Ich bin das Licht der Welt (Johannes 8,12)


Theaterstück: Es kommt darauf an (Willow)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

Das war ein kleines Theaterstück, das auf humorvolle Weise die Vorstellungen mancher Leute, wie das Leben eines Christen aussieht, auf die Schippe nimmt: Christen dürfen nicht fernsehen, tragen immer schwarz, mähen mittwochs nicht den Rasen und beten vor jedem Kaugummi, das sie in den Mund nehmen. Sie gehen nicht ins Kino oder wenn, dann schauen sie „Bambi“ und nicht „Batman“.
Das sind natürlich Klischees. Dieses Wort kommt aus dem Französischen und stammt ursprünglich aus dem Druckereihandwerk. Dort bezeichnet es eine aus Metall oder Kunststoff hergestellte Form, mit deren Hilfe ein und dasselbe Motiv in hohen Auflagen wieder und wieder gedruckt werden kann. Im übertragenen Sinne sind Klischees dann „vorgeprägte Wendungen, abgegriffene und durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Bilder, Ausdrucksweisen, Rede- und Denkschemata, die ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden“ (Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1970).
In diesem Sinne spielt das Theaterstück, das wir gerade gesehen haben, mit Klischees. Klischees, die vielleicht tatsächlich immer noch in manchen „nichtchristlichen“ Köpfen existieren. Aber vielleicht ist auch das schon wieder ein Klischee. Jedenfalls können wir als moderne, aufgeklärte „Baptistenkirche Wedding“-Christen über diese Vorstellungen davon, was einen Christen ausmacht und was nicht, nur schmunzeln: Wir entsprechen diesen Klischees ja nicht – und das merkt man auch recht schnell, wenn man uns ein wenig näher kennen lernt.
Aber ist das tatsächlich so? Und macht es sich unser Theaterstück nicht allzu leicht, wenn es mit diesen „falschen Klischees“ aufräumt, indem es ihnen nun ein angeblich „wahres Klischee“ als Kennzeichen christlicher Frömmigkeit entgegengestellt: Christen, das sind „diese Abgedrehten, die jeden Tag in der Bibel lesen und beten“. Macht das nun einen Christen aus?
Seien wir ehrlich: Das ist doch auch ein Klischee! Ich jedenfalls lese nicht jeden Tag in der Bibel. Und ich bete, wenn ich das Bedürfnis danach habe, nicht zu bestimmten, festgelegten Zeiten. Und manchmal auch nicht jeden Tag.
Was also macht unser Christ sein wirklich aus? Wie können wir glaubhaft glauben und als Christen glaubwürdig leben? Auf diese Fragen muss es doch Antworten geben, die mehr sind als Klischees, mehr als abgedroschene Redensarten und sich wiederholende Schablonen!

Ich glaube tatsächlich, dass es solche Antworten gibt. Und wenn wir uns in diesen Wochen hier im Gottesdienst mit den so genannten „Ich bin“-Worten Jesu aus dem Johannesevangelium beschäftigen, dann könnte es sein, dass darin solche Antworten verborgen liegen. Eins dieser Worte finden wir in Johannes 8,12: „Wiederum redete Jesus zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.“ Was macht unser Christ sein aus?

Wie viele Texte des Johannesevangeliums spielt auch dieser Vers mit einem Gegensatz, wenn man so will: mit einem „Klischee“. Von „Licht“ und „Finsternis“ ist da die Rede. Und klar ist: Wer sich an Jesus orientiert, wer ihm nachfolgt, der steht auf der Seite des Lichts und hat das „Licht des Lebens“, und wer dies nicht tut, der „wandelt in der Finsternis“ und hat das „Licht des Lebens“ eben nicht.
Das ist eine ziemlich steile Aussage! Sie setzt ein Weltbild voraus, in dem klar unterschieden werden kann zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse, zwischen der Welt Gottes und der Welt widergöttlicher Mächte.
Und tatsächlich ist das ganze Johannesevangelium geprägt von einem solchen Dualismus: Die Welt, in der wir leben, wird dort verstanden als ein finsterer Ort der Gottesferne. Als Menschen haben wir von uns aus keinen Zugang zum Licht und damit zu Gott. Er selbst muss den Abgrund, der uns von ihm trennt, überbrücken. Er selbst muss die Finsternis, die uns umgibt, durchbrechen. Und er tut dies, indem er Mensch wird, indem er – in seinem Sohn Jesus Christus – als das „Licht“ in diese Welt kommt und uns damit einen Zugang zur Lichtwelt Gottes eröffnet.
Doch die Menschen erkennen Jesus nicht als den, der er ist: als Offenbarer, als Lichtbringer, als Sohn Gottes, der sie aus der Dunkelheit eines Lebens ohne Gott in das Licht eines Lebens mit Gott hinüber retten kann. Sie bringen ihn um, weil sie die Finsternis mehr lieben als das Licht (vgl. Joh 3,19). Und doch können sie ihn nicht vernichten. Gott erweckt ihn von den Toten. Und so scheiden sich seit dem Licht des Ostermorgens die Geister der Menschen an dieser einen Frage: Ist dieser Jesus von Nazareth wirklich der Christus, der Messias, der Sohn Gottes, das Licht der Welt?
Und das ganze Johannesevangelium hat nur diesen einen Zweck: Es ist geschrieben, damit Menschen genau das glauben: dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit sie durch den Glauben das Leben haben (vgl. Joh 20,31).

So weit, so gut: eine kurze Zusammenfassung der Theologie des Johannesevangeliums. Doch kann unser Predigttext, unser „Ich bin“-Wort für den heutigen Sonntag, uns auch heute noch zu diesem Glauben und damit zum Leben helfen? „Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus. Gibt es etwas an diesem Zimmermannssohn aus Nazareth, das einen solchen Anspruch rechtfertigt? Zumindest gibt es Menschen, die Jesus ganz leibhaftig als „Lichtbringer“ erlebt haben. Blinde, die er geheilt hat, zum Beispiel. Menschen, die durch ihn eine neue Sicht auf die Welt oder eine neue Perspektive für ihr Leben bekommen haben. Gleich im auf unser „Ich bin“-Wort folgenden Kapitel des Johannesevangeliums wird eine solche Blindenheilung erzählt, und zwar die Heilung eines blind Geborenen (vgl. Joh 9). Das ist sozusagen die zeichenhafte Bestätigung des Anspruchs Jesu, das Licht der Welt zu sein. Da, wo Jesus hinkommt, sagt diese Geschichte, wird die Finsternis, in der wir als Menschen von Geburt an leben, durchbrochen. Da wird es hell für uns auf dieser Welt. Da bekommt unser Leben eine Wende zum Guten.
Ich glaube, das ist wirklich so: Wer sich mit Jesus beschäftigt, wer sieht, wie er gelebt hat, und hört, was er gesagt hat, der bekommt eine Ahnung davon, wie das aussehen könnte: ein Leben im Licht und eine Welt, in der nicht die Finsternis regiert. Die Bergpredigt (Mt 5-7) könnte so etwas wie die „Grundsatzerklärung“ einer solchen Welt sein, die vom Licht Gottes erfüllt ist. Die Gleichnisse Jesu sind dann Geschichten, in denen das Licht dieser neuen Welt Gottes schon in unsere Gegenwart hinein fällt. Und jede Jesusbegegnung, von der die Evangelien erzählen, ist wie eine Kerze in der Dunkelheit: In ihr scheint etwas auf von dem, wie das Leben sein könnte – und wie es einmal sein wird, wenn Gottes Reich tatsächlich kommt.
Aber sich nur mit Jesus zu beschäftigen, in der Bibel von ihm zu lesen und sich schlaue Gedanken über ihn zu machen, das reicht nicht aus. Das ist wie im dunklen Kinosaal zu sitzen und die über die Leinwand flimmernden Bilder zu betrachten. Die Frage ist doch: Wie werde ich Teil des Films, der da läuft! Wie wird das Licht der Welt zum Licht des Lebens für mich? Die Antwort unseres Bibeltextes ist einfach: durch eine Entscheidung! Nämlich durch die Entscheidung zum Glauben, zur Nachfolge Jesu.

„Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln,
sondern das Licht des Lebens haben.“


Das ist ganz typisch für die meisten der „Ich bin“-Worte Jesu: Sie wollen uns nicht theoretisch darüber belehren, wer Jesus ist, sondern uns ganz praktisch dazu herausfordern, uns auf ihn und auf die durch ihn in dieser Welt offenbar gewordene Wirklichkeit Gottes einzulassen.

„Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ (Joh 6,35)
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,25f)
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ (Joh 15,5a)


Wenn also das „Licht der Welt“ für uns zum „Licht des Lebens“ werden soll, dann geht dies nur durch Glaube und Nachfolge. Die Frage ist nur: Wie kriegen wir das hin, in ganz konkreten Situationen immer wieder zu wissen, was denn nun in dieser oder jener Frage „Nachfolge Jesu“ bedeutet? Zumal wir uns nicht mehr ganz so leicht damit tun, die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Licht und Finsternis einzuteilen. Unser Leben spielt sich doch meist irgendwo in den Grautönen dazwischen ab. Und da sind die Entscheidungen manchmal schwierig.
Ja, das ist wohl so. Und doch glaube ich, dass wir keine wirkliche Alternative haben, als uns immer wieder dieser Herausforderung zu stellen und zu fragen: „Was würde Jesus zu diesem oder jenem sagen? Was würde Jesus in dieser oder jener Situation tun?“ Und vielleicht ist schon diese Frage zu stellen der erste und wichtigste Schritt in der Nachfolge Jesu. Der katholische Priester und Dichter Lothar Zenetti hat dies in einem seiner Texte versucht – nicht ohne selber augenzwinkernd das eine oder andere Klischee aufzugreifen:

Wenn Jesus heute lebte
so wie damals, für alle zu sehen,
und wäre nicht im Gefängnis
oder in einer Anstalt für komische Leute,

vielleicht triebe er aus einem vom Geld Besessenen den Teufel aus,
organisierte Hilfe für Leprakranke
oder stoppte die Fließbänder einer Panzerfabrik.

Vielleicht brächte er die Hörigen dazu, hellhörig zu sein,
teilte Hoffnungen aus an alle Passanten
oder begänne von Freiheit zu singen in den großen Veranstaltungen ...
Wenn Jesus heute lebte
so wie damals, für alle zu sehen,
und wäre nicht im Gefängnis
oder in einer Anstalt für komische Leute,

vielleicht liefe er von Pontius nach Pilatus für einen Drogensüchtigen,
hungerte unter den Hoffnungslosen von Kalkutta
oder ließe sich auslachen für seine Reden von einer anderen Welt ...

Vielleicht fütterte er auch nur die Vögel im Winter,
hörte der ewigen Stimme zu
und öffnete leis’ dir und mir die Augen.


(Lothar Zenetti)


1937 war es Dietrich Bonhoeffer, der den Christen seiner Zeit die Augen öffnen wollte. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung schreibt er ein Buch mit dem Titel „Nachfolge“. Zentraler Hauptteil dieses Buches: eine Auslegung der Bergpredigt. Und hier, in Matthäus 5,14, findet sich eine Aussage Jesu, die unbedingt mitgehört werden muss, wenn wir über dieses „Ich bin“-Wort aus Johannes 8,12 nachdenken. Denn dieses „Ich bin“-Wort wird dort durch ein gleich lautendes „Ihr seid“-Wort ergänzt:

„Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf dem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter: so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,14-16)

Bonhoeffer schreibt dazu: „Derselbe, der von sich ... sagt: Ich bin das Licht, sagt zu seinen Jüngern ...: Ihr seid das Licht ... Weil ihr es denn seid, darum könnt ihr nicht mehr verborgen bleiben, ob ihr es gleich wolltet. Licht scheint, und die Stadt auf dem Berge kann nicht verborgen sein. Sie kann es nicht. Sie ist weithin ins Land sichtbar, sei es nun als feste Stadt oder bewachte Burg, sei es als zerfallene Ruine ... Die Nachfolgenden sind mit all dem nicht mehr vor eine Entscheidung gestellt: die einzige Entscheidung, die es für sie gibt, ist schon gefallen. Nun müssen sie sein, was sie sind, oder sie sind nicht Nachfolger Jesu.
Die Nachfolgenden sind die sichtbare Gemeinde, ihre Nachfolge ist ein sichtbares Tun, durch das sie sich aus der Welt herausheben – oder es ist eben nicht Nachfolge. Und zwar ist die Nachfolge so sichtbar wie Licht in der Nacht, wie ein Berg in der Ebene. Flucht in die Unsichtbarkeit ist Verleugnung des Rufes. Gemeinde Jesu, die unsichtbare Gemeinde sein will, ist keine nachfolgende Gemeinde mehr. ‚Man zündet nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter.’“

Wie sichtbar ist für andere Menschen, dass wir Nachfolger Jesu sind? Gibt es dafür Kriterien?
Ein erstes Kriterium könnte sein, dass wir diese Frage überhaupt stellen! Dass wir Menschen sind, die – auch öffentlich! – fragen: „Was würde Jesus heute sagen? Was würde Jesus heute tun?“ Die nicht meinen, dass sie die Antworten auf diese Fragen immer schon haben, sondern sich gemeinsam mit anderen auf den Weg machen, diese Antworten in einer sich verändernden Welt immer wieder neu zu suchen.
Ein zweites Kriterium ist ganz sicher, wie wir als Nachfolger Jesu miteinander umgehen – hier in unserer Gemeinde und in der Kirche überhaupt. Der Verfasser des 1. Johannesbriefes bringt das in seiner Auslegung von Johannes 8,12 so auf den Punkt: „Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder / seine Schwester, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder / seine Schwester liebt, der bleibt im Licht ...“ (1. Johannes 2,9) Die Liebe ist letztlich das entscheidende Kriterium dafür, dass Menschen uns als Nachfolger Jesu wahrnehmen und ernst nehmen. Und zwar nicht nur die Liebe untereinander – die kriegen wir, glaube ich, noch ganz gut hin –, sondern vor allem die Liebe, die wir der Welt als Schöpfung Gottes und den Menschen, die auf ihr leben, entgegenbringen. Noch einmal der 1. Johannesbrief: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ (1. Johannes 4,16b)

Was macht unser Christ sein aus?
Das war die Einstiegsfrage in diese Predigt. Und wenn wir am Ende bei der Liebe als Antwort auf diese Frage landen, dann ist das entweder das größte Klischee von allen – oder es ist der Schlüssel zu allem. Entscheidet selbst.

(c) Volkmar Hamp