Zachäus (Lukas 19,1-10)


Dive Deeper!
Das Motto der 15. Baptistischen Weltjugendkonferenz 2008 in Leipzig (-> www.dive-deeper.de).

Dive Deeper!
Eintauchen. Tiefer tauchen. Tiefgang suchen und finden.
Nicht an der Oberfläche dahin dümpeln, sondern den Dingen auf den Grund gehen.
Den großen Fragen des Lebens – Wer bin ich? Wer will ich sein? Wohin soll die Reise gehen? – nicht ausweichen, sondern sie aushalten. Antworten finden vielleicht.

Dive Deeper!
Das ist eine Einladung, eine Aufforderung, eine Herausforderung.


Ich denke dabei an den Fünf-Meter-Turm im Schwimmbad.
Vom Zehn-Meter-Turm zu springen, habe ich mich nie getraut.
Fünf Meter waren schon ziemlich hoch, fand ich.

Dive Deeper!
Das heißt zunächst einmal:
Ich trau mich was. Ich lasse los. Ich springe ab – und tauche ein!
Das ist mit Herzklopfen verbunden. Das kostet Überwindung. Das braucht Mut.
Und der erste Moment des Eintauchens im kalten Wasser – und sage mir keiner, dass Wasser keine Balken hat! – der ist vielleicht ein Schock!
Aber dann macht es Spaß! SPLASH! Ich habe mich was getraut. Ich habe mich überwunden. Ich habe meine Angst besiegt. Ich bin ein Risiko eingegangen – und habe gewonnen.

Dive Deeper!
Das heißt: Eintauchen! Volle Pulle Leben! Sich vom Leben verschlingen lassen. Das Leben genießen. Wer will das nicht?


In der Bibel, im Evangelium nach Lukas, wird von einem Mann erzählt, den ich genau so einschätze: Der wollte leben! Der wollte sich nicht zufrieden geben mit dem Üblichen. Der wollte mehr! Der wollte keine kleinen Brötchen backen, sondern ein richtig dickes Stück vom Kuchen! Zachäus hieß dieser Mann. Und die meisten von euch kennen die Geschichte.
Sie spielt in Jericho. Nicht in der alten kanaanäischen Siedlung, deren Mauern Josua 1.000 Jahre zuvor mit seinen Jazzposaunisten zu Fall gebracht haben soll. Nein, in der neuen, modernen Stadtanlage unten im Jordantal, ein paar Kilometer nördlich vom Toten Meer: eine blühende subtropische Oase mitten in einer unwirtlichen Wüstenlandschaft. Und wegen der nahe gelegenen Jordanübergänge eine wichtige Zollstätte für die römische Provinz Judäa.
Hier also lebt Zachäus.

Was für ein Name: Zachäus, der „Reine“, der „Saubere“, der mit der „weißen Weste“.
Ausgerechnet der! Ein Zöllner war das! Ein Oberzöllner sogar! Ein privater Unternehmer, der im staatlichen Auftrag die Oberaufsicht über das gesamte Zollwesen in der Region innehatte. Ein Jude, der für die verhassten römischen Besatzer arbeitete. Ein Kollaborateur. Einer, dem sein Geschäft es erlaubte, in die eigene Tasche zu wirtschaften und schnell zu Wohlstand zu kommen. Nicht umsonst waren diese Zöllner wegen ihrer sprichwörtlichen Willkür und Habsucht die bestgehassten Leute im Lande. „Zöllner und Sünder“ – eine stehende Redewendung!

Andererseits: Hat der nicht wenigstens was aus seinem Leben gemacht? Sich nicht resignierend mit der politischen Situation abgefunden, sondern sie kreativ genutzt? Sich Ziele gesetzt – und die dann auch erreicht?
Ich will nicht mein Leben lang ein kleiner, unbedeutender Angestellter sein. Kein Schräubchen im Getriebe dieser Welt! Ich will etwas erreichen! Karriere machen! Mein eigener Herr sein! Geld verdienen, ja, das auch!
Und so ist Zachäus eingetaucht in die Situation. SPLASH! Mitten ins Leben! Endlich aus dem Vollen schöpfen! Endlich etwas haben! Endlich jemand sein!

Doch dann kommt alles ganz anders: Statt einzutauchen ins Leben, wie Zachäus sich das vielleicht erhofft hat, taucht er heute lieber ab. Die Leute kennen ihn – und gehen ihm aus dem Weg: Da kommt Zachäus, der Zöllner! Der Halsabschneider! Der hat schon so manchen Händler ruiniert. Der schröpft seine Volksgenossen und steckt mit den Römern unter einer Decke!
In der Stadt lässt Zachäus sich nur noch selten sehen. Er ist reich – aber einsam. Er hat seine Ziele erreicht. Aber das fühlt sich ganz anders an als erwartet. Irgendetwas läuft schief. Aber was nur?

Da erfährt Zachäus: Jesus kommt in die Stadt! Dieser Wanderprediger aus Nazareth, dem die Leute in Scharen nachlaufen. So ein radikaler Weltverbesserer mit Sandalen an den Füßen und ohne Geld im Beutel. Reich ist der nicht! Und er hält auch nicht viel von denen, die es sind. „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel!“, soll er gesagt haben. Na, das sind ja tolle Aussichten!
Andererseits: Von irgendwas leben muss der ja auch. Der und sein ganzes Gefolge. Ein paar wohlhabende Frauen, sagt man, kommen für seinen Unterhalt auf. Naja, jeder so, wie er mag!
Und doch: Der hat was, dieser Jesus, das Zachäus nicht hat. Der hat Erfolg bei den Leuten. Der schwimmt auf einer Welle der Begeisterung. Die perfekte Welle sozusagen.
Offensichtlich finden die Menschen bei diesem Jesus etwas, das sie woanders nicht finden. Ein Wunderheiler soll er sein. Gerade erst hat er vor den Toren der Stadt einen Blinden geheilt. Doch Zachäus ist nicht blind. Ein bisschen klein geraten, nun gut. Und vielleicht dient seine Karrieregeilheit auch ein wenig dazu, das zu kompensieren. Aber ansonsten geht’s ihm doch gut, dem Zachäus! Der braucht Jesus nicht. Der kommt auch ohne Jesus klar im Leben.

Vielleicht ist es nur Neugier, die ihn dazu treibt, noch einmal aufzutauchen. Vielleicht auch eine unbestimmte Sehnsucht. Wie auch immer: Als Jesus in die Stadt kommt, macht Zachäus sich auf den Weg, ihn zu sehen.
Gerne wäre er einfach in der Menge untergetaucht. Aber er ist klein und darauf angewiesen, dass man ihn nach vorne lässt, wenn er etwas sehen will. Und wer sollte das tun? Die Leute, die er jeden Tag an den Zollstationen schikanieren lässt? Sicher nicht!
So läuft Zachäus voraus und klettert an einer Stelle, an der die Menschenmenge mit Jesus in ihrer Mitte vorbeikommen muss, auf einen Maulbeerbaum. Der wohl situierte Beamte gibt sich wie ein Straßenjunge der Lächerlichkeit preis! Vielleicht hofft er, nicht entdeckt zu werden!? Sich im dichten Laub auf den starken Ästen verstecken zu können? Ich weiß es nicht!
Ich weiß nur: Diese seltsame Mischung aus Neugier, Naivität und verschütteter Sehnsucht ist für Jesus Anlass genug, stehen zu bleiben, aufzusehen und unter den vielen Hunderten, die da am Wege stehen, diesen einen anzusprechen: „Zachäus, steig schnell vom Baum herab, denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein!“

Was für eine Ansage! Eine Provokation ist das! Jesus kennt diesen Mann doch. Er spricht ihn mit seinem Namen an. Er weiß, wer das ist. Und ganz bewusst setzt er sich über den bürgerlichen Sittenkodex hinweg, der diesen Mann aus dem Kreis der „Anständigen“ ausschließt.
Einer, der kein Ansehen mehr genießt – und das zu Recht! –, wird von Jesus angesehen. Einer, der längst abgetaucht ist, wird von ihm aus der Isolation heraus und in die Gemeinschaft mit Gott hinein gerufen.
Und mit keinem Wort erwähnt Jesus das Vorleben des Zachäus. Er kommt ihm nicht moralisch. Er wird persönlich, ohne persönlich zu werden. Er spricht ihn nicht auf seine Vergangenheit an, sondern eröffnet ihm eine Perspektive für die Zukunft.
Das heißt nicht, dass Jesus gutheißt, wie Zachäus lebt. Er bagatellisiert sein Verhalten nicht und er rechtfertigt es nicht. Aber: Die Zuwendung Gottes, seine Liebe und sein Erbarmen gehen jeder Buße, jedem Sündenbekenntnis und jeder Bekehrung voraus. Die Annahme des Sünders ist – im wahrsten Sinne des Wortes – „voraussetzungs-los“. Sie geschieht ohne, dass dieser dafür etwas tun muss. Doch sie bewirkt, dass er etwas tut!
Konkret: Zachäus steigt eilend vom Baum herab und nimmt Jesus mit Freuden auf!

Ein 9-jähriger Junger erzählte die Zachäusgeschichte nach und schloss mit den Worten: „Da stieg Zachäus vom Baum herunter und war plötzlich zehn Zentimeter größer als alle anderen Leute im Dorf!“
So steht es nicht geschrieben. Unser Text ist keine Wundererzählung, sondern eine Berufungsgeschichte. Und doch: Theologisch hat dieser Junge genau das ausgedrückt, was die Geschichte sagen will: Da wird ein Kleiner groß gemacht. Da wird ein Ausgegrenzter eingeladen. Einer, auf den alle herabsehen, gewinnt Ansahen dadurch, dass Jesus ihn ansieht.
Und wie so oft: Die Leute murren. Der Volkszorn kocht. Das geht doch nicht: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“
Doch Jesus ist das egal. Ihm ist ein „Verlorener“, der nach Hause findet, wichtiger als hundert „Gerechte“, die schon ganz genau wissen, wo’s langgeht!
Und trotzdem wüsste ich gern, was Jesus zu Zachäus gesagt hat, als er bei ihm zu Hause war. Ob er sich umgeschaut hat in dessen Designerwohnung und ganz begeistert war: „Wow! Tolle Couch! Echtes Leder? Fühlt sich super an! Du hast es wirklich zu etwas gebracht, Zachäus! Darf ich dein Freund sein?“
Ich vermute mal: eher nicht! Aber er hat wohl auch nicht den Zeigefinger erhoben und gesagt: „Naja, Zachäus, deine Couch mag ja ein exklusives Möbelstück sein – aber hast du sie auch rechtmäßig erworben?“
Wir wissen nicht, was Jesus gesagt hat. Von dem Gespräch zwischen Zachäus und Jesus – wenn es denn ein solches Gespräch gegeben hat – berichtet Lukas nichts.
Aber er erzählt, dass Jesus seine Zeit an diesen Zöllner verschwendet hat. Dass er sich mit einem Menschen abgibt, mit dem sonst niemand etwas zu tun haben will. Und dass das das Leben dieses Menschen verändert hat.

Zachäus begreift: Auch er wird erst dann ganz ins Leben eintauchen, wenn er es verschwendet, statt es besitzen zu wollen: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen. Und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“
Damit tut Zachäus weit mehr, als das jüdische Gesetz von ihm fordert: Vom Zehnten ist da die Rede. Bestenfalls. Und für unrechtmäßig angeeignetes Gut schreibt es die einfache Erstattung plus ein Fünftel des Wertes vor, nicht das Vierfache!
Zachäus tut also viel mehr als er müsste. Er hat begriffen: Ins Leben tauchst du nicht ein, wenn du ein Managergehalt kassierst und dir alle möglichen materiellen Wünsche erfüllen kannst. Und dein Leben gewinnt auch nicht dadurch an Tiefgang, dass du die Karriereleiter hinauf fällst – so schön und erstrebenswert das sein mag.
Leben findest du, wenn du das Gefühl hast, es eigentlich zu verschwenden. Tiefgang bekommt dein Leben, wenn du es verschenkst: an Menschen, die sich freuen, dass du dein Leben mit ihnen teilst. Und an Gott, der aus allem, was du ihm gibst, immer noch etwas mehr zu machen versteht.

„Sieben Wochen ohne“ heißt die jährliche Fastenaktion der evangelischen Kirche in Deutschland. 2008 stand sie unter dem Motto: „Verschwendung – Sieben Wochen ohne Geiz!“ – Ein gutes Motto, wie ich finde!
Es passt zu einem Satz, der mich seit einiger Zeit begleitet und auch mit „Dive deeper“, dem Thema der Baptistischen Weltjugendkonferenz in Leipzig zu tun hat:
„Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Menschen wieder auf!“
Genau das hat Zachäus erlebt: bei Gott ein- und bei den Menschen wieder auftauchen zu dürfen! Und genau das wünsche ich mir für mein und euch für euer Leben: bei Gott ein- und bei den Menschen aufzutauchen.

Dive deeper!
Das heißt: Ich gebe mich nicht mit der Oberflächlichkeit des Seins zufrieden, sondern frage nach dem, was dahinter und darunter liegt. Ich bringe Tiefgang in mein Leben. Und diese „Tiefe des Seins“ nenne ich – Gott.

Dive deeper!
Das heißt aber auch: Ich tauche nicht ab bei Gott und berausche mich lobpreistrunken an meinen eigenen spirituellen Erfahrungen, sondern ich tauche dann auch wieder auf: bei den Menschen, die mich brauchen: meine Zuwendung, meinen Zuspruch, den Segen, den ich ihnen im Namen Gottes zusagen, und den Segen, den ich für sie sein kann.

In diesem Sinne wünsche ich euch Gottes Segen für die nächste Woche: Taucht ein bei Gott – und taucht auf bei den Menschen, die euch brauchen!

Amen.

(c) Volkmar Hamp