Was Glaube ist
(Hebräer 11,1)



Liebe Geschwister, liebe Kinder, liebe Erwachsene,

ich habe lange überlegt, worüber und wie ich hier heute so predigen kann, dass ihr alle was davon habt, dass niemand sich langweilt und dass etwas Gutes von Gott her zu euch rüber kommt. Und mit Afrika, Kamerun und der Mädchenschule Saara Tabitha sollte das Ganze auch noch was zu tun haben. Schließlich bin ich beim Monatsspruch für den Wonnemonat Mai gelandet. Schließlich war gestern der 1. dieses Monats. Vielleicht hat der eine oder die andere von euch diesen Bibelvers in diesen Tagen schon gehört oder gelesen. Er steht im Hebräerbrief, Kapitel 11, Vers 1, und heißt (in der Übersetzung Martin Luthers):

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“


Dazu zunächst einmal eine Frage, die – auf den ersten Blick zumindest – überhaupt nichts mit diesem Bibelvers zu tun hat: Kennt ihr Duplo?

(Antworten abwarten)

Nein, ich meine nicht die großen Lego-Bausteine für Vorschulkinder, sondern den Schokoriegel. Und für alle, die den nicht kennen, hab ich mal ein paar mitgebracht. Für die, die ihn kennen, natürlich auch!

(Duplo verteilen)

Das also ist Duplo. Ich mag diesen Schokoriegel gern. Und was sonst im Gottesdienst eher nicht erlaubt ist – während der Predigt zu essen nämlich –, das dürft ihr heute gerne mal ganz ungeniert tun: ein Duplo probieren!
Und dann hab ich gleich noch eine zweite Frage, die scheinbar nichts mit unserem Bibelvers zu tun hat.
(Wie war der noch mal? „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ )
Also: Meine zweite Frage, die scheinbar nichts mit diesem Bibelvers zu tun hat, ist folgende: Wer von euch kennt denn den Duplo-Werbespruch, mit dem die Werbung uns gerade diesen Schokoriegel besonders schmackhaft machen will?

(Antwort: „Für die einen ist es ein Schokoriegel – für die anderen die längste Praline der Welt!“)

Richtig! Was wie ein einfacher Pausensnack aussieht, erweist sich – so das Versprechen der Werbespots – beim Reinbeißen als unerwarteter Hochgenuss! Und vielleicht ist euch das beim Probieren ja tatsächlich so gegangen: „Ah, Duplo! Nicht einfach nur ein Schokoriegel! Nein, ein Pralinée, eine Praline, ein Hochgenuss!“
Und jetzt verrate ich euch, was das mit Hebräer 11,1, dem Monatsspruch für den Frühlingsmonat Mai, zu tun hat: Ihr erinnert euch noch? „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Was sich zunächst einmal anhört wie eine trockene Definition aus einem theologischen Begriffslexikon, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als einer der großartigsten und herausforderndsten Sätze über den Glauben, den die Bibel zu bieten hat. Was auf den ersten Blick wie ein biblischer Schokoriegel aussieht, erweist sich als ausgesprochen schmackhafte Bibelspruch-Praline. Darum ist dieser Vers für mich einer der „Duplo-Verse“ der Bibel!

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“


Glaube ist also nicht das „Für wahr halten“ von Lehrsätzen und Wahrheiten über Gott und den Glauben. Glaube ist das „Sich selbst bereithalten“ für die Zukunft Gottes. Und er ist die Fähigkeit, jetzt schon so zu leben, als habe diese Zukunft bereits begonnen.

Ein Beispiel:
Man kann auf sehr unterschiedliche Weise sagen „Ich glaube, dass morgen die Sonne scheint!“ Das kann heißen: „Ich hoffe mal, dass das Wetter schön wird!“ Oder: „Ich gehe mal stark davon aus, dass dem so ist!“ Oder: „Ich vermute mal, wenn ich die Anzeichen richtig deute, dass es vielleicht morgen nicht regnen wird.“
Wirklicher Glaube – im biblischen Sinne – ist das nur, wenn ich dann am Morgen tatsächlich aufstehe und aus dem Haus gehe, ohne eine Jacke und einen Regenschirm mitzunehmen – selbst wenn der Himmel noch voller dunkler Wolken ist.
Glaube – das sind keine Glaubenswahrheiten, keine Sätze über Gott und den Glauben. Glaube – das ist eine Haltung, eine Einstellung zu Gott und zum Leben, die von Vertrauen und Zuversicht geprägt sind: Gott meint es gut mit mir. Was auf mich zukommt, wird am Ende gut sein – egal, wie „un-glaublich“ mir das hier und heute noch vorkommt.

Nun sind „Feste Zuversicht“ und „Nichtzweifeln“ in diesem Zusammenhang große Worte. Was ist denn, wenn meine Zuversicht eher zerbrechlich ist und mir das Nichtzweifeln nicht so recht gelingen will? Ist dann mein Glaube nichts wert?
Wäre unser Monatsspruch eine Lexikon-Definition, dann könnte man das so verstehen. Dann macht das Druck. Dann muss ich das schaffen, so zu glauben. Und wenn mir das nicht gelingt: selbst schuld!
Liest man die Kapitel 11 und 12 des Hebräerbriefes, die dieser Vers einleitet, dann spürt man, dass es so nicht gemeint sein kann.
Von den großen „Glaubenshelden“ und „Glaubensheldinnen“ des Alten Testaments ist da die Rede. Und die waren allesamt keineswegs perfekt und fehlerlos. Noah, ein Archenbauer und Trunkenbold! Abraham, Vater des Glaubens, aber kein wirklich guter Vater für seine Kinder! Rebekka, eine Mutter mit Lieblingskind! Jakob, ein vom Neid auf seinen Bruder zerfressener Lügner! Josef, ein Angeber! Mose, ein Mörder und Feigling! Wie gut, dass die Glaubenshelden und -heldinnen der Bibel keine perfekten Helden und Heldinnen sind – in ihrem Glauben genauso wenig wie in ihrem Leben!
Und gut, dass da im Hebräerbrief von noch jemandem gesprochen wird: von Jesus, „dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2). Der nämlich war sich nicht zu schade, sich mit Zweiflern wie Thomas und Versagern wie Petrus abzugeben (vgl. Joh 20,24-31 und Joh 21,15-19). Und mit Leuten wie dir und mir!
Es kommt also nicht auf die Größe unseres Glaubens oder die Stärke unserer Hoffnung an. Aber worauf dann? Entscheidend ist etwas ganz anderes, auch wenn das Wort selbst in Hebräer 11,1 nicht fällt. Dafür fällt es in einem anderen „Duplo-Vers“ der Bibel, in 1. Korinther 13,13:

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“


Wichtiger als Glaube und Hoffnung ist also die Liebe! Erst Liebe macht den Glauben sicher und gibt der Hoffnung Grund. Vielleicht können nur Liebende wirklich glauben und hoffen.

Letzte Woche las ich eine poetische Auslegung von Hebräer 11,1, die ich sehr schön und sehr treffend fand:

„Menschen, die hoffen, hören die Musik der Zukunft.
Menschen, die glauben, tanzen schon in der Gegenwart danach.“


Und das – davon bin ich überzeugt – kann nur, wer liebt. Sich selbst, andere Menschen und Gott. Darum geht es! Nicht darum, wie groß unser Glaube und wie stark unsere Hoffnung ist, sondern ob wir – als Liebende – jetzt schon nach der Musik der Zukunft tanzen können.

Und das ist auch die Verbindung, die dieser Bibeltext zu Afrika, zu Kamerun und zur Mädchenschule Saare Tabitha hat: Da gab es vor vielen Jahren Menschen, die haben die Musik der Zukunft gehört! Die hatten einen Traum davon, dass eines Tages junge Frauen in Nordkamerun, die sonst kaum eine Chance gehabt hätten, etwas aus ihrem Leben zu machen, eine Schule besuchen, ein Handwerk lernen und sich so ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Und dann haben sie angefangen, nach dieser Zukunftsmusik zu tanzen: Geld zusammen zu bringen für diesen Traum. Menschen zu motivieren, sich dafür einzusetzen. Eine Direktorin zu finden, die ihren Traum mitträumt. Und sie haben dies getan, weil ihnen die Mädchen und jungen Frauen in Nordkamerun nicht egal waren, weil sie sie lieb hatten und ihnen etwas Gutes tun wollten.

So wird aus einem Schokoriegel eine Praline: Menschen, die lieben und hoffen, hören die Musik der Zukunft. Und dann fangen sie an, schon in der Gegenwart danach zu tanzen.

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“


Ich wünsche euch, als einzelne und als Gemeinde, dass dieser Vers für euch von einem Schokoriegel zur längsten Praline der Welt wird!

Amen.

(c) Volkmar Hamp