Paulus und die Waffen des Lichts
Eine Adventspredigt zu Römer 13,8-14


8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.
9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht;
14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.



Liebe Geschwister, liebe Freunde,

so ein richtiger Adventstext ist das ja nicht. Und doch schlägt die Perikopenordnung der Evangelischen Kirche genau diesen Text für den heutigen Sonntag als Predigttext vor. Warum?


Ausdehnung des Römischen Reiches im Jahr 125.

Wir schreiben das Jahr 56 n. Chr. Das Imperium Romanum, das römische Reich, beherrscht den ganzen Mittelmeerraum. Nach innen hat es Frieden gebracht: die Pax Romana – einen Frieden, der auf der Herrschaft der Römer und der Unterdrückung aller anderen Völker beruht, aber immerhin. Nach außen muss dieser Friede mit militärischen Mitteln verteidigt werden. Doch das römische Reich ist auch tolerant. Wer seine Bürgerpflicht gegenüber dem Staats- und dem Kaiserkult erfüllt, kann ansonsten in religiöser Hinsicht tun und lassen, was er will. Schnell breitet sich so, neben vielen anderen Kulten und Religionen, auch das Christentum aus.
Und diese neue Religion der Christen ist attraktiv: Dem eher philosophischen Glauben an eine abstrakte Gottheit stellt sie den praktischen Glauben an einen lebendigen, allmächtigen Gott gegenüber, der tatsächlich Wahrheit, Erkenntnis und ewiges Leben schenkt. Hinzu kommen die Vorbildlichkeit der christlichen Ethik, die soziale Fürsorge der Christen untereinander, die Tatsache, dass sie prinzipiell die Gleichberechtigung aller vor Gott vertreten, auch der Sklaven und der Frauen, und ihre Bereitschaft, für den neuen Glauben gegebenenfalls auch zu leiden und zu sterben. All dies sorgt dafür, dass die neue Bewegung schnell viele Anhänger findet. Und Paulus hat einen nicht unbedeutenden Anteil daran. Einige sehen in ihm sogar den eigentlichen „Erfinder“ des Christentums.


Nero (Münchener Glypothek)

Wie gesagt: Wir schreiben das Jahr 56 nach Christus. Im fernen Rom regiert seit zwei Jahren Kaiser Nero. Jener Nero, der kurze Zeit später (64 n. Chr.) den großen Brand von Rom der neuen „Sekte“ der Christen in die Schuhe schieben wird. So bedeutend sind die da schon – 35 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung – und so suspekt, dass sie sich als „Sündenböcke“ eignen!


Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Ausgabe seiner Briefe.

Paulus wird das nicht mehr miterleben. Er stirbt einige Jahre früher in Rom den Märtyrertod.
Doch das weiß er jetzt noch nicht. Paulus sitzt 56 nach Christus in Korinth im Haus seines Freundes Gajus (Röm 16,23) und schreibt einen Brief an die Gemeinde in Rom. Das heißt: Er schreibt ihn nicht selbst. Er diktiert ihn dem Schreiber Tertius (Röm 16,22). Und Phöbe, eine Mitarbeiterin der Gemeinde aus einem Vorort von Korinth, wird ihn nach Rom mitnehmen und dort übergeben (Röm 16,1f).
Es ist ein wichtiger Brief. Ein langer Brief. Paulus und Tertius sind sicher einige Tage damit beschäftigt. Was Paulus nicht weiß: Es wird der letzte Brief sein, den er schreibt. Der letzte zumindest, der erhalten bleiben und auch Jahrhunderte später noch gelesen werden wird. So etwas wie sein „Testament“.
Natürlich ist das ein Urteil aus heutiger Sicht, aus der Rückschau, die das Leben und Wirken des Paulus im Ganzen überblickt. Aber auch für Paulus selbst ist dieser Brief an die Römer ein besonderer Brief. Er schreibt ihn an einem Wendepunkt in seinem Leben. Und vielleicht zieht beim Schreiben noch einmal die eine oder andere Station dieses Lebens an seinem inneren Auge vorbei:


Bernardo Daddi: Das Martyrium des Stephanus, Fresko, 1324,
in der Kirche Santa Croce in Florenz.


Fast 25 Jahre ist das nun schon her, dass er als junger Pharisäer, Schüler des einflussreichen Rabbis Gamaliel (Apg 22,3) und glühender Christenverfolger bei der Steinigung des Stephanus auf die Mäntel der Mörder aufpasste (Apg 7,58). Damals fand er Gefallen am Tod des Stephanus, heißt es (Apg 8,1), und hatte danach nur noch ein Ziel: die Gemeinschaft dieser Jesusnachfolger zu zerstören (Apg 8,3).
Vom Hohenpriester in Jerusalem ließ er sich Empfehlungsschreiben geben, um auch in den Synagogen in Damaskus die Anhänger des „neuen Weges“, wie sie genannt wurden, aufzuspüren und gefangen zu nehmen (Apg 9,1-2). Doch dann kommt die Wende (32 n. Chr.): das sprichwörtlich gewordene „Damaskuserlebnis“. Vor den Toren der Stadt begegnet ihm der auferstandene Christus – und aus dem Christenverfolger Saulus wird der Christusnachfolger Paulus.


Die Bekehrung des Paulus in der Interpretation Caravaggios.

Vielleicht muss Paulus ein wenig lächeln, wenn er daran denkt, wie die Geschichte seiner Bekehrung in manchen Gemeinden erzählt wird. Eine Namensänderung war natürlich nicht damit verbunden. Als Jude und römischer Bürger trug er schon immer zwei Namen, einen jüdischen und einen griechischen (Apg 13,9): Saulus und Paulus eben. Aber dieses „Vom Saulus zum Paulus werden“ ist einfach ein zu schönes und eindrückliches Bild! Und warum auch nicht? Die große Wende im Leben des Paulus lässt sich damit gut beschreiben.


Die Missionsreisen des Paulus.

Dann die ersten Jahre der Mission in Arabien, Syrien, Antiochia. Der Streit mit Petrus und den Autoritäten in Jerusalem um die gesetzesfreie Heidenmission. Und schließlich – viele Jahre später – die Beilegung dieses Streits beim Apostelkonvent in Jerusalem (48/49 n. Chr.).
Man einigt sich: Paulus soll sein Evangelium verkünden dürfen. Menschen, die keine Juden sind, sollen Christen werden können, ohne sich vorher beschneiden und das jüdische Gesetz befolgen zu müssen. Die einzige Bedingung: Die neuen Gemeinden sollen ihre Verbundenheit mit der Jerusalemer Urgemeinde zeigen, indem sie diese finanziell unterstützen.
Sieben Jahre ist Paulus danach unterwegs. Seine Reisen führen ihn nach Galatien, Philippi, Thessaloniki und Korinth, nach Ephesus, durch ganz Kleinasien und Mazedonien. Und nun ist er wieder in Korinth gelandet, hat sich bei seinem alten Freund Gajus einquartiert und denkt über neue Pläne nach.


Statue des Apostels Paulus vor dem Petersdom in Rom.

Alt geworden ist Paulus inzwischen. Mit etwa 50 Jahren gilt man in der Antike als „senex“, als „alter Mann“ (Phlm 9). Doch zur Ruhe setzen will er sich nicht. Ganz im Gegenteil: Paulus will aufbrechen zu neuen Ufern! Er hat das Gefühl, in Kleinasien alles erreicht zu haben, was er erreichen wollte: Überall sind Gemeinden entstanden, und die kommen inzwischen auch ohne ihn ganz gut zurecht. Jetzt will er nach Spanien, in den Westen des römischen Reiches, um auch dort das Evangelium von der Ankunft Gottes in dieser Welt zu verkünden. Dafür braucht er die Gemeinde in Rom als Basis und Unterstützung.
Und in einer Welt ohne E-Mail und Facebook bleibt nur der von einer vertrauenswürdigen Person überbrachte Brief, um sich anzukündigen und zu empfehlen. Denn bevor es so weit ist, dass Paulus nach Rom kann, muss er noch einmal nach Jerusalem zurück. Die Geschwister dort warten auf die Kollekte, die er auf seiner letzten Reise für sie gesammelt hat. Bei dieser Gelegenheit wird sich zeigen, ob das Modell des friedlichen Nebeneinanders von Juden- und Heidenchristen auch in Zukunft tragen kann.


„Apostel Paulus“ aus einem Gemälde von Albrecht Dürer
(im Hintergrund der „Apostel Markus“).


Paulus ist nachdenklich. Er nimmt sich vor, die Gemeinde in Rom zu bitten, für das Gelingen dieser Jerusalemreise zu beten. Aber das gehört in die Schlusskapitel des Briefes (Röm 14-16). Das kommt morgen. Heute will er noch einige eher allgemeine Fragen des praktischen Lebens in Gemeinde und Gesellschaft ansprechen (Röm 12-13), nachdem er zuvor in 11 langen Kapiteln seine Theologie entfaltet hat (Röm 1-11).
Paränese („Rat“, „Ermahnung“) nennt Paulus das – und geht auch gleich ans Eingemachte: an den Gottesdienst der Gemeinde! Was ist denn das, ein „Gottesdienst“?
Die Definition der Online-Enzyklopädie Wikipedia kennt Paulus nicht. Sie definiert Gottesdienst als „eine religiös motivierte Zusammenkunft von Menschen mit dem Zweck, mit Gott in Verbindung zu treten, mit ihm Gemeinschaft zu haben oder Opfer zu bringen bzw. eine auferlegte religiöse Pflicht zu erfüllen.“
Im Griechischen gibt es dafür die Begriffe „leiturgia“ („Liturgie“) oder „latreia“ („Opfer“). Doch genau diese Begriffe benutzt Paulus nun gerade nicht, wenn er vom Gottesdienst der Christen im Sinne einer „religiösen Veranstaltung“ spricht. Diese Art von Gottesdienst – also auch das, was wir jeden Sonntag hier im Wedding zelebrieren – nennt er schlicht und einfach „ekklesia“ („Versammlung“). Ein völlig unkultischer, profaner Ausdruck, der eigentlich die Zusammenkunft der freien Bürger einer griechischen Stadt meint, in der sie ihre weltlichen Angelegenheiten regeln.
Den kultischen Begriff „Gottesdienst“ reserviert Paulus für etwas ganz anderes, deutet ihn im Zusammenhang unseres Textes vollkommen neu und beginnt mit dieser Deutung seine Ermahnungen an die Christen in Rom:
„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Röm 12,1)
Und dann führt er aus, was es heißt, einen solchen „vernünftigen Gottesdienst“ im Alltag der Welt zu gestalten:
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,2)
„Gottesdienst“ – in der Definition des Paulus – heißt also: den Willen Gottes zu tun, das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene zu verwirklichen. Gottesdienst feiern ist keine kultische Übung, ist nicht Lobpreis oder Liturgie. Gottesdienst feiern heißt: von Montag bis Samstag als Christ zu leben. So einfach ist das! Die „Versammlung“ am Sonntag ist nur die Vorbereitung darauf.
Und dann führt Paulus das in seinen Ermahnungen aus: im Blick auf die Gemeinde, wo einer dem anderen dienen soll mit den Gaben, die er empfangen hat (Röm 12,3-21), und im Blick auf den Staat, auf die „Obrigkeit“, sofern diese als „Dienerin Gottes“ verstanden werden kann, die dem Wohl der Menschen dient (Röm 13,1-7).
Krönender Abschluss des Ganzen wird dann unser Predigttext, der die Liebe als Erfüllung des Gesetzes vorstellt und sie in den Horizont der kommenden Gottesherrschaft rückt:
„Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ (Röm 13,8)
Vielleiht erinnert euch das an etwas, das Jesus einmal auf die Frage eines Schriftgelehrten geantwortet hat, als dieser wissen wollte, was denn nun das höchste Gebot im Gesetz sei:
„‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt’ (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst’ (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,37-40)
Paulus greift diese Tradition auf, denkt dabei aber nicht so sehr an die erste Tafel des Dekalogs, in der es um die Beziehung des Menschen zu Gott geht, sondern eher an die zweite, in der die Beziehungen der Menschen untereinander im Mittelpunkt stehen:
„Was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): ‚Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren’, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’“
Dieser Gedanke ist Paulus offensichtlich wichtig. Er findet sich nämlich nicht nur hier, sondern zum Beispiel auch im Galater- und im ersten Korintherbrief (vgl. Gal 5,14; 1. Kor 13). Die Mitte der christlichen Botschaft ist nun einmal das Evangelium, die „gute Nachricht“ von der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes! Jesus bringt uns seinen Vater als den bedingungslos liebenden Gott nahe, und er selbst lebt diese bedingungslose Liebe vor. In seiner Nachfolge fordert Paulus nun dazu auf, diese von Gott geschenkte und ermöglichte Liebe als „des Gesetzes Erfüllung“ zu begreifen.


Conversion of Augustine of Hippo (Tolle Lege).
St Augustine Reading the Epistle of St Paul.
Fresco, 220 x 230 cm, Apsidal chapel, Sant'Agostino, San Gimignano
by Gozzoli, 15th century (1464-65)


Gesetze und Gebote braucht es nämlich nur dort, wo auf die Liebe kein Verlass mehr ist. Ein schönes Beispiel dafür ist 300 Jahre später der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr.). Seine Auslegung des neutestamentlichen Liebesgebots heißt: „Liebe – und dann tu, was du willst! Schweigst du, so schweige aus Liebe; schreist du, so schreie aus Liebe; weist du zurecht, so weise aus Liebe zurecht; übst du Nachsicht, so übe sie aus Liebe. Die Wurzel deines Handelns bleibe innerhalb der Liebe. Aus dieser Wurzel kann nichts anderes als Gutes wachsen.“
Wenn es denn so einfach wäre! Derselbe Augustinus hat uns nämlich auch die Erbsündenlehre beschert, die lieblos kein gutes Haar am Menschen lässt. Und im Streit mit seinen theologischen Gegnern ließ er sich dazu hinreißen, auch Zwangsmaßnahmen und Gewalt ihnen gegenüber zu rechtfertigen. Walter Nigg, Biograph der kirchlichen Außenseiter, schreibt dazu: „All die bluttriefenden Henker, welche im Mittelalter aufs grausamste gegen die Ketzer gewütet haben, konnten sich auf die angesehene Autorität Augustins berufen – und sie haben es auch getan. Der Schaden, den die Äußerung dieses einen Menschen bewirkte, ist unübersehbar.“ (Das Buch der Ketzer 109)


Die Hinrichtung von Templern in einer mittelalterlichen Chronik.

So einfach und selbstverständlich scheint das mit der Liebe also nicht zu sein! Darum bin ich froh, dass Paulus es nicht dabei belässt, die Liebe abstrakt als Erfüllung des Gesetzes zu bezeichnen und einzufordern, sondern dass er zumindest einen Hinweis gibt, was das denn nun konkret heißen könnte:
„Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“ So (und nicht anders!) ist sie „des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm 13,10)
Ich finde, das ist ein Pack-Ende, mit dem man etwas anfangen kann! Und es greift den Faden vom Anfang dieses Teils des Römerbriefes wieder auf, nämlich als Gottesdienst im Alltag der Welt stets zu prüfen, was denn nun in einer konkreten Situation Gottes Wille sein könnte: „das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm 12,2).
Doch Paulus tut noch mehr. Er stellt seine Einladung zu einem Leben in der Liebe nun nämlich in den Horizont der anbrechenden Gottesherrschaft. Und damit wird unser Text zu einem Adventstext! Lieben können (und sollen) wir nämlich nicht, weil wir als Menschen besonders liebesfähige und liebenswerte Wesen wären. Wir sollen (und können) es, weil angesichts der Endlichkeit unseres Lebens und dieser Welt nichts anderes wirklich wichtig ist im Leben!
„Liebt“, sagt Paulus,
„weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Röm 13,11-12)
Nun bin ich - trotz Finanzkrise und Klimawandel - kein Apokalyptiker, der an das nahe Ende der Welt und die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi glaubt. Paulus war schon eher so einer, aber das ist nun ja auch schon fast 2.000 Jahre her! Und festgelegt hat er sich da – im Gegensatz zu anderen – nie! Immerhin plant er noch eine Reise nach Spanien, und das ist kein Last-Minute-Trip!
Aber was mich an der endzeitlichen Naherwartung des Paulus begeistert, ist, dass sie nicht den Sonnen
untergang des Endes der Welt, sondern den Sonnenaufgang der anbrechenden Gottesherrschaft beschreibt. Dass diese Welt – die große, weite oder meine kleine – früher oder später ein Ende findet, hat dann nichts Bedrohliches mehr! Mir kommt darin nur die heilvolle Zukunft Gottes jeden Tag ein Stückchen näher.
Eigentlich ist das ja trivial:
„Unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“ (Röm 13,11) Klar! Wenn es denn stimmt, dass die Zeit nur in eine Richtung läuft, dann muss das wohl so sein. Aber die Konsequenzen, die Paulus daraus zieht, sind stark:
Weil die Nacht ganz sicher irgendwann endet und der Tag anbricht, sollen wir jetzt schon, auch wenn es manchmal noch sehr dunkel ist um uns herum und in uns drin, so leben, als würde die Sonne schon scheinen. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu schimpfen.“ Paulus gebraucht ein weniger adventliches Bild dafür: Wir sollen uns nicht mehr mit der Dunkelheit beschäftigen, sagt er, sondern die „Waffen des Lichts“ anlegen!
Eigentlich mag ich diese militärische Symbolik nicht. Doch dieses Bild, dass wir Christen „Krieger und Kriegerinnen des Lichts“ sein könnten, das finde ich klasse! Das heißt doch, dass es da, wo wir hinkommen, heller werden soll in dieser Welt. Dass da, wo wir uns einbringen, ein „Vor-Schein“ der anbrechenden Gottesherrschaft sichtbar wird! Dass da, wo wir für eine bessere, schönere, gerechtere Welt kämpfen, etwas aufleuchtet von dem Licht, das mit Jesus Christus in diese Welt gekommen ist.


Luke Skywalker, Jedi-Ritter aus Star Wars.

Christen sind also so etwas wie „Jedi-Ritter des Glaubens“. Nur dass ihre „Waffe“ kein Laser-Schwert ist, sondern die sanfte Macht der Liebe.
Wie das praktisch aussehen kann? Paulus wird da sehr konkret: „Ehrbar leben“ nennt er das und hat gleich ein paar drastische Beispiele parat:
„nicht Fressen und Saufen, keine Unzucht und Ausschweifung, kein Hader und keine Eifersucht“ (Röm 13,13).
Hm ... Wird’s jetzt am Ende doch nur „moralisch“? Nein! Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass nun pauschal alles, was Spaß macht, zur Sünde erklärt wird. Paulus geht es um etwas ganz anderes: Ihm geht es um das richtige Maß, um ein Christus entsprechendes, ein Leben förderndes Maß in allem, was wir tun.
Wenn wir Christus „anziehen“ – und Paulus denkt hier tatsächlich an eine Art „Kleidungsstück“, das wir überziehen und das nun nach außen unmissverständlich deutlich macht: Wir gehören zu Jesus! – wenn wir Christus so anziehen, dann werden wir darauf achten, unser Leben so zu gestalten, dass es dem „Vor-Bild“ Jesu immer ähnlicher wird.
Dann können wir gutes Essen und Trinken genießen, na klar! Das konnte Jesus auch! Wir werden aber dafür sorgen, dass unser Konsumverhalten uns selber und anderen nicht schadet. Dann dürfen wir Spaß am Sex haben, natürlich! Gott selbst hat die Sexualität erfunden, als er den Menschen als Mann und Frau schuf! Wir werden aber unsere Sexualität so leben, dass wir uns selbst und andere nicht gefährden und sie nicht missbrauchen oder benutzen. Dann gehen wir Streit und Konflikten nicht aus dem Weg, nein! Das hat Jesus auch nicht getan! Wir werden sie aber so austragen, dass daraus kein nachtragendes Hadern und keine kleinliche Eifersucht entsteht.
So ist unser Text doch noch ein richtiger Adventstext geworden, finde ich: Wie finster und dunkel es auch immer aussehen mag – in uns und um uns herum – Advent heißt: Der Zeitpunkt der tiefsten Dunkelheit liegt immer schon hinter uns. Den hat Jesus vor 2.000 Jahren am Kreuz durchlitten. Und so ist das schönste Adventslied, das ich kenne, eigentlich ein Osterlied:

Durch einen Türspalt dringt Licht aus dem Festsaal
in unser Zimmer der Diesseitigkeit.
Und bevor sich dies Tor für dich öffnet,
dringt von drüben sein Lied in die Zeit:

Hab keine Angst und fürchte dich nicht!
Denn die Herrschaft des Bösen zerbricht
an der Liebe, die selbst noch den Tod überlebt.
Ich bin da, darum fürchte dich nicht!
(Frank & Peter Hübner)

Amen

(c) Volkmar Hamp