Alles wird gut!
(1. Petrus 1,3-9)



Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus 1. Petrus 1,3-9 in der Übersetzung Martin Luthers:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.



Liebe Gemeinde,

Im Kirchenjahr haben die meisten Sonntage einen eigenen Namen. Viele dieser Namen entstammen den Anfangsworten der Bibeltexte, die man früher an diesen Sonntagen beim Einzug in die Kirche gesungen hat.
Quasimodogeniti heißt der heutige Sonntag: „Wie die neugeborenen Kinder“.
Dieser Name spielt an auf einen Vers aus dem 1. Petrusbrief, aus dem auch unser Predigttext stammt, auf 1. Petrus 2,2: „Wie die neugeborenen Kinder verlangt nach der geistlichen unverfälschten Milch, damit ihr durch sie zum Heil heranwachst.“
Am Sonntag nach Ostern erinnert dieser Name an den durch die Auferweckung Jesu von den Toten erst möglich gewordenen Beginn eines neuen Lebens in Christus. Die Gläubigen, insbesondere die neu Getauften – denn Ostern war in der alten Kirche auch der Tag der Taufe –, wir Christen also sollen uns eine Woche nach Ostern „wie neugeborene Kinder” fühlen dürfen, die ihrem Heil entgegen wachsen.
Warum? Weil durch die Auferstehung Jesu der Tod besiegt und damit unsere „Wiedergeburt“ zu einem neuen Leben in Christus möglich wurde.
Damit setzt auch unser Predigttext ein. Ein Text, der unglaublich dicht ist, sprachlich ausgefeilt bis ins letzte Detail. Im Griechischen sind diese sieben Verse nur ein einziger, langer Satz! Da verliert man leicht den Überblick, den „roten Faden“. Und doch hat unser Text eigentlich eine ganz einfache und schlichte Botschaft. Und diese Botschaft lautet:
Alles wird gut!

Alles wird gut? Manchmal traue ich mich kaum, das zu denken, geschweige denn, es zu auszusprechen. Weil es mir oft selber schwer fällt, das zu glauben. Aber der Verfasser des ersten Petrusbriefes mutet mir, mutet uns diesen Satz zu: Alles wird gut!
Das ist eure Hoffnung. Darüber und darauf könnt ihr euch freuen – trotz allem, was scheinbar noch dagegen spricht!
Und es spricht viel dagegen!
Wir hatten gestern hier in Bremen eine Schulung zum Thema Kindeswohlgefährdung. Seit etwa zwei Jahren beschäftigen wir uns im Gemeindejugendwerk unseres Bundes mit diesem Thema. Das Motto unserer Kindesschutz-Kampagne heißt: „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“. Und in den letzten Wochen haben die Nachrichten über massenhaften Missbrauch und Gewalt an Kindern und Jugendlichen – gerade auch in kirchlichen Einrichtungen – einmal mehr gezeigt, wie wichtig dieses Thema ist.
Es ist eben nicht alles gut! Nicht in unserer Gesellschaft und nicht in unseren Kirchen und Gemeinden. Auch nicht in meinem persönlichen Leben. Da ist vieles, was nicht oder noch nicht gut ist. Und ich gehe davon aus, dass den meisten von euch das nicht anders geht.
Unser Predigttext ignoriert das nicht. Im Gegenteil: Dem Verfasser des ersten Petrusbriefes ist das sehr bewusst. Schließlich schreibt er gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus seinen Brief als eine Art „Rundschreiben“ an Gemeinden in Kleinasien, um diesen genau das klar zu machen: dass eben nicht alles gut ist. Auch nicht, wenn man Christ geworden ist und getauft wurde. Denn dadurch hat die Welt, in der wir leben, sich nicht verändert!
Und für die Christen der ersten Jahrhunderte wurde das Leben durch ihr Christ sein in aller Regel eher schwieriger als leichter! Sie standen als Christen am Rande der Gesellschaft. Sie grenzten sich ab vom Kaiserkult und von der Verehrung anderer Götter – und wurden darum nun ihrerseits ausgegrenzt, diskriminiert, bisweilen sogar verfolgt. Und solchen Leuten macht der Verfasser des ersten Petrusbriefes nun klar, dass diese Schwierigkeiten, die sie aufgrund ihres Glaubens erleben, nichts Irritierendes, nichts Anstößiges und Außergewöhnliches sind, sondern das Erwartbare, das Normale. Eher die Regel, als die Ausnahme.
Wie man unter solchen Bedingungen – in dem Wissen und mit der Erfahrung, dass eben nicht alles gut ist im Leben, auch nicht, wenn man Christ ist! –, trotzdem glauben und hoffen und lieben und sich freuen kann, das ist das Thema des ersten Petrusbriefes und unseres Predigttextes. Schauen wir also genauer hin!
Von Wiedergeburt ist da die Rede, wörtlich: von einer „neuen Zeugung“ durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!
Damit wird die Osterbotschaft erinnert. Mit Ostern kommt etwas so unsagbar Neues in die Welt, dass alle, die von dieser Botschaft berührt werden, die daran glauben, die darauf vertrauen und ihr Leben daran ausrichten, tatsächlich wie „neu geboren“ sind.
Ostern, das ist der Protest Gottes gegen die Herrschaft des Bösen und des Todes in dieser Welt! Ostern, das ist die definitive und unwiderrufliche Bestätigung der Botschaft Jesu vom Reich Gottes! Indem Gott Jesus von den Toten auferweckt, macht er unmissverständlich klar: Ich will nicht den Tod, ich will das Leben! Ich stehe nicht auf der Seite der Täter, sondern auf der Seite der Opfer! Was am Ende den Sieg davon trägt, werden nicht Gewalt und Leid und Tod und Vernichtung sein, sondern Heil und Leben: ein neuer Himmel und eine neue Erde, eine neue Welt, als deren Erstgeborener der auferstandene Christus vor euch steht.
Zu diesem Osterglauben zu finden, ihn von Gott geschenkt zu bekommen, das ist in der Tat ein absoluter Neuanfang, eine „neue Zeugung“. Wiedergeburt nicht als ewige Wiederkehr des Immergleichen, sondern als Anfang einer neuen, einer lebendigen Hoffnung!
Doch worin besteht diese Hoffnung genau? Unser Predigttext beschreibt sie zunächst in einem Bild: Da gebe es „ein unvergängliches, unbeflecktes, unverwelkliches Erbe, das – wie ein Schatz – für uns aufbewahrt wird im Himmel“ (Vers 4). Das, so heißt es am Ende, sei das Ziel unseres Glaubens: „der Seelen Seligkeit“, wie Martin Luther übersetzt (Vers 9) oder „die Rettung eurer Seelen“, wie andere dies tun.
Nun sind solche Bilder – bei aller Schönheit – immer ein wenig missverständlich und müssen gedeutet werden.
Ganz sicher nicht gemeint ist das, was als „Seelenheil“ in die christliche Tradition eingegangen ist. Die Vorstellung von einer – im Gegensatz zum Körper – „unsterblichen Seele“, die das Bessere und Bleibende am Menschen darstellt, ist jüdisch-christlichem Denken vollkommen fremd. Da gibt es nicht, wie in der griechischen Philosophie, einen unsterblichen, göttlichen Lichtfunken in uns, der im Tod aus dem Körper befreit wird und dann dem Himmel entgegen schwebt. Das ist Fantasy, nicht Theologie!
Die Bibel ist da viel ganzheitlicher, viel realistischer. Das Wort „Seele“ meint im biblischen Sprachgebrauch immer den ganzen Menschen, sein Leben, seine Existenz. Wenn hier von „der Seelen Seligkeit“ oder der „Rettung der Seelen“ die Rede ist, dann könnte man dies also auch ganz einfach so übersetzen: Das Ziel eures Glaubens ist „das Heil eures Lebens“ (Norbert Brox) oder einfach nur „euer Heil“ (Einheitsübersetzung).
Darum geht es: Dass wir heil werden! Dass am Ende unseres Lebens und am Ende dieser Welt eben nicht das Unheil siegt, sondern das Heil. Alles wird gut!
Das ist die lebendige Hoffnung, zu der wir wiedergeboren sind! Das ist der Schatz, den wir heben dürfen! Das ist das unvergängliche, unbefleckte, unverwelkliche Erbe, das im Himmel auf uns wartet: Dass wir heil werden können! Dass Gott für uns, für unser Leben, für diese Welt etwas Gutes bereithält, das durch nichts zerstört, besudelt oder zum Verwelken gebracht werden kann.
Und damit ist nicht nur das Leben nach dem Tod gemeint. Wenn das so wäre, dann müssten wir uns den Vorwurf gefallen lassen, dass unser Glaube nur „Opium fürs Volk“ ist. Eine Vertröstung auf das Jenseits, um am Diesseits nichts ändern zu müssen. Das aber kann und darf nicht sein. So hat auch Jesus seine Botschaft vom Reich Gottes nicht verstanden. Er hat immer zusammengehalten, dass das, was Gott als Zukunft für uns bereithält, schon Spuren hinterlässt in unserer Gegenwart.
Die neue Welt Gottes ist keine „Utopie“. Utopie heißt „Nirgend-Ort“. Damit sind Vorstellungen, Dinge, Ideen gemeint, die in unserer Welt, wie sie ist, keinen Platz haben. So ist die neue Welt Gottes nicht! Sie ist kein „Nirgend-Ort“. Sie hat ein Zuhause in der Welt, in der wir leben. Und dieses Zuhause sind wir. Diese Zuhause seid ihr als Gemeinde hier in Bremen. Dieses Zuhause ist euer Leben! Dort fängt die neue Welt Gottes jetzt schon an.
Wenn wir von „lebendiger Hoffnung“ sprechen, dann in diesem Sinne: dass wir glauben und darauf vertrauen, dass irgendwann endgültig offenbar und für alle sichtbar wird, was in aller Vorläufigkeit und Unvollkommenheit jetzt schon gilt und gelten soll: dass Gottes Reich sich durchsetzt und sein Wille geschieht.
Doch was heißt das konkret? Ein Ausleger unseres Textes, Michael Krauß, zieht hier eine, wie ich finde, interessante und nachdenkenswerte Parallele: Er bringt unser staatliches Grundgesetz in einen wirkungsgeschichtlichen Zusammenhang mit dem ersten Petrusbrief.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es dort. Da das Grundgesetz für alle Bürger gelten soll, vermeidet es die Berufung auf die Auferstehung Christi und verschweigt den Himmel als „Schutzort“ der Menschenwürde und Heiligkeit aller Menschen. Das Grundgesetz verzichtet auf diese Begründung, um seinen Anspruch auch für Menschen zu erhalten, die eine spezifisch christliche Begründung vielleicht ablehnen würden.
Doch der erste Petrusbrief wendet sich nun mal an Christen wie uns. Darum kann er mehr sagen, als in unserem Grundgesetz gesagt werden kann. Denn wir haben zu der unantastbaren Würde, die Gott allen Menschen verleiht, noch ein anderes, ein besonderes Geschenk bekommen: Uns ist nicht nur – wie allen Menschen – die Menschenwürde geschenkt. Wir wissen auch, dass diese Würde nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk Gottes. Und in der Osterzeit erinnern wir uns daran, dass sie tatsächlich unantastbar ist. Nicht einmal der Tod kann sie auslöschen.
„Haltet an diesem Geschenk des Glaubens fest“, schreibt Krauß in seiner Auslegung. „Bewahrt euch den Blick für das Kind Gottes in jedem Menschen ... Wer an die Auferstehung Jesu Christi an Ostern glaubt, der sieht, was für alle anderen noch schwarz verhangen ist:
die Auferstehung aller zu neuem Leben. Quasimodogeniti: Wie neugeborene Kinder. Wer Augen hat, der sehe das Kind Gottes in jedem Menschen!“
Ich finde, das ist eine gute, eine praktische, eine konkrete Auslegung unseres Textes!
Der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze wird noch konkreter. In seinem Gedicht „Nirgend-Ort“ beschreibt er, was sich in unserer Welt ändern könnte, wenn das, was wir Christen „Reich Gottes“ nennen, tatsächlich einen Ort bekäme unter uns.
Seit Ostern können wir glauben, dass es diesen Ort tatsächlich gibt: als einen Schatz, den die Zukunft für uns bereithält, der aber so überwältigend groß und fantastisch schön ist, dass er schon unsere Gegenwart, unser Leben und die Welt, in der wir leben, prägt.
So kann sich unser Glaube tatsächlich bewähren – wie Gold, das im Feuer auf seine Echtheit geprüft wird. Der erste Petrusbrief zeigt uns, wie und wo wir dabei stehen sollen:
Auf der Seite derer, ob Christen oder nicht, die uns an ihrer Seite brauchen.
Auf der Seite derer, die missbraucht werden und denen Gewalt angetan wird.
Auf der Seite derer, die durch den Dreck gezogen werden und denen die Würde und das Recht auf einen Neuanfang abgesprochen wird.
Auf der Seite derer, die von allen anderen übersehen werden, die kein Ansehen haben, weil niemand sie ansieht.
Dadurch wird nicht alles gut auf dieser Welt und in unserem Leben. Traurigkeiten, Prüfungen, Anfechtungen bleiben. Der Tod spricht immer noch ein gewichtiges Wort mit in dem, was uns widerfährt.
Aber er hat nicht das letzte Wort. Unsere Gegenwart wird seit Ostern bestimmt von der Zukunft. Und diese Zukunft hat ein Gesicht. Es ist das Gesicht Jesu Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen. Er ist es, der auf uns zukommt. Ihn lieben, auf ihn vertrauen wir, auch wenn wir ihn nicht sehen. Und dadurch wird die Freude zum bestimmenden Grundton unseres Lebens: „Ihr werdet euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich euer Heil.“

Amen.

(c) Volkmar Hamp