Jakob am Jabbok (Gen 32,23-33)
Predigt zur Ordination von Nathalie Abel-Klaiber am 21.03.2010 in Velbert



Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn
Genesis 32,23-33

23 Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, 24 nahm sie und führte sie über das Wasser, so dass hinüberkam, was er hatte, 25 und blieb allein zurück.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.
26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.
Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
28 Er sprach: Wie heißest du?
Er antwortete: Jakob.
Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel;
denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.
29 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du?
Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße?
Und er segnete ihn daselbst.

31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuel; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.
32 Und als er an Pnuel vorüber kam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.

33 Daher essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil er auf den Muskel am Gelenk der Hüfte Jakobs geschlagen hatte.



Liebe Nathalie, lieber Michael, liebe Gemeinde,

als ich vor einigen Wochen entschieden habe, diesen Text als Predigttext für den heutigen Gottesdienst zu nehmen, da dachte ich noch, das sei eine gute Idee.
Ich wusste: Nathalie liebt das Alte Testament. Und die Geschichte hat etwas mit Aufbrüchen und Übergängen, mit Berufung und Segen zu tun. Da hatte ich den Eindruck: Das passt schon irgendwie.
Je länger und intensiver ich mich dann in den darauf folgenden Wochen mit diesem Text beschäftigt habe, desto öfter dachte ich: Meine Güte, was hast du dir da angetan?
Ein einfacher Text ist das nämlich nicht!
Was ist das schon für ein „Held“, dieser Jakob? Ein Betrüger und Trickser, ein Hochstapler und Lügner – und doch ein Gesegneter Gottes? Und was für ein Gott ist das? Der kämpft mit solch einem Menschen und kann ihn nicht besiegen? Und überhaupt: Lässt sich der Segen Gottes denn erkämpfen? Und was machen dann diejenigen, die keine guten Kämpfer sind und Wert legen auf zwei gesunde Hüftgelenke? Gehen die leer aus? Bleiben die ungesegnet?
Ein dunkler Text. Ein geheimnisvoller Text. Und ich kann euch jetzt schon verraten: Das wird auch am Ende dieser Predigt noch so sein! Diese Geschichte bleibt geheimnisvoll und dunkel, was immer wir uns an guten Gedanken darüber machen.
Aber vielleicht ist das ja auch gut so. Vielleicht ist das genau das, was eine gute Geschichte ausmacht, eine gute Bibelgeschichte allemal: dass da immer ein „Mehr“ an Bedeutung ist, das sich nicht immer gleich erschließt.
Nur so macht es Sinn, die Geschichten der Bibel immer wieder zu lesen. Und immer wieder haben sie etwas Neues zu sagen, hat Gott uns durch sie etwas Neues zu sagen.
Ich kenne diese Geschichte nun schon sehr lange. Wahrscheinlich habe ich sie vor fast vierzig Jahren hier in Velbert in der Sonntagsschule zum ersten Mal gehört. Und schon damals war dieser Jakob für mich eine faszinierende Gestalt: trickreich und raffiniert, moralisch keineswegs einwandfrei – und doch von Gott geliebt und gesegnet. Mit einem wie dem konnte ich mich identifizieren. So sind sie nun mal, die „Helden“ der Bibel: Jakob, ein Lügner. Mose, ein Totschläger. David, ein Ehebrecher. Petrus, ein Feigling. Und trotzdem konnte Gott mit diesen Leuten etwas anfangen.
Nun will ich nicht die moralische Integrität eurer neuen Kinder- und Jugenddiakonin in Frage stellen. Ganz sicher nicht! Aber etwas, das ich aus der Lebensgeschichte Jakobs lerne, ist dies: Gott ist gnädig mit seinen Leuten!
Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesen Satz heute Morgen hier so sagen kann. Angesichts der Nachrichten der letzten Wochen über massenhaften sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder in kirchlichen Einrichtungen könnte ein solcher Satz missbraucht werden, um diese Taten zu verharmlosen und die Täter in Schutz zu nehmen. Und viele Jahre scheint genau das kirchliche Strategie gewesen zu sein.
Doch das ist nicht gemeint! Wenn ich sage: Gott ist gnädig mit seinen Leuten, dann meine ich damit, dass wir eben nicht von Natur aus besser sind als andere Menschen und uns diesen moralisch überlegen fühlen könnten. Ich meine auch nicht, dass wir ein Recht auf Vergebung haben und uns gelassen darauf ausruhen dürften. Nein: Ich meine, dass wir alle darauf angewiesen sind, dass Gott uns immer wieder gnädig anschaut und gnadenvoll mit uns umgeht. Verdient haben wir diese Gnade nicht. Und auch keinen Anspruch darauf.
Wenn jemand das weiß, dann dieser Jakob! Seinem Bruder Esau luchst er das Erstgeburtsrecht ab und erschleicht sich dann auch noch – mit tatkräftiger Unterstützung der Mutter – den Segen seines Vaters Isaak. Daraufhin muss er fliehen, denn der Bruder droht, ihn zu töten. Zwanzig Jahre verbringt Jakob nun bei seinem Onkel Laban in der Fremde. Zwanzig Jahre mit Höhen und Tiefen. Der Betrüger wird selbst betrogen. Und nur seiner Ausdauer und Schlitzohrigkeit hat er es zu verdanken, dass er es schließlich doch zu Erfolg und Reichtum bringt. Ein scheinbar Gesegneter.
Doch jetzt will Jakob nach Hause. Und er weiß: Da gibt es noch eine offene Rechnung. Und so macht er sich auf den Weg zu seinem betrogenen Bruder. Und er hat die Hosen gestrichen voll! Jakob ist sich seiner Schuld bewusst. Und er weiß, dass er keinen Anspruch auf Vergebung hat. Die Hälfte seines Besitzes will er dem Bruder als Versöhnungsgeschenk anbieten. Die Hälfte meines Vermögens, so denkt er, reicht noch für ein bequemes Leben und ist allemal besser als der Tod. Doch der Ausgang dieses Unternehmens ist ungewiss.
Hier nun setzt unser Predigttext ein: eine Aufbruchsituation, ein Übergang, eine ungewisse Zukunft. In dieser Situation steht Jakob mitten in der Nacht auf, überquert den Jabbok, bringt seine Familie und seinen ganzen Besitz auf die andere Seite in das Territorium seines betrogenen Bruders – und bleibt allein zurück (Vers 23-25).
Vielleicht sind solche Aufbruchs- und Übergangssituationen, wie ihr sie heute hier in Velbert feiert, gute Gelegenheiten, um erst einmal innezuhalten. Vielleicht ist es sogar notwendig, dass wir das tun! Dass wir, bevor es richtig losgeht, erst einmal Pause machen und Gott die Gelegenheit geben, uns seine Sicht der Dinge zu präsentieren.
Wann hast du das letzte Mal eine schlaflose Nacht allein mit deinem Gott verbracht?
Ich weiß nicht, ob das Jakobs Absicht war in dieser Nacht. Vielleicht wollte er nur ein paar Stunden mit sich selbst allein sein, bevor er sich der alles entscheidenden Konfrontation mit dem betrogenen Bruder stellen musste. Doch was immer Jakob wollte: Diese Nacht wurde für ihn zu einer Nacht der Begegnung mit seinem Gott!

Kann es sein, dass wir an Wendepunkten und Übergängen in unserem Leben besonders empfänglich sind für die Gegenwart Gottes? Vielleicht brauchen wir deshalb von Zeit zu Zeit die Unsicherheit eines Neuanfangs, die Herausforderung durch eine neue Aufgabe, die Verunsicherung durch eine ungewohnte, neue Situation, um uns selbst und Gott neu begegnen zu können. Vielleicht ist das eine Chance, die euer Start hier in Velbert euch bietet, liebe Nathalie, lieber Michael. Vielleicht ist das auch eine Chance für euch als Gemeinde hier in Velbert. Lasst euch voneinander verunsichern. Lasst euch in Frage stellen. Lasst euch herausfordern, Gott wieder neu zu entdecken und zu begegnen.
Jakob jedenfalls ergeht es so: Plötzlich stellt sich ihm ein Mann entgegen und kämpft mit ihm bis zum Morgengrauen (Vers 25). Bis zum Schluss der Geschichte bleibt merkwürdig in der Schwebe, wer dieser unbekannte, aus dem Nichts auftauchende Gegner Jakobs eigentlich ist. Dementsprechend fantasievoll und vielfältig sind die Meinungen der Ausleger dazu: Ein Mensch? Ein Flussgott? Ein Wüstendämon? Auf vielen Bildern der Kunstgeschichte ist es ein Engel, ein Bote Gottes. Und in modernen, psychologischen Auslegungen sind es Jakobs innere Konflikte, die sich in dieser Geschichte in einem äußeren Gegner manifestieren: seine Schuldgefühle und seine nicht verarbeitete Vergangenheit.
All diese Auslegungen sind möglich, und jede hat ihre Berechtigung. Für den Erzähler der Geschichte ist jedoch klar: Am Ende ist es immer Gott selbst, der am Werk ist! Er stellt sich Jakob in den Weg. Er ringt mit seinem Geschöpf – und kann es nicht bezwingen.
Ich glaube, hier berühren wir ein Geheimnis dieser Geschichte – und ein Geheimnis unseres Glaubens, unserer Beziehung zu Gott: Da ist auf der einen Seite Gott, der uns geschaffen hat, der uns unendlich überlegen, der ewig und heilig und vollkommen und unnahbar ist – und genau dieser Gott erschafft uns unvollkommene Wesen als sein Ebenbild, als sein Gegenüber. Der kommt uns unendlich nah und lässt sich auf uns ein.
Psalm 8 beschreibt diese Spannung sehr gut:

„Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott,
hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“

Vielleicht gehört es zur Herrlichkeit und Ehre, zur Würde des Menschen also, dass Gott uns manchmal zumutet, mit ihm zu kämpfen. Vielleicht ist das ein Ausdruck dessen, dass er uns als Gegenüber, als Partner ernst nimmt.
Oft gehen diese Kämpfe von uns aus. Da verstehen wir nicht, wie Gott mit uns und dieser Welt umgeht. Seine Wege bleiben rätselhaft und sein Handeln unbegreiflich. Dann dürfen wir Gott entgegentreten und klagen. Die Beter der Psalmen machen uns das vor, und nicht selten werden aus ihren Klagen regelrechte Anklagen Gottes. Und Gott hält das aus. Gott lässt das zu. Bei ihm sind wir auch mit unseren Klagen und Anklagen an der richtigen Adresse.
Hier ist es so, dass Gott sich dem Jakob in den Weg stellt. Der Angriff geht sozusagen von ihm aus. Und auch das gibt es: dass Gott uns in einen Kampf verwickelt. Und es mag sein, dass wir nicht unbeschadet daraus hervorgehen. Trotzdem weicht Jakob diesem Kampf nicht aus. Und er ergibt sich nicht widerstandslos. Er übersteht den Kampf und geht mit neuer Kraft – dem Segen – und mit einer neuen Identität – dem neuen Namen – weiter.
Nun kann man sich fragen: Wieso gelingt es Gott nicht, den Jakob zu besiegen? Gott ist doch Gott. Der Schöpfer. Und Jakob nur ein Mensch. Sein Geschöpf. Da müsste es für Gott doch ein Klacks sein, dem Jakob klar zu machen, wer hier das Sagen hat.
Die schönste Erklärung, die ich dafür gefunden habe, ist diese: Gott kann Jakob nicht besiegen, weil er ihn liebt! Natürlich könnte Gott diesen Kampf gewinnen. Natürlich könnte er sich mit Gewalt durchsetzen und uns Menschen seinen Willen aufzwingen. Aber was wäre der Preis dafür? Unsere Vernichtung. Dass wir Menschen am Ende die Verlierer sind. Und dieser Preis ist ihm zu hoch. Den ist er nicht bereit zu zahlen. Weil er uns liebt und will, dass wir leben.
So lässt Gott sich bis heute darauf ein, mit uns zu ringen. Und immer, wenn wir das Gefühl haben, dass er uns zu entgleiten droht, dass er sich unserem Zugriff entzieht, dann dürfen wir an ihm festhalten und sagen: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!
Jakob jedenfalls macht dadurch die Erfahrung, dass das Kämpfen sich lohnt. Im Bild geblieben: Es lohnt sich, wenn man sich mit Gott zusammen rauft. Es lohnt sich, an ihm dran zu bleiben. Es lohnt sich, ihm zu glauben, dass er letztlich nicht unsere Vernichtung will, sondern etwas Gutes mit uns vorhat.
Und ich möchte euch einladen, jeden einzelnen von euch persönlich und ganz besonders euch, liebe Nathalie, lieber Michael, aber auch euch als Gemeinde, dass ihr, wenn’s drauf ankommt, Gott beim Wort nehmt und ihn an seine Segensverheißung erinnert. Ihr seid Teil der Segensgeschichte Gottes mit dieser Welt. Durch euch wird hier in Velbert etwas sichtbar von seinem Reich. Das ist eine Herausforderung, vor die Gott euch stellt. Aber es ist auch ein Versprechen, das er euch gibt.
Dem Jakob bringt die Auseinandersetzung am Jabbok endlich den Segen, den er sich durch Betrug, List und Geschicklichkeit nicht wirklich erschleichen konnte. Und Jakob wird ein anderer dadurch.
Ich habe mich gefragt, warum Gott den Jakob in dieser Geschichte fragt, wie er heißt. Weiß er denn nicht, mit wem er es da zu tun hat? Das kann kaum der Grund sein. Vielleicht ist es wichtig für Jakob, dass er noch einmal selber seinen Namen sagt. Ich bin Jakob, von
`aqeb – Ferse. Jakob, der Fersenhalter, der Zweitgeborene, der nicht im Schatten seines Bruders bleiben wollte. Ich bin Jakob, von `aqab – betrügen. Jakob, der Lügner, der Betrüger, der meint, dem Segen Gottes in seinem Leben mit unlauteren Mitteln nachhelfen zu müssen.
Weißt du, wer du bist? Hast du dich schon auf diese Weise selbst erkannt und durchschaut?
Zu diesem Jakob, der das getan hat, sagt Gott nun: Du sollst nicht mehr Jakob heißen! Du darfst ein anderer werden. Du bekommst einen neuen Namen und damit eine neue, dir von Gott geschenkte Identität: Du bist von nun an Israel, von
`sarah – kämpfen. Ein Kämpfer. Ein Krieger. Ein Gottesstreiter. Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft – am meisten vielleicht mit dir selbst – und du hast gewonnen.
So wichtig es ist, dass wir hin und wieder innehalten und uns klar machen, woher wir kommen und was uns zu dem Menschen gemacht hat, der wir sind – so wichtig ist dann aber auch die Erkenntnis und dass wir glauben können, dass Gott uns nicht in unserem so Gewordensein belässt, sondern uns eine neue Perspektive für die Zukunft eröffnet.
Damit schließt sich der Kreis: Gott ist tatsächlich gnädig mit seinen Leuten. Er selbst wird dadurch nicht verfügbar! Jakobs Frage nach dem Namen Gottes bleibt unbeantwortet. Gott bleibt ein Geheimnis – und das ist gut so! Aber Jakob hat sich an diesem Geheimnis abgearbeitet. Er ist ein anderer geworden. Aus dem erschlichenen Segen wird ein geschenkter Segen. Und dem Jakob geht die Sonne auf.
Ich sehe ihn vor mir, diesen Mann, wie er da in den Sonnenaufgang hinkt. Ein Geschlagener, doch nicht Besiegter. Ein Verwundeter, aber ein Überlebender. Und als er wenig später mit Esau zusammentrifft, ist er ein demütiger Mann, der sich vor dem Bruder sieben Mal zur Erde wirft und ihn so um Verzeihung bittet. Und Esau umarmt ihn. Jakobs Gastgeschenk lehnt er mit den Worten ab: „Ich habe selbst genug, Bruder. Behalte, was dir gehört!“
Meinen Segen hast du! Für Jakob bedeutet dieser Satz, dass er nicht mehr betrügen muss, um glauben zu können, dass Gott auf seiner Seite ist, und dass der durch diesen Betrug entstandene Streit mit Esau beigelegt ist. Jakobs Leben ist in all seinen Bezügen heil geworden. Was nicht bedeutet, dass da keine Narben zurückbleiben!
Dass die Israeliten das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag nicht essen, weil Jakob auf diesen Muskel geschlagen wurde, ist ja keine absurde Essensvorschrift, es ist ein Stück Erinnerung. Was damals geschah, soll nicht in Vergessenheit geraten. Das soll erinnert werden, weil es etwas darüber aussagt, was auch heute noch gilt: dass Gott mit seinem Segen in dieser Welt da ist – auch (und gerade), wenn wir den Eindruck haben, dass es dunkel ist um uns herum und nicht glauben können, dass da noch einmal die Sonne aufgeht.

Wie erinnert ihr euch an die Gottesbegegnungen in eurem Leben?

Der Künstler Walter Habdank hat in einem Holzschnitt ausgedrückt, was Jakob in jener Nacht erlebte.



In seiner Darstellung sind die Hände der Figuren besonders auffällig. Es sieht doch so aus, als ob der unheimliche, gesichtslose Gegner Jakob mehr umarmt als bekämpft. Und Jakob scheint sich verzweifelt liebend an diese dunkle Gestalt zu klammern.
In dieser Darstellung passiert beides gleichzeitig: Dem Jakob wird das Hüftgelenk ausgerenkt und er wird an der Stirn gesegnet, er ist gewissermaßen ein geschlagener Sieger.
Jakob erscheint hier also nicht so sehr als der Kämpfer, der er auch war, sondern vor allem als einer, der weiß, dass er den Segen Gottes braucht, wenn seine Kämpfe einen Sinn haben sollen. Fast sieht es so aus, als führe er selbst die Hand seines Gegners an seine Stirn, um sich segnen zu lassen.

Als ich in der vergangenen Woche dieses Bild bei einer anderen Gelegenheit gezeigt habe, haben die Betrachter spontan eine ganz andere biblische Geschichte damit assoziiert, nämlich die von der Heimkehr des Verlorenen Sohns.
Ich finde, das ist ein bemerkenswerter Irrtum und ein viel versprechendes Missverständnis.
Und in zwei Wochen ist Ostern. Auch so ein Sonnenaufgang nach einer dunklen Nacht, der uns daran erinnert, dass Gott es gut meint mit uns. Gott ist gnädig mit seinen Leuten. Er ist gnädig mit euch.

Liebe Nathalie, lieber Michael, ihr bringt eure ganz eigene Geschichte, eure guten und schlechten Erfahrungen, mit in diese Aufbruchs- und Übergangssituation. Und das ist gut und wichtig und richtig so. Und zugleich seid ihr jetzt an einem Punkt, an dem Gott euch neue Perspektiven für die Zukunft eröffnet. Nehmt das als Einladung, als Geschenk, als Morgenröte eines Sonnantages.
Und ihr, liebe Velberter, auch ihr bringt eure Geschichten und eure Geschichte in diesen gemeinsamen neuen Aufbruch ein. Und auch das ist gut so. Und das geht auch gar nicht anders. Aber gemeinsam seid ihr jetzt herausgefordert, auch wieder einmal neue Perspektiven für die Zukunft zu entdecken. Und dafür wünsche ich euch Gottes Segen!


(c) Volkmar Hamp