Von Hirten und Schafen (Hesekiel 34,1-31)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag ist ein Text aus dem Propheten Hesekiel. Es ist ein recht langer Text. Darum keine lange Vorrede, sondern gleich zur Sache: Ich lese aus Hesekiel 34 die Verse 1-31:

Das Wort des Herrn erging an mich:
2 Menschensohn, sprich als Prophet gegen die Hirten Israels, sprich als Prophet und sage zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?
3 Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide.
4 Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht und die starken misshandelt ihr.
5 Und weil sie keinen Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere.
6 Meine Herde irrte auf allen Bergen und Höhen umher und war über das ganze Land verstreut. Doch keiner kümmerte sich um sie; niemand suchte sie.
7 Darum ihr Hirten, hört das Wort des Herrn:
8 So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn: Weil meine Herde geraubt wurde und weil meine Schafe eine Beute der wilden Tiere wurden - denn sie hatten keinen Hirten - und weil meine Hirten nicht nach meiner Herde fragten, sondern nur sich selbst und nicht meine Herde weideten,
9 darum, ihr Hirten, hört das Wort des Herrn:
10 So spricht Gott, der Herr: Nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe von ihnen zurück. Ich setze sie ab, sie sollen nicht mehr die Hirten meiner Herde sein. Die Hirten sollen nicht länger nur sich selbst weiden: Ich reiße meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen nicht länger ihr Fraß sein.
11 Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern.
12 Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück von all den Orten, wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.
13 Ich führe sie aus den Völkern heraus, ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land. Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide, in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes.
14 Auf gute Weide will ich sie führen, im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein. Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern, auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden.
15 Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.
16 Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.
17 Ihr aber, meine Herde - so spricht Gott, der Herr -, ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen, zwischen Widdern und Böcken.
18 War es euch nicht genug, auf der besten Weide zu weiden? Musstet ihr auch noch euer übriges Weideland mit euren Füßen zertrampeln? War es euch nicht genug, das klare Wasser zu trinken? Musstet ihr den Rest des Wassers mit euren Füßen verschmutzen?
19 Meine Schafe mussten abweiden, was eure Füße zertrampelt hatten, und trinken, was eure Füße verschmutzt hatten.
20 Darum - so spricht Gott, der Herr, zu euch: Ich selbst sorge für Recht zwischen den fetten und den mageren Schafen.
21 Weil ihr mit eurem breiten Körper und eurer Schulter alle schwachen Tiere zur Seite gedrängt und weil ihr sie mit euren Hörnern weggestoßen habt, bis ihr sie weggetrieben hattet,
22 deshalb will ich meinen Schafen zu Hilfe kommen. Sie sollen nicht länger eure Beute sein; denn ich werde für Recht sorgen zwischen Schafen und Schafen.
23 Ich setze für sie einen einzigen Hirten ein, der sie auf die Weide führt, meinen Knecht David. Er wird sie weiden und er wird ihr Hirte sein.
24 Ich selbst, der Herr, werde ihr Gott sein und mein Knecht David wird in ihrer Mitte der Fürst sein. Ich, der Herr, habe gesprochen.
25 Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund: Ich rotte die wilden Tiere im Land aus. Dann kann man in der Steppe sicher wohnen und in den Wäldern schlafen.
26 Ich werde sie und die Umgebung meines Berges segnen. Ich schicke Regen zur rechten Zeit und der Regen wird Segen bringen.
27 Die Bäume des Feldes werden ihre Früchte tragen und das Land wird seinen Ertrag geben. Sie werden auf ihrem Grund und Boden sicher sein. Wenn ich die Stangen ihres Jochs zerbreche und sie der Gewalt derer entreiße, von denen sie versklavt wurden, werden sie erkennen, dass ich der Herr bin.
28 Sie werden nicht länger eine Beute der Völker sein, von den wilden Tieren werden sie nicht gefressen. Sie werden in Sicherheit wohnen und niemand wird sie erschrecken.
29 Ich pflanze ihnen einen Garten des Heils. Sie werden in ihrem Land nicht mehr vom Hunger dahingerafft werden und die Schmähungen der Völker müssen sie nicht mehr ertragen.
30 Sie werden erkennen, dass ich, der Herr, ihr Gott, mit ihnen bin und dass sie, das Haus Israel, mein Volk sind - Spruch Gottes, des Herrn.
31 Ihr seid meine Schafe, ihr seid die Herde meiner Weide. Ich bin euer Gott - Spruch Gottes, des Herrn.


Wie gesagt: ein langer, aber auch ein schöner Text! Im Bild vom Hirten und seiner Herde stellt der Prophet Hesekiel uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seines Volkes vor Augen: Wir sind im 6. Jahrhundert vor Christus. Der babylonische König Nebukadnezar erobert 586 v. Chr. Jerusalem und verschleppt große Teile des jüdischen Volkes, vor allem dessen Oberschicht, nach Babylon. 60 Jahre Exil sollten folgen. Hesekiel, ehemals Priester am Tempel in Jerusalem, ist selbst einer der Deportierten. In Babylon wird er zum Propheten, der das Schicksal Israels von Gott her deutet und für die Zukunft eine Wende dieses Schicksals ankündigt.
Die Gegenwart ist und bleibt jedoch trist: zerstreut, deportiert, allein und der Willkür fremder Machthaber überlassen, fristen die Israeliten, die „Herde“ Gottes, ihr Dasein im Exil. Die Schuld dafür gibt Hesekiel vor allem den Mächtigen im Volk, den „Hirten“. Also der Schicht, zu der auch er selbst einst gehörte: Weil sie nur sich selber weideten, sich nur um ihren eigenen Vorteil gekümmert und dabei die „Herde“, das Volk, vergessen haben, ist dieses Unheil über Israel gekommen.
Doch nun greift Gott ein: ER übernimmt die Macht, ER kümmert sich jetzt selber um sein Volk, ER wendet dessen Schicksal, ER schafft Recht, sagt Hesekiel. Und er setzt einen neuen, einen „guten Hirten“ ein. Einen einzigen Hirten. Einen, der sich so um seine Schafe kümmert, wie ein Hirte dies tun soll: seinen Knecht David, den Gesalbten, den Messias.
Eine rosige Zukunft steht bevor: „Sie werden erkennen, dass ich, der Herr, ihr Gott, mit ihnen bin und dass sie, das Haus Israel, mein Volk sind. Ihr seid meine Schafe, ihr seid die Herde meiner Weide. Ich bin euer Gott.“


Wie soll man heute, zweieinhalb tausend Jahre später predigen über diesen Text?

Eine Möglichkeit wäre, die Hirtenschelte darin aufzugreifen und zu übertragen. Und immer wieder wurde dieser Text über die Jahrhunderte hinweg so ausgelegt: als Warnung an die Mächtigen, die Führungseliten, die „Hirten“ eines Volkes, ihre Macht nicht zu missbrauchen, sondern zum Wohl der ihnen anvertrauten Herde einzusetzen.
Und dabei waren nicht nur die weltlichen Führer im Blick: Fürsten, Könige und Kaiser, Politiker, Wirtschaftsbosse und Regierungschefs, sondern immer auch die geistlichen: der Klerus, die Priester und Pastoren, Gemeinde- und Kirchenleitungen.
Diese Auslegung hat ihr Recht und ist immer wieder nötig. Weil überall da, wo Macht im Spiel ist, auch in der Kirche, wo es ein Machtgefälle gibt zwischen Hirten und Schafen, zwischen Mächtigen und Machtlosen, diese Macht missbraucht und ausgenutzt werden kann. Jedem von uns fallen aktuelle Beispiele dafür ein!

Doch das ist nur ein Aspekt dieses Textes. Neben dem Machtgefälle zwischen Hirten und Schafen geht es auch um das Verhalten der Schafe untereinander. Nicht nur die Hirten des Volkes haben versagt. Die Schafe selbst tragen eine Mitschuld an ihrer Misere, weil sie sich untereinander zerstritten haben und unsolidarisch miteinander waren: „War es euch nicht genug, auf der besten Weide zu weiden? Musstet ihr auch noch euer übriges Weideland mit euren Füßen zertrampeln? War es euch nicht genug, das klare Wasser zu trinken? Musstet ihr den Rest des Wassers mit euren Füßen verschmutzen?“ (Vers 18)
Auch dieser Aspekt des Textes lässt sich wunderbar übertragen: Ganz normale Menschen, die auf Kosten anderer ganz normaler Menschen leben, gibt es weiß Gott auch heute genug. Und wir alle gehören irgendwie dazu. Sonntag für Sonntag erinnert uns die Faire Theke hier im Gottesdienstraum daran, dass es nicht wirklich gerecht zugeht auf dieser Welt – und dass wir ein Teil dieses ungerechten Systems sind und uns dem nur schwer entziehen können.

Und so legen wir uns alle – Hirten wie Schafe – flach auf den Boden und denken: Es wird schon irgendwie gut gehen. Gott mag irgendwann einschreiten und die Verhältnisse ändern, aber doch nicht jetzt und hier und heute. Nach uns die Sintflut. Oder der Klimawandel. Was geht uns das an? Dass es eine Katastrophe wie die von Fukushima brauchte, um hier bei uns ein Umdenken in der Energiepolitik einzuleiten, ist nur ein Beispiel dafür.

Propheten haben es schwer mit uns. Gerrit Pithan, ein ehemaliger Kollege von mir, der auch als Schriftsteller und Maler arbeitet, hat dies einmal in einer „Warnung für Pfarrer“ so ausgedrückt:

Wir sind die Kaninchen des Glaubens,
Gottes gehorsame Herde, sein friedliches Volk.
Störe uns nicht in unseren heiligen Löchern!

-> kompletter Text zum Download: www.gerrit-pithan.de

Zum Glück lassen sich wahre Propheten weder von Hirten noch von Schafen noch von Kaninchen des Glaubens vertreiben. Auch Hesekiel nicht. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Er mahnt nicht nur die Mächtigen, ihre Macht nicht zu missbrauchen. Er erinnert nicht nur die Machtlosen, die Solidarität miteinander nicht zu vergessen. Er stellt das System von Macht und Ohnmacht, von Herrschaft der einen über die anderen, von unsolidarischem Verhalten untereinander ganz grundsätzlich in Frage. Und das ist seine eigentliche Vision!
Wenn Gott selbst die Herrschaft über sein Volk übernimmt, wenn er seinen Knecht David als einzigen Hirten des Volkes einsetzt (Vers 23), dann, so Hesekiel, werden alle Angehörigen seines Volkes wirklich zu gleich berechtigten Schafen einer Herde. Dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Oben und Unten, zwischen Mächtigen und Machtlosen, zwischen denen, die das Sagen haben, und denen, die zu tun haben, was andere sagen.
Das Herrschaftssystem, das Hesekiel hier vor Augen steht, ist das einer Theokratie: der Herrschaft Gottes. Ihr entspricht auf unserer Ebene, auf der Ebene der Menschen, des Volkes, der Herde, das Prinzip der Gleichwertigkeit aller. Darum verschiebt sich bei Hesekiel der Schwerpunkt der alttestamentlichen Gebote und Verbote von der kultischen Gesetzgebung, von Tempelsatzungen und Reinheitsvorschriften, zu gelebter Mitmenschlichkeit. Die Heilsverkündigung, so hat man gesagt, bekommt bei Hesekiel ein humanistisches Ziel.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Dieser erste Satz der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, die am 10. Dezember 1948 durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde, wäre nicht denkbar ohne die prophetische Tradition jüdisch-christlichen Glaubens, die uns hier bei Hesekiel begegnet.
Und der zweite Satz dieser Erklärung der Menschenrechte formuliert dann auch die Konsequenzen eines solchen Menschenbildes im Sinne Hesekiels: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“
Hesekiel und die Vereinten Nationen, beide wollen dasselbe: Freiheit und Gleichheit, die in geschwisterlichem Geist miteinander gestaltet werden. Für die Politik ist das ein allen Völkern und Nationen gemeinsames Ideal, das durch Unterricht und Erziehung, durch Bildung also, und durch politische Maßnahmen erreicht werden soll. So formuliert es zumindest die Präambel der Menschenrechtskonvention. Für den Propheten kann dieses Ideal nur dann erreicht werden, wenn Gott selbst es durchsetzt:
„Darum - so spricht Gott, der Herr, zu euch: Ich selbst sorge für Recht zwischen den fetten und den mageren Schafen ... Ich setze für sie einen einzigen Hirten ein, der sie auf die Weide führt, meinen Knecht David. Er wird sie weiden und er wird ihr Hirte sein. Ich selbst, der Herr, werde ihr Gott sein und mein Knecht David wird in ihrer Mitte der Fürst sein. Ich, der Herr, habe gesprochen.“ (Vers 20.23.24)
Als Christen glauben wir, dass diese Prophezeiung sich in Jesus Christus, dem „Sohn Davids“, erfüllt hat: Ihn bekennen wir als den „guten Hirten“, der sein Leben für die Schafe gibt, um ihnen ein neues Leben, ein Leben in Fülle zu ermöglichen. Ein Leben, das seinen Sinn in sich selber, im Miteinander und im Füreinander hat und nicht mehr auf Kosten anderer geht.

Neu ist das alles nicht. Gott, so lesen wir schon auf den ersten Seiten der Bibel, hat sich das von Anfang an so gedacht. Er hat den Menschen als Bebauer und Bewahrer der Erde geschaffen. Wir sollen „Hüter der Schöpfung“ sein (Genesis 2,15). Und wir sollen das Leben und die Würde unserer Menschenbrüder und Menschenschwestern schützen.
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Diese Frage des Brudermörders Kain aus der Urgeschichte (Genesis 4,9) ist mit einem unbedingten „Ja!“ zu beantworten. Ja, das sollst und das musst du sein – wenn du denn ein Mensch sein willst. Und so steht sogar das Leben Kains, der seinen eigenen Bruder umgebracht hat, noch unter dem Schutz Gottes, des Hüters aller Menschen. Ob das die Ereignisse der vergangenen Woche um den Tod Osama bin Ladens in einem anderen Licht erscheinen lässt?
Wie auch immer: Neu sind diese Gedanken Hesekiels also nicht. Im Gegenteil: Sie sind uralt und gehören zu dem, was immer schon galt: dass Gott jeden von uns als Hüter des anderen und als Bewahrer der Schöpfung erschaffen hat. Neu aber ist, dass wir seit Jesus wissen, wie das konkret aussieht, wenn ein Mensch so lebt, wie Gott sich das gedacht hat. Wenn einer Gott von ganzem Herzen liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. Wenn einer sich für Gott und für seine Mitmenschen einsetzt, was immer es ihn kostet.

Und nun sind wir eingeladen, es ihm gleichzutun. Ihm, dem „guten Hirten“, nachzufolgen und für einander wie für die Schöpfung „gute Hirten“ zu sein. Das ist ein wunderbares Geschenk und eine große Herausforderung zugleich. Zumal für Leute wie uns, die doch eher zu den „fetten Schafen“ dieser Welt gehören, die es sich – manchmal auf Kosten anderer – gut gehen lassen können. Unser Text ist voller Ideen, was das konkret heißen kann: die Schwachen stärken, die Kranken heilen, die Verletzten verbinden, die Verscheuchten zurückholen, die Verirrten suchen, die Schwachen kräftigen, die Fetten und Starken behüten.
Und noch etwas gilt: Wer sich dieser Herausforderung stellt, der unterstellt sich damit zugleich der Fürsorge Gottes und Behütung Gottes und kann von ihm Hilfe erwarten. Psalm 121 beschreibt das in unsterblichen Worten:

Ich hebe meine Augen zu den Bergen, woher kommt meine Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen; und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand.
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele
der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Amen.


(c) Volkmar Hamp