Die Macht Jesu und das Reich Gottes (Lukas 11,14-23)


14 Jesus trieb einen Dämon aus, der stumm war. Als der Dämon den Stummen verlassen hatte, konnte der Mann reden. Alle Leute staunten.
15 Einige von ihnen aber sagten: Mit Hilfe von Beelzebul, dem Anführer der Dämonen, treibt er die Dämonen aus.
16 Andere wollten ihn auf die Probe stellen und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.
17 Doch er wusste, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird veröden und ein Haus ums andere stürzt ein.
18 Wenn also der Satan mit sich selbst im Streit liegt, wie kann sein Reich dann Bestand haben? Ihr sagt doch, dass ich die Dämonen mit Hilfe von Beelzebul austreibe.
19 Wenn ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Anhänger sie aus? Sie selbst also sprechen euch das Urteil.
20 Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen.
21 Solange ein bewaffneter starker Mann seinen Hof bewacht, ist sein Besitz sicher;
22 wenn ihn aber ein Stärkerer angreift und besiegt, dann nimmt ihm der Stärkere all seine Waffen weg, auf die er sich verlassen hat, und verteilt die Beute.
23 Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.



Liebe Geschwister, liebe Freunde,

da ist er wieder: der garstige Graben der Geschichte und der sich wandelnden Weltbilder, der unsere Welt von der Welt der Bibel trennt und uns manchmal den Zugang zu biblischen Texten erschwert! Von einem Dämon ist hier die Rede, der die Krankheit, das Stummsein eines Menschen verursacht; von Satan und Beelzebul, dem Obersten der Dämonen; vom Reich des Teufels, das mit dem Reich Gottes um die Herrschaft über diese Welt kämpft.
Ich habe bei den Vorbereitungen für diese Predigt lange überlegt, wie ich mich heute um die Beschäftigung mit dem Teufels- und Dämonenglauben in der Bibel herumdrücken kann, aber mir ist nichts rechtes eingefallen. Zu massiv prägt dieses Thema unseren Text. Auch wenn das für uns heute eher nach Fantasy klingt oder nach finsterstem Mittelalter, nach dem Stoff, aus dem Hollywood Horrorfilme macht, oder nach einer Halloween-Gruselgeschichte, für die Menschen damals war es schlicht und einfach Realität: Krankheiten wie die „Fallsucht“ genannte Epilepsie, vor allem aber auch psychische und psychosomatische Störungen, wurden ganz selbstverständlich durch das Wirken böser Geister erklärt. Man wusste es nicht anders.
In diesem Fall, so lesen wir, hatte der Teufel einen Menschen mit Stummheit geschlagen. Die medizinische Diagnose würde heute vermutlich „Mutismus“ heißen. Das ist eine Krankheit, bei der das Stummsein nicht durch eine Schädigung der Sprechorgane hervorgerufen wird, sondern Ausdruck einer psychosomatischen Störung ist: Menschen mit dieser Krankheit verstummen einfach – trotz vorhandenem Sprachvermögen und intakter Sprechwerkzeuge. Sie sprechen gar nicht mehr oder nur noch ganz selten und nur mit Menschen, denen sie vertrauen. Sie können nicht mehr am normalen Leben teilhaben, versagen in der Schule, können viele Berufe nicht wahrnehmen und gelten als Sonderlinge. Traumatische Erlebnisse, persönliche und soziale Probleme, Entwicklungsstörungen oder Belastungssituationen können die Ursache dafür sein. Isolation ist die Folge.
Heute geht man, wenn eine solche Krankheit diagnostiziert wird, zum Arzt oder Therapeuten. Vor 2.000 Jahren hieß die Diagnose: „Ein Dämon hat ihn krank gemacht!“ – und man ging zum Wunderheiler oder Exorzisten. Und so wird auch von Jesus immer wieder ganz selbstverständlich erzählt, dass er Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben habe. Bleibt die Frage, wie wir diese Geschichten heute lesen und verstehen können.
Nun hat die religionsgeschichtliche Forschung in den Jahrhunderten seit der Aufklärung viel Hintergrundwissen über die Entwicklung der biblischen Vorstellungen vom Teufel und seinem Hofstaat zusammengetragen:
So gilt die Gestalt des Teufels als des personifizierten Bösen im jüdisch-christlichen Glauben heute als Import aus dem dualistischen Denken der persischen Religionen. Dort steht dem Guten als „dunkler Gegengott“ das Böse in Gestalt des Teufels gegenüber.
Einen solchen Dualismus kennt die Hebräische Bibel, unser Altes Testament, nicht. Es gibt da zwar die Figur des Satan, aber der ist in der jüdischen Mythologie eben kein Wesen mit einem freien Willen, das gegen Gott rebellieren könnte, sondern ein Engel unter vielen, der im himmlischen Hofstaat zwar die Rolle des Anklägers einnimmt, die religiöse Integrität der Menschen testet und ihre Sünden vor Gott bringt, dabei aber vollkommen unter der Kontrolle und dem Befehl Gottes bleibt. Erst spät wird er mit „Luzifer“ identifiziert, dem „gefallenen Engel“, der die Schöpfung mit sich in den Abgrund gerissen haben soll.
Und Beelzebul? Dieser Name war ursprünglich nur eine von vielen Bezeichnungen für den kanaanäischen Gott Ba’al, verballhornt zu „Baal Zebub“, der „Herr der Fliegen“. Vielleicht kennt ihr das gleichnamige Buch des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers William Golding, in dem eine Gruppe von Kindern auf einer einsamen Insel strandet und dort eine Gesellschaft des Bösen errichtet. Beelzebul, das Böse, steckt in jedem von uns – das ist die Botschaft dieses Buches. Und wehe dem, der ihm nicht Einhalt gebietet.
Also ist das ganze Gerede vom Bösen, vom Teufel und den Dämonen nur noch religionsgeschichtlicher Ballast, den wir schleunigst über Bord werfen sollten? Das wohl nicht. Aber die Frage ist schon, wie wir das heute aufgreifen und deuten. Und natürlich gibt es auch heute noch Menschen, Länder und Kulturen, in denen die unsichtbare Welt der Engel und Dämonen den Alltag zumindest mit bestimmt. Und es gibt auch heute noch Exorzismen – nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in vielen evangelikalen Gruppierungen überall auf der Welt.
Ich selbst habe bei einem baptistischen Jugendcamp in Südafrika miterlebt, wie junge Leute durch ihre geistlichen Leiter von okkulten Belastungen frei gebetet wurden, die sie sich angeblich durch ihre Tattoos und Piercings zugezogen hatten. Ich habe mitbekommen, wie junge Mädchen dort nachts um drei aus dem Schlaf gerissen wurden, um gemeinsam gegen die Dämonen anzubeten, von denen man das Jugendcamp umlagert glaubte. Und ich habe gesehen, wie einigen von ihnen von den durchweg männlichen Pastoren dämonische Besessenheit attestiert wurde – und wie sie anschließend mit diesen Pastoren hinter verschlossenen Türen verschwanden, um sich dort die angeblichen Dämonen wieder austreiben zu lassen.
Und ich muss gestehen, ich hatte ein ganz ungutes Gefühl dabei, obwohl ich natürlich wusste, dass solch ein Umgang mit dem Dämonenglauben in Afrika noch weit verbreitet ist. Mir schien aber, dass es dabei ganz und gar nicht um die Macht des Teufels und der Dämonen ging, sondern einzig und allein um die Macht der geistlichen Leiter über ihre jugendlichen Schützlinge. Für mich war das Blasphemie, Gotteslästerung, Missbrauch des Heiligen für ganz und gar unheilige Zwecke, eine Form geistlicher Gewalt – und das habe ich den Verantwortlichen dort dann auch gesagt. Und ich war froh, dass zumindest ein Teil von ihnen das im Nachhinein auch so gesehen hat.
Aber ich bin ja auch ein Kind der europäischen Aufklärung und der Entmythologisierung biblischer Texte. Ich muss schmunzeln, wenn ich feststelle, dass bei GOOGLE, wenn man den Begriff „Teufel“ eingibt, als erster Treffer ein bekannter Hersteller von HiFi-Lautsprechern erscheint und erst danach, auf Platz 2, der wikipedia-Artikel über den Teufel. Das, finde ich, ist durchaus angemessen.
Wir sollten uns nicht zu intensiv mit dem Teufel und seinen Machenschaften beschäftigen. Das hat er nicht verdient.
Und wenn man genauer hinschaut, dann geht es auch in unserem Text nicht in erster Linie um diese Dinge, sondern um etwas ganz anderes. Es geht um Macht: um die Macht Jesu und der anbrechenden Gottesherrschaft. Es geht darum, was für eine Art von Macht das ist und wie Menschen sich dieser Macht gegenüber verhalten.
Der Gedankengang ist folgender: Angesichts eines erfolgreich durchgeführten Exorzismus erheben Jesu Gegner den Vorwurf, dass er diesen Exorzismus durch den Herrscher der Dämonen selbst vollzogen habe. Jesus entkräftet diesen Vorwurf mit drei Argumenten:
1. sei es widersinnig, dass sich Beelzebul als Anführer der Dämonen von Jesus gebrauchen ließe, da er dadurch die Entmachtung Satans und damit auch seine eigene Entmachtung betreiben würde.
2. Selbst wenn man rein hypothetisch die Behauptung der Gegner Jesu gelten lassen würde, müsste derselbe Vorwurf auch die Exorzisten in ihren eigenen Reihen treffen. Aber dies werden sie wohl kaum behaupten wollen!
Somit bleibt 3. nur die eine Möglichkeit übrig: dass Jesus durch den „Finger Gottes“, das heißt mit der machtvollen Hilfe Gottes, die Dämonen austreibt.
Voraussetzung für seine Heilungserfolge ist also die Überwindung des Starken (sprich: des Teufels) durch einen noch Stärkeren (durch Gott selbst). Sein Sieg bedeutet, dass die Gottesherrschaft definitiv anfängt, sich auf Erden zu realisieren. Die Herrschaft des Teufels ist damit ein für allemal beendet: Seiner Waffen beraubt und seines Besitzes entledigt, wird er zu einem zahnlosen Tiger.
Und jeder Mensch ist nun vor die Entscheidung gestellt, ob er auf der Seite des Siegers oder auf der des Verlierers stehen will. Neutralität gibt es nicht mehr. Man kann nur noch Jesu Vision vom Reich Gottes unterstützen oder sich ihr verweigern. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.
So weit, so gut. Aber was fangen wir heute damit an? Was hat dieser Gedankengang mit uns und der Welt, in der wir leben, zu tun?
Das erste, was wir in dieser Geschichte über die Macht Jesu und damit über das Reich Gottes, über die Gottesherrschaft erfahren, ist, dass sie Heil und Heilung bringt und Staunen hervorruft: „Jesus trieb einen Dämon aus, der stumm war. Als der Dämon den Stummen verlassen hatte, konnte der Mann reden. Alle Leute staunten. “ (Vers 14)
Im Deutschen gibt es ein schönes, altes Wort, das als Übersetzung des neutestamentlichen Begriffs „Retter“ das Wirken Jesu gut auf den Punkt bringt: das Wort „Heiland“. Eine der auffälligsten Tätigkeiten Jesu, neben dem Predigen, war das Heilen. Wenn man die Evangelien liest, begegnen einem fast auf jeder Seite Wunderheilungen. Und immer wieder stößt man auf Sammelberichte wie diese:
„Jesus wanderte durch alle Städte und Dörfer. Er trat in den Synagogen auf und verkündigte die Frohbotschaft von der Gottesherrschaft und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. Er schickte die zwölf Jünger aus und gab ihnen diesen Auftrag: Geht hin und verkündigt: ,Die Gottesherrschaft ist hereingebrochen.’ Heilt die Kranken, weckt die Toten auf, macht die Aussätzigen rein und treibt die Dämonen aus.“
Krankenheilungen, Totenauferweckungen, Dämonenaustreibungen – all das sind bei Jesus und seinen Jüngern keine spektakulären Zaubertricks, keine Wunder um der Wunder willen, sondern Zeichen der Macht Gottes und der anbrechenden Gottesherrschaft. Damit machen die Evangelien deutlich: Hier kommt etwas Neues in die Welt – und das ist nicht ausschließlich eine Sache des Jenseits und der Innerlichkeit, sondern es bezieht das ganz konkrete menschliche Heil und Heilwerden im Hier und Jetzt mit ein.
Und „Heil“, das meint ursprünglich „das Ganze“. Das englische Wort ‚whole’ verweist noch auf diese Bedeutung. „Heilen“ heißt: „etwas ganz machen“. Im Heilen geht es um die Wiederherstellung ursprünglicher Unversehrtheit – im Bereich des Körpers genau so wie in dem der Seele; beides gehört zusammen.
Und auch das Soziale, das gesellschaftliche „Heilwerden“ ist mit gemeint, wenn in der Bibel vom „Heil“, hebräisch vom „Schalom“, vom Frieden, von der Unversehrtheit, die Rede ist. Ja, sogar das „Heilwerden“ der Natur, die Wiederherstellung der Schöpfung ist mit im Blick (Römer 8).
Es gibt also im Neuen Testament einen inneren Zusammenhang zwischen der Erlösung durch Christus, seinem Sieg über Hölle, Tod und Teufel, und dem Heil und der Heilung, die dadurch möglich werden. Denn nirgendwo sonst spüren wir die Unerlöstheit, das Unfertige, das „Heil-lose“ unseres Lebens und dieser Welt mehr als in Krankheit, Leid und Tod.
Wenn wir mit Jesus den Traum vom Reich Gottes träumen, dann stoßen wir dabei unweigerlich auf Gegebenheiten und Strukturen, auf Mächte und Zusammenhänge, die diesem Traum entgegenstehen. Mächte des Unheils und des Bösen. Kräfte, die in uns und um uns herum dafür sorgen, dass es mit dem Reich Gottes nicht so richtig voran geht.
Im Neuen Testament werden diese Mächte in mythologischer Sprache personifiziert, wenn von Dämonen, von bösen Geistern, von Besessenheit die Rede ist. Unmythologisch ausgedrückt heißt das einfach nur: Wir Menschen und mit uns die Welt, in der wir leben, sind eben noch nicht im Heil. Das Reich Gottes ist noch nicht wirklich bei uns angekommen.
Es mag zwar mit Jesus zeichenhaft angebrochen und verborgen mitten unter uns sein, aber es prägt noch nicht alle Aspekte unseres Lebens und dieser Welt. Und das ist eine Erfahrung, die wir alle machen – ob wir nun die Zeitung lesen und die Tagesschau gucken oder unser eigenes Leben mit seinen Brüchen, Verletzungen, Wunden und Narben sehen.
Manchmal sind es die Künstler, die Dichter und Sänger, die diese Erfahrung für uns dann auf den Punkt bringen, der Liedermacher Klaus Hoffmann zum Beispiel, der die Ungerechtigkeit des Lebens, die wir alle empfinden, so in Worte fasst:

Den einen rennt das Glück die Tür zum Leben ein
und jeder Schritt bedeutet Hauptgewinn.
Und andere, die stolpern Tag für Tag
und fallen letztlich immer wieder hin.


Wie gehen wir mit dieser Erfahrung um?
Im Grunde gibt es hier nur zwei Möglichkeiten: Wir können verstummen und uns der „Macht des Schicksals“ ergeben, mitnehmen, was mitzunehmen geht in diesem Leben – und das war’s. Oder wir vertrauen uns Jesus an, glauben ihm seinen Gott und träumen seinen Traum vom Reich Gottes mit. Dann können wir – nach unseren Kräften und Möglichkeiten – anfangen die Welt umzugestalten, sie in Richtung auf das Wahrwerden dieses Traums zu verändern.
Wir werden damit nicht den „Himmel auf Erden“ schaffen. Aber wir werden, wie Jesus das tat, Zeichen setzen, die ein klein wenig von dem vorwegnehmen, was kommt, worauf wir hoffen und was schon angefangen hat: vom Reich Gottes. Wir werden als Nachfolger Jesu Spuren hinterlassen, Fingerabdrücke, die zeigen: Hier hat der „Finger Gottes“ die Welt berührt und die Dämonen aus ihr vertrieben.
Was das konkret heißt, muss jeder und jede von uns selber sehen. Möglichkeiten, in dieser Weise Jesus nachzufolgen, gibt es viele. Hier in der Gemeinde: im Kiezpatenprojekt oder beim Winterspielplatz, durch eine Patenschaft für ein Kind in unserem Kinderheim in Kenia, durch Unterstützung der Fairen Theke oder der Bürgerplattform.
Aber die Welt ist natürlich größer als unser Kiez: In Ostafrika verhungern noch immer Kinder. In Syrien werden noch immer Menschen erschossen, weil sie für Freiheit und Demokratie auf die Straße gehen. Vor der Küste Italiens ertrinken noch immer Flüchtlinge, weil Europa eine Festung ist und sich abschottet vor dem Rest der Welt. In New York, London und Frankfurt protestieren noch immer Menschen gegen eine Weltwirtschaftsordnung, die scheinbar keine Ethik kennt.
Such dir aus, an welcher Stelle du dich engagieren willst, damit sichtbar wird, dass das Reich Gottes wirklich schon zu uns gekommen ist.
Dabei wirst du auf Widerstand stoßen, so wie Jesus den Widerspruch seiner Gegner hervorrief. Weil es immer Menschen geben wird, die sich gut eingerichtet haben in dieser Welt, so wie sie ist, und die keine Veränderungen wollen. Denn die wittern schon ihren eigenen Machtverlust.
Wenn da ein anderer ist, der die Macht hat, wenn die Herrschaft über die Welt wirklich Gott zukommt und keinem anderen, dann hat dadurch die Herrschaft von Menschen über Menschen ein Ende. Dann brechen traditionelle Herrschaftssysteme in sich zusammen. Dann gilt nicht mehr, was immer galt: dass die Reichen die Armen beherrschen, dass die Gebildeten den Ungebildeten sagen, wo’s langgeht, dass die einen auf Kosten der anderen leben und glauben können, dass sich das nicht irgendwann rächt.
Vielleicht wird der größte Widerstand, auf den du stößt, dein eigener innerer Schweinehund sein. Bei mir ist das so. Die Erlösung von dem Bösen, um die wir im Vaterunser bitten, beginnt damit, dass Gott uns die Augen öffnet, damit wir wieder sehen, was wirklich wesentlich ist für unser Leben und für diese Welt. Sie beginnt damit, dass Gott unsere tauben Ohren heilt, damit wir das Seufzen der Kreatur wieder hören und das Weinen der Leidenden. Sie beginnt damit, dass er uns von unserem Stummsein erlöst, damit wir unseren Mund nicht nur aufmachen, um ihn zu loben, sondern auch, um unsere Stimme zu erheben für die, die keine eigene Stimme mehr haben. Die Erlösung von dem Bösen, um die wir im Vaterunser bitten, beginnt damit, dass Gott die Dämonen der Feigheit, der Bequemlichkeit und der guten Ausreden aus unseren Herzen vertreibt.
Gott wird dabei keine Gewalt anwenden. Er wird uns nicht zwingen. Vielleicht wird er seinen Finger in die eine oder andere Wunde legen, aber immer mit großer Zärtlichkeit und immer, um zu heilen, nie um zu verletzen.
Der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti drückt das in einem seiner Gedichte so aus:

Anders, österlich anders Seine Gewalt:
Wärmestrom mitten im Winter noch der Geschichte!
Taut gefrorene Herzen auf,
durchbricht von unten her
das Eis jeder Herrschaft,
so dass Gebeugte ihr Haupt wieder heben,
voll Hoffnung, voll Mut,
Ihm, dem vom Schandtod Erweckten,
alle Gewalt!


Amen

(c) Volkmar Hamp