Hier bin ich, sende mich! (Jesaja 6,1-13)


1 Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus.
2 Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie.
3 Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.
4 Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf und der Tempel füllte sich mit Rauch.
5 Da sagte ich: Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen.
6 Da flog einer der Serafim zu mir; er trug in seiner Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte.
7 Er berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt.
8 Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!
9 Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen.
10 Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird.
11 Ich fragte: Wie lange, Herr? Er antwortete: Bis die Städte verödet sind und unbewohnt, die Häuser menschenleer, bis das Ackerland zur Wüste geworden ist.
12 Der Herr wird die Menschen weit weg treiben; dann ist das Land leer und verlassen.
13 Bleibt darin noch ein Zehntel übrig - auch sie werden schließlich vernichtet, wie bei einer Eiche oder Terebinthe, von der nur der Stumpf bleibt, wenn man sie fällt. [Ihr Stumpf ist heiliger Same.]



Liebe Geschwister, liebe Freunde,

der heutige Sonntag im Kirchenjahr trägt den Namen „Trinitatis“. Es ist der erste Sonntag nach Pfingsten, das Dreifaltigkeitsfest. 1334 durch Papst Johannes XXII. in den Römischen Kalender eingeführt, ist dieses Fest der Verehrung der Heiligen Dreifaltigkeit Gottes gewidmet: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.
Es ist aber auch der Beginn einer Zeit, die dann erst einmal ohne weitere große Feste wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten auskommen muss: eine Art „Saure-Gurken-Zeit“ oder „Sommerloch“ im Krchenjahr. Die Sonntage nach dem heutigen haben dann auch keine besonderen Namen mehr, sondern werden einfach nur als „Sonntage nach Trinitatis“ gezählt.
So ist dieser Sonntag eine Art Zäsur: Er fasst noch einmal zusammen, was uns in den hinter uns liegenden Wochen und Monaten beschäftigt hat und was für unseren Glauben von zentraler Bedeutung ist: die Passionszeit, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten. Denn er erinnert an die trinitarischen Glaubensbekenntnisse der Kirche, zum Beispiel an das sogenannte „Apostolikum“, das apostolische Bekenntnis aus dem vierten Jahrhundert nach Christus, das in vielen Kirchen zur sonntäglichen Gottesdienstliturgie dazugehört:
„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn ... Und an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“
Warum nun an diesem Sonntag im Kirchenjahr traditionell über die Berufungsvision des Propheten Jesaja aus Jesaja 6 gepredigt wird, erschließt sich auf den ersten Blick nicht so leicht: Das dreimalige „Heilig, heilig, heilig“ aus diesem Text auf die dreifache Gestalt Gottes zu beziehen, wäre doch ein eher vordergründiges Argument für diese Textauswahl. Und überhaupt: Bei aller sprachlichen Schönheit und inhaltlichen Dramatik macht dieser Text als Predigttext doch auch ein wenig Mühe. Was, bitteschön, hat denn die Berufungsvision eines Propheten aus dem 8. Jahrhundert vor Christus mit uns heute zu tun? Sind die Worte und Bilder dieses Textes uns nicht so was von fern und fremd, dass sie kaum etwas für unseren Alltag und unser Leben bedeuten?
Diese Frage habe ich mir bei der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst gestellt. Und darüber bin ich in ein Gespräch mit dem Propheten Jesaja eingestiegen, in das ich euch gerne mit hinein nehmen möchte:


Mein lieber Jesaja,

das ist schon ganz schön starker Tobak für uns, was du da vor fast 3.000 Jahren über deine Berufung aufgeschrieben hast. Dabei fängst du so schlicht und lapidar an: „Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn.“
Wow! Du hast also Gott gesehen. In unseren psychiatrischen Kliniken gibt es Menschen, die weniger Spektakuläres von sich behaupten. Gott sehen! Heißt es nicht, dass das unmöglich ist. Hat Gott selbst nicht einst zu Mose gesagt: „Mein Gesicht darfst du nicht sehen, denn kein Mensch, der mich gesehen hat, bleibt am Leben!“ (Exodus 33,20)
„Nun ja“, wirst du einwenden, „Gottes Gesicht habe ich natürlich nicht gesehen! Nur seinen Thron, den Saum seines Mantels. Und die Engel natürlich. Die Engel.“
Ach ja, die Engel! Noch so etwas, womit wir uns heute schwer tun. Als Weihnachtsdekoration am Tannenbaum vielleicht, aber so von Angesicht zu Angesicht?
Obwohl: Dieses Bild fasziniert mich schon! Engel mit sechs Flügeln! Zwei zum Fliegen: das kennen wir. Zwei um ihre Augen zu bedecken, weil selbst die himmlischen Wesen um Gottes Thron sein Angesicht nicht sehen dürfen! Zwei zum Bedecken ihrer Füße. Ich habe das nachgeschlagen: Das Wort, so sagt man, werde hier – wie an anderen Stellen der Bibel auch – als Umschreibung für die Geschlechtsteile verwendet. Prüdes altes Israel! Aber so macht es Sinn: „In dem Verhüllen der Scham“, so ein Ausleger, „spricht sich die uralte Erfahrung des Zusammenhangs von Geschlecht und Schuldgefühl aus“ (Kaiser).
Wenn schon die Engel sich angesichts der Herrlichkeit Gottes schämen, wie viel mehr dann du kleiner Mensch, der du zu seinen Füßen hockst.
„Heilig, heilig, heilig!“ rufen die Engel in deiner Vision. Das berührt uns – und ist uns zugleich unglaublich fremd! Wann spüren wir heutzutage denn noch etwas von der „Heiligkeit“ Gottes? Manchmal denke ich, wir haben mit der Furcht vor Gott auch die Ehrfurcht vor ihm abgeschafft?
Unser Gott ist nun mal ein Gott der Liebe. Der gute Vater, der den verlorenen Sohn umarmt. Die zärtliche Mutter, die ihre Kinder tröstet. Dass Gott auch groß und mächtig und unnahbar-heilig sein soll, scheint dem Gottesbild einer vergangenen Zeit anzugehören. Gott ist heute ein zahnloser Tiger. Er beißt nicht. Er brüllt nicht mal mehr. Er schnurrt uns nur seine Liebe entgegen.
Du, Jesaja, hast deinen Gott ganz anders erlebt: „Heilig, heilig“, rufen die Engel, „heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.“ Und die Türschwellen beben bei ihrem lauten Ruf und der Tempel füllt sich mit Rauch. Bei dir, Jesaja, ist die Begegnung mit Gott ein erschütterndes, ein überwältigendes Geschehen. Kein Ritual, keine Routine, nichts, an das man sich gewöhnen könnte.
Wo erleben wir heute noch so etwas wie die Heiligkeit Gottes? In unseren Gottesdiensten? Beim Singen und Beten in der Kirche? Ja, vielleicht. Manchmal auch da. Aber oft ist das doch eine eher ritualisierte Erfahrung. Wo spüren wir ihn wirklich?
„Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt“, singen die Engel in deiner Vision. Das würde doch heißen: überall, auf der ganzen Welt, in allem, was mir begegnet, kann ich die Herrlichkeit Gottes erleben!
„Neapel sehen und sterben“ – das haben die Menschen vor 200 Jahren in Italien gesagt. Und sie meinten damit: Wer Neapel gesehen hat, hat alles gesehen, was es wert ist, auf dieser Welt gesehen zu werden. Wer Neapel gesehen hat, kann in Frieden sterben, denn es gibt keine Steigerung mehr. Da kann nichts Schöneres mehr kommen. Und umgekehrt: Wer Neapel niemals sah, wer stirbt, ohne dort gewesen zu sehn, hat das Schönste auf dieser Welt verpasst – was immer er sonst auch gesehen haben mag.
„Neapel sehen und sterben“ – das würde heute keiner mehr sagen, weil Neapel inzwischen eine hässliche Stadt geworden ist. Aber vielleicht gibt es andere Dinge, die uns eine Ahnung von dem verschaffen können, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt.
Ich zum Beispiel war am Freitag bei einer Weinverkostung. Nicht so, wie wir das manchmal hier im Wedding machen: Jeder bringt eine Flasche Wein mit, die nicht mehr als 10 Euro kosten darf, und dann schauen wir mal, welcher dieser Weine uns am besten schmeckt. Nein, eine Weinverkostung mit einem wirklichen Weinkenner. Und da gab es vom ersten bis zum letzten Tropfen Weine von erlesener Qualität.
Und irgendwann im Laufe dieses Abends saßen wir dann da mit einem Wein – wenn man den zuhause hat, dann hofft man, dass kein Besuch kommt, mit dem man ihn teilen müsste. Da versteht man, warum manche Menschen sagen: Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Und da bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, dass die ganze Erde erfüllt ist von der Herrlichkeit Gottes.
Solche ehrfurchtgebietenden Momente gibt es viele – und sie sehen für jeden anders aus: Erfahrungen in und mit der Natur zum Beispiel, die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Kunstwerk: einem Bild, einem Bauwerk, einer Sinfonie, die Geburt eines Kindes, die Erfahrung geliebt und geachtet und wertgeschätzt zu werden.
Und all diese Erfahrungen können uns zu Erfahrungen der Herrlichkeit Gottes werden. Weil ER es ist, der in diesen Dingen die Erde erfüllt.
So gesehen, verstehe ich es dann doch, dein Erschrecken, mein lieber Jesaja! „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen.“
Auch wenn mir dieses Bild von den „unreinen Lippen“ fremd ist und ich weniger in Kategorien von „rein“ und „unrein“ denke – das Gefühl, nicht genügen zu können, es nicht wert zu sein, dass Gott mir begegnet, zu mir spricht, sich um mich kümmert, das kenne ich auch sehr gut. Und in einer gottvergessenen Welt, die mit ihrem Schöpfer nichts mehr zu tun haben will, lebe ich sowieso. Da braucht es manchmal ein Zeichen, ein Symbol, einen Akt der Versöhnung, damit wir wieder glauben können, dass Gott tatsächlich für uns da ist und zu uns spricht.
Bei dir, Jesaja, war es ein Engel, der mit einer glühenden Kohle deine Lippen berührte und sie so „ent-sündigte“ – eine wunderbare Symbolik, wenn man weiß, was danach so alles über deine Lippen gekommen ist und womit du dir deinem Volk gegenüber den Mund verbrannt hast!
Auch hier sind meine Erfahrungen nicht so spektakulär wie deine, aber es hat sie gegeben: den Augenblick der Gewissheit, dass es nicht darauf ankommt, dass ich Gott genüge und es wert bin, von ihm geliebt zu werden, sondern dass mir Gott genügt und er mich mit seiner Liebe wertschätzt. Das Symbol der Taufe, durch die ich mit hinein genommen wurde in das Sterben und Auferstehen Christi für mich. Und immer wieder die Erfahrung von Vergebung und Versöhnung. Dass Gott zu mir sagt: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jeremia 31,3)
Und da stehe ich nun – wie du – in der Gegenwart Gottes und hoffe, ab und an seine Stimme zu hören. Was er mir wohl zu sagen hat? Vielleicht stellt er mir dieselbe Frage, die er dir gestellt hat: „Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“
Ich muss gestehen: Trotz des ganzen Brimboriums drumherum – mit Engeln und Erdbeben und Rauch und Feuer – für mich ist diese Frage der Höhepunkt deiner Geschichte! Gar nicht mal so sehr, was Gott fragt. Schon die Tatsache, dass er fragt, haut mich um!
Selbst in dieser Situation, in der Gott dich durch die schiere Macht seiner Größe und Herrlichkeit überwältigen könnte, achtet er noch deine Freiheit und Selbständigkeit vor ihm. Gott befiehlt nicht, sondern fragt. Er ordnet nicht an, sondern er fordert heraus. Er zwingt dich nicht, sondern er wirbt um dich.
Und du? Du musst dich nicht geschlagen geben, du darfst dich zur Verfügung stellen: „Hier bin ich, sende mich!“ Schlichter kann man die eigene Bereitschaft, seinem Gott dienen zu wollen, nicht ausdrücken. Fünf kleine Worte: „Hier bin ich, sende mich!“
Mehr braucht es auch nicht als Antwort auf die Begegnung mit dem großen, mächtigen und heiligen Gott. Kein auf die Knie fallen, keine Selbsterniedrigung, keine Unterwürfigkeit. Nur Menschen, die vor ihrem Gott stehen und sagen: „Hier bin ich, sende mich!“
Und was war das für eine Sendung, die Gott für dich hatte!?
Ich weiß noch, Jesaja, vor einigen Wochen habe ich hier an dieser Stelle über die Berufung des Mose gepredigt. Einer deiner Vorgänger, der erste große Prophet für dein Volk. Der hatte es gut! Der kam nämlich mit guten Nachrichten zu seinem Volk: mit der Botschaft von der Befreiung aus der Sklaverei und dem Aufbruch ins Gelobte Land.
Das liegt nun schon ein paar Jahre zurück. Vieles hat sich geändert. Ihr seid nun nicht mehr die Sklaven, sondern die Herren im Land. Aus Unterdrückten sind Unterdrücker geworden. Es herrschen Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch, Gier und politisches Kalkül.
Und so ist dein Auftrag, Jesaja, ein ganz anderer als der des Mose: „Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird.“
Und wieder frage ich mich: Was hat das mit uns heute zu tun? Solch ein „Verstockungsauftrag“ passt so gar nicht zu unserem Gottesbild. Wir wollen doch, dass Menschen ihr Herz öffnen, dass sie hören, was Gott zu sagen hat, und sehen, wie sehr er sie liebt. Wir wollen, dass Menschen zur Einsicht kommen und umkehren, wenn sie in die falsche Richtung unterwegs sind. Und wir wollen, dass sie heil werden und ihre Seele gesundet. Ist das denn nicht das Ziel aller Wege Gottes?
Ich vermute mal, das hast du damals auch gedacht. Deshalb deine erschrockene Frage: „Wie lange, Herr? Wie lange soll das so gehen?“ Und ich vermute auch, dass die Antwort auf diese Frage dich nicht glücklich gemacht hat: „Bis die Städte verödet sind und unbewohnt, die Häuser menschenleer, bis das Ackerland zur Wüste geworden ist.“
Manche Ausleger meinen, du habest diese Berufungsvision am Ende deines Lebens geschrieben, als dir die Erfolglosigkeit deines prophetischen Umkehrrufs schon vor Augen stand. Es war tatsächlich so gekommen: Dein Volk hat nicht auf dich gehört. Ihr Herz ist hart geblieben. Ihre Ohren blieben taub und ihre Augen blind für die Ungerechtigkeit, mit der sie lebten. Dein Volk hat sich nicht bekehrt und nun musste es die Konsequenzen daraus tragen.
Aus der Psychologie wissen wir: Manchmal ist einem Menschen nicht zu helfen. Manch einer muss erst ganz unten sein, damit er einsieht, dass er sein Leben von Grund auf ändern muss, wenn er nicht vor die Hunde gehen will. Der Leidensdruck muss groß genug sein – sonst beharren wir bei dem, was ist – auch wenn es nicht gut ist für uns und andere – weil jede Veränderung Angst und Mühe macht.
Vielleicht gilt diese psychologische Regel auch im Sozialen und Politischen. Ohne Tschernobyl und Fukushima kein Umdenken in der Energiepolitik. Ohne Lebensmittelskandale keine Änderung der Ernährungsgewohnheiten.
Und vielleicht muss es auch so etwas geben wie einen „stellvertretenden Leidensdruck“: Wenn wir uns vom Leid und Elend anderer Menschen nicht mehr berühren lassen, tun wir auch nichts, um ihr Schicksal zu wenden.
Zu deiner Zeit, mein lieber Jesaja, ist es zum Schlimmsten gekommen: Wie einem Baum, von dem nur der Stumpf übrig bleibt, wenn man ihn fällt, ist deinem Volk nicht viel geblieben. Und trotzdem war das nicht das Ende aller Hoffnungen: Deine Vision endet mit noch einmal fünf unscheinbaren Worten, in denen alle Hoffnung liegt: Ihr Stumpf ist heiliger Same.
Als Christen beziehen wir diesen Satz auf Jesus Christus: ins Volk Israel hinein geboren zur Rettung der Welt. Durch ihn, so glauben wir, sind wir trotz allem Negativen in und um uns mit Gott versöhnt.
Und so macht die Auswahl dieses Textes für den Sonntag Trinitatis vielleicht doch Sinn: Gott, dessen Herrlichkeit die Erde erfüllt, der unser Schöpfer und Vater ist, der seinen Sohn gesandt hat, um uns zu erlösen und der uns den Geist der Hoffnung schenkt, so dass wir nicht an uns und unserem Leben und an der Welt, in der wir leben, verzweifeln müssen.

Was hat deine Vision, Jesaja, mit unserem Leben zu tun? Das habe ich am Anfang gefragt. Am Ende sind es für mich nicht die spektakulären Bilder und großen Worte, die bleiben, sondern diese beiden, kleinen, unscheinbaren Sätze:
„Ihr Stumpf ist heiliger Same“: der kleine, grüne Trieb an einem scheinbar toten Baum, der uns Zukunft und Hoffnung gibt. Und: „Hier bin ich, sende mich!“ Die Einladung, diese Hoffung weiter zu tragen.
Das möchte ich tun. Und vielleicht kann das auch unsere Sendung als Gemeinde sein. Nicht nur als schöne Vision hier im Gottesdienst, sondern als etwas, das von Gott her unseren Alltag prägt. Hier seid ihr. Gott sendet euch.

Amen.

(c) Volkmar Hamp