Hear The Spirit (Lukas 4,14-21)


Liebe Geschwister, liebe Freunde!

Ich war letzte Woche beim 20. baptistischen Weltkongress in Honolulu auf Hawai’i.
4.000 Delegierte aus über 100 Ländern haben dort fünf Tage lang miteinander Gottesdienste gefeiert, über Gottes Wort nachgedacht und gesellschaftspolitische Themen diskutiert – eine einmalige Gelegenheit, den weltweiten Baptismus zu erleben!
Da gab es Redner und Rednerinnen von allen Kontinenten dieser Welt. Da standen innerhalb weniger Tage auf ein und derselben Bühne ein Gospelchor aus Norwegen, ein aus 400 Kindern bestehender koreanischer Kinderchor mit eigenem Orchester und eine Musikgruppe aus Nagaland in Nordindien. Da saß ich in der einen Veranstaltung neben Geschwistern aus Togo und Kamerun und in der anderen neben solchen aus den USA und Australien.
HEAR THE SPIRIT (Hör die Stimme des Heiligen Geistes) war das Thema dieser Veranstaltung. Hypercharismatisch oder pfingstlerisch ging es dennoch nicht zu. Im Mittelpunkt standen vielmehr der Geist Jesu Christi und – gut baptistisch – das Wort der Bibel. Beschlichen einen beim Lesen des Programmheftes noch leise Zweifel, ob sechs Predigten über ein und denselben Text (Lukas 4,18-19) nicht doch am Ende langweilig werden könnten, so verflog diese Sorge schnell. Die Redner und Rednerinnen aus Argentinien, Jamaika, Kanada, Indien, Südafrika und den USA legten nicht nur verschiedene Schwerpunkte. Sie brachten auch ihre ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründe und Erfahrungen in die Auslegung des Textes mit ein.
Dabei waren alle Predigten nicht nur sehr fromm, sondern auch sehr politisch: Immer ging es um die Konsequenzen des Glaubens und des Hörens auf den Geist Gottes für das Leben in dieser Welt und die Mitgestaltung der Gesellschaft. Themen wie das Eintreten für Religionsfreiheit und der Kampf gegen Armut, Hunger, AIDS und Menschenhandel waren allgegenwärtig. Und so gipfelte die Schlusserklärung des Kongresses dann auch konsequenterweise darin, dass der baptistische Weltbund (Baptist World Alliance), in dem etwa 105 Millionen Baptisten aus 250 Mitgliedsbünden organisiert sind, sein Versprechen erneuerte, sich – „in step with the Spirit“ („im Einklang mit dem Heiligen Geist“) – weiter für die Erreichung der Millenniums-Ziele der Vereinten Nationen einzusetzen.
Diese Erklärung schlug für mich den Bogen von der großen baptistischen Weltfamilie zurück in meine kleine Gemeinde hier im Wedding! Ich weiß nicht ob ihr es wahrgenommen habt: Hier hängen sie seit einigen Monaten genau diese UN-Millenniums-Ziele:

- die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger,
- Primärschulbildung für alle Kinder,
- die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frauen,
- die Senkung der Kindersterblichkeit,
- die Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter,
- die Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten,
- Ökologische Nachhaltigkeit und
- der Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung.

Und ich frage mich – wie so oft: Was haben diese großen politischen Ziele mit meinem kleinen Leben zu tun? Und mit der Botschaft dieses Jesus von Nazareth, in dessen Geist wir miteinander Gottesdienst feiern und Gemeinde gestalten?
Ich lese dazu den Text, mit dem sich der baptistische Weltkongress in Honolulu fünf Tage lang beschäftigt hat, im Zusammenhang (Lukas 4,14-21):

14 Jesus kehrte (nach seiner Taufe und der Zeit der Prüfung und Versuchung in der Wüste), erfüllt von der Kraft des heiligen Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend.
15 Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.
16 So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen,
17 reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt:
18 Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
19 und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
20 Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.
21 Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.



Was für eine Szene: Da kommt dieser Wanderprediger, der gerade erste Erfolge in der galiläischen Provinz gefeiert hat, zum ersten Mal zurück nach Nazaret, in seine Heimatstadt. Wie er es gewohnt ist, besucht er am Sabbat die Synagoge und wird auch gleich aufgefordert, die Schriftlesung zu übernehmen. Ein Zeichen der Ehrerbietung, die man Gästen entgegenbringt. Und vielleicht auch der Erwartung, die man an ihn hat: Wird er dem Ruf, der ihm vorauseilt, gerecht werden? Er ist doch kein Schriftgelehrter, sondern nur der Sohn eines Zimmermanns hier aus dem Ort.
Und so reicht man ihm eine Schriftrolle mit dem Buch des Propheten Jesaja. Ob durch Zufall oder mit Absicht: Jesus landet bei einem Abschnitt aus Jesaja 61 (Vers 1-2a): „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe ...“

Was für ein Text! Eine der großen Zukunfts- und Hoffnungsvisionen Israels: dass Gott irgendwann das Schicksal dieses gedemütigten und unterdrückten Volkes wenden und ihnen den Retter, den Gesalbten, den Messias schicken werde. Den „Sohn Davids“, der das einst so mächtige und große Königreich seines Vorfahren wieder aufrichten und sein Volk in die Freiheit führen würde.
Und vielleicht saß da der eine oder andere Schriftgelehrte unter den Zuhörern Jesu, der wusste, was es mit diesem „Gnadenjahr des Herrn“ auf sich hatte: Da gab es nämlich im jüdischen Recht nicht nur das alle sieben Jahre stattfindende „Sabbatjahr“, in dem die Felder und Weinberge brachliegen sollten, um sich erholen zu können (3. Mose 25,2-7). Da gab es nach sieben solchen „Sabbatjahren“, also alle 50 Jahre, ein so genanntes „Jubeljahr“. Da sollten nicht nur die Felder brachliegen und die Weingärten in Ruhe gelassen werden, da sollten darüber hinaus alle Schulden erlassen und alle Sklaven befreit werden (3. Mose 25,8-31).
Eine Art „Sozialprogramm“ hätte das sein sollen, das alle 50 Jahre die schlimmsten Auswüchse gesellschaftlichen Ungleichgewichts zwischen Armen und Reichen, Freien und Abhängigen ausglich und auf Null setzte. Ein Instrument sozialen Ausgleichs, das dafür hätte sorgen können, dass es wenigstens alle fünf Jahrzehnte annähernd gleiche Startbedingungen für alle Menschen gab.
Vielleicht hätten die Schriftgelehrten unter den Zuhörern Jesu auch gewusst, dass dieses „Jubeljahr“ – anders als das alle sieben Jahre gefeierte „Sabbatjahr“ – in Israel nie wirklich stattgefunden hat. Wie so oft, war auch hier ein großes Ideal sozialer Gerechtigkeit an der gesellschaftlichen Realität gescheitert. Die Reichen und Mächtigen hatten nun einmal kein Interesse an Schuldenerlass und Sklavenbefreiung!
Und doch hat dieses „Ideal“ seine subversive Kraft behalten. Der Prophet Jesaja greift es auf und strickt aus diesem gescheiterten Sozialprogramm eine Zukunftsvision. Das soll Wirklichkeit werden, wenn der Messias kommt und Gott seine Herrschaft aufrichtet: dass die Armen gute Nachrichten hören, dass zerbrochene Herzen geheilt und Gefangene befreit werden. Dann bricht es an, das „Jubeljahr“ des Herrn – und das dauert nicht nur zwölf Monate, sondern eine Ewigkeit: Jesaja 61,7: „Ewige Freude wird ihnen zuteil.“

Und nun – ein paar Jahrhunderte später – steht Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret und erinnert seine Zuhörer an diese Vision: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe ...“
Im Jesajabuch geht der Text so weiter: „... damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes ...“ (Jesaja 61,2). Doch Jesus bricht an dieser Stelle ab. Ihm geht es nicht um Vergeltung. Ihm geht es einzig und allein um dieses „Gnadenjahr des Herrn“ – eine Chiffre, ein Bild für den endgültigen Anbruch der Gottesherrschaft. Das Reich Gottes kommt – und es ist jetzt schon da!
Das ist Jesu „Frohe Botschaft“, sein „Evangelium“.
Und so rollt er die Schriftrolle wieder zusammen, gibt sie dem Synagogendiener zurück und setzt sich hin. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Nachdem er aus der Schrift gelesen hat, erwartet man von ihm nun auch eine Auslegung des Gelesenen.
Doch statt diese Auslegung zu geben, macht Jesus eine Zeitansage: Heute! – „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Vers 21) Heute wird aus den schönen Worten des Jesajabuches eine erlebbare Wirklichkeit. Heute wird aus prophetischer Zukunftsmusik der Soundtrack für die Gegenwart.
Und „Heute“ – das meint in diesem Zusammenhang: hier und jetzt, durch mich und in mir! Durch dieses „Heute“ verknüpft Jesus die Ansage des Gnadenjahrs des Herrn, den Anbruch der Gottesherrschaft unauflöslich mit seiner Person.
Er bringt die Erfüllung der Verheißung. Mit ihm beginnt die Gottesherrschaft, das Gnadenjahr des Herrn.
Und alles, was in den folgenden 20 Kapiteln des Lukasevangeliums erzählt wird, dient einzig und allein der Bestätigung dieser Ansage Jesu aus seiner Antrittspredigt in Nazaret: „
Ich bin der verheißene Messias, der Gesalbte Gottes, auf dem der Geist des Herrn ruht. Ich habe die Kraft, die Macht und Autorität des Schöpfers dieser Welt. Darum wird in mir die Gnade und Menschenfreundlichkeit Gottes erlebbare Wirklichkeit für euch.“

Das ist wichtig! Nur weil
Jesus es ist, der das Gnadenjahr des Herrn ausruft, ist „Reich Gottes“ keine Chiffre für ein zum Scheitern verurteiltes Sozialprogramm, sondern ein Bild für den Einbruch der Wirklichkeit Gottes in die Wirklichkeit dieser Welt. In seiner Gegenwart wird erlebbar, was das heißt: „ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen“.
Da gibt es tatsächlich „gute Nachrichten“ für die Armen: Sie werden sogar selig gepriesen (Lukas 6,20; vgl. Matthäus 5,3). Sie sollen sich freuen dürfen. Denn da, wo Jesus ist, beginnen Menschen das, was sie haben, zu teilen – und alle werden satt (Lukas 9,10-17 u.ö.). Da, wo Jesus ist, werden Menschen, die von allen guten Geistern verlassen und vom Bösen besessen sind, frei und folgen ihm nach (Lukas 8,26-39 u.ö.). Da, wo Jesus ist, werden Blinde sehend (Lukas 18,35-43 u.ö.) und Lahme können wieder gehen (Lukas 5,17-26 u.ö.). Leute, die keine Perspektive für die Zukunft mehr hatten, sehen plötzlich neue Wege. Und Menschen, die sich am Ende glaubten, wagen erste, vorsichtige Schritte in ein neues Leben.
Jesus kündigt das „Gnadenjahr des Herrn“ eben nicht nur an für eine unbestimmte Zukunft – er ruft es aus als hier und jetzt schon anbrechende Wirklichkeit: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Lukas 4,21)

Doch wenn das stimmt – und die Evangelien sind voll mit Geschichten, die bezeugen, dass das stimmt –, was bedeutet das dann für uns? Für Menschen, die diesem Jesus von Nazaret nachfolgen und ihr Leben im Wissen um die angebrochene Gottesherrschaft und das ausgerufene Gnadenjahr des Herrn leben wollen?

Es bedeutet zum einen, dass wir uns selbst und unser Leben im Licht der anbrechenden Gottesherrschaft sehen und verstehen:
Wir sind „Gnadenjahr-Menschen“ – Menschen, denen die bedingungslos liebende, Heil bringende und Zukunft eröffnende Zuwendung Gottes in Jesus Christus gilt!
Unser Leben ist eingebunden in die größeren Zusammenhänge der guten Gedanken Gottes für diese Welt. Wir sind nicht nur Teil der baptistischen Weltfamilie, sondern Kinder Gottes, Söhne und Töchter des Schöpfers und Erhalters dieser Welt, Brüder und Schwestern Jesu Christi, seines Sohnes, und damit Teilhaber der Lebenskraft und Dynamik Gottes, die wir seinen „Heiligen Geist“ nennen.
Der „Geist Gottes“ ruht ja nicht nur auf Jesus, er wirkt auch in dir und in mir. Er prägt und gestaltet uns von innen heraus, und er wirkt durch uns gestaltend und prägend in diese Welt hinein.

Manchmal tun wir uns etwas schwer mit diesem „Geist Gottes“ (zum Folgenden vgl.
Jürgen Moltmann, Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie. Chr. Kaiser, München 1991, Seite 53-56). Das hat mit der Bedeutung des Wortes „Geist“ in unserer Sprache und in unserem abendländischen Denken zu tun. Wenn wir von „Geist“ sprechen, dann meinen wir damit oft etwas, das im Gegensatz zum Körper, zur Materie steht, etwas nicht Materielles, Übersinnliches, Überirdisches.
Wer das biblische Wort für „Geist“ (hebräisch:
ruach – im Hebräischen übrigens ein Femininum, ein weibliches Wort: „die ruach“; man müsste also eigentlich „die Geistin“ übersetzen, nicht „der Geist“), wer dieses Wort ruach verstehen will, der muss das abendländische Wort „Geist“ vergessen.
Ruach war urspünglich wohl ein lautmalerisches Wort für den Sturmwind, z.B. für jenen Wind, der das Schilfmeer für den Auszug Israels aus Ägypten teilte (Ex 14,21). Gemeint ist mit ruach immer etwas Lebendiges gegenüber dem Toten, etwas Bewegendes gegenüber dem Erstarrten. Auf Gott übertragen wird dieser Sturmwind dann zum Gleichnis für die unwiderstehliche Schöpfermacht Gottes (vgl. Ez 13,13f; 26,26f).
Eine zweite Bedeutung von
ruach ergibt sich aus der Beobachtung dessen, was uns Menschen lebendig macht: Weil man die Lebendigkeit des Lebens im Ein- und Ausatmen der Luft sah, galt ruach auch als Lebensatem und Lebenskraft bei Menschen und Tieren (Koh 12,7; 3,21). Wird in diesem Zusammenhang von der ruach Gottes gesprochen, dann wird oft unterschieden zwischen der schöpferischen Lebenskraft Gottes und der geschaffenen Lebenskraft alles Lebendigen: „Du nimmst weg ihre ruach und sie vergehen; du sendest aus deine ruach, so werden sie geschaffen und du erneuerst das Antlitz der Erde.“ (Psalm 104,29f)
Und noch eine Beobachtung: Wird die
ruach mit Gott in Verbindung gebracht, dann treten Geist und Stimme Gottes ganz nah zueinander. Die ruach wird als der Atem der Stimme Gottes verstanden. Nach biblischer Vorstellung werden nämlich alle Dinge durch Gottes Geist und durch sein Wort ins Leben gerufen. Psalm 33,6: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmel gemacht, durch die ruach seines Mundes ihr ganzes Heer.“ Das männliche Wort (hebräisch: dabar) und die weibliche Lebenskraft (hebräisch: ruach) ergänzen einander im Schöpfungshandeln Gottes.
„Hear the spirit“ – „Höre den Geist Gottes“ – damit ist also nichts Übernatürliches gemeint, es heißt nichts anderes als „Höre die Stimme, höre das Reden Gottes“. Höre auf das, was Gott sagt, und richte dich daran aus, dann wirst du leben!
Wenn wir also von der
ruach, vom „Geist Gottes“ sprechen, dann meinen wir damit die wirkende Gegenwart Gottes in dieser Welt und in unserem Leben, seine schöpferische, lebendig machende Kraft.
Doch nicht nur das. Wenn wir von der
ruach, vom „Geist Gottes“ sprechen, dann meinen wir damit auch die Kraft des Lebendigen in allem, was lebt. Der Theologe Jürgen Moltmann formuliert das so: So sehr die ruach als „Geist Gottes“ transzendenten, jenseitigen Ursprungs ist, so sehr ist sie als „Lebenskraft alles Lebendigen“ mitten in dieser Welt wirksam.
„Die Schöpferkraft Gottes ist die transzendente, die Lebenskraft des Lebendigen die immanente Seite der
ruah. Die ruah ist gewiss nur da, wann und wo Gott es will, aber mit seinem Willen zur Schöpfung ist sie in allen Dingen präsent und hält sie im Dasein und am Leben. Im Blick auf die ruah muss man sagen, dass Gott in allen Dingen ist und alle Dinge in Gott sind, ohne dass damit Gott und alle Dinge gleichgesetzt werden.“ (Moltmann, Der Geist des Lebens, Seite 55-56).
Und noch etwas ist wichtig, wenn wir begreifen wollen, was der „Geist Gottes“ für uns bedeuten kann: Das hebräische Wort für „Geist“
(ruach) ist aller Wahrscheinlichkeit nach verwandt mit dem hebräischen Wort für „Weite“ (rewah). Die ruach, der „Geist Gottes“ schafft also Raum, er setzt in Bewegung, er führt aus der Enge in die Weite und macht so lebendig.
Noch einmal
Jürgen Moltmann: „In der Erfahrung der ruah wird das Göttliche nicht nur als Person und auch nicht nur als Kraft, sondern auch als Raum erfahren, und zwar als jener Raum der Freiheit, in welchem sich das Lebendige entfalten kann. Das ist die Erfahrung des Geistes: ‚Du stellst meine Füße auf weiten Raum’ (Ps 31,9). ‚Auch dich lockt er aus dem Rachen der Angst in weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist.’ (Ijob 36,16)
Darum sagen wir nicht nur: „Der Geist Gottes lebt in uns“, sondern auch „Wir leben im Geist Gottes“. Die Erfahrung des Geistes, der
ruach Gottes, die auf uns ruht und in uns lebt, ist die Erfahrung von der Befreiung aus der Enge der Angst, von der Eröffnung eines neuen Lebensraums in der Weite der guten Gedanken Gottes.


Aber was bedeutet das konkret?

Ein Beispiel:
Da waren in der vergangenen Woche in unseren Nachrichten Frauen aus Bangladesh zu sehen. Frauen, die in großen Fabriken unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen Kleidung nähen für unsere Kaufhäuser und Boutiquen. Sie bekommen dafür einen Hungerlohn von 32 Euro im Monat, von dem sie kaum die tägliche Ration Reis für ihre Familien bezahlen können.
„Gnadenjahr-Menschen“, vom Geist Gottes und seiner Lebenskraft inspirierte Menschen, die von solchen Zuständen erfahren, werden sich vielleicht in Zukunft informieren, woher die Kleidung kommt, die sie kaufen, und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurde. Sie werden vielleicht darüber nachdenken, wie sie durch ihr Kaufverhalten und durch strategischen Konsum Druck ausüben können auf die großen Textilunternehmen, damit diese begreifen, dass sie nicht nur ihre eigene Gewinnmaximierung im Blick haben dürfen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen. Damit Menschen gerechte Löhne für ihre Arbeit bekommen und ihren Lebensunterhalt unter menschenwürdigen Bedingungen verdienen können.
Hear the spirit – Höre, was der Geist Gottes dir sagt, wenn du im Fernsehen solche Nachrichten siehst.

Ein zweites Beispiel:
Da kündigen 40 Milliardäre in den USA an, die Hälfte ihrer Vermögen für wohltätige Zwecke spenden zu wollen. Und einige Millionäre in Deutschland fordern von unserer Bundesregierung, die Konsolidierung des Staatshaushaltes nicht nur auf Kosten von Hartz IV-Empfängern und sogenannten „kleinen Leuten“ vorzunehmen, sondern endlich eine „Vermögenssteuer“ einzuführen, die diesen Namen auch verdient. Diese „Reichen“ wollen ihren Beitrag leisten für mehr soziale Gerechtigkeit und ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.
Nun kann man als westeuropäischer Mittelstandschrist sagen: „Naja, wenn man 50 Milliarden hat, davon 25 Milliarden abzugeben, das ist nicht wirklich ein ‚Opfer’!“ Und vermutlich rechnet es sich für Bill Gates und Co. steuerlich auch noch ganz gut. Und eine gute Presse bringen solche Ankündigungen allemal, was wiederum den Umsatz steigert.
Man kann aber auch hingehen und sich fragen: Was könnte denn
mein Beitrag sein für ein Mehr an Ausgleich und Gerechtigkeit? „Euer Überfluss diene ihrem Mangel“, schreibt Paulus im 2. Korintherbrief im Zusammenhang mit einer Kollekte, die die verhältnismäßig reichen heidenchristlichen Gemeinden in Kleinasien für die arme Urgemeinde in Jerusalem zusammenlegen sollen. „Euer Überfluss diene ihrem Mangel, damit danach auch ihr Überfluss eurem Mangel abhelfe und so ein Ausgleich geschehe.“ (2. Korinther 8,14)
Ausgleich. Gerechtigkeit. Vielleicht sind „Gnadenjahr-Menschen“ Menschen, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür einsetzen und stark machen.
Hear the spirit – Höre, was der Geist Gottes dir sagt, wenn du deine eigenen Lebensöglichkeiten mit denen anderer vergleichst: mit solchen, denen es besser und mit solchen, denen es schlechter geht als dir.

Ein drittes Beispiel:
Da fliegen 4.000 Menschen um die halbe Welt, um sich in Honolulu zu einem baptistischen Weltkongress zu treffen. Sie diskutieren dabei unter anderem die Verantwortung, die wir als Christen angesichts des von Menschen verursachten Klimawandels für die Bewahrung der guten Schöpfung Gottes haben.
Wie wäre es, wenn von diesen 4.000 Menschen alle, die es sich leisten können, einen CO2-Ausgleich für die von ihnen zurückgelegten Flugkilometer bezahlt und in ein Klimaprojekt investiert hätten: Hätten sie dadurch nicht mehr als durch Vorträge und Diskussionen deutlich machen können, was es heißt, als „Gnadenjahr-Menschen“ Gottes unterwegs zu sein?
Hear the spirit – Höre, was der Geist Gottes dir sagt, wenn du in deinem ganz normalen Alltag unterwegs bist, wenn du die tausend kleinen Entscheidungen triffst, die du jeden Tag zu treffen hast. Vielleicht ist genau das der Ort, an dem Gottes Geist durch dich die Welt verändern will.

Jesus spricht: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe ... Heute hat sich dieses Schriftwort, das ihr eben gehört hat, erfüllt.“
Ich weiß nicht, ob man das so einfach machen kann, aber ich stelle mir vor, dass Jesus heute morgen hier vor uns steht und durch seinen Geist zu uns spricht und uns einlädt nun auch als „Gnadenjahr-Menschen“ zu leben. Vielleicht sagt er:
„Der Geist des Herrn ruht auch auf dir. Er hat auch dich gesandt, damit du den Armen eine gute Nachricht bringst; damit du den Gefangenen die Entlassung verkündest und den Blinden das Augenlicht; damit du die Zerschlagenen in Freiheit setzt und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufst. Heute will sich dieses Schriftwort, das ihr eben gehört habt, auch durch euch erfüllen. Darum geht in meinem Namen und in der Kraft des Geistes und lebt als ‚Gnadenjahr-Menschen’ die anbrechende Gottesherrschaft in dieser Welt!“

Amen

(c) Volkmar Hamp