Ein Brief zu den Timotheusbriefen


Mein lieber ...

... tja, da fängt’s schon an: „Paulus“ kann ich wohl nicht schreiben, da ich mal vermute, dass die Ausleger recht haben, die deine Briefe nicht für „echte“ Paulusbriefe halten. Ich weiß, zu deiner Zeit war das kein Problem, wenn die Schüler eines großen Lehrers nach dessen Tod unter seinem Namen weiter geschrieben haben. Urheberrechtsprobleme gab es deswegen nicht. Und du wolltest sicher nur das Beste, nämlich die „gesunde Lehre“, die du bei Paulus gefunden hast, bewahren und weitergeben! Die Chancen, dass deine „Briefe“ oder „Lehrschriften“ in den Gemeinden auch gelesen wurden, waren natürlich deutlich größer, wenn sie mit der Autorität eines Paulus sprachen. Und Respekt: Du hast dir wirklich Mühe gegeben! Die kleinen Details – die Sache mit dem Wein (1. Tim 5,23) und die Bitte um den Mantel und die Bücher (2. Tim 4,13) – das sind schon geniale Einfälle gewesen, um – wie wir heute sagen würden – die Authentizität deiner Schriften zu unterstreichen. Du hast ja auch Erfolg gehabt: Im Gegensatz zu manch anderen urchristlichen Schriften – auch solchen, die ich persönlich besser und gehaltvoller finde –, haben deine „Briefe“ es in den neutestamentlichen Kanon geschafft! Herzlichen Glückwunsch!
Eigentlich schade, dass dir gleich am Anfang (1. Tim 1,3) dieser Lapsus mit Ephesus passiert ist: dass Timotheus eben nicht in Ephesus zurückgeblieben ist, als Paulus nach Mazedonien aufbrach, sondern – ganz im Gegenteil! – ihm vorauseilte (Apg 20,1). So sind dir die kritischen Theologen in den letzten zwei Jahrhunderten doch „auf die Schliche“ gekommen. Aber das wären sie wohl auch so: Schließlich merkt man deinen Texten an, dass sie andere Gegner im Blick haben, als die, mit denen dein großes Vorbild Paulus sich auseinandersetzen musste. Und auch die Situation der Gemeinden ist eine andere: Die Wiederkunft des Herrn lässt auf sich warten. Die Kirche richtet sich ein in dieser Welt, bildet Ämter und Strukturen aus – und streitet sich um die „reine Lehre“! Nun ja, DAS ist vielleicht nichts Neues. Das hat sie eigentlich von Anfang an getan ...
Nun könnte ich es mir einfach machen: mich auf die Ergebnisse der kritischen Forschung zurückziehen, feststellen, dass deine Briefe nicht das sind, was sie vorgeben zu sein, und auch theologisch kaum mit denen deines Lehrers Paulus mithalten können – und sie beiseite legen. Denn, wie einer meiner Kollegen es so treffend formulierte: Was würde im Neuen Testament eigentlich fehlen, wenn es diese Briefe nicht darin gäbe?
Aber so einfach will ich es mir nicht machen. Nicht nur, weil sich da der eine oder andere schöne Taufspruch, die eine oder andere treffende Jahreslosung findet: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ (2. Tim 1,7). Auch nicht, weil meine große Hoffnung, dass am Ende der Zeit doch ALLE in den Himmel kommen und das, was wir die Hölle nennen, sich als leer erweist (wenn es sie denn überhaupt gibt), hier einen ihrer Anknüpfungspunkte hat: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen!“ (1. Tim 2,4) – und wie sollte Gott etwas unmöglich sein!?
Nein, beim Lesen deiner Briefe sind mir ein paar Dinge hängen geblieben, über die ich gerne weiter nachdenken möchte. Vermutlich nicht die Dinge, die DIR besonders wichtig waren: die Anweisungen und Verhaltensregeln für Amtsträger in den Gemeinden zum Beispiel. Oder der Kampf gegen die Häretiker (wie auch: ich bin ja selber einer!).
Aber an manchen Stellen in deinen Briefen leuchtet etwas auf von dem, wie auch ich mein Leben, meinen Glauben und meine Arbeit verstehe. Gleich am Anfang des ersten Briefes zum Beispiel. Da schreibst du: „Das Ziel der Unterweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben!“ (1. Tim 1,5) Das Ziel der Unterweisung ist LIEBE! Das finde ich toll! Liebe – nicht eine festgelegte und festlegende Dogmatik, nicht die reine Lehre, nicht lückenloses Bibelwissen. In der Liebe sollen wir, sollen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im GJW, sollen Kinder und Jugendliche in den Gemeinden unterwiesen werden. In einer Liebe, die aus „reinem Herzen“, einem „guten Gewissen“ und „ungeheucheltem Glauben“ kommt. Was das heißt, weiß ich noch nicht so genau. Da will ich weiterdenken. Ich stelle mir vor, dass es dabei um Echtheit, um Authentizität, um Ehrlichkeit geht. Aber dass meine Arbeit, dass das, was ich tue und lehre, andere liebesfähiger machen soll – das will ich nicht vergessen!
Oder diese andere Stelle (1. Tim 4,4): „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird!“ Hier blitzt etwas auf von der Freiheit des Evangeliums, die gerade deinem Lehrer Paulus so wichtig war! Auch das will ich mir merken – und anderen Mut machen, diese Freiheit auch zu leben! Wie ein anderer meiner Kollegen immer sagt: „Befreite setzen andere in Freiheit!“ Auch wenn ICH mich nicht mit der Autorität eines Paulus schmücken kann, weiß ich mich doch auch berufen, „das LEBEN in Christus Jesus, das uns verheißen ist, zu verkündigen“ (2. Tim 1,1). Das LEBEN verkündigen – nicht den Tod oder die Angst davor!
Und selbst dafür, WIE das geschehen kann, finde ich bei dir einen Hinweis: „Ein Knecht des Herrn soll nicht streiten, sondern zu allen freundlich sein, ein geschickter und geduldiger Lehrer, der auch die mit Güte zurechtweist, die sich hartnäckig widersetzen.“ (2. Tim 2,24-25a). Ein „geschickter Lehrer“ in diesem Sinne bin ich nicht! Ich streite mich gerne! Und manchmal fällt es mir schwer, dabei freundlich zu bleiben und nicht die Geduld zu verlieren. Und doch weiß ich, dass das das Geheimnis guter Lehrer und Lehrerinnen ist: dass sie Beziehungen aufbauen und pflegen, dass sie den Menschen zugewandt bleiben, auch wenn sie deren Überzeugungen nicht teilen, dass sie Zurechtweisung mit Güte verbinden – weil bei ihrem Gegenüber nur so die Offenheit entsteht, sie auch annehmen zu können und sich verändern zu lassen! Oder, um auch mal eine meiner lieben KollegInnen zu zitieren: „Es kommt darauf an, nah dran zu sein an den Menschen!“ – dann kann ich auch etwas bewegen in ihnen und mit ihnen!
Ich weiß nicht, ob du – wer immer du warst – nah dran gewesen bist an deinem Klientel. ICH habe mich über vieles in deinen Briefen auch sehr geärgert: darüber, dass die großen Scheine der Freiheit in Christus bei dir dann doch in die kleinen Münzen bürgerlicher Moral gewechselt werden; über dein Frauenbild und die Konsequenzen, die es hat; über das Ausgrenzende in deinem Kampf um die „reine Lehre“.
DU wirfst mir vielleicht vor, ich hätte mir die Rosinen rausgepickt aus deinen Briefen und das, was mir nicht in den Kram passt, einfach beiseite gelassen. Recht hast du! Vielleicht bleibt es nicht dabei. Vielleicht schreibe ich wirklich einmal den kleinen Mitarbeiterkommentar zu deinen Briefen, über den ich in den letzten Tagen ab und zu nachgedacht habe. Vielleicht ist es sogar eine ganz besondere Herausforderung für mich, das Wort Gottes in einem biblischen Buch zu entdecken, das erklärtermaßen nicht zu meinen Lieblingsbüchern gehört – und wohl auch nie dazu gehören wird! Vielleicht kann ich dir gegenüber üben, was mir meinen Lieblingsgegnern in meiner eigenen Kirche gegenüber oft nicht gelingt: in allem Streit und aller Auseinandersetzung die liebevolle Zugewandtheit nicht zu verlieren!
Was meinst du?
In diesem Sinne: Danke für deine Briefe! Man sieht sich! Hoffentlich!

Mit lieben Grüßen!

Volkmar

(c) Volkmar Hamp