Auf Fels gebaut (Matthäus 7,24-27)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

den Predigttext für den heutigen Sonntag haben wir vorhin schon gehört und in so eindrucksvollen wie lustigen Bildern gesehen (Das Haus auf dem Felsen von Nick Butterworth & Mick Inkpen).

Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist wie jemand, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn es regnet, das Wasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, dann wird es dennoch nicht einstürzen, weil sein Fundament fest ist.
Wer meine Worte nur hört, sich aber nicht nach ihnen richtet, der ist so dumm wie jemand, der sein Haus auf Sand baut. Wenn ein Wolkenbruch kommt, der Sand überschwemmt wird und der Sturm tobt, dann wird es mit großem Krachen einstürzen.
(Matthäus 7,24-27)


Die Bildhälfte dieses Gleichnisses ist leicht zu verstehen: Da sind zwei Menschen, die ein Haus bauen. Der eine baut sein Haus auf einem soliden Fundament, der andere auf höchst instabilem Untergrund. Das eine Haus übersteht den Sturm, das andere fällt in sich zusammen.
Auch mit der Übertragung dieses Gleichnisses auf das Leben an sich tun wir uns zunächst nicht schwer: Auch unser Lebenshaus – das will Jesus offensichtlich sagen – können wir auf ein solides Fundament bauen. Dann trotzt es auch den Stürmen des Lebens. Oder wir bauen es auf Sand, und alles fällt in sich zusammen, wenn die Winde rauer werden und die Stürme des Lebens kommen.
Auf Fels gebaut – auf Sand gebaut. Das Gleichnis ist zum Sprichwort geworden, wie so vieles, was Jesus gesagt hat.

Schauen wir genauer hin, ist das alles dann doch nicht so einfach wie es scheint. Jesus erzählt hier ja nicht nur eine schöne, kleine Geschichte voller Lebensweisheit, er bezieht diese Geschichte auf sich selbst und seine Botschaft: „Wer meine Worte hört und danach handelt, der hat sein Lebenshaus auf Fels gebaut ... Und wer sich nicht nach meinen Worten richtet, der baut auf Sand.“ Wir müssen also schon genauer hinschauen, worauf Jesus denn hinaus will mit diesem Gleichnis. Es stellt sich ja die Frage, welche Worte gemeint sind, auf die wir hören und nach denen wir uns richten sollen.
Im Kontext des Matthäusevangeliums ist das klar: Unser Gleichnis steht nämlich nicht für sich, sondern bildet den Abschluss eines größeren Textzusammenhangs, der so genannten „Bergpredigt Jesu“ in Matthäus 5-7. Um diese Worte geht es also. Sie sollen wir nicht nur hören, sondern uns danach richten, wenn wir unser Leben nicht auf Sand, sondern auf ein solides Fundament bauen wollen. Und damit fangen die Probleme an!

Was ist das denn für ein Text, diese Bergpredigt? Eine Anleitung zum Glücklichsein im Hier und Jetzt oder die Regierungserklärung für das Reich Gottes – also Zukunftsmusik? Enthält die Bergpredigt Jesu ethische Maximalforderungen für einzelne, besonders fromme Christen – oder setzt sie Maßstäbe für das Zusammenleben aller Menschen?
„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen!“, hat der gute alte Otto von Bismarck gesagt – und viele sind ihm darin gefolgt. Vor allem als manche Christen sich in den friedensbewegten 80er Jahren des letzten Jahrhunderts auf diesen Text beriefen in ihrem Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.
Und beide Seiten sind in dieser Diskussion einem uralten Missverständnis aufgesessen, dem Missverständnis nämlich, bei den „Forderungen der Bergpredigt“ handele es sich um „ethische Leistungen“, die in der Nachfolge Jesu zu erbringen seien.
So wird schon in der Alten Kirche die Bergpredigt als Ethik für eine „religiöse Elite“ gesehen. Eine Art „Zwei-Stufen-Ethik“ bildet sich heraus: Für alle Christen, so sagt man, gelten die Zehn Gebote. Die könne man nämlich auch als Normalsterblicher halten. Die Forderungen der Bergpredigt jedoch könnten nur diejenigen erfüllen, die sich besondere Leistungen abverlangten: letztlich nur die Mönche in ihren Klöstern.
Was hieße das für unseren Text? Kann nur der sein Lebenshaus auf Fels bauen, der in besonders herausragender Weise fromm, ethisch einwandfrei und asketisch lebt? Und alle anderen bauen zwangsläufig auf Sand? Gilt die Bergpredigt nur für die „Superhelden des Glaubens“? Oder bringt sie auch ganz alltägliche „Helden“ hervor?

Die Reformatoren, allen voran Martin Luther, haben diese „Zwei-Stufen-Ethik“ klar abgelehnt. Bei ihnen kommt es zu einer anderen Abgrenzung: Die „Gebote“ der Bergpredigt, so sagen sie, könne der einzelne Christ als Nachfolger Jesu zwar für sich persönlich halten, im gesellschaftlichen Kontext aber müsse er im Zweifelsfall darauf verzichten. Da gelten dann die Gesetze der Realpolitik oder des Marktes.
Hier gibt es also keine „Zwei-Stufen-“, sondern eine „Zwei-Reiche-Ethik“: die Aufspaltung der Verbindlichkeit der Bergpredigt in den privaten und den öffentlichen Bereich. Für den einzelnen gelten also andere Maßstäbe als für die Gesellschaft, die sich an den Gesetzen politischen Handelns auszurichten hat, wie sie nun einmal sind.
Sprich: Wenn mir in einem privaten Konflikt jemand auf die rechte Wange haut, dann soll ich ihm auch noch die linke hinhalten, um ihn durch diese „paradoxe Intervention“ zum Umdenken zu bewegen. Im gesellschaftlichen Kontext funktioniert das aber nicht, so sagt man. Mit feindlichen Staaten, Terroristen oder jugendlichen Randalierern könne man so nicht umgehen. Da sei die harte Hand gefragt, der schnelle Gegenschlag, das Heimzahlen mit gleicher Münze. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Liedermacherin Bettina Wegner hat das in einem ihrer Lieder so gesungen:
Nein, wenn einer meine linke Wange schlägt,
halt ich ihm nicht noch die rechte hin.
Und es hat mich immer wieder aufgeregt,
wenn ich irgendwann erniedrigt worden bin ...

(-> vollständiger Text in "Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen)

Oder der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti, wie immer kurz und prägnant:
Ich habe gelernt (in der Kirche):
Wer dich auf den rechten Backen schlägt,
dem biete auch den andern dar.
Ich habe gelernt (in Nahkampfkursen):
Ein Tritt in die Hoden des Feindes legt diesen am sichersten um.
Was gilt nun?


Und was gilt in welchem Bereich unseres Lebens? Ist die Bergpredigt ein „religiöses Gesetz“ mit einem so hohen Anspruch, dass dieser nur von bestimmten Gruppen oder in bestimmten Lebensbereichen eingelöst werden kann? Oder sind das Worte, die uns helfen, nicht nur unser persönliches, sondern auch unser gemeinschaftliches Leben auf Fels zu bauen statt auf Sand?
Wie wäre das, wenn wir Christen wirklich „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ wären? Und nicht „die Axt im Walde, das Haar in der Suppe, die Made im Speck“ (Lothar Zenetti) Oder – wie der Hörspielautor und Lyriker Günter Eich es formuliert hat: „Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt.“
Wie wäre es, wenn wir uns nicht nur über handgreifliche Gewalt empören, sondern schon unsere Sprache abrüsten würden? Wenn wir keinen Menschen mehr als „Nichtsnutz“, „Narr“ oder „Idiot“ beschimpfen?
Wie wäre es, wenn unser Umgang mit unseren Partnern und Partnerinnen sich nicht an vordergründigen gesellschaftlichen Normen oder am Widerstand dagegen ausrichten würde, sondern am gegenseitigen Respekt und der Achtung voreinander?
Wie wäre es, wenn unser Ja wirklich ein Ja und unser Nein ein Nein wäre. Wenn man sich auf uns verlassen könnte?
Wie wäre es, wenn wir dem „Auge um Auge“ und dem „Zahn um Zahn“, die diese Welt regieren, eine Haltung der Großzügigkeit entgegensetzen könnten? Wenn Menschen bei uns nicht kriegen, was sie wollen, aber finden, was sie brauchen.
Wie wäre es, wenn wir nicht nur die lieben würden, die uns nahe stehen, sondern auch die, die uns fern sind, ja, vielleicht sogar die, die uns Böses wollen? Hast du schon mal für jemanden gebetet, den du nicht leiden kannst? Der wird dadurch vielleicht nicht sympathischer, aber deine Haltung ihm gegenüber verändert sich.
Wie wäre es, wenn unser Frommsein sich nicht im sonntäglichen Gottesdienstbesuch erschöpfen, sondern unseren Alltag prägen würde? Wenn wir unseren Besitz nicht nur als unser Eigentum betrachten, sondern als Geschenk Gottes, das wir mit anderen teilen dürfen? Und uns das nicht fromme Pflichterfüllung, sondern ein Vergnügen wär’? Wie wäre das?
Wie wäre es, wenn wir vor jedem Splitter, den wir aus dem Auge eines anderen Menschen ziehen wollen, die Balken in unseren eigenen Augen entfernen würden? Vielleicht stellen wir dabei fest, dass der vermeintliche Splitter im Auge des anderen nur die Spiegelung unseres Balkens in seiner Pupille ist!
Wie wäre es, wenn es uns tatsächlich gelänge, uns weniger zu sorgen? Zumindest was uns und unsere Bedürfnisse angeht. Und das womöglich nicht erst im Rückblick auf unser Leben und beim Nachdenken darüber, was wir anders machen würden, wenn wir eine zweite Chance bekämen, so wie die Schriftstellerin Gertrude Wilkinson das in einem ihrer Gedichte tut.

(-> Gedicht "Ein zweites Mal")

Wie wäre es, wenn wir all das ein wenig mehr in unseren Alltag integrieren würden? Jeder von uns an dem Ort, an dem er lebt: Ich in meiner Hausgemeinschaft in Friedrichshain und in meiner Arbeit im Gemeindejugendwerk. Du an deinem Arbeitsplatz, bei deinen Freunden und in deiner Nachbarschaft. Eine Politikerin im Parlament, ein Banker in seiner Bank und eine Lehrerin in ihrer Schule.

Ich zum Beispiel habe gestern an einer Fotorallye der Lomographischen Gesellschaft hier in Berlin teilgenommen. Bis gestern wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt und was das ist. Die Lomographische Gesellschaft ist eine weltweite community, deren Leidenschaft der experimentellen, analogen Schnappschussfotografie gilt (http://www.lomography.de/).
Da bekommt man eine sehr schlichte analoge Kamera in die Hand, die nur zwei Einstellungen kennt und in die man noch einen richtigen Film einlegen muss.
Und dann geht’s los, und für zwei Stunden gelten nur noch die 10 goldenen Regeln der Lomographie:

  • Nimm deine Kamera überall hin mit.
  • Verwende sie zu jeder Tages- und Nachtzeit!
  • Lomographie ist nicht Unterbrechung deines Alltags, sondern ein integraler Bestandteil desselben.
  • Übe den Schuss aus der Hüfte!
  • Nähere dich den Objekten deiner Lomographischen Begierde so weit wie möglich!
  • Don't think. (William Firebrace)
  • Sei schnell.
  • Du musst nicht im Vorhinein wissen, was dabei heraus kommt.
  • Im Nachhinein auch nicht!
  • Vergiss die Regeln!

Für jemanden, der – wie ich – sonst stets versucht, mit seiner digitalen High-Tech-Kamera die volle Bildkontrolle zu haben; der nach jedem Foto reflexartig auf das Display seiner Kamera schaut, um zu sehen, wie das Bild geworden ist; der Stunde um Stunde in die Nachbearbeitung seiner Bilder am Computer investiert – war das eine wunderbare Erfahrung von Sorglosigkeit. Ein modernes Gleichnis für die Leichtigkeit des Seins, zu der uns auch die Bergpredigt einlädt.

Wie wäre es, wenn wir so die Bergpredigt nicht als zu erfüllendes Gesetz, sondern als Einladung zu einem anderen, einem sinnvolleren Leben verstehen könnten? Das Tolle an diesem Text ist ja, dass er nicht mit dem „Du sollst“ der Zehn Gebote, sondern mit dem „Du bist“ der Seligpreisungen beginnt.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du dich als arm vor Gott begreifst.
Denn Gott ist immer auf der Seite der Armen.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du nicht verdrängst, woran du leidest, und deiner Traurigkeit Raum gibst.
Gott wird dich trösten.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du sanft sein kannst.
Nicht die Harten kommen in den Garten, sondern die Zarten.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du noch Sehnsucht danach hast, dass es gerechter zugehe auf dieser Welt.
Gott wird deine Sehnsucht stillen.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du barmherzig bist mit dir selbst und anderen.
Gottes Barmherzigkeit ist dir gewiss.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn dein Herz für das Gute und Schöne schlägt.
Denn dann bist du Gott ganz nah.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du im Frieden mit dir selbst und mit anderen bist.
Gott hat schon lange seinen Frieden mit dir gemacht. Er hat dich lieb. Du bist sein Kind.

Du bist selig, du bist glücklich,
wenn du aus den Steinen, die man dir in den Weg legt, etwas Schönes baust.
So wird das Reich Gottes in dieser Welt sichtbar.


Jesus spricht:

Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist wie jemand, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn es regnet, das Wasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, dann wird es dennoch nicht einstürzen, weil sein Fundament fest ist.
(Matthäus 7,24-25)


(c) Volkmar Hamp