Berufen (2. Mose 3,1-14)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

im Kirchenjahr fällt auf den heutigen Sonntag das Fest der „Verklärung Christi“. Vermutlich kennen die meisten die biblische Geschichte, um die es dabei geht (Matthäus 17,1-9):
Jesus war mit dreien seiner Jünger – Petrus, Jakobus und Johannes – auf einen hohen Berg gestiegen. Dort wurde er vor ihren Augen „verklärt“, wie es heißt: „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“ (Vers 2). Und plötzlich erschienen neben ihm zwei Gestalten: Mose und Elia, die großen Propheten des Alten Bundes. Und sie redeten mit ihm. Petrus, wie immer vorneweg, wollte es den dreien in seiner Begeisterung wohnlich machen dort oben auf dem Berg: „Herr, hier ist gut sein!“ soll er gesagt haben. „Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“ (Vers 4) Doch noch während er so redete, überschattete sie plötzlich „eine lichte Wolke“ und – wie bei der Taufe Jesu (Matthäus 3,17) – erscholl eine Stimme vom Himmel, die sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ Da fuhr den Jüngern der Schrecken in die Glieder, und sie warfen sich zu Boden. Doch Jesus trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“ (Vers 7) Und als sie die Augen öffneten, waren Mose und Elia verschwunden, und sie sahen niemand als Jesus allein. Vom Hüttenbauen war plötzlich keine Rede mehr. Im Gegenteil: Die Jünger mussten wieder hinab, vom Berg der Verklärung auf den steinigen, beschwerlichen und am Ende so schmerzhaften Weg nach Jerusalem.

Diese Geschichte ist eine der zentralen Offenbarungserzählungen des Neuen Testaments.
Da erscheint es durchaus angemessen, dass ihr als alttestamentlicher Paralleltext die Erzählung von der Berufung des Mose zur Seite gestellt wird – jene Geschichte aus dem zweiten Mosebuch, in der Gott dem Mose erstmalig seinen Namen offenbart. Dieser Text
– 2. Mose 3,1-14 – ist dann auch der Predigttext für den heutigen Sonntag.

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
2 Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
4 Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich!
5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7 Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
8 Und ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Hönig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.
9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen,
10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?
12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich gesandt! Und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? Was soll ich ihnen sagen?
14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: „Ich werde sein“, der hat mich zu euch gesandt.


So weit der biblische Text. Im zweiten Mosebuch geht die Geschichte freilich weiter. Mose hat noch eine ganze Reihe von Einwänden und Vorbehalten, die Gott ihm erst mühsam zerstreuen muss, bevor er sich dann endlich auf den Weg macht.
Ein vertrautes Gefühl, oder!? Da stehen wir vor einer neuen Aufgabe oder Herausforderung, die wir vielleicht sogar als „Berufung“, als Beauftragung von Gott her, begreifen – und sind doch voller Selbstzweifel und Ängste und trauen uns nicht so recht, diese Herausforderung anzunehmen, loszugehen und unsere „Berufung“ zu leben.
„Berufung“ – schon der Begriff scheint antiquiert und überholt zu sein. Wer ist denn heutzutage, bitteschön, noch „berufen“?
Wir haben doch nicht einmal mehr „Berufe“, sondern vielfach nur noch „Jobs“. Wir gehen einer Arbeit nach, um uns unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn wir Glück haben. Viele können nicht einmal das.
Soziologen sprechen heute von der „Generation Praktikum“ – ein Begriff, der für ein von vielen als negativ empfundenes Lebensgefühl junger Leute steht, die mehr und mehr unbezahlten oder schlecht bezahlten Tätigkeiten in ungesicherten beruflichen Verhältnissen nachgehen müssen. Fühlen die sich dazu „berufen“? Wohl kaum!

Dabei ist das Wort „Berufung“ eigentlich ein sehr schönes Wort! Psychologen verstehen darunter das Hören oder Spüren einer „inneren Stimme“, die einen zu einer bestimmten Lebensaufgabe drängt. Eine eigene psychologische Schule, die so genannte „Schicksalspsychologie“, beschäftigt sich damit. Sie sagt: Jeder Mensch ist zu etwas berufen! Und wer nicht erkennt, was „sein Ding“ ist, wer seine „Berufung“ verfehlt, der zahlt einen hohen Preis dafür. In jedem von uns, so das Credo dieser Psychologen, ist von Geburt an ein unverwechselbarer Charakter angelegt: eine individuelle Mischung von Eigenschaften und Begabungen. Und um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, müssen wir diesen unseren „Charakter“ als unser „Schicksal“ begreifen und respektieren. Nur dann können wir ein erfülltes Leben haben. Doch leider gelingt uns das nicht immer. So kommen wir mehr und mehr von dem uns eigentlich vorgegebenen Kurs ab. Wir vernachlässigen unsere Begabungen und opfern unsere Träume faulen Kompromissen. Wir schöpfen unsere Potentiale nicht aus, sondern gehen lieber den bequemeren Weg. Schließlich verlieren wir unsere „Berufung“ ganz aus den Augen – mit der Folge, dass wir nicht die sind, die wir eigentlich sein wollten und sein könnten. Wir werden uns selber fremd.
Der Preis dafür ist hoch, sagt die „Schicksalspsychologie“! Schon 1950 schrieb der Psychosomatiker
Viktor von Weizsäcker über das „ungelebte Leben“, darüber, dass „die unmöglichen Pläne, die nie getanen Taten wirksamer sind als das, was geschehen ist“. Besonders in Krankengeschichten, so meint er, wird Unausgelebtes oft zum Anlass für Schuldgefühle, für Gram oder Selbstvorwürfe, die sich in der Folge krankmachend auswirken. Frustration, Depression, Langeweile und unterdrückte Wut, deren Herkunft oft unverständlich bleibt, seien typische psychische Symptome, die durch „Selbstverleugnung“ entstehen. Das Erschöpfendste im Leben ist, so Weizsäcker, auf Dauer gegen die eigene innere Berufung zu leben und nicht das zu tun, was wir eigentlich tun könnten und tun wollten.
An alldem ist sicher etwas dran: So stellte die
American Medical Association in einer vor kurzem veröffentlichen Statistik fest, dass sich die meisten Herzinfarkte am Montagmorgen zwischen neun und zehn Uhr ereignen. Das ist genau der Zeitpunkt, an dem Millionen Menschen nach dem Wochenende wieder dorthin zurückkehren, wo sie sich im Grunde selbst verleugnen müssen: an einen langweiligen, verhassten, über- oder unterfordernden Arbeitsplatz.

So weit die Analyse! Aber hilft die wirklich weiter? Zumal der einzige Rat, den die „Schicksalspsychologen“ geben können, eben der ist, auf die eigene „innere Stimme“ zu hören und ihr zu folgen. Aber genau das ist ja das Problem, dass das nicht so einfach ist – weder das Hören noch das Folgen! Da müssten wir uns ja, wie der Baron Münchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Lebens ziehen können. Und wer kann das schon?
Helfen die biblischen Offenbarungs- und Berufungsgeschichten da weiter? Ich denke schon. Natürlich. Sonst stünde ich nicht hier, und wir würden in unseren Gottesdiensten nicht immer wieder biblische Geschichten zu uns sprechen lassen. Aber was lässt sich biblisch-theologisch zu diesem Thema sagen?
Zunächst einmal dies: In der Bibel geschieht „Berufung“ nicht in erster Linie dadurch, dass Menschen auf ihre eigene „innere Stimme“ hören, sondern dadurch, dass sie auf Gott hören, der sie „von außen“ anspricht. Und das, wozu sie berufen werden, ist nicht in erster Linie ihre Selbstverwirklichung, sondern dass dieser Gott mit
seinen Gedanken für diese Welt und für das Leben der Menschen zum Zuge kommen kann.
Versteht mich nicht falsch: Ich denke nicht, dass das ein Widerspruch ist oder sein muss. Wer die Berufung Gottes für sein Leben findet und lebt, der wird sich darin auch selber finden und verwirklichen. Und wenn Gott in einem Leben zum Zuge kommt, dann wird dieses Leben dadurch ganz bestimmt nicht ärmer, sondern reicher.
Aber der Ansatz, die Grundhaltung ist eine andere: Wenn ich nach der Berufung
Gottes für mein Leben frage, dann akzeptiere ich damit, dass ich mir nicht alles, was für mein Leben wichtig ist, selber sagen kann. Dann akzeptiere ich, dass ich für mein Leben Gottes Rat und Weisung, seinen Zuspruch und Anspruch, seinen Ruf, seine Berufung brauche.
Wie diese Berufung dann konkret aussieht, das ist sehr verschieden: Nur die wenigsten hören – wie Mose am Berg Horeb – Gottes Stimme aus einem brennenden Dornbusch (2. Mose 3). Kaum einer wird – wie Paulus vor den Toren von Damaskus – vom Licht und der Stimme des auferstandenen Christus zu Boden geworfen (Apostelgeschichte 9). Nein. Wir hören oder lesen diese Berufungsgeschichten und fragen uns: Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun? Wozu bin denn ich berufen, wenn nicht dazu, ein ganzes Volk aus der Sklaverei zu führen oder die halbe Welt zu missionieren! Dazu drei Gedanken:

Der erste: Wir sind zum Menschsein berufen!
Das klingt banal, ist es aber nicht. Im Gegenteil: Diese Berufung zum Menschsein ist die wichtigste und grundlegendste Berufung Gottes für jeden von uns!
Auf den ersten Seiten der Bibel, in den Schöpfungsgeschichten, wird davon erzählt. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“, heißt es da, „zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen (und jetzt kommt die Berufung): Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan ...“ (Genesis 1,27-28).
Über Jahrhunderte haben Menschen unter Berufung auf diesen Bibeltext ihre Berufung zum Menschsein als Freibrief zur Ausbeutung der Natur verstanden. Dabei braucht man nur ein paar Verse weiter zu lesen, um zu begreifen, dass gerade
das damit nicht gemeint ist. Denn gleich darauf, in der Geschichte vom Garten Eden, wird erklärt, wie diese schöpfungsgemäße Berufung zum Menschsein gedacht ist: „Und Gott, der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ (Genesis 2,15)
Zum Menschsein berufen zu sein, das heißt: die Welt als Gottes Schöpfung zu begreifen, die wir bebauen dürfen, aber auch bewahren sollen. Zum Menschsein berufen zu sein, das heißt auf der einen Seite, die Welt zu gestalten, und auf der anderen Seite, sie zu erhalten, damit auch künftige Generationen noch auf ihr leben können.
Mehr Berufung braucht es eigentlich nicht für ein Leben, oder? An dieser Berufung zum Menschsein kann man jedenfalls ein ganzes Leben lang herumbuchstabieren. Bebauen und Bewahren, Gestalten und Erhalten – was bedeutet das für meine alltägliche Arbeit, für mein Freizeit- und Konsumverhalten, für meinen Umgang mit den Ressourcen dieser Welt?
In der Geschichte vom brennenden Dornbusch wird Mose aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen, weil der Ort, auf dem er steht, dadurch dass Gott an ihm zugegen ist, zu „heiligem Land“ wird. Wenn wir glauben, dass diese Welt „Schöpfung Gottes“ ist, dann ist Gott in ihr anwesend, dann ist jeder Ort „heiliges Land“. Wie gehen wir damit um?

Ein zweiter Gedanke: Wir sind berufen zur Freiheit – und dazu, andere in Freiheit zu setzen!
Natürlich ist niemand von uns ein Mose, ein Mahatma Gandhi, ein Martin Luther King oder ein Nelson Mandela. Und vermutlich wird niemand von uns ein ganzes Volk auf den Weg zur Freiheit führen. Aber dieses zur Freiheit berufen zu sein und dazu, anderen zu mehr Freiheit zu verhelfen, das gilt auch uns!
„Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. ... So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ (Exodus 3,7.10)
Wenn wir darüber nachdenken, wozu wir in unserem Leben berufen sein könnten, dann ist dieses Berufensein zur Freiheit und dazu, andere in Freiheit zu setzen, ein ganz wesentlicher Gedanke. Es ist ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel zieht: von der Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten über die Sozialkritik der Propheten bis zum Evangelium, der Guten Nachricht von der Befreiung durch Jesus Christus.
Und immer geht es um beides: darum, dass wir uns selbst als befreite Menschen erleben, und darum, dass wir anderen zu einem Mehr an Freiheit verhelfen.
Wahrscheinlich gibt es kein besseres Beispiel für diesen Zweiklang als Jesus selbst: Kein anderer legt eine solche Freiheit im Denken und Handeln an den Tag wie er. Seine Haltung zum jüdischen Gesetz und sein Umgang mit den religiösen und politischen Machthabern seiner Zeit sind nur zwei Beispiele dafür.
Und weil er selbst so frei ist, kann er auch anderen die Freiheit zusprechen. Und so hält Jesus seine Antrittspredigt in der Synagoge von Nazaret nicht zufällig über einen Freiheitstext aus dem Propheten Jesaja: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Das ist mein Auftrag: Den Armen soll ich die Gute Nachricht bringen. Den Gefangenen soll ich ankündigen, dass sie frei werden, und den Blinden, dass sie sehend werden.
Den Unterdrückten soll ich die Freiheit bringen. Ich soll verkünden: Jetzt beginnt das Jahr, in dem der Herr Gnade schenkt.“ (Lukas 4,18-19)
Und Jesu Auslegung dieses Prophetenwortes besteht dann nur aus einem einzigen Satz: „Heute – in eurer Gegenwart – ist dieses Schriftwort in Erfüllung gegangen.“ (Lukas 4,21) Und dann setzt er sich mit Zöllnern und Sündern und anderen von der Gesellschaft an den Rand gedrängten an einen Tisch und nimmt sie so mit hinein in das Fest der Liebe Gottes und der Freiheit.
Doch Jesus zahlt einen hohen Preis dafür. Seine eigene Freiheit und seine Botschaft von der Befreiung anderer bringen ihn ans Kreuz. Aber was ihm und seiner Verkündigung den Todesstoß versetzen soll, erweist sich nun selbst als Akt der Befreiung. Denn – so die Botschaft des Neuen Testaments – Jesu Tod und Auferstehung versöhnen uns mit Gott und setzen uns endgültig in Freiheit. Paulus formuliert das in seinem Brief an die Galater so:
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1) Und was das konkret heißt – und dass es dabei auch für uns darum geht, nun auch anderen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen –, das beschreibt er wenig später so: „Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Allerdings nicht zu einer Freiheit, die nur den Vorwand liefert für eure irdische Gesinnung. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ein einziges Gebot befolgt wird. Nämlich folgendes: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!’“ (Galater 5,13-14)

Damit bin ich bei meinem dritten und letzten Gedanken: Wir sind berufen zum Lieben!
Auch diesen Gedanken möchte ich an der Geschichte vom brennenden Dornbusch entfalten. Mose hat viele Einwände gegen seine Berufung. Einer davon ist, dass er eine Frage nicht wird beantworten können, wenn er zu den Israeliten kommt, um sie in die Freiheit zu führen, die Frage nämlich, in wessen Namen er das tut: „Wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ (Exodus 3,13)
Auf diese Frage, die eigentlich als Einwand gedacht war, erhält Mose eine auf den ersten Blick reichlich rätselhafte Antwort: „Ich werde sein, der ich sein werde. So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich werde sein’, der hat mich zu euch gesandt.“ (Exodus 3,14) So zumindest übersetzt die Lutherbibel diesen schwer verständlichen Satz. Etwas anders – und näher am Hebräischen – heißt es in der Einheitsübersetzung: „Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der ‚Ich-bin-da’. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der ‚Ich-bin-da’ hat mich zu euch gesandt.“ Oder noch näher am Original die Übersetzung von
Martin Buber und Franz Rosenzweig: „Ich werde dasein, als der ich dasein werde … So sollst du zu den Söhnen Jissraels sprechen: ‚Ich bin da’ schickt mich zu euch.“
Wenn im Hebräischen von Gott gesagt wird, dass er „da ist“, dann ist damit etwas anderes und mehr gemeint als wir in unserem vom Griechischen und Lateinischen geprägten Denken in diesen knappen Worten hören. Wenn Gott in der hebräischen Bibel den Namen „Ich bin da“ trägt, dann ist das keine nüchterne Feststellung seiner Existenz. Der Streit um die Existenz Gottes ist philosophisch und akademisch! Nein, wenn Gott in der hebräischen Bibel den Namen „Ich bin da“ trägt, dann wird damit die
Beziehung beschrieben, die dieser Gott zu uns hat: „Ich bin da – für dich“, „Ich bin bei dir“, „Ich bin mit dir“. Die Offenbarung des Gottesnamens in diesem Text ist darum vor allem die Einladung zu einer Gotteserfahrung. Nämlich Gott als den zu erfahren, der für uns da ist, der mit uns unterwegs ist, der es bei uns aushält. Und wie erfahren wir das? Wir erfahren es vor allem dadurch, dass andere Menschen in seinem Namen für uns da sind. Wir erfahren es überall da, wo andere Menschen in seinem Namen mit uns unterwegs sind. Wir erfahren es immer dann, wenn andere Menschen uns in seinem Namen zur Seite stehen. Wir erfahren es dadurch, dass die Liebe Gottes durch andere Menschen bei uns ankommt. Darum ist die Berufung zum Lieben die wichtigste und größte Berufung, die wir von Gott her für unser Leben erfahren können.
Berufung zum Menschsein, Berufung zur Freiheit, Berufung zum Lieben – heißt das nun, dass es keine konkreten, keine besonderen Berufungen für jeden einzelnen und jede einzelne von uns mehr gibt?
Nein, das heißt es nicht. Es gibt auch heute Menschen, die – wie Mose oder Paulus – eine besondere Berufung haben. Doch auch in diesen besonderen Berufungen geht es letztlich nur darum, dass diese Menschen ihre Berufung zum Menschsein leben, dass sie sich selbst als befreite Kinder Gottes erfahren und anderen einen Zugang zu dieser Freiheit eröffnen und dass in ihrem Leben die Liebe Gottes zu dieser Welt Gestalt gewinnt.
Darum hat der Reformator
Martin Luther jeden Vorrang einer geistlich-religiösen Berufung vor weltlichen Tätigkeiten bestritten. Er war es, der den Begriff „Beruf“, der zuvor für „geistliche Berufungen“ reserviert war, demokratisiert und auf alle möglichen Arbeiten und Tätigkeiten ausgeweitet hat. Jede Berufsausübung und Berufserfüllung ist für ihn ein geistliches Geschehen, ein Gottesdienst.
Mit Luther gesprochen: Im Blick auf ihre Berufung von Gott her sind die Stallmagd, der Fürst und der Pastor einander völlig ebenbürtig.

Darum lade ich euch ein, offen zu sein für besondere Berufungen, die Gott vielleicht für euch hat. Ich lade euch auch ein, auf eure „innere Stimme“ zu hören: Warum sollte Gott nicht auch dadurch zu euch sprechen?
Vor allem aber lade ich euch ein, eure
Berufung zum Menschsein zu leben: In eurem Alltag, mit allem, was ihr seid und tut, die Welt als Gottes Schöpfung zu begreifen und zu ehren, sie zu bebauen und zu bewahren, sie zu gestalten und zu erhalten.
Ich lade euch ein, eure
Berufung zur Freiheit zu leben: euch als befreite Kinder Gottes zu verstehen, die anderen zu einem Mehr an Freiheit verhelfen können – in euren alltäglichen Bezügen, in euren Familien, an euren Arbeitsplätzen, in eurer Freizeit, aber auch in eurem politischen und ehrenamtlichen Engagement hier in der Gemeinde und darüber hinaus.
Und ich lade euch ein, eure
Berufung zum Lieben zu leben: Im Blick auf die, die euch nahe stehen, eure Familien und Freunde, eure Nachbarn und Kollegen. Im Blick auf eure „Glaubensgeschwister“ hier in der Baptistenkirche Wedding und darüber hinaus. Aber auch im Blick auf die Menschen in dieser Stadt, in unserem Land, auf dieser Welt, die wie wir zur großen Menschheitsfamilie Gottes dazugehören.

(c) Volkmar Hamp