Groß genug? Die eigenen Grenzen kennen (Genesis 11,1-9)

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei!“ – Dieser Satz markiert in meiner Heimat, dem Rheinland, und in anderen Karnevalshochburgen das Ende der Faschingszeit. Ich hatte das etwas zweifelhafte Vergnügen, in der vergangenen Woche am Aschermittwoch in Köln zu sein, und ich kann euch sagen: Das stimmt wirklich! Am Aschermittwoch ist da tatsächlich alles vorbei. Selten habe ich eine Großstadt erlebt, in der mitten im Stadtzentrum an einem normalen Wochentag so wenig los war wie letzten Mittwoch in Köln. Total tote Hose! Kaum jemand auf der Straße. Entweder haben die alle ihren Karnevalsrausch ausgeschlafen oder sie sind schlagartig vom Karnevalstrubel in die beschauliche Ruhe der Fastenzeit hinüber geglitten.
Im Kirchenjahr beginnt mit dem Aschermittwoch die vorösterliche Fastenzeit. Sieben Wochen der Besinnung und der Vorbereitung auf die Passionszeit und das Osterfest. In der evangelischen Kirche gibt es hierzu seit vielen Jahren die Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“. Menschen gestalten diese sieben Wochen bewusst als eine „besondere Zeit“, indem sie auf Alkohol, Süßigkeiten oder Fleisch verzichten. Andere reduzieren ihren Fernsehkonsum. Und auf Facebook gibt es – irgendwie ein Widerspruch in sich – in diesem Jahr sogar eine Gruppe, die „sieben Wochen ohne Facebook“ macht.
Doch „Sieben Wochen ohne“, die Fastenaktion der evangelischen Kirche, beschäftigt sich nicht nur mit Aspekten des körperlichen oder kulturellen Fastens. Sie verbindet den Fastengedanken immer auch mit einem geistlich-spirituellen Thema. Und in diesem Jahr lautet dieses Thema: „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz!“

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Auf dem Bild zur diesjährigen Fastenaktion ist ein Engel zu sehen, der in einen Fluss gestürzt und nun – völlig durchnässt – mit schwer gewordenen Flügeln nicht mehr in der Lage ist zu fliegen. Oder ein Mensch, der nur vorgibt ein Engel zu sein, und dessen Flugversuche kläglich gescheitert sind. Das Bild erinnert auch an den griechischen Mythos von Ikarus.

Turmbau (2 von 9)

Ikarus und sein Vater Dädalos waren von König Minos im Labyrinth des Minotauros auf Kreta gefangen gehalten worden, weil Dädalus dem Theseus verraten hatte, wie er mit Hilfe des Ariadnefadens aus eben diesem Labyrinth entkommen konnte. Den Faden gab es nun nicht mehr und Minos kontrollierte die Seefahrt und das Land. Da erfand Dädalos Flügel für sich und seinen Sohn indem er Federn mit Wachs an einem Gestänge befestigte.
Vor dem Start schärfte er Ikarus ein, nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen, da sonst die Hitze der Sonne beziehungsweise die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Zuerst ging alles gut, aber dann wurde Ikarus übermütig und stieg so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, die Federn lösten sich und er stürzte ins Meer.
Der Ikarus-Mythos wird im Allgemeinen so gedeutet, dass der Absturz und Tod des Übermütigen die Strafe der Götter für seinen unverschämten Griff nach der Sonne ist.

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„Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz!“ – Ich finde, das ist ein spannendes Thema! Auch wenn ich selber kein besonders „ehrgeiziger“ Mensch bin, keine „große Karriere“ machen will und in den meisten Bezügen, in denen ich unterwegs bin, lieber die zweite als die erste Geige spiele – das Gefühl, „nicht gut genug“ zu sein oder mich selbst „nicht gut genug“ zu finden, kenne ich trotzdem gut. „Gut genug“ jedenfalls, um mich darüber zu freuen, dass wir uns hier in der Baptistenkirche Wedding in den Gottesdiensten der kommenden Wochen mit diesem Thema beschäftigen.
Den Anfang machen wir heute mit einer biblischen Geschichte aus den ersten Kapiteln der Bibel, der Geschichte vom Turmbau zu Babel in 1. Mose 11,1-9:

Turmbau (4 von 9)

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
5 Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist (erst) der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt der Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.


Die Babylonier, das sind doch eigentlich ganz tüchtige Leute! Was ist denn, um Himmels willen, so verwerflich daran, gemeinsam einen hohen Turm zu bauen und etwas Großes leisten zu wollen? Das ist doch kein falscher Ehrgeiz! Das ist Lust am Gestalten, am Erfinden, am Über-sich-hinaus-Wachsen, an der Leistung. Ein bewundernswerter Unternehmungsgeist!

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Und verglichen mit heutigen Türmen in Dubai, China oder Japan war der Turm von Babel vermutlich ein eher mickriges Bauwerk. Jedenfalls erzählt unser Text nicht ohne Humor, dass Gott vom Himmel herabfahren muss, um überhaupt zu sehen, was die Menschen da unten eigentlich treiben. Aus der Perspektive der Menschen ein Jahrhundertbauwerk! Aus der Perspektive Gottes ein Fliegenschiss!

Turmbau (6 von 9)

Was also ist das Problem? Das Problem ist die Motivation, aus der heraus die Menschen in dieser Geschichte solch einen Ehrgeiz entwickeln: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.“ (Vers 4)
Die Türmchenbauer wollen sich einen Namen machen. Sie wollen jemand sein, etwas darstellen. Was sie antreibt, ist nicht die zweckfreie und selbstlose Freude am Gestalten von etwas Schönem, Großen und Herausfordernden. Was sie treibt, ist die Angst sich zu verlieren, zerstreut zu werden, aus den Beziehungen, in denen sie leben und durch die sie im Leben getragen werden, herauszufallen.
Und überall da, wo Angst das Leitmotiv unseres Ehrgeizes ist – die Angst, nicht gut genug, nicht schön genug, nicht erfolgreich genug zu sein –, ist schon der Tod im Topf, ist das Scheitern vorprogrammiert. Angst ist ein schlechter Ratgeber. „Angst essen Seele auf“, wie der Titel eines Films von Rainer Werner Fassbinder es ausdrückt. Angst erweitert nicht den Horizont, sondern führt in die Enge. „Angst“ und „Enge“ – schon sprachlich gehört das zusammen. Angst schnürt die Kehle zu. Angst macht Menschen stumm oder aggressiv oder beides.
So gesehen, kann das Eingreifen Gottes in dieser Geschichte durchaus als vorbeugendes, als schützendes Handeln verstanden werden. „Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist (erst) der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!“ (Vers 6-7)
Ganz ähnlich wie in der Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“ ein paar Kapitel zuvor begrenzt Gott auch hier die Macht des Menschen, um ihn vor sich selbst zu schützen. Weil grenzenlose Macht gepaart mit angstgesteuertem Ehrgeiz gefährlich ist. Nicht gefährlich für Gott! Als ob ein Turm, dessen Spitze den Himmel berührt, Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, gefährlich werden könnte. Nein. Gefährlich ist solch ein Ehrgeiz für den Menschen selbst, für seine Beziehungen mit anderen Menschen und für seine Beziehung zu Gott. Und gefährlich ist solch ein Ehrgeiz für die Welt, in der wir leben. Weil er zerstörerische und selbstzerstörerische Züge trägt.
Damit ist klar: Bei der Geschichte vom Turmbau zu Babel geht es nicht in erster Linie um ein Ereignis der Vergangenheit, mit dem erklärt werden soll, warum die Menschen nicht eine, sondern viele Sprachen sprechen. Diese Geschichte ist vielmehr – wie alle Erzählungen der biblischen Urgeschichte – eine Geschichte über die Grundbedingungen des Menschseins an sich, über das Wesen der menschlichen Existenz. Und zu diesen Grundbedingungen des Menschseins, zur menschlichen Existenz gehört nun einmal seine Begrenztheit als ein Wesensmerkmal hinzu. In zeitlicher Hinsicht sind wir begrenzt durch unsere Sterblichkeit. Aber auch im Blick auf das Leben selbst sind wir begrenzt: durch die Vorläufigkeit unseres Wissens, durch die Beschränktheit unseres Könnens, unserer Begabungen und Stärken, unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten, unser Persönlichkeitsmerkmale und Charaktereigenschaften.
Begrenzt zu sein, nicht alles zu können, nicht alles zu dürfen, aber auch nicht alles können und dürfen zu müssen, gehört zum Menschsein dazu. Das erst macht uns zum Menschen. Es unterscheidet uns von Gott. Und das ist gut so! Biblisch gesprochen: Gott hat es so eingerichtet. Und wir tun gut daran, diese Beschränkungen nicht als Einschränkungen wahrzunehmen, gegen die wir uns auflehnen müssen, sondern als Grenzen, die einen Raum der Freiheit eröffnen, in dem wir uns entfalten können.

Es gibt einen wunderbaren Satz, der mir in diesem Zusammenhang immer wieder einfällt, der heißt: „Wer keine Wände hat, hat auch kein Haus!“ (Andreas Malessa)

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„Wer keine Wände hat, hat auch kein Haus!“ Ohne Grenzen kein Zuhause, keine Heimat, keine Beheimatung im Leben.
Ich finde, das ist eine wunderbar entlastende Botschaft: Du bist gut genug! Du bist groß genug! Du musst dich nicht besser und größer machen als du bist. Du darfst deine Grenzen haben. Du darfst sie spüren, wahrnehmen und akzeptieren. Du darfst sogar Grenzen setzen, wenn du das willst und brauchst. Sei so frei! Grenzen schützen dich. Sie gehören zu dir als Person. Sie machen dich einzigartig und unverwechselbar. Genau wie deine Gaben und Stärken dich einzigartig und unverwechselbar machen, prägen auch deine Grenzen deine Persönlichkeit und gehören zu deiner Identität.
Das heißt nicht, dass du keine Grenzen überschreiten, deinen Horizont nicht weiten, deinen Aktionsradius nicht erweitern darfst. Im Gegenteil! Die Wände deines Lebenshauses haben Fenster, die dir neue Horizonte eröffnen. Und sie haben Türen, durch die du Ausflüge in die grenzenlose Weite der Möglichkeiten Gottes machen kannst. Und manchmal ist es möglich und richtig und wichtig, die eine oder andere Wand zu versetzen, um mehr Raum zu schaffen für die Freiheit der Kinder Gottes in dir.
Aber du musst deine Grenzen nicht um jeden Preis erweitern. Du musst nicht permanent über deine Verhältnisse leben. Du musst dir nicht ständig mehr abverlangen als du in der Lage bist zu geben. Du musst dir nicht selber „einen Namen machen“, weil Gott dich längst bei deinem Namen genannt hat und dich liebt, wie du bist. Weil dein Name aufgeschrieben ist im Himmel, eingetragen im Buch des Lebens. Unwiderruflich. Unverbrüchlich. Unauslöschlich. Das gibt deinem Leben Wert und Sinn – nicht das, was du dir selber schaffst und erarbeitest.
Du bist groß genug! Du musst dich nicht auf eigene Kosten und nicht auf Kosten anderer profilieren. Du darfst dich allem Selbstzerstörerischen und allem Zerstörerischen verweigern und widersetzen. Du darfst kleine Brötchen backen. Dein Lebenshaus muss kein Mega-Tower aus Stahlbeton und Glas sein, um vor Gott bestehen zu können. Ein liebevoll aus bunten Bauklötzchen zusammengestelltes Spielplatzhaus gefällt ihm auch. Vielleicht mehr als alles, was in selbstverliebter Gigantomanie daherkommt.
Und was für dich und dein Lebenshaus gilt, das gilt auch für das Welthaus, das wir als Menschen miteinander bauen. Vielleicht leben wir in einer Zeit der Verwirrung und Zerstreuung. Die Türme sind zu hoch geworden. Migrationsströme ziehen über die Erde wie nie zuvor. Alle sieben Jahre verdoppelt sich unser Wissen. Aber verstehen wir uns deshalb besser? Oder die Welt um uns herum?
Ohnmächtig starren wir auf die Katastrophen, deren Verursacher wir sind. Wann lernen wir das „Groß genug“? Vielleicht dann, wenn wir wieder wirklichen Respekt entwickeln vor der Schöpfung und dem Schöpfer. Und vor der Begrenzung unserer eigenen Geschöpflichkeit. Vielleicht dann, wenn wir wirklich sagen lernen: Hier ist jetzt Schluss! Weiter gehen wir nicht, sonst können wir die Folgen nicht mehr überblicken und beherrschen.

Turmbau (8 von 9)

Kein Wachstum um jeden Preis, denn die Ressourcen sind begrenzt, und diese Grenzen gilt es wahrzunehmen und zu respektieren.

Gut, dass wir Menschen auch anders können. Nicht aus eigener Kraft und Machtvollkommenheit, sondern weil Gott uns so geschaffen hat. Er – so lesen wir auch in der Urgeschichte ganz am Anfang der Bibel –, Gott, hat uns den Atem des Lebens eingehaucht, seinen Geist. Und durch diesen Geist wird möglich, was dann in der Pfingstgeschichte im Neuen Testament als eine Art „Gegenvision“ zum Bild vom Turmbau zu Babel erzählt wird: dass die, die sich eigentlich nicht verstehen, doch verständigen können. Und zwar auf Augenhöhe. Da kommt kein Einzelner und keine Gruppe, die sich einen Namen machen will und behauptet: DAS ist die Sprache, DAS ist der Weg, WIR sind der Chef. „Ein jeder hörte den anderen in seiner Sprache reden“ (Apg 2,6). Anti-Babylon.

Ein Traum? Nein. Eine tägliche Übung, sich selbst und den Plänen anderer nicht über den Weg zu trauen. Zu schauen, ob falscher Ehrgeiz das eigentliche Motiv ist. Zu lernen, den anderen in seiner eigenen Sprache zu hören. Und abzusehen von dem Drang, sich einen Namen machen zu müssen. Wohl wissend, dass unsere Namen im Himmel aufgeschrieben sind“ (Lk 10,20) – auch ohne Turm.

Turmbau (9 von 9)

-> Lied: Türmchen von Babylon (Père Cocagnac / Jan Vering)

© Volkmar Hamp