Ein Mensch wie Brot
(Johannes 6,30-35)


30 Die Leute fragten weiter: „Was ist das denn für ein Zeichen, das du vollbringst?
Lass es uns sehen, dann glauben wir dir! Was wirst du also tun?
31 Damals in der Wüste haben unsere Vorfahren das Manna gegessen.
In den Heiligen Schriften steht: ‚Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.’“

32 Darauf sagte Jesus zu den Leuten: „Amen, amen, das sage ich euch:
Mose hat euch kein Brot vom Himmel gegeben.
Sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabkommt
und dieser Welt das Leben schenkt.“

34 Sie baten ihn: „Herr, gib uns immer von diesem Brot!“

35 Jesus entgegnete: „Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.
Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“



Tja, da haben sie ihn mal wieder gründlich missverstanden, diesen Jesus, diesen Rabbi aus Nazareth. Wie so oft. „Lass uns ein Zeichen sehen, dann glauben wir dir!“ Aber sicher doch! Ein Zeichen! Hatten sie nicht am Tag zuvor ein Zeichen gesehen? Fünf Brote, zwei Fische und 5.000 Leute. Und alle wurden satt. Wenn das kein Zeichen war! Aber sie wollten mehr! So einer, der mit fünf Broten und zwei Fischen 5.000 Leuten den Bauch füllt, der muss doch noch mehr zu bieten haben! Der könnte das doch, zum Beispiel, jeden Tag tun – und alle Hungerprobleme dieser Welt wären gelöst. Keine sterbenden Kinder in Somalia mehr. Keine Flüchtlingslager in Kenia. Welthungerhilfe? Überflüssig!
Wie war das noch damals in der Wüste? Haben unsere Vorfahren da nicht auch „Brot vom Himmel“ bekommen? Manna? Und das jeden Tag? Das hat zwar nicht besonders gut geschmeckt, aber alle wurden satt! Wirklich wahr! So steht es schließlich geschrieben: „Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.“
Wenn dieser Jesus also wirklich der vom Himmel gesandte Messias ist, dann sollte er das doch auch hinkriegen: Brot für alle. Jeden Tag.
Zuallererst natürlich für die, die es nötig haben: Mannaregen über Afrika, täglich Brot für Hungerleider. Aber dann natürlich auch für uns: nicht mehr arbeiten müssen fürs tägliche Brot! Seinen Lebensunterhalt nicht mehr „im Schweiße seines Angesichts“ verdienen! Wäre das nicht herrlich? Paradiesische Zustände geradezu! Und der Messias ist doch zuständig für diese Zustände, für die Rückführung ins Paradies, für die Wiedereröffnung des Gartens Eden?
Tja, die Lektion aus dem Zeichen mit der Brotvermehrung war wohl eine andere. Die haben sie nicht kapiert. Schade eigentlich. Wenn nämlich alle so handeln würden, wie dieser kleine Junge mit den fünf Broten und den zwei Fischen, wenn alle das, was sie haben, mit denen teilen, die nichts haben, dann gäbe es kein Hungerproblem auf dieser Welt. Die Lektion aus dem Wunder der Brotvermehrung wäre dann: Für die hausgemachten Probleme dieser Erde sind wohl doch die Hausbewohner zuständig, nicht der Vermieter. Mit Gottes Hilfe natürlich, aber es braucht schon auch Menschen, die sich kümmern, wenn Gott ein solches Wunder tun soll.
Da läuft – zum Beispiel – an diesem Wochenende eine Aktion auf facebook: Saufen gegen den Hunger! Okay, das ist ein etwas zweifelhafter Titel. Da stecken ja auch keine Christen dahinter, sondern ganz normale Menschen. Aber die Idee ist nicht schlecht: Innerhalb weniger Stunden haben sich mehr als 150 Leute verpflichtet, den Betrag, den sie an diesem Wochenende fürs Feiern ausgeben, noch einmal für die Hungerhilfe in Afrika zu spenden.
Nun könnte man einwenden: Wenn die ein Wochenende ganz aufs Feiern verzichten und das Geld auch noch spenden würden, dann käme doch doppelt so viel herum dabei! Und überhaupt: Unterstützt die ganze Hunger- und Entwicklungshilfe nicht die maroden und korrupten Systeme in Afrika und hält sie am Leben? Kommt unser Geld wirklich da an, wo es gebraucht wird? Wäre es nicht besser, der „weiße Mann“ ließe den „schwarzen Kontinent“ endlich in Ruhe seinen eigenen Weg in die Zukunft finden?
Das alles ist sicher irgendwie richtig. Aber die Initiatoren dieser Aktion auf facebook sind nun mal keine Mathematiker, keine Entwicklungsexperten und keine Asketen. Das sind ganz normale Menschen, die gern feiern – und denen trotzdem nicht egal ist, was anderswo auf der Welt passiert. Und so tun sie ihr Bestes und teilen ihre fünf Brote und zwei Fische (oder fünf Euro und 20 Cent).
Ich zum Beispiel war am Freitag beim Gauklerfest auf dem Schinkelplatz: 2 Euro Eintritt und 15 Euro für Essen und Trinken. Und gestern im Botanischen Garten: 6 Euro Eintritt und 7,50 € für Kaffee und Kuchen. Macht 30,50 € für Afrika.
Wenn ich das hochrechne auf 150 Teilnehmende bei dieser facebook-Aktion, dann sind das 4.575 €. An einem Wochenende. Brot – nicht für alle, aber vielleicht für einige, die dadurch überleben.

Doch wenn das die Lektion aus der Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung ist, was bedeutet dann das Wort Jesu vom „Brot des Lebens“? Worum geht es da? Welchen Hunger stillt dieser Rabbi aus Nazareth, wenn nicht den Hunger nach Brot? „Ihr sucht mich nicht, weil ihr die Zeichen verstanden habt, die ich vollbracht habe“, sagt Jesus ein paar Verse zuvor. „Ihr sucht mich nur, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für verderbliche Nahrung. Bemüht euch um Nahrung, die bis zum ewigen Leben vorhält. Die wird euch der Menschensohn geben.“ (Joh 6,26-27) Oder in unserem Text: „Das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabkommt und dieser Welt das Leben schenkt.“ (Vers 33) – „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Vers 35)
Von leiblichem Hunger und Durst kann hier nicht die Rede sein. Die kommen jeden Tag wieder. So ist das nun mal. Offensichtlich geht es hier um eine andere Art von „Hunger und Durst“: um den Hunger und Durst nach Leben! Um die Frage, was dem Leben eigentlich Sinn gibt, wenn unsere Grundbedürfnisse – Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit für Leib und Leben – erfüllt sind.

Da stellen sich natürlich zwei Fragen:
Die erste: Gibt es das wirklich, diesen Hunger nach Leben, ein Bedürfnis nach Sinn? Leben nicht viele Menschen dumpf vor sich hin, ohne sich jemals die Frage zu stellen, ob ihr Leben nun einen Sinn hat oder nicht?
Und die zweite Frage: Wenn dem nicht so wäre, wenn der Hunger nach Leben, wenn die Sehnsucht nach Sinn wirklich etwas wäre, das alle Menschen verspüren, inwiefern ist dann Jesus, der Rabbi aus Nazareth, die Erfüllung dieser Sehnsucht, die Sättigung für diesen Hunger?

Zur ersten Frage:
Ich kann es nicht beweisen, aber ich möchte behaupten, dass das Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben, ein Grundbedürfnis von uns allen ist. Ja, ich glaube, dass uns dieses Bedürfnis überhaupt erst zum Menschen macht. Wie der aufrechte Gang, wie unser großes Gehirn, wie die Benutzung von Werkzeugen und die Erfindung der Sprache ist die Suche nach Sinn etwas, das uns von der Tier- und Pflanzenwelt unterscheidet. Vielleicht der entscheidende Unterschied! Mensch sein heißt, Sinnsucher und Sinngeber zu sein. Alle Kunst und Kultur, alle Religionen, Philosophien und Weltanschauungen verdanken sich letztlich dem menschlichen Bedürfnis, dem Leben und der Welt einen Sinn zu geben.

Der Psychologe Viktor Emil Frankl (1905-1997) hat aus dieser Erkenntnis eine eigene psychotherapeutische Methode entwickelt, die sogenannte „Logotherapie“. Frankl wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer jüdischen Familie auf. Schon in seiner Schulzeit interessierte er sich sehr für Psychologie. Bereits als Teenager stand er in regem Briefkontakt mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Und während seines Medizinstudiums bewegte er sich zunächst in den Wiener Kreisen um Freud und Alfred Adler.
Nach dem Studium arbeitete Frankl als Facharzt für Psychiatrie und Neurologie im letzten jüdischen Spital von Wien – bis er 1942 mit seinen Eltern und seiner ersten Frau in verschiedene nationalsozialistische Konzentrationslager deportiert wurde. Allein Frankl überlebte die Lager. Den Verlust seiner Familienangehörigen versuchte er nach Kriegsende dadurch zu bewältigen, dass er sich wieder in seine Arbeit stürzte. Innerhalb von neun Tagen schrieb er seine Erlebnisse im KZ aus seiner Sicht als überlebender Jude und Psychologe nieder. Daraus entstand das Buch „... trotzdem ja zum Leben sagen“, das inzwischen in einer Auflage von mehr als 9 Millionen Exemplaren in 26 Sprachen übersetzt wurde.
Frankl hat im KZ am eigenen Leib viel Entbehrung und Leid erlebt. Beides, so seine Beobachtung, kann einen Menschen entweder zur „Bestie“ oder zum „Heiligen“ machen. Und immer wieder hat Frankl sich die Frage gestellt, wie Menschen es schaffen, trotz solcher Leiderfahrungen und äußersten Entbehrungen – Hunger, Zwangsarbeit, Krankheit, Hoffnungslosigkeit – nicht zu verzweifeln. Wie sie sich – über die psychischen und physischen Gegebenheiten hinweg – Würde, Mitgefühl, Hoffnung und Sinn bewahren und immer wieder neu darum ringen.
Diese Kraft, dem Leben einen Sinn zu geben nennt Frankl die „Trotzmacht des Geistes“, eben jenes „... trotzdem ja zum Leben sagen“, das seinem Buch den Titel gab: ein Akt der Selbstbejahung, des Hoffens, der sinnhaften Gestaltung der Zukunft, der zentral wird für sein Menschenbild und seinen therapeutischen Ansatz.
In seiner weiteren Beschäftigung mit der Frage nach dem Sinn diagnostiziert Frankl für die moderne Gesellschaft ein „existenzielles Vakuum“, ein Gefühl der Sinnlosigkeit, das erstaunlicherweise gerade Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft zunehmend erfasst. Seltsam: Je mehr wir haben, desto mehr scheint uns der Sinn des Seins abhanden zu kommen! Trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt für Frankl das „Streben nach Sinn“ die tiefste Sehnsucht des Menschen.
Gegen die Formulierung, dass wir den „Sinn des Lebens“ suchen hat er sich freilich immer gewehrt. Ihm ging es nicht um den „Sinn des Lebens“ als Ganzes. Ihm ging es um die vielen kleinen Sinnmöglichkeiten im Alltag, die uns Tag für Tag zum „Antworten“, zur „Verantwortung“ für unser eigenes Leben und die Welt um uns herum, herausfordern.
Es ist wie bei einem Teppich: Auf der Rückseite wird in mühsamer Handarbeit Knoten für Knoten geknüpft. Und das sieht mitunter chaotisch und nicht sehr viel versprechend aus. Erst wenn der Teppich fertig ist, wenn man ihn umdreht und im Ganzen betrachtet, ist das Muster darin zu erkennen.
Oder wie der dänische Philosoph Sören Kierkegaard es ausdrückt: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“ Und doch: Im Verstehen, spätestens am Ende, wenn es ans Sterben geht, möchte man doch, dass das Ganze einen Sinn gehabt hat.

Wenn das stimmt: Wenn der Mensch gerade dadurch zum Menschen wird, dass er nach Sinn sucht und seinem Leben einen Sinn geben will, dann stellt sich von unserem Bibeltext her nun die zweite Frage: Inwiefern ist dieser Jesus, der Rabbi aus Nazareth, den sie den Christus, den Messias, den Retter der Welt nennen, die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Sinn. Wie kann er unseren Hunger nach Leben, nach sinnerfülltem Leben, stillen?
Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Die eine kommt aus der Bibel, also aus dem, was wir über diesen Jesus von Nazareth im Neuen Testament erfahren. Und wenn wir da genau hinschauen, dann stellen wir fest, dass dieser Jesus, der von sich selbst behauptete, das Brot des Lebens zu sein, tatsächlich „ein Mensch wie Brot“ war. Der katholische Theologe und Schriftsteller Lothar Zenetti beschreibt ihn unter diesem Titel in einem seiner Gedichte so:

-> Text "Ein Mensch wie Brot" aus: Lothar Zenetti, Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 2000.)

Ein Mensch wie Brot – so begegnet uns dieser Jesus von Nazareth in der Bibel. Und darum glaube ich ihm seinen Gott: einen Gott, der seinem Volk Manna in der Wüste gibt, damit sie das Gelobte Land erreichen; einen Gott, der seinen Kindern keine Steine gibt, wenn sie ihn um Brot bitten (Lukas 11,11); einen Gott, der keine Freude hat am Tod des Gottlosen, sondern will, „dass der Gottlose von seinem Weg abkehrt und zum Leben kommt“ (Ezechiel 33,11).
Das ist die eine Antwort auf die Frage, warum dieser Jesus von Nazareth unseren Hunger nach Leben stillen und unsere Sehnsucht nach Sinn füllen kann. Die andere Antwort ist, dass es Menschen gibt, durch die genau das auch heute noch erfahrbar ist. Menschen, die sich berühren, die sich anstecken lassen von diesem Jesus von Nazareth und seiner göttlichen Liebe – und so selber zu „Menschen wie Brot“ werden.
Menschen wie der alte Bäcker in der Jakobstraße in Paris, von dem Heinrich Mertens erzählt:

-> Text "Der Bäcker in der Jakobstraße" aus: Heinrich Mertens, Brot in deiner Hand, J. Pfeiffer Verlag München.

Menschen wie Brot: Jesus selbst, der von sich sagt, er sei das Brot des Lebens – und Menschen, die – wie er – Brot zum Leben für andere sind. Das ist das Geheimnis des Glaubens. Und das ist das Geheimnis der Kirche, der Gemeinde, die vom Brot des Lebens lebt und Brot des Lebens weitergibt. Jesus spricht: „ Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Johannes 6,35) Wenn wir gleich miteinander Abendmahl feiern, dann ist das ein Vorgeschmack auf dieses Versprechen.

Amen

(c) Volkmar Hamp