Also hat Gott die Welt geliebt ...
Eine Weihnachtspredigt zu Johannes 3,16-21


Liebe Geschwister,

ich weiß nicht, wie euch / wie Ihnen das geht: Ich habe ein durchaus gespaltenes Verhältnis zum Weihnachtsfest.
Auf der einen Seite tut es gut, gerade in dieser dunklen, kalten und mitunter etwas depressiv gestimmten Jahreszeit ein Fest wie Weihnachten zu haben, das mit Kerzenschein, Tannengrün und „Weihnachtsduft in jedem Raum“ ein bisschen Licht und Wärme und Hoffnung in unser Leben bringt. Auf der anderen Seite fällt es manchmal schwer, unter der dicken Schicht von Weihnachtskitsch, Konsum und „Kling Glöckchen Klingelingeling“ den wahren Sinn von Weihnachten zu entdecken. Die Botschaft vom Kind in der Krippe, vom Mensch gewordenen Gott, vom Frieden auf Erden verhallt „alle Jahre wieder“ schnell, wenn uns kurz nach Weihnachten der Alltag einholt, wenn die Kerzen ausgepustet, die Kekse aufgegessen und die Weihnachtsbäume entsorgt sind. Dann kommt nämlich ein neues Jahr, in dem uns doch wieder nur die alten Probleme erwarten. Bis in elf Monaten die nächste Adventszeit eingeläutet wird. „Same procedure than every year!“
Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Der englische Schriftsteller
Charles Dickens (1812-1870), der 1843 den berühmt gewordenen und vielfach verfilmten Roman „Eine Weihnachtsgeschichte“ verfasst hat, hat einmal geschrieben: „Ich werde Weihnachten in meinem Herzen ehren und versuchen, es das ganze Jahr hindurch aufzuheben.“
Aber geht das? Lässt sich so „nachhaltig Weihnachten feiern“? Lässt sich wirklich etwas von Weihnachten hinüber retten in den Alltag, der uns nach Weihnachten erwartet? Und was könnte das sein?
Die Perikopenordnung der evangelischen Kirche in Deutschland schlägt für die Christvesper am heutigen Heiligen Abend einen Bibeltext als Predigttext vor, der eigentlich nicht zu den klassischen Weihnachtstexten gehört: ein Text aus dem Johannesevangelium. Dieses Evangelium – viele von euch / von Ihnen wissen das – erzählt keine Weihnachtsgeschichte im eigentlichen Sinn. Es beginnt trotzdem mit einem „weihnachtlichen Text“: mit einem Prolog, einem Lied, einem Hymnus auf das Fleisch gewordene Wort Gottes, das wie ein Licht in die Finsternis dieser Welt hineinstrahlt. Und dann erzählt es von Johannes dem Täufer, der auf Jesus zeigt und sagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1,29) Und von den ersten Zeichen, an denen deutlich wird, dass dieser Jesus von Nazareth tatsächlich der erwartete Messias und Sohn Gottes ist: von der Hochzeit zu Kana, von der Reinigung des Tempels in Jerusalem. Und dann, im 3. Kapitel, erzählt es von einem Mann, einem Pharisäer, einem Oberen der Juden namens Nikodemus. Wie der bei Nacht zu Jesus kommt, um herauszufinden, ob dieser Zimmermannssohn aus Nazareth tatsächlich der verheißene Messias sein könnte. Und in diesem „Nachtgespräch“ sagt Jesus dann die Worte, die heute Weihnachtsworte Gottes für uns werden sollen. Und diese Worte beginnen mit einem der bekanntesten Sätze der Bibel! Ich lese aus
Johannes 3,16-21:

„(16) Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
(17) Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
(18) Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
(19) Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
(20) Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
(21) Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“



Es ist schon spät in der Nacht, als es noch einmal klopft an der Tür. Der Mann, der da im Dunkeln steht, will nicht gesehen werden. Er hat sich in seinen Mantel gehüllt und verbirgt sein Gesicht unter einer Kapuze.
Als Jesus die Tür öffnet, fällt nur wenig Licht durch den Türspalt nach draußen. Doch Jesus kennt den Mann, der da vor ihm steht. Es ist Nikodemus. Ein Pharisäer. Ein Oberer der Juden. Einer, der am Tag und in der Öffentlichkeit lieber nicht mit Jesus gesehen werden will. Noch nicht. Nicht, bevor er weiß, was dran ist an diesem Rabbi und Zimmermannssohn aus Nazareth.
„Ich muss mit dir reden“, sagt Nikodemus. „Ich habe so viele Fragen!“ Jesus nickt. „Komm erst mal rein“, sagt er dann und führt den unerwarteten Gast in die kleine Stube.
Draußen ist es still und finster. Da steht keine Straßenlaterne vor der Tür und kein Auto fährt vorbei. Und auch drinnen ist es nicht besonders hell. Nur eine kleine Öllampe steht auf dem Tisch und malt die Schatten der beiden Männer, die dort Platz nehmen, an die Wand.
Und so sitzen sie zusammen und reden. Und das, was sie bereden, ist kein weihnachtlicher Smalltalk. Da werden keine Phrasen ausgetauscht, keine Allgemeinplätze, keine Oberflächlichkeiten. Bei solchen „Nachtgesprächen“ redet man nicht übers Wetter oder den alltäglichen Kleinkram. Da geht es ans Eingemachte. Da geht es „um das Leben, das Universum und den ganzen Rest“. Um Sein oder Nichtsein.
Die Öllampe auf dem Tisch flackert, und die Schatten der beiden Männer an der Wand sehen aus, als stünden hinter ihnen zwei bedrohlich-schwarze Gespenster.
Es mag sein, dass manche Menschen, vielleicht auch der eine oder die andere von uns heute Abend hier, Weihnachten nicht als ein Fest der Freude und der Liebe und des Lichts erleben, sondern eher als einen bedrohlich-dunklen Schatten. Schön warm und heimelig wird es ja an Weihnachten nicht von selbst. Manch einer fröstelt und findet es eher unheimlich, wenn am Heiligen Abend die Autos weniger werden und Stille einkehrt. Die Menschenmassen, die sich am Vormittag noch durch die Straßen schoben, haben sich verlaufen. Die meisten Kneipen und Restaurants sind geschlossen. Die Stadt hält den Atem an. Und manch einer hört in dieser Nacht dann auch nur seinen eigenen Atem. Und die Kerze, die er sich anzündet, malt seinen einsamen Schatten an die Wand.
Weihnachten kann auch ein bedrohliches, schwarzes Gespenst sein. Ein Gedicht von Friedrich Nietzsche fällt mir dazu ein, kein Weihnachts-, aber ein Wintergedicht, das den Titel „Vereinsamt“ trägt:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Weh dem, der keine Heimat hat!

Auch das ist Weihnachten. Auch das gehört zum Leben und zu unserer Welt dazu. Auch heute. Zu einer Welt, von der es in unserem Bibeltext trotzdem heißt, dass Gott sie liebt. „Kosmos“ steht da im Griechischen für „Welt“. „Kosmos“ – damit verbinden wir endlose Weiten aus Finsternis und Kälte, in denen nur hier und da ein Stern aufleuchtet. „Kosmos“ – „Finsterwelt“ oder „Dunkelland“ – so nennt Jesus die Welt, in der wir leben.
Und so ist diese Welt auch oft. Die Kriege legen heute Nacht vielleicht eine Pause ein, aber sie hören nicht auf. Der Terror geht weiter. Der Klimawandel auch. Und auch heute Nacht wird gehungert und gelitten und gestorben.
Vielleicht sind Weihnachtsgeschichten deshalb oft ein bisschen traurig und melancholisch. Weil wir wissen: Die „heile Welt“, die uns Weihnachten oft vorgegaukelt wird, die gibt es nicht. Und die Weihnachtsträume unserer Kindheit von dieser „heilen Welt“, die bringt uns keiner mehr zurück.
Das weiß auch Nikodemus. Wovon hat Jesus gerade noch gesprochen? Von einer „Wiedergeburt“? Davon, dass wir noch einmal von vorne anfangen können?
Das wäre schön! Aber das geht doch nicht! Bitte keine Weihnachtsmärchen!
Die Öllampe auf dem Tisch flackert, und die Schatten der beiden Männer an der Wand sind plötzlich für Nikodemus wie ein Symbol für die Welt, von der Jesus hier spricht: „Kosmos“, „Dunkelland“, „Finsterwelt“.

Doch dann horcht er auf. Was sagt Jesus da? „Also ...“ „Also“, wie: „Pass auf!“ „Also“, wie: „Jetzt kommt etwas Wichtiges, etwas Unerhörtes!“ Wie ein Doppelpunkt klingt dieses „Also“. Und dann der alles entscheidende Satz:
„Also hat Gott diese ‚Finsterwelt’ geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Langsam sagt Jesus diesen Satz, denn jedes Wort darin hat ein unerhörtes Gewicht. Langsam sagt Jesus diesen Satz, denn in diesem Satz steckt die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Langsam sagt Jesus diesen Satz, damit Nikodemus begreifen kann, dass auch er in dieser Liebesgeschichte vorkommt – und mit ihm auch wir.
Denn Weihnachten heißt: Mitten in der Dunkelheit dieser Welt und unseres Lebens leuchtet ein Licht auf, brennt eine Liebe, die sich durch nichts aufhalten lässt. Weihnachten heißt: Mitten in der Dunkelheit dieser Welt und unseres Lebens kommt Gott auf uns zu mit einer Liebe, die zum äußersten entschlossen ist: bereit, seinen eigenen Sohn zu geben, sein Bestes, sein Äußerstes, ein Stück von sich selbst und seiner Herrlichkeit.
„Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wollest werden.“ – Das ist die Botschaft von Weihnachten! Aus Liebe bist du geboren, aus Liebe kommt Gott zur Finsterwelt um dich zu retten und nach Hause zu bringen aus dem Dunkelland in sein herrliches Licht, aus der Welt des Todes in sein ewiges Leben. Und damit diese Liebe dich erreicht, ist ihm nichts zu schade und zu teuer.
Martin Luther drückt das in seiner Auslegung dieser Bibelstelle so aus: „Dieses Geschenk Gottes ist zu groß, als dass es nicht den Tod verschlänge. Wie wenn du ein Tröpflein Wasser in ein Herdfeuer hineintropfen lässt, so ist die Sünde (und Dunkelheit) aller Welt gegenüber dieser Gabe.“
Egal, für wie groß wir die Finsternis und Dunkelheit in unserer Welt halten: Aus der Perspektive Gottes ist sie wie ein Wassertropfen, der in ein Herdfeuer hineintropft. In das Herdfeuer seiner Liebe.
Ganz am Anfang der Bibel steht ein wunderbarer Satz: „Gott sprach: Es werde Licht! Und siehe: Es ward Licht.“ (Genesis 1,3) Genau das ist auch die Botschaft von Weihnachten! Darum dürfen wir nicht nur heute Nacht, sondern immer und überall unsere eigenen Dunkelheiten und Schatten dem Licht Gottes überlassen, das in seinem Sohn Jesus Christus in diese Welt gekommen ist. Dieses Licht richtet uns nicht, es richtet uns auf!



Dies ist die so genannte „Stalingradmadonna“ aus der Gedächtniskirche in Berlin.
Das Bild zeigt eine sitzende Frauengestalt, die wie eine „Schutzmantelmadonna“ unter ihrem Umhang ein Kind birgt, dieses Kind liebevoll ansieht und ihm Schutz und Geborgenheit gibt. Die Darstellung trägt die Umschrift: „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“.
Gezeichnet wurde das 105 x 80 Zentimeter große Bild Weihnachten 1942 in einem Unterstand im Kessel von Stalingrad von dem evangelischen Pastor, Arzt und Künstler Dr. Kurt Reuber – mit (Holz-)Kohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte.
Ich finde, das ist ein unglaubliches Bild: Mitten in der größten Dunkelheit, die man sich vorstellen kann, strahlt hier etwas auf von dem Weihnachtslicht, von dem Frieden und der Geborgenheit, die im Glauben an Jesus Christus gefunden werden können.
In einem Adventsbrief schreibt der Künstler 1943 an seine Frau: „Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das, unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften, zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung um so heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist.“
Während Kurt Reuber die Kriegsgefangenschaft nicht überlebte, gelangte sein Bild mit einem der letzten Flugzeuge durch einen schwer verwundeten Offizier in die Hände seiner Familie. Die schenkte es 40 Jahre später auf Anregung von Bundespräsident Karl Carstens der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Und dort hängt es nun. Zur Anregung für Gedenken und Gebet, aber auch zur Erinnerung an die Gefallenen und als Mahnung zum Frieden.
Warum zeige ich euch / Ihnen dieses Bild? Weil es für mich ein ganz starker Ausdruck der Weihnachtsbotschaft ist: Egal, für wie groß wir die Finsternis und Dunkelheit in unserem Leben und in dieser Welt halten, aus der Perspektive Gottes ist sie wie ein Wassertropfen, der in das Herdfeuer seiner Liebe fällt. „In der Finsterwelt habt ihr Angst,“ sagt Jesus, „aber seid getrost, ich habe die Finsterwelt überwunden“ (Johannes 16,33). Wenn ein Soldat im Kessel von Stalingrad das glauben und erleben kann, dann, denke ich, gilt das immer und überall!

Die Öllampe auf dem Tisch flackert. Sie malt noch immer die Schatten von Jesus und Nikodemus an die Wand, als stünden hinter ihnen bedrohlich-schwarze Gespenster. Doch Nikodemus sieht sie nicht mehr. Sein Blick verliert sich im Schein der Lampe und seine Gedanken in den Worten, die Jesus spricht. Gut, wenn einer so zu einem spricht in einer solchen Nacht.
Und als Nikodemus nach Hause geht, weiß er vielleicht gar nicht mehr, was Jesus im Einzelnen gesagt hat. Vielleicht kommt es ihm so vor, als habe Jesus mit allem immer nur das eine gesagt: „Fürchte dich nicht!“ Weihnachten im Herzen zu ehren und zu versuchen, es das ganze Jahr hindurch aufzuheben (Charles Dickens), das hieße dann, dieses „Füchte dich nicht!“ für sich selbst und das eigene Leben zu hören und es anderen zuzusprechen.

Amen

(c) Volkmar Hamp