"Freut euch und seid fröhlich im Herrn, eurem Gott!" (Joel 2,23)

Andacht beim Fachtag Sichere Gemeinde am 26.11.2011 in Kassel


Liebe Teilnehmende am ersten Fachtag „Sichere Gemeinde“ des Gemeindejugendwerks,

was macht man als guter Baptist, wenn man die Aufgabe hat für solch einen Tag eine Andacht, einen geistlichen Impuls zum Einstieg vorzubereiten? Man schaut in die Losungen – in der Hoffnung, dort eine Idee, einen Anknüpfungspunkt, vielleicht eine „himmlische Botschaft“ für diesen Tag zu finden.
Das hab ich auch gemacht. Und die Losung für den heutigen Tag – vielleicht hat der eine oder die andere von euch sie schon gelesen – steht in Joel 2,23 und heißt:
„Freut euch und seid fröhlich im HERRN, eurem Gott.“ (Joel 2,23)
Und dazu passend der Lehrtext aus dem Neuen Testament:
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ (Philipper 4,4-5)
„Der Herr ist nahe!“ – Das passt schon mal zum ersten Advent, den wir morgen feiern. „Advent“, das heißt ja „Ankunft“ – und dabei denken wir nicht nur an die erste Ankunft Gottes im Menschsein vor 2.000 Jahren, sondern auch an seine versprochene, endgültige Ankunft am Ende der Zeit, mit der dann die Herrschaft Gottes über diese Welt überall sichtbare und spürbare Wirklichkeit werden soll.
Doch bis es so weit ist, leben wir nun mal im Hier und Jetzt, und da ist die Aufforderung zum Sich freuen und Fröhlichsein manchmal eine Herausforderung. Vielleicht muss diese Aufforderung darum im Lehrtext zur Tageslosung gedoppelt werden: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Als wenn eine Aufforderung zur Freude nicht reicht, zu schwach ist, nicht den gewünschten Effekt erzielt.
So kann es sein, dass dem einen oder der anderen von euch heute gar nicht nach großer Freude ist. Manche Nachrichten der letzten Wochen geben auch nicht unbedingt Anlass zur Freude: Naziterror, Schuldenkrise, Syrien, Ägypten ... um nur ein paar Stichworte zu nennen. Und das Thema, das wir heute hier verhandeln, ist – bei aller Freude über den bisherigen Erfolg der Kampagne „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“ – nach wie vor ein eher ernstes Thema. Und überhaupt: Kann man so zur Freude „auffordern“? Sie quasi im Imperativ „anordnen“? Und das auch noch „allewege“, also „immer und überall“?
Natürlich nicht. Freude kann man nicht befehlen. So kann der Imperativ, die „Befehlsform“, an diesen Stellen also nicht gemeint sein. Aber wie dann?
Ich verstehe diese Aufforderung zur Freude als Einladung, als Angebot, als Herausforderung zu entdecken, dass es bei Gott Gründe zur Freude gibt, die tiefer liegen als alles, was uns hier die Freude und den Spaß am Leben verderben kann. Zwei dieser Gründe entdecke ich in diesen Texten:

Der erste: „Der Herr ist nahe!“
Die ganze Botschaft des Propheten Joel dreht sich um den „Tag Jahwes“, den Tag, an dem Gott die endgültige Entscheidung zwischen Israel und den Völkern herbeiführen wird.
Dieser Tag – so Joel – kann für Israel zu einem Tag des Gerichts werden. Er kann aber auch ein Tag des Heils sein, nämlich dann, wenn das Volk „von ganzem Herzen“ umkehrt zu seinem Gott. Denn der ist „gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es gereut ihn bald der Strafe“ (Joel 2,12-13).
Wenn das geschieht – so Joel –, „dann wird der Herr um sein Land eifern und sein Volk verschonen“ (Joel 2,18). Dann werden die Feinde besiegt und das Land wird Früchte in Hülle und Fülle tragen. Dann wird es wieder Grund zur Freude geben für Israel. Und in diesem Zusammenhang fallen dann auch die Worte unserer Tageslosung:
„Freut euch und seid fröhlich im HERRN, eurem Gott, der euch gnädigen Regen gibt und euch herabsendet Frühregen und Spätregen wie zuvor.“ (Joel 2,23)
Gott ist nahe! Sein Eingreifen zugunsten seines Volkes steht unmittelbar bevor. Das ist der Grund, warum Joel in einer Zeit der wirtschaftlichen Not, angesichts einer Heuschreckenplage und einer Dürrekatastrophe, sein Volk trotzdem zur Freude auffordern und zum Fröhlichsein einladen kann. Der Herr ist nahe!
Diese „Naherwartung“ prägt auch die Theologie des Paulus:
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ (Philipper 4,4-5)
Ein Ausleger (Gerhard Friedrich, NTD 8) schreibt dazu: „Wie ein Fanfarenstoß klingen die Worte: ‚Der Herr ist nahe!’ Die Wiederkunft Christi ... steht unmittelbar bevor ... Das gibt dem gegenwärtigen Augenblick den Ernst; denn man wird sich bald für sein Tun verantworten müssen. Das nimmt der Gegenwart aber auch den Druck der Schwere. Christus steht vor der Tür, der allem Leid ein Ende macht. Die Freude des Christen ist Vorwegnahme und Abglanz der endzeitlichen Freude.“
Nun weiß ich nicht, welche Rolle die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi, auf das endgültige Anbrechen der Gottesherrschaft, in eurem alltäglichen Glauben und Leben spielt? Ich vermute mal, euch geht es da nicht anders als mir und dem Liedermacher Manfred Siebald, der mal in einem seiner Lieder den Satz geprägt hat: „Wir beten laut: ‚Herr, komm dich wieder!’ und denken leise: ‚Jetzt noch nicht!’“
Ich finde das auch gar nicht schlimm! Wir wissen ja nicht wirklich, wie „nahe“ Gott uns (in diesem zeitlichen Sinne) ist. Joel hat sich da verschätzt. Paulus auch. Und all die Endzeit- und Weltuntergangspropheten der letzten zwei Jahrtausende ebenfalls.
Wir müssen das Ende der Welt nicht herbeisehnen. Und schon gar nicht sollen wir dazu beitragen, es heraufzubeschwören. Wir dürfen das Leben genießen und uns am Dasein freuen. Aber über diese natürliche Freude am Leben hinaus, die uns angesichts unglücklicher Lebensumstände, wenn Not und Leid und Tod uns berühren, auch schnell mal abhanden kommen kann, haben wir doch noch einen tieferen, einen wahrhaft göttlichen Grund zur Freude, und der heißt: „Der Herr ist nahe!“
Vielleicht in diesem zeitlichen Sinn: Wer von uns weiß schon, wie lang er noch zu leben hat? Ganz sicher aber in einem geistlichen Sinn: Gott umgibt uns mit seiner Güte und Freundlichkeit. Er ist uns nah in Freude und Leid, in guten wie in schlechten Zeiten. Er hält und trägt und bewahrt uns. Er berührt unser Innerstes mit seiner Liebe und schafft unserem Leben Sinn.

Der zweite: Die Freude „im Herrn“
Damit bin ich beim zweiten Grund zur Freude, den ich in unseren Tageslosungstexten entdecke: Beide – Joel wie Paulus – fordern uns nicht nur einfach so ganz allgemein zur „Freude“ auf, sie laden uns ein, uns „im Herrn“ zu freuen.
Als ich das gelesen habe, war mein erster Gedanke: „Meine Güte, was soll ich mit so einer Floskel? Das ist doch frommes Gesülze nach dem Motto: Wenn es keinen handfesten Grund zur Freude gibt in deinem Leben, dann freu dich wenigstens ‚im Herrn’. Das geht immer!
Dein Leben und die Welt um dich herum mögen noch so düster sein: Du hast doch ‚den Herrn’ – und damit ‚allewege’ Grund zur Freude. Na, prima!“
Dann habe ich mich ein bisschen intensiver mit dieser „Floskel“ beschäftigt und festgestellt, wie reich und gehaltvoll sie eigentlich ist. „Im Herrn“, „in Christus Jesus“ – immer wieder stößt man bei Paulus auf diese Worte, über 20 Mal allein im Philipperbrief!
„Im Herrn“, „in Christus“ zu sein, das heißt zunächst einmal: durch ihn, in ihm erlöst, gerettet, befreit, dem Tod entrissen, in ein neues Leben hinein geboren zu sein. „Ist jemand in Christus,“ schreibt Paulus in 2. Korinther 5,17, „so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“ Wenn das kein Grund zur Freude ist!
„Im Herrn“, „in Christus“ zu sein, das heißt dann aber auch, wirklich in eine intensive Gemeinschaft mit Jesus hinein genommen zu sein, zu ihm zu gehören, für immer mit ihm verbunden zu sein. Zum „In-Christus-Sein“ des Menschen gehört das „Im-Menschen-Sein“ Christi. Darum kann Paulus von sich sagen: „Ich lebe, doch nicht ich, Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20) Christus lebt in dir! Er gestaltet dein Leben von innen heraus – ob du das nun immer spürst und siehst oder nicht. Wenn das kein Grund zur Freude ist!
Und „im Herrn“, „in Christus“ zu sein, das heißt drittens, mit allen anderen, die zu Jesus gehören, verbunden zu sein: „So sind wir, die vielen, ein Leib in Christus“, schreibt Paulus in Römer 12,5. Unterschiede werden relativ, Trennendes verliert an Bedeutung: „Es ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Frau; ihr seid alle einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28).
Wer „im Herrn“, wer „in Christus“ ist, der ist mit Jesus und mit anderen Menschen aufs engste verbunden. Es geht also bei dieser Freude „im Herrn“ nicht um ein geheimnisvolles, spirituelles, mystisches, esoterisches Hochgefühl, sondern schlicht und einfach um das Wissen: Ich gehöre dazu! Ich gehöre zu Christus und ich gehöre zu Schwestern und Brüdern in Christus. Und dieses Wissen, diese „Freude im Herrn“ hat dann auch Auswirkungen, Konsequenzen.

Damit bin ich beim letzten Gedanken zu unseren Losungstexten für den heutigen Tag:
Freude „im Herrn“ ist Freude, die ihren Ausdruck findet in Güte, die allen Menschen zugute kommt.
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ (Philipper 4,4-5)
Güte – schon wieder so ein schönes, altes, missverständliches Wort! Im Lexikon lese ich: „Unter Güte (von gut) versteht man eine wohlwollende und nachsichtige Einstellung gegenüber anderen ...“ (wikipedia).
Ursprünglich ist Güte eine „Herrscher-Tugend“: Der Überlegene, der Mächtige, der Herrschende erweist dem Unterlegenen, dem Ohnmächtigen, dem Untertan „Güte“, indem er ihm etwas Gutes tut: ihm Geschenke macht, ihm etwas abgibt von seinem Reichtum, seine Macht nicht missbraucht, um ihn zu schädigen – oder einfach nur, indem er ihm sein Leben lässt.
Diese Art von „Güte“ ist hier jedoch nicht gemeint. Hier geht es nicht um eine Herrscher-Tugend, die von oben herab gnädig gewährt wird, sondern schlicht und einfach um die liebevolle Zuwendung zum anderen, die aus der Zugehörigkeit zu Christus, aus der „Freude im Herrn“, aus der Erfahrung des Naheseins Gottes resultiert.
Das Wort, das hier im Griechischen steht, könnte man auch mit „Milde“ übersetzten. So wie Jesus „sanftmütig und gütig“ mit uns umgeht (2. Korinther 10,1), so sollen und können wir sanftmütig und herzensgut sein im Umgang mit anderen Menschen.
Albert Schweitzer, der bekannte Theologe, Arzt und Friedensnobelpreisträger schreibt dazu in seiner „Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben“ (S. 49): „Rechtes Denken lässt das Herz mitreden. Stetige Gütigkeit vermag viel. Wie die Sonne das Eis zum Schmelzen bringt, bringt sie Missverständnisse, Misstrauen und Feindseligkeit zum Schwinden. Was ein Mensch an Gütigkeit in die Welt hinausgibt, arbeitet an den Herzen und an dem Denken der Menschen.“
Damit lässt sich auch eine Brücke schlagen von unseren Losungstexten zum Thema dieses Tages: „Vorsicht zerbrechlich!“
Es gibt ein Handbuch zur Seelsorge mit Kindern und Jugendlichen, das trägt den Titel „Die verletzlichen Jahre“. Kinder und Jugendliche sind in besonderer Weise angewiesen auf Menschen, die ihnen gütig, das heißt „in guter Weise“, begegnen. Und als Christen sind wir dazu herausgefordert, dies in besonderer Weise zu tun: weil wir uns „in Christus“ mit Gott und allen Menschen verbunden wissen. Der Tag heute hilft uns hoffentlich, dieser Verantwortung, die zugleich eine Auszeichnung ist, die Gott uns zuteil werden lässt, gerecht zu werden. Zum Schluss noch einmal der Text aus Philipper 4 in einer modernen Übersetzung (NGÜ) – und dann ein Lied, das endgültig die Brücke schlägt zum Thema dieses Tages:

Freut ich immerzu, weil ihr zum Herrn gehört!
Ich sage es noch einmal: Freut euch!
Alle Menschen sollen merken, wie gütig ihr seid!
Der Herr ist nahe!


-> Annett Louisan, Vorsicht zerbrechlich

(c) Volkmar Hamp