"Warum glauben?"
Römer 11,33-36


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

vor einigen Wochen wurden wir hier im Gottesdienst zu Beginn einer Predigt gefragt: „Warum seid ihr eigentlich hier?“ Warum besucht ihr Sonntag für Sonntag oder doch wenigstens ab und zu oder doch zumindest heute morgen einen Gottesdienst?
Man könnte an einem Morgen wie diesem doch so viele andere schöne Sachen machen: nach einem langen, erfolgreichen European Song Contest ausschlafen, mit Freunden frühstücken, mit den Kindern in den Zoo gehen. Warum verbringt ihr euren Sonntagvormittag hier in der Baptistenkirche Wedding im Gottesdienst?
Eine Antwort auf diese Frage könnte sein: Na, weil wir Christen sind! Und für Christen gehört es sich nun mal, einmal in der Woche in die Kirche zu gehen. Das gehört einfach dazu.
Einem penetranten Nachbohrer (oder einem 5jährigen Kind) würde eine solche Antwort wohl nicht reichen: „Warum denn?“ würden sie weiterfragen. „Wieso gehört das dazu? Kann man denn nicht auch ein guter Christ sein, ohne sonntags in die Kirche zu gehen? Und wieso seid ihr eigentlich Christen? Kann man nicht an Gott glauben, ohne sich deshalb gleich diesem Jesus von Nazareth zugehörig zu fühlen? Und um es auf die Spitze treiben: Warum glaubt ihr eigentlich an Gott? Kann man nicht auch ohne Gott ein sinnvolles, ein erfülltes, ein gutes Leben führen?“
Um diese Fragen soll es heute gehen.

- Warum glauben?
- Warum an den Gott der Bibel glauben?
- Warum an Jesus Christus glauben?
- Warum miteinander Gottesdienst feiern und Gemeinde gestalten?

Ich werde diese Fragen nicht erschöpfend beantworten. Das vorweg, damit keine falschen Erwartungen aufkommen. Und ich werde mich den ersten beiden Fragen – Warum glauben? Warum an den Gott der Bibel glauben? – ausführlicher widmen, als den beiden letzten, weil das vom Predigttext für den heutigen Sonntag nahe liegt. Obwohl dieser Text auf den ersten Blick nicht unbedingt Antworten auf diese Fragen enthält, sondern sie eher noch verschärft.
Es ist ein Text – eigentlich ein Lied, ein Gedicht – aus dem Römerbrief des Apostel Paulus. Er findet sich dort am Ende des 11. Kapitels und bildet damit die „Nahtstelle“ zwischen dem theoretisch-theologischen ersten Teil dieses Briefes und dem praktisch-ethischen zweiten Teil in den Kapiteln 12-16.
Das ist wichtig! Es könnte nämlich ein Hinweis darauf sein, dass der Übergang von der Theologie zur Ethik, vom Nachdenken über Gott zum Leben nach Gottes Maßstäben, vom Glauben zum Handeln, zum Gottesdienst feiern zum Gemeinde gestalten über die Poesie, über das Lob und die Anbetung Gottes führt.

Ich lese also aus Römer 11 die Verse 33-36:

O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unergründlich sind seine Entscheidungen,
wie unerforschlich seine Wege!

Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt?
Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?
Wer hat ihm etwas gegeben, so dass Gott ihm etwas zurückgeben müsste?

Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.



1. Warum glauben?

Wie gesagt: Auf den ersten Blick sind das keine Antworten auf die Frage, warum man denn nun an Gott glauben und sonntags in den Gottesdienst gehen sollte. Im Gegenteil: von der Unergründlichkeit und Unerforschlichkeit Gottes ist hier die Rede. Davon, dass niemand seine Gedanken erkennen, sein Handeln in Frage stellen oder einen Anspruch auf seine Zuwendung anmelden kann.
Und dann wird’s auch noch esoterisch: „Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge“, so die Übersetzung Martin Luthers – ein Satz, den Paulus bei den griechischen Philosophen seiner Zeit gelernt hat. Nur dass solche Sätze bei denen in einem ganz anderen Kontext standen. Etwa in den „Selbstgesprächen“ des Mark Aurel (2. Jhdt. n. Chr.):

„Alles, was dir harmonisch ist, o Welt, das ist es auch mir.
Nichts kommt mir zu früh oder zu spät, was dir zeitgemäß erscheint.
Alles, was deine Jahrläufe bringen, ist mir Frucht, o Natur:
Aus dir kommt alles, in dir ist alles, zu dir geht alles.“ (Selbstgespräche 4,23)


Habt ihr den Unterschied bemerkt? In der griechisch-römischen Philosophie der Antike wird die Natur verherrlicht. Die Grenze zwischen Gott und seiner Schöpfung verschwimmt.
Die Welt, das Universum, der Kosmos wird selbst zum Gott erklärt, in dem „alles eins“ und miteinander verbunden ist (Heraklit, Xenophanes).
Religionswissenschaftler nennen das „Pantheismus“: Alles ist Gott und Gott ist eben die Gesamtheit aller Dinge. Griechische Philosophie und manche Spielarten moderner Esoterik finden in diesem Gedanken zusammen.
Die Theologen, die „Gott-Denker“ des Urchristentums sehen das anders. Sie können zwar, wie auch Paulus das tut, alle möglichen philosophischen Gedanken über Gott aus der griechischen Philosophie übernehmen. Da haben sie überhaupt keine Berührungsängste!
Sie sagen zum Beispiel, dass das All aus Gott, durch Gott, um Gottes willen (Hebräer 2,10), auf Gott hin, sogar dass es in Gott sei (Apostelgeschichte 17,28).
Aber die zentrale Aussage der griechischen Philosophen, dass Gott das All und dass das All selbst Gott ist, die übernehmen sie nicht!
Gott bleibt für sie immer der „ganz andere“. Er steht seiner Schöpfung als ihr Schöpfer gegenüber. Gott geht nicht auf in dem, was ist, sondern über alles, was ist, hinaus. Und alles, was ist, weist über sich selbst hinaus auf den, dem es sich verdankt. Dass Gott einmal „alles in allem“ sein wird, wie Paulus in einem anderen seiner Briefe schreibt (1. Korinther 15,28), ist nicht eine Beschreibung der Welt, in der wir leben, sondern Zukunftsmusik: ein Lied über die Welt, die einmal sein wird, wenn Gott seine Herrschaft endgültig aufrichtet.
Die Welt, in der wir leben, ist also noch nicht fertig. Sie wartet – genau wie wir – auf Erlösung, auf Vollendung, auf die „Herrlichkeit in Ewigkeit“, die – bis es so weit ist – nur Gott zukommt. Darum schreibt Paulus ein paar Kapitel zuvor in Römer 8,21, dass auch die Schöpfung befreit werden soll aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Ist das nun eine Antwort auf die Frage, warum es Sinn machen könnte an Gott zu glauben?
Ich finde, ja! Ja, das ist eine Antwort auf diese Frage. Denn es bewahrt mich, es bewahrt uns davor, die Welt, in der wir leben, zu vergöttlichen, von der Entwicklung, die sie nimmt, von der Evolution, vom Wachstum, vom natürlichen Lauf der Dinge das Heil zu erwarten.
Diese Welt ist nicht göttlich. Sie ist nicht perfekt. Sie ist nicht immer gut und freundlich zu uns. Nicht alles, was die Jahrläufe bringen, ist uns Frucht. Da ist auch viel Unvollkommenes, viel Leid, vieles, an dem wir zerbrechen können.
Und das gilt nicht nur für von Menschen verursachte Katastrophen wie die Ölpest im Golf von Mexiko. Das gilt auch für natürliche Katastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche. Und es gilt für persönliche Katastrophen in unserem Leben, für die niemand etwas kann, und die doch hereinbrechen können über uns.
Dann haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir werden fatalistisch, ergeben uns in unser Schicksal und leben einfach damit, dass die Welt nun mal so ist, wie sie ist.
Oder wir halten daran fest, dass unsere Welt eben noch nicht fertig ist, dass sie noch nicht „der Weisheit letzter Schluss“, sondern vorläufig und unvollkommen, aber auf eine endgültige und vollkommene Zukunft hin angelegt ist.
Die erste Haltung beschreibt der Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze in einem seiner Lieder so:

Das Leben ist nicht grausam, das Leben ist nicht zart.
Das Leben ist gedankenlos, reine Gegenwart.
Es lässt dich nicht gewinnen, es lässt dich nicht im Stich.
Es lässt den Dingen ihren Lauf, denn es meint nicht dich.
Du kannst daran zerbrechen, du kannst es überstehn.
Am Besten ist, du lässt es einfach nur geschehn.


So kann man natürlich leben. So kann man das Leben auch irgendwie überstehen. Aber willst du das? Willst du so leben? Willst du dein Leben einfach nur irgendwie über dich ergehen lassen? Oder möchtest du, dass dein Leben „Sinn“ macht? Dass es sich einfügt in einen „Masterplan“ für diese Schöpfung, von dem du ein Teil bist?
Das nämlich ist das Geschenk, das uns der Glaube an Gott macht: uns und unser kleines Leben – mit seinen Höhepunkten und seinen Katastrophen – eingebunden zu wissen in die guten Gedanken Gottes für seine Schöpfung. Nicht alles vom Hier und Jetzt erwarten zu müssen, sondern auf ein Dann und Dort, auf die Zukunft Gottes, vertrauen zu dürfen.
Spätestens hier kommen aber die Religionskritiker und sagen: Genau das macht uns den Glauben so suspekt! Hier wird doch nur der Traum von einer heilen Welt in die Zukunft projiziert, weil wir sonst das Leben in dieser Welt, wie sie nun einmal ist, nicht ertragen könnten.
Kann es sein, dass Gott, dass Glaube und Religion nur Wunschvorstellungen sind? Erfindungen des Menschen, die zwar der Seelenhygiene dienen, aber keinen Anhalt an der Realität haben? Projektionen, die Menschen helfen, das Leben zu ertragen, die aber auch dazu missbraucht werden, um sie auf ein Jenseits zu vertrösten, damit die Verhältnisse im Diesseits so bleiben können wie sie sind?
Ja, das könnte sein. Und: Ja, Gott, Glaube und Religion können auf diese Weise missbraucht werden. Aber das heißt noch lange nicht, dass das so sein muss!
Und damit bin ich bei der Antwort auf die zweite Frage vom Anfang:


2. Warum an den Gott der Bibel glauben?

Weil hier die Religionskritik selbst schon Teil des Glaubens und damit – im doppelten Sinne des Wortes – in ihm „aufgehoben“ ist! Gott, wie ihn uns der Apostel Paulus in Römer 11 vorstellt, ist eben kein verfügbarer, kein handhabbarer Gott, der sich vor unseren Karren spannen und für unsere Ziele missbrauchen lässt – so gern wir das auch manchmal hätten! Alle Versuche, das zu tun, sind zum Scheitern verurteilt.
Darum preist Paulus in unserem Text nicht den Reichtum, die Weisheit und Erkenntnis Gottes – als wüsste er, was das ist, und hätte selber Anteil daran. Nein. Er preist die Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Und er meint damit eine abgründige, unauslotbare, niemals bis auf den Grund zu durchschauende Tiefe.
Gott ist Gott, gerade weil seine Entscheidungen unergründlich und seine Wege unerforschlich sind!
Der Theologe Karl Barth hat das in seinem berühmten Römerbriefkommentar so auf den Punkt gebracht: „Die ‚Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes’ ist durchaus seine Unerforschlichkeit ... ‚Vernünftig geschaut’ wird in den Werken Gottes seine Unanschaulichkeit. Gott erkennen heißt anbetend stillstehen vor ihm selber, der in einem Lichte wohnt, da niemand zu kann. Immer wieder gerade vor der verborgenen Tiefe seines Reichtums, seiner Möglichkeit, seines Lebens, seiner Herrlichkeit! Immer wieder gerade vor der verborgenen Tiefe seiner Weisheit, seiner Gedanken, seiner Gerichte und Wege, seines Ganges von hier nach dort! Immer wieder gerade vor der verborgenen Tiefe der Erkenntnis, mit der er uns erkennt, bevor wir ihn erkennen, mit der er uns nicht loslässt, die wir immer ohne ihn sind!“ (Barth, Der Römerbrief, 1921, S. 408-409)
Gott ist Gott, gerade weil er unergründlich und unerforschlich ist!
Damit ist die Grenze jeder Theologie, jedes Nachdenkens über Gott markiert: Was immer wir glauben, von Gott begriffen zu haben – Gott ist immer anders und immer mehr als wir von ihm verstehen und begreifen können. Darum ist jede Theologie, jedes Nachdenken über Gott, vorläufig und unabgeschlossen. Und wann immer dir ein geschlossenes theologisches System begegnet, das alle deine Fragen beantwortet und alle deine Zweifel beseitigt, kannst du getrost davon ausgehen, dass es nicht der Wirklichkeit Gottes gerecht wird.
Damit ist aber auch die Grenze aller Religionskritik markiert: Was immer wir meinen, gegen Gott vorbringen zu müssen – Gott ist auch immer anders und immer mehr als wir an ihm kritisieren können. Die Kritik an der Religion ist immer nur eine Kritik an unserem Verständnis von Gott, an unseren Gottesbildern – und damit unverzichtbarer Bestandteil jeder guten Theologie, jedes Nachdenkens über Gott. Aber sie berührt nicht das Geheimnis Gottes selbst in seiner unauslotbaren Tiefe. Eben weil diese „Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ unauslotbar ist – für die Theologie genauso wie für die Religionskritik.
Wann immer du also an einen Punkt kommst, an dem du glaubst, Gott endlich begriffen zu haben, oder mit ihm fertig zu sein: Du kannst getrost davon ausgehen: Dann geht es erst richtig los! Dann wird es erst richtig spannend!


3. Warum an Jesus Christus glauben?

Damit bin ich bei der dritten Frage: Warum an Jesus Christus glauben? Von Jesus ist in unserem Text ja überhaupt nicht die Rede! Es geht immer nur um Gott, um seinen Reichtum, seine Weisheit, seine Erkenntnis. Diese drei Dinge werden hier von Paulus genannt. Und zu jedem dieser Worte aus der ersten Strophe seines Gedichts gehört eine Frage aus der zweiten.

Von der „Erkenntnis Gottes“ ist da die Rede. Und damit ist nicht unsere Erkenntnis über Gott gemeint, sondern Gottes Erkenntnis über uns und diese Welt.
Und die Frage dazu lautet: „Wer hat die Gedanken des Herrn erkannt?“
Die Antwort ist klar: Niemand! Niemand außer Gott selbst kann seine Gedanken durchschauen.
Wenn das wirklich so wäre, dann müsste an dieser Stelle alles Nachdenken über Gott und seine Gedanken über uns und diese Welt aufhören. Darum bin ich froh, dass es Jesus gibt, von dem wir als Christen glauben, dass er uns ein Fenster in die Gedankenwelt Gottes aufgestoßen hat. Wenn du also wissen willst, wie Gott über dich und diese Welt denkt, dann tust du gut daran, den Gedanken Jesu nachzudenken. Was die Propheten vor ihm angedeutet haben, bringt er auf den Punkt: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29,11)

Von der „Weisheit Gottes“ spricht Paulus.
Und die Frage dazu lautet: „Wer ist sein Ratgeber gewesen?“
Und wieder ist die Antwort: Niemand!
Doch auch hier gibt es eine Ausnahme: In der Weisheitsliteratur des Alten Testaments ist es die Weisheit Gottes selbst, die ihm als „Ratgeberin in allem Guten“ zur Seite steht (Weisheit 8,9). Sie wird geradezu personifiziert als jene „die mit ihm war in allen seinen Werken und dabei war, als er die Welt erschuf, die weiß, was wohlgefällig ist in seinen Augen, und was recht ist in seinen Geboten“ (Weisheit 9,9).
Im Neuen Testament nimmt nun Jesus die Stelle der „Weisheit Gottes“ ein: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare.“ (Kolosser 1,15-16a)
Wenn du also wenigstens eine kleine Ahnung von der Weisheit Gottes bekommen möchtest, von dem, was in den Augen Gottes gut und richtig und Leben fördernd ist, dann solltest du hören, was Jesus über Gott zu sagen hat: dass er ein liebender Vater ist, der auf seine verlorenen Söhne und Töchter wartet, zum Beispiel. Mehr brauchst du nicht zu wissen über Gott.

Vom „Reichtum Gottes“ spricht Paulus.
Und die Frage dazu lautet: „Wer hat ihm etwas gegeben, so dass Gott ihm etwas zurückgeben müsste?“
Und wieder ist die Antwort: Niemand! Das ist die Tiefe des Reichtums Gottes, dass er nicht – wie wir – erst etwas empfangen muss, um etwas geben zu können, und dass sein Geben „reines Schenken ohne jede Vorbedingung ist“ (Ulrich Wilckens).
Und genau das ist auch die Botschaft Jesu, sein Evangelium, die gute Nachricht, die er uns im Namen Gottes ausrichtet: dass wir uns die Zuwendung seines und unseres Vaters im Himmel nicht erst verdienen müssen, indem wir es ihm recht machen, sondern dass er uns gerecht spricht, indem er sich uns in Jesus Christus zuwendet.

4. Warum miteinander Gottesdienst feiern und Gemeinde gestalten?

Damit bin ich bei der vierten und letzten Frage: Warum miteinander Gottesdienst feiern und Gemeinde gestalten?
Ganz einfach: weil die Nachricht, dass Gott uns liebt und für uns da ist, dass er sich uns – trotz all seiner Unerforschlichkeit und Unergründlichkeit – in Jesus Christus offenbart und zugewandt hat, eine so unglaubliche wie unglaublich wichtige Nachricht ist!
Gott meint es gut mit dir und du bist – wie der Rest der Schöpfung – aus ihm und durch ihn und auf ihn hin geschaffen.
Das ist ein Grund zum Feiern.
Darum feiern wir Gottesdienst.
Und das ist etwas, das nicht nur uns, sondern alle Menschen betrifft und angeht.
Darum gestalten wir miteinander Gemeinde. Hier in dieser Stadt. Hier im Wedding. Damit Menschen erfahren und erleben: Sie sind Geschöpfe Gottes. Sie sind seine geliebten Kinder, die Zukunft und Hoffnung haben sollen.

Ich weiß, dass damit nicht alle Rätsel dieses Bibeltextes geklärt und dass auch die Fragen vom Anfang nicht erschöpfend beantwortet sind. Darum möchte ich euch mit einem Text von Rainer Maria Rilke einladen, die offen gebliebenen Fragen, die dieser Predigttext in euch zurücklässt, auszuhalten und zu leben. Dieser Text heißt „Über die Geduld“:

„Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären ...
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit ...
Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“


Gott ist und bleibt eben ein Geheimnis.
Amen.

Lied: Gott ist ein Geheimnis

(c) Volkmar Hamp