharrt auf der Abkehr? Warum hält es am Irrtum fest, weigert sich umzukehren?
6 Ich horche hin und höre: Schlechtes reden sie, keiner bereut sein böses Tun und sagt: Was habe ich getan? Jeder wendet sich ab und läuft weg, schnell wie ein Ross, das im Kampf dahinstürmt.
7 Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten; Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein; mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.


Springen wir in die Gegenwart. Die Situation heute ist natürlich eine ganz andere als die im 6. Jahrhundert vor Christus – und doch ist vieles auch ganz ähnlich. Tagtäglich beobachten wir Menschen, die an ihren Irrtümern festhalten und sich weigern umzukehren. Das gilt für verfahrene Situationen im privaten Leben einzelner genauso wie für die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge.

  • Da weiß ein Berufstätiger ganz genau, dass er sich nicht auf Dauer selber ausbeuten und über seine Kräfte leben kann, ohne einen Burnout oder Schlimmeres zu riskieren – und er tut es doch!
  • Da weiß ein Paar, dass sie ihre Zweisamkeit aufs Spiel setzen, wenn sie nicht endlich anfangen, an ihrer Beziehung zu arbeiten – und lässt die Dinge doch schleifen, bis nichts mehr zu retten ist und man sich trennen muss!
  • Da wissen die EU-Staaten ganz genau, dass es ihre „Das Boot ist voll“-Politik ist, die Flüchtlinge aus den Kriegs- und Hungergebieten des Nahen Ostens und Nordafrikas in die Hände von Schleppern treibt und vor den Küsten Europas zu tausendfachem Tod führt – und ihnen fällt nichts besseres ein als die Grenzen noch dichter zu machen, statt endlich eine vernünftige und menschenfreundliche Einwanderungs- und Asylpolitik zu gestalten.
  • Da ist längst klar, dass Hochrisikotechnologien wie die Atomkraft und das Fracking nicht beherrschbar sind und auf lange Sicht zu Katastrophen und irreparablen Umweltschäden führen müssen – und doch setzen immer noch viele Staaten aus wirtschaftlichen Gründen auf diese Technologien.
  • Da wissen wir alle, dass wir die Zukunft kommender Generationen riskieren, wenn wir den Klimawandel nicht stoppen und unser Leben heute nicht nachhaltiger, ressourcen- und umweltschonender gestalten – und doch leben wir nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut!“ Wir schicken lieber Hilfsgüter in die Katastrophengebiete dieser Welt, als unseren Teil dazu beizutragen, dass es weniger Katastrophen wie die auf den Philippinen gibt.

Diese Liste ließe sich problemlos verlängern. „Keiner bereut sein Tun und sagt: Was habe ich getan? Jeder wendet sich ab und läuft weg, schnell wie ein Ross, das im Kampf dahinstürmt.“ Das ist unsere Volkstraueragsliturgie!
Doch was wäre die Alternative? Der Prophet Jeremia hat da durchaus eine Idee: Umkehr, eine radikale Richtungsänderung – weg von unseren zerstörerischen und selbstzerstörerischen Aktivitäten hin zu den Rechtsordnungen Gottes. „Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten; Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein; mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.“
Jeremia bemüht ein Bild aus der Natur, um die Lebensordnung zu beschreiben, die eigentlich für uns die „natürliche“ Lebensordnung sein sollte: ein Leben nämlich innerhalb der guten Ordnungen Gottes. „Mischpat Jahwe“ steht da im Hebräischen. Und dieses „Mischpat“, das ist nicht das geschriebene Recht, das sind nicht einfach nur die zehn Gebote oder andere Rechtsvorschriften. „Mischpat“, das sind die alten, oft nur mündlich überlieferten Rechtsordnungen, in denen sich die Weisheit eines guten Lebens in der Gemeinschaft des Gottesvolkes niedergeschlagen hat. Das ist ein sehr grundlegendes und tiefgehendes und zugleich ein sehr wandelbares, sich neuen Situationen anpassendes Recht, das sich seine schöpferische Kraft bewahrt hat.
Die Ehrfurcht vor dem Leben gehört zu diesem Recht. Sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Nicht auf Kosten anderer und zu ihrem Schaden im Überfluss zu leben. Die eigene Freiheit nicht auf der Unfreiheit anderer aufzubauen. Auf Ausgleich, Verständigung und einen respektvollen Umgang miteinander zu achten. Die Schwachen und Machtlosen zu schützen.
All dies – so der Prophet Jeremia – sind Ordnungen, die eigentlich unserem natürlichen Sinn für Recht und Gerechtigkeit entsprechen sollten. Darum der Vergleich mit den Vögeln: So natürlich wie für die Vögel im Herbst die große Wanderung in den Süden und im Frühjahr die Rückkehr in den Norden ist, so natürlich sollte es für uns sein, die Vorstellungen Gottes für ein gelingendes Leben zu kennen und zu beachten. Leider sieht das in der Praxis oft anders aus. Und so werden auch an diesem Volkstrauertag wieder schöne Reden über Versöhnung, Völkerverständigung und Frieden gehalten – und in der nächsten Woche geht das Leiden der Unversöhnlichen, gehen Missverständnisse, Konflikte und Kriege weiter.
Mag sein, dass wir als Einzelne daran nicht viel ändern können. Andererseits können, wie man so schön sagt, viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, das Gesicht der Welt verändern. Sie können aber auch viele kleine Vorgärten zertrampeln und mit vielen kleinen Nickeligkeiten sich selbst und anderen das Leben schwer machen! Wie wäre es, wenn wir es in der kommenden Woche einmal anders machen würden?

  • Wie wäre es, wenn wir uns einmischten, wenn Freunde und Bekannte wieder einmal vollkommen undifferenziert über „die Ausländer“, „die Flüchtlinge“, „die Politiker“, „die Wirtschaftsbosse“ schimpfen?
  • Wie wäre es, wenn wir dem Verkäufer an der Kasse sagten: „Nein, danke, ich brauche keine Plastiktüte, denn die braucht 400 Jahre, um in unseren vermüllten Meeren zu verrotten. Ich mach es wie die Menschen in Ruanda. Die kommen auch ohne Plastiktüten aus. Und was die in Afrika können, das können wir doch auch, oder!? Habt ihr keine Tüte aus Papier?“
  • Wie wäre es, wenn du in der nächsten Woche einfach mal die Überstunden nimmst, die sich in letzter Zeit so angesammelt haben, und frei machst – um mit deinem Partner, deiner Partnerin, deinen Kindern eine gute Zeit zu verbringen?
  • Wie wäre es, wenn du dich mal eine Woche lang jeden Abend hinsetzen und den Tag Revue passieren lassen würdest: Was am heutigen Tag war so, wie Gott sich das vielleicht gedacht hat – und was nicht? Und was bedeutet das für morgen?
  • Wie wäre es, wenn ...

Vielleicht würden wir bei alledem die überraschende Erfahrung machen, dass ein Leben nach den guten „Mischpat“ Gottes ein reicheres, ein erfüllteres Leben ist als das zombiehafte Dasein, das wir so manchmal zwischen Fernseher und Smartphone führen. Vielleicht ein glücklicheres Leben – wie das der Vögel.
Der Illustrator, Kinderbuchautor und Schriftsteller Janosch hat das in seinem Buch „Sacharin im Salat“ einmal so beschrieben (Danke, Mirjam!):

„Wenn ihr nicht seid wie die Vögel, werdet ihr nicht glücklich sein. Sie sollten einmal über das Leben der Vögel nachdenken ... Sie werden ausgebrütet, sie müssen sich sozusagen kopfüber fallen lassen, aber sie stürzen nicht ab, sie essen und trinken, wenn es anfällt, nehmen Regen und Sonne an – annehmen, was da kommt, sich nicht dagegen wehren, wenn es nicht zu ändern ist (...) – sie leben mit einer ungeheuren Kraft. Fliegen mit oder gegen den Wind. Haben Sie schon gesehen, wie furchtlos Vögel sind? Wie Sperlinge oder Schwalben einen Bussard angreifen? Einen Leib ohne Eigenwilligkeiten haben, ohne Furcht leben und sterben, wie man gelebt hat, ohne Fiasko.“

Am 16. April 2010 kündigte Janosch im Rahmen einer Ausstellung seiner Arbeiten an keine weiteren Bücher mehr schreiben zu wollen. Er wolle fortan nur noch „reisen und in der Hängematte liegen“ und halte sich ohnehin für unbegabt.
Nur noch reisen und in der Hängematte liegen – das werden die wenigsten von uns in absehbarer Zeit tun können. Aber wir können aufstehen, wenn wir gefallen sind. Wir können umkehren, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Wir können von der Natürlichkeit und der Leichtigkeit der Vögel lernen. Und wir können ein Leben unter der schützenden Obhut Gottes führen, die in der Bibel mit dem Bild des Adlers beschrieben wird, der seine Jungen unter seine Fittiche nimmt.

Amen.