Hast du mich lieb? (Johannes 21,15-19)


15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als mich diese haben?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.
19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!



„Hast du mich lieb?“ – Wahrscheinlich ist das eine der meistgestellten und wichtigsten Fragen, die es gibt! Jeden Tag fragen Millionen Kinder ihre Väter oder Mütter: „Hast du mich lieb?“ Jeden Tag fragen unzählige Verliebte ihre Partner oder Partnerinnen: „Hast du mich lieb?“ Nicht immer mit diesen Worten und manchmal vielleicht ganz ohne Worte. Und doch: Diese Frage: „Hast du mich lieb?“ gehört zu den Grund- oder Urfragen, die wir – als die Beziehungswesen, die wir nun einmal sind – einander stellen.
„Hast du mich lieb?“ – Diese Frage ist auch die Grundfrage in unserer Beziehung zu Gott! Können wir das glauben? Vertrauen wir für uns selbst und unser Leben darauf, dass Gott uns liebt und es gut mit uns meint? Oder bleibt da – auch wenn wir das vielleicht schon tausendmal gehört haben – doch die Spur eines Zweifels? Eine letzte Unsicherheit, dass die Liebe Gottes zu uns vielleicht doch nicht so bedingungs- und grenzenlos sein könnte, wie wir das gerne glauben möchten?
Und wie steht es mit unserer Liebe zu Gott? Ist das, was unsere Beziehung zu Gott ausmacht und prägt, tatsächlich Liebe? Oder ist unser Christ sein nicht manchmal doch eher eine Art Pflicht, die wir auf uns nehmen, um nicht verloren zu gehen? Unser Teil eines Handels, für den wir dann – als Gegenleistung Gottes – auf diesseitigen Segen und jenseitiges ewiges Leben hoffen?
„Hast du mich lieb?“ – Das ist die zentrale Frage dieses nachösterlichen Textes. Ein sehr bekannter Text! Vielleicht zu bekannt, um noch etwas Neues darin zu entdecken. Und doch möchte ich euch einladen, genau das zu tun. Auf diesen Text zu hören, als würdet ihr ihn zum allerersten Mal in eurem Leben wahrnehmen. Meine Überzeugung – und mein Gebet – ist, dass diese Worte der Bibel so zum Wort Gottes für euch werden können. Und für mich.

Diese Verse aus dem letzten Kapitel des Johannesevangeliums stehen nicht für sich allein. Sie gehören in einen größeren Zusammenhang. Eine Vielzahl von Anspielungen in diesem Text stellt Querverbindungen her zu Dingen, die zuvor passiert sind oder zukünftig geschehen werden. Man könnte sagen: Die wichtigsten Themen und theologischen Aussagen des Johannesevangeliums werden in diesem Text noch einmal aufgegriffen und verdichtet.
Schon ganz am Anfang gibt sich der Text als Fortsetzung des unmittelbar vorauf gehenden zu erkennen: „Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus ...“ (Vers 15a) Was war geschehen?
Jesus war gestorben und auferstanden – wie er es vorhergesagt hatte! Wir kommen gerade aus der Zeit, in der wir uns – wie jedes Jahr – an dieses für unseren Glauben zentrale Geschehen erinnert haben. Das Johannesevangelium schildert die Ereignisse rund um das Ostergeschehen so: Maria von Magdala geht am Ostermorgen zum Grab und findet es leer vor. Simon Petrus und der geheimnisvolle „Jünger, den Jesus lieb hatte“ überzeugen sich: Das Grab ist wirklich leer! Dann erscheint der Auferstandene zuerst der Maria Magdalena, dann dem Kreis seiner Jünger und schließlich auch noch Thomas, dem Zweifler, der bei der Erscheinung im Jüngerkreis noch nicht mit dabei war.

Und was geschieht dann?
Dann finden wir plötzlich einen Teil der Jünger – Simon Petrus und sechs weitere – am See Tiberias wieder. „Ich will fischen gehen!“ sagt Petrus zu den anderen. „So wollen wir mit dir gehen!“ antworten diese. Dann steigen sie gemeinsam ins Boot und am Ende heißt es lakonisch: „Und in dieser Nacht fingen sie nichts!“ (Johannes 21,3)
Da haben die Jünger das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte miterlebt – den Sieg Jesu über den Tod! – und ihnen fällt nichts Besseres ein, als in ihr altes, alltägliches Leben zurückzukehren und zu fischen!
Wie kann das?
Wie kann das sein, dass wir Jesus begegnen, dass wir in Jesus Gott begegnen, der uns und diese Welt so sehr liebt, dass er seinen eigenen Sohn für sie hergibt (Johannes 3,16) – und dann gehen wir Woche für Woche aus unseren Gottesdiensten hinaus und hinein in unseren Alltag und leben, als wäre das alles nicht passiert.
Wie absurd ist das – und wie verständlich zugleich!
So ist das Leben nun mal. Es will im Alltag gelebt werden und nicht nur am Sonntag. Und niemand von uns kann und soll jede Minute seines Lebens mit jeder Faser seines Seins am Reich Gottes bauen!
Darum tadelt Jesus seine Jünger auch nicht, als er plötzlich nach dieser für sie erfolglosen Nacht dort bei ihnen am Ufer steht. Im Gegenteil: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ fragt er sie. Und dann ermöglicht er ihnen einmal mehr einen wunderbaren Fischzug und hilft so durch seine Fülle ihrem Mangel ab.

Und auch in dieser Geschichte ist es – wie so oft – der Draufgänger Petrus, der sich unter den Jüngern hervortut. Er springt ins Wasser, um als erster bei Jesus zu sein. Er zieht das Netz mit den 153 Fischen an Land. Er – so scheint es – sitzt bei dem nachfolgenden Morgenmahl, das Jesus längst für seine Jünger vorbereitet hat, an dessen Seite.
Und nun beginnt Jesus dieses für Petrus so wichtige und notwendige Gespräch, durch das dieser endgültig zu dem wird, der er sein soll: zu Petrus, dem Felsen, auf den Christus seine Gemeinde bauen will (Johannes 1,42, vgl. Matthäus 16,13-20).
„Simon, Sohn des Johannes“, fragt er ihn, „hast du mich lieber als mich diese haben?“ (Vers 15b)
Was für eine Frage!
Will Jesus tatsächlich, dass Petrus schon wieder anfängt, sich mit anderen zu vergleichen? „Klar, Herr! Natürlich habe ich dich lieber als dich diese haben! Das weißt du doch! War ich nicht bereit, mein Leben für dich zu opfern (Johannes 13,37)? Habe ich nicht versucht, dich mit meinem Schwert zu verteidigen, als sie dich gefangen nahmen (Johannes 18,10)? Bin ich dir nicht gefolgt, als sie dich zum Verhör vor den Hohen Priester führten (Johannes 18,15)? Natürlich habe ich dich lieber als dich diese haben! Die sind doch alle weggelaufen als es hart auf hart kam!“
„Und du?“ hätte Jesus ihm dann antworten können. „Du hast mich am Ende doch auch verraten. Oder?“
„Hast du mich lieber als mich diese haben?“ Warum stellt Jesus diese Frage? Will er den Petrus wirklich in die Pfanne hauen? Will er ihm eine Falle stellen, um ihn dann so richtig fertig machen und an sein Versagen erinnern zu können?
Ich glaube das nicht! Das würde so gar nicht zu Jesus passen. Nein, Jesus will Petrus nicht fertig machen. Er will ihm nicht seine Schuld und sein Versagen vorhalten. Wenn er ihm mit dieser Frage eine Falle stellt, dann eine „Falle der Liebe und der Selbsterkenntnis“. Eine, die Petrus helfen soll, sich selber auf die Spur zu kommen und darüber nachzudenken, was er aus den Erfahrungen der letzten Zeit nun eigentlich gelernt hat.

Einige Wochen zuvor hätte Petrus diese Frage vielleicht wirklich mit einem überzeugten „Ja!“ beantwortet. „Klar habe ich dich lieber als dich diese haben!“ Der war so ein Typ! Ein Draufgänger. Einer, der für seine Überzeugungen einstand. Einer, der immer einen Tick schneller war als die anderen, wenn es darum ging Schritte im Glauben zu tun. Einer, der eine große Klappe hatte, mit der sich nicht nur vollmundige Versprechungen, sondern auch großartige Bekenntnisse ablegen ließen: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matthäus 16,16b; vgl. Johannes 6,68-69).
Doch dieser Petrus beantwortet die Frage Jesu nun gerade nicht mit einem lautstarken, von sich selber überzeugten „Ja! Natürlich habe ich dich lieber als alle anderen!“ Er ist bescheiden geworden. Vielleicht hat sein eigenes Scheitern und Versagen ihn barmherziger werden lassen gegenüber denen, die schon immer weniger mutig und nicht so glaubensstark waren wie er. Manchmal lernen wir aus unseren Fehlern mehr als aus unseren Erfolgen!
Und so tappt Petrus nicht in diese „liebevolle Falle“, die Jesus ihm hier stellt. Er unterlässt es, sich mit anderen zu vergleichen. Er bleibt bei sich, bei seiner ureigenen Beziehung zu Jesus:
„Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Keine Ahnung, ob meine Liebe zu dir größer ist als die der anderen hier! Wer kann das messen? Keine Ahnung, ob mein Vertrauen weiter trägt als das der anderen. Auch ich bin an meine Grenzen gekommen, und kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass das nicht wieder passieren wird. Keine Ahnung, ob mein Glaube wahrer und richtiger ist als das, was andere glauben. Kommt es darauf an? --- Du weißt, dass ich dich lieb habe. Ist das nicht das, was zählt?“
Und Jesus sagt: „Ja, das ist es, was zählt! Das ist, worauf es ankommt. Das ist das einzige, was ich von dir wissen muss, bevor ich dir deine Aufgabe in meinem Reich anvertrauen kann: ob du mich wirklich lieb hast! Denn für diese Aufgabe brauchst du eine Menge an Sachkenntnis und Gottvertrauen. Du brauchst Ausdauer, Mut und Flexibilität. Aber das, was du am Dringendsten brauchst, wird Liebe sein. Denn dies ist deine Aufgabe: Weide meine Lämmer! Kümmere dich um meine Herde, um die Menschen, die ich dir anvertrauen werde, und gib an sie weiter, was du bei mir erfahren hast: die Liebe und Zuwendung Gottes, der nicht will, dass auch nur einer oder eine von ihnen verloren geht!“

Und weil das so wichtig ist, fragt Jesus den Petrus noch einmal:
„Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ (Johannes 21,16)
Und jetzt geht es nicht mehr darum, ob diese Liebe des Petrus größer ist als die der anderen Jünger! Jesus weiß: Petrus hat begriffen, dass er sich nicht mit anderen vergleichen, sondern sein eigenes Herz befragen soll.
„Hast du mich lieb?“
Und Petrus antwortet ein zweites Mal: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!“
Und Jesus sagt: „Weide meine Schafe!“
Ob der Wechsel von den Lämmern zu den Schafen im Übergang von der ersten zur zweiten Frage Jesu eine tiefere Bedeutung hat, kann ich nicht sagen. Vielleicht soll hier eine Art „Steigerung“ angedeutet werden. Nachdem Petrus es vermieden hat, in die „liebevolle Falle“ hinein zu tappen, die Jesus ihm mit seiner ersten Frage stellt – so sagen manche –, kann Jesus ihm nun nicht nur „Lämmer“, sondern „ausgewachsene Schafe“ anvertrauen. Die meisten Ausleger halten das für eine Überinterpretation – und ich denke das auch: Brauchen Lämmer weniger Zuwendung, Verantwortungsbewusstsein und Liebe als Schafe? Wohl kaum!
Aber dass Jesus seine Frage nach der Liebe des Petrus nun noch ein drittes Mal stellt, das ist ganz sicher von Bedeutung! Das erinnert natürlich nicht nur uns, sondern auch Petrus daran, dass er wenige Tage und einige Kapitel zuvor seinen Herrn drei Mal verleugnet hat (vgl. Johannes 18,12-27).
Nur zu verständlich ist darum auch seine Reaktion: Traurigkeit! Vielleicht auch ein wenig Enttäuschung darüber, dass Jesus noch einmal an diese alte Wunde rührt. Aber die Art, in der Jesus das tut, zeigt, dass er den Finger nicht auf diese Wunde legt, um sie erneut aufzureißen, sondern um sie zu heilen.
Wie in einem behutsamen Beichtgespräch wird das Versagen des Petrus nicht in allen Einzelheiten noch einmal breit getreten. Es ist beiden Gesprächspartnern bekannt, aber nur indirekt gegenwärtig. Die Aufarbeitung der Vergangenheit geschieht hier durch die positive, eine neue Zukunft eröffnende Frage nach dem jetzigen Liebesverhältnis des Apostels zu seinem Herrn.

Das ist kein Patentrezept für gelingende Seelsorge! Manchmal müssen wir uns in sehr schmerzhaften und langwierigen Prozessen unserer Vergangenheit stellen, wenn alte Wunden heilen sollen. Schuld und Versagen dürfen nicht verdrängt, sie müssen vergeben werden.
Aber dann kommt es darauf an, dass wir der Schuld und dem Versagen in unserem Leben nicht mehr Macht einräumen als der Gnade und Vergebungsbereitschaft Gottes! Wenn Gott uns unsere Schuld vergibt, dann dürfen wir auch uns selbst und einander vergeben. Dann können und sollen wir in ein „schuldenfreies“, neues Leben starten.
Und was ganz entscheidend ist: Die Liebe und Zuwendung, die wir von Gott erfahren haben, die soll nun nicht nur zurück zu ihm, sondern durch uns zu anderen Menschen fließen. Das Doppel- oder besser: Dreifachgebot der Liebe prägt dann unser Leben:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst!“ (Lukas 10,27)
Gott liebt dich! Weil das so ist, kannst du ihn lieben. Ihn, dich selbst und jeden Menschen, der dir nahe kommt.

„Herr, du weißt alle Dinge. Du weißt, dass ich dich lieb habe!“ sagt Petrus.
Und Jesus antwortet ein drittes Mal: „Weide meine Schafe!“
Ich habe euch ein Bild mitgebracht, dass die Stuttgarter Künstlerin und Theologin Relindis Agethen zu unserem Text gemalt hat:
Petrus ist da zu sehen. Liebevoll hält er ein Schaf in den Armen. Und eine schier unendlich große Schafherde bevölkert den rechten Bildrand. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe, die sich da vor ihm in die Zukunft erstreckt.
Doch hinter Petrus steht der auferstandene Christus. Er ist in Anlehnung an Grünewalds Darstellung des Auferstandenen auf dem Isenheimer Altar gemalt. Von seiner linken Hand strahlt das Licht des Lebens in die Dunkelheit des anbrechenden Morgens. Seine rechte Hand aber liegt segnend auf dem Kopf des Petrus.
Mit Jesus im Rücken lässt sich jede Aufgabe bewältigen!
Das Boot, das am Ufer liegt, geht auf den Bibeltext zurück. Durch die Kreuzform des Segels erinnert es aber zugleich an die neu entstehende Kirche. Die Symbolik, die in der Schafherde zum Ausdruck kommt, wird dadurch noch einmal unterstrichen.
Die Atmosphäre des Bildes hebt die Stimmung des Neuaufbruchs hervor: Die aufgehende Sonne, die die Wolken der Nacht und des Unglaubens vertreibt und ihr Licht über die Schafherde ergießt, wirkt wie ein Zeichen der Hoffnung für die Zukunft.
Die Gestalt des Petrus, wie Relindis Agethen ihn sieht, zeigt seine existentielle Nähe zu Christus. Er ist sozusagen „eingetaucht“ in das Licht des Auferstandenen und strahlt darum selbst etwas von diesem Licht wieder.
An ihn schmiegt sich die Gestalt eines kleinen Mädchens mit einem geblümten Kopftuch. Dieses Mädchen, das der Künstlerin auf einem Bild aus dem Warschauer Ghetto begegnet ist, steht stellvertretend für alle Menschen, die ohnmächtig wie Schafe der Willkür anderer Menschen ausgeliefert sind. Solchen Menschen in tiefster Not und Wehrlosigkeit gilt der Auftrag des Hirten.
So betont diese Darstellung zu unserem Text besonders den Aspekt der Fürsorge und des Eintretens für die anvertraute Herde, der mit dem Hirtenamt verbunden ist.

Die katholische Kirche findet in diesem Text eine der Bibelstellen, mit denen sie die Institution des Papsttums begründet. Als Freikirchler, die das Allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonen, beziehen wir diesen Text nicht nur auf den Papst oder andere Menschen, die ein pastorales Amt ausüben.
Für uns weist auch der Schluss des Textes über das konkrete Schicksal des Petrus hinaus, auch wenn es zunächst einmal der Apostel ist, dem Jesus hier etwas über sein zukünftiges Schicksal offenbart:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.
Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“
Auch diese Sätze müssen auf Petrus zunächst einmal wie eine „Rückblende“ in sein altes Leben gewirkt haben.
In Johannes 13 lesen wir, wie er kurz bevor der Leidensweg Jesu beginnt, diesen fragt: „Herr, wohin willst du gehen?“ Und Jesus antwortet ihm: „Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.“
Da wird Petrus ungehalten: „Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben!“
Und Jesus antwortet: „Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“
Also auch hier – am Ende unseres Textes – holt den Petrus noch einmal seine Vergangenheit ein. Aber auch hier wird sie für ihn nicht zur Blockade, sondern Jesus eröffnet ihm eine neue Zukunft.
Leicht wird diese Zukunft nicht werden. Nachfolge Jesu – für Petrus ist das auch Leidensnachfolge. Nach allem, was wir wissen, ist er Anfang der 60er Jahre während der Christenverfolgungen unter Kaiser Nero in Rom den Märtyrertod gestorben.
So weit wird es für uns vermutlich nicht kommen. In anderen Teilen dieser Welt sieht das anders aus. Aber auch für uns gilt, dass es Situationen in unserem Leben geben kann, in denen wir die Kontrolle über uns selbst und über den Weg, den wir gehen sollen, aus der Hand genommen bekommen.
Dann nimmt Jesus uns an die Hand und führt uns Wege, die wir uns selbst kaum ausgesucht hätten. Aber weil es Jesus ist, der uns diese Wege führt, können wir – hoffentlich – auch sie aus seiner Hand nehmen und im Vertrauen auf ihn gehen.

„Folge mir nach!“
Mit dieser Aufforderung endet das seelsorgerliche Gespräch zwischen Jesus und Petrus. „Folge mir nach!“ – das ist auch die Aufforderung Jesu an dich und mich heute Morgen hier:
„Hast du mich lieb? Frag nicht, wie lieb mich die anderen haben! Frag dich, nach deiner Liebe zu mir! Wenn du mich liebst, dann wirst du auch dich selber lieben und die Menschen, die deine Nähe und Zuwendung brauchen!
Bist du bereit mir nachzufolgen? Wirst du dich – wie ein ‚guter Hirte’ – um die Menschen kümmern, die ich dir anvertraut habe?
Um deinen Lebenspartner und deine Kinder? Um deine Geschwister in der Gemeinde? Um Menschen, die dir in deinem beruflichen Alltag oder in deiner Freizeit begegnen? Um den Obdachlosen in der U-Bahn, der dir einen ‚Straßenfeger’ verkaufen will? Um das Nachbarskind in deinem Kiez, das Hilfe bei seinen Hausaufgaben braucht? Um AIDS-Waisen in Südafrika oder kriegstraumatisierte Kinder im Libanon?
Hast du mich lieb? Dann folge mir nach! Ich zeige dir den Weg. Und ich stärke dir den Rücken! Denn ich liebe dich. Hast du mich lieb?“

Amen

(c) Volkmar Hamp