"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Timotheus 1,7)



Liebe Geschwister, liebe Freunde!

Seit einigen Wochen beschäftigen wir uns nun schon in unseren Gottesdiensten mit dem Heiligen Geist.
Wir haben darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass die hebräischen und griechischen Wörter für „Geist“ etwas mit „Wind“ und „Atem“ zu tun haben. Gottes Geist, das ist der „Geist des Lebens“, der „Schöpfergeist“, der in allem, was atmet und lebt, anwesend ist.
Wir haben den Propheten Elia auf den Berg Horeb begleitet und gelernt, dass Gottes Geist nicht laut und gewalttätig daherkommt: Er ist nicht im Sturm, im Erdbeben, im Feuer, sondern in dem leisen, sanften Wehen, dass uns Raum zum Atmen lässt.
Wir haben aber auch von der Dynamik des Geistes gehört, die zu Pfingsten die Jünger Jesu erfasst und sie in Bewegung setzt, so dass sie nun die gute Nachricht vom Reich Gottes weiter tragen können.
Und wir haben bei Jesus und der Samariterin am Jakobsbrunnen gesessen und gesehen, wie Gottes Geist Brücken baut: zwischen Männern und Frauen, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem sozialen Status, ja, sogar zwischen Menschen unterschiedlicher Religion. „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,24)

Worüber wir noch nicht nachgedacht haben, ist das, was man vielleicht in einer Predigtreihe zu diesem Thema am ehesten erwarten würde: über die „Gaben des Geistes“ oder „Charismen“, von denen im Neuen Testament an mehreren Stellen die Rede ist (Römer 12,6-8; 1. Korinther 12,8-10.28-31; Epheser 4,7.11f; 1 Petrus 4,9-11). Und über die „Früchte des Geistes“, an denen man Paulus zufolge einen „geisterfüllten Christenmenschen“ erkennen kann (Galater 5,22f).
www.geistesgaben.de zählt in einer „Geistesgabenübersicht“ nicht weniger als 23 biblische Charismen auf. Leider ist die Gabe, eine Homepage ordentlich zu programmieren nicht darunter, so dass ich viel mehr als diese Liste auf dieser Homepage nicht finden konnte, weil mein Browser nicht in der Lage war, mir die tieferen Einblicke in die neutestamentliche Charismenlehre, die diese Internetseite zweifelsohne enthält, zu eröffnen.
So musste ich einmal mehr auf meine Bibel zurückgreifen und muss gestehen: Es waren wieder nicht die langen Listen mit den spektakulären Charismen wie Zungenrede, Prophetie und Unterscheidung der Geister, die mir ins Auge fielen. Auch nicht die neun oder zwölf Früchte des Geistes, über die man nachdenken könnte – je nachdem, ob man nun der Aufzählung des Paulus oder dem Katechismus der Katholischen Kirche folgt.
Es war ein kleiner, aber knackiger Vers aus dem 2. Timotheusbrief. Ich habe diesen Vers letzten Sonntag unseren Geburtstagskindern als Geburtstagsvers mitgegeben – und seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen.

2. Timotheus 1,7:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“


Der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht!

Das Wort, das hier im Griechischen steht, könnte man auch mit Feigheit oder Verzagtheit übersetzen.
Was heißt das? Bedeutet das, dass Menschen, die zu Gott gehören und vom Geist Gottes geprägt werden, keine Angst mehr haben?
Das kann nicht sein! Denn Angst gehört zu unserem Leben dazu. Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ Die Welt – nicht die Angst! Auch Jesus hat Angst gehabt. Damals im Garten Gethsemane hat er Blut und Wasser geschwitzt und Gott verzweifelt darum gebeten, dass der Kelch des Leidens und des Todes an ihm vorübergehen möge.
Furcht und Angst gehören zu unserem Leben dazu. Die Furcht hat sogar eine ganz wichtige Funktion: Sie warnt uns vor drohenden Gefahren und hilft uns damit, zu überleben.

Ich weiß nicht, wovor ihr euch fürchtet. Ich fürchte mich vor vielen Dingen. Zum Beispiel vor Spinnen und anderen Krabbeltieren. Davor zu versagen oder von Menschen, die ich liebe, zurückgewiesen zu werden. Vor Krankheit und Leid. Vor dem Sterben.
Und wenn ich mich so umschaue in der Welt, dann gibt es da auch jede Menge Grund, sich zu fürchten: Globalisierung und Klimawandel, Finanzkrise und Rezession, Sicherheitsmängel bei Flugzeugen und S-Bahn-Zügen – die Liste ist endlos.
Dass wir da manchmal Furcht haben und uns ängstigen, ist nicht verwerflich, sondern verständlich und darf sein.

Ich denke, mit dem „Geist der Furcht“ ist hier etwas anderes gemeint. Vielleicht ein „Klima der Angst“, in dem wir nicht mehr frei atmen und leben können. Ein tief sitzendes Gefühl des Bedroht seins und der Aussichtslosigkeit, das uns jeden Mut für die Zukunft nehmen kann.
Manche Politiker – nicht nur im Amerika der Bush-Ära – sind ganz groß darin, solch ein Klima zu erzeugen. Denn Menschen, die Angst haben, lassen sich leichter kontrollieren und regieren. Da ist dann von „ständiger Bedrohung durch den Terror“ oder von der „Islamisierung unserer Gesellschaft“ die Rede – und schon hat man Feindbilder geschaffen, mit denen sich mit Hilfe der Angst der Menschen prima die eigene Macht sichern und ausbauen lässt.

Aber Ähnliches gibt es auch woanders, sogar in manchen Ausprägungen des Christseins. Da wird Menschen das Gefühl vermittelt, sie könnten Gott nicht recht sein, wenn sie nicht bestimmte Regeln befolgen und Normen erfüllen – und schon hat man sie in der Hand und übt Macht über sie aus. Die „geistliche Leiterschaft“ der einen ist dann der „Geist der Furcht“ für die anderen.
Doch Gottes Geist ist kein Geist der Furcht! Überall da, wo im Namen Gottes mit Angst und Furcht gearbeitet wird, ist ganz sicher nicht Gottes Geist am Werk!
Paulus selbst drückt das in Römer 8,15 so aus: „Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch (vor Gott) fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen und Töchtern macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“
Gottes Geist ist kein Geist der Furcht, sondern ein Geist der Kindschaft, des Vertrauens und der Zuneigung. Wir dürfen Vater zu Gott sagen. Und anders als manche menschlichen Väter, ist Gott ein Vater, vor dem wir keine Angst zu haben brauchen. Das Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen, das Jesus erzählt, hat das endgültig und für alle Zeiten klargestellt. Wer dieses Gleichnis kennt und für sich verstanden hat, der hat das Wichtigste verstanden, was es von Gott zu verstehen gibt: Gottes Geist kein Geist der Furcht.

Doch so wie Paulus, reicht es dem Verfasser des zweiten Timotheusbriefes nicht, nur negativ zu beschreiben, was der Geist Gottes nicht ist. Er liefert auch eine kleine, aber feine Positivliste von „Geistesgaben“, die es – wie ich finde – ohne Probleme mit den langen Aufzählungen in anderen neutestamentlichen Briefen aufnehmen kann!

Wenn der Geist Gottes also kein Geist der Furcht, der Verzagtheit und der Feigheit ist, was ist er dann?


Das Erste:
Gottes Geist ist ein Geist der Kraft!


In dem Wort „dynamis“, das hier im Griechischen steht, steckt ein Wortstamm, den ihr kennt: Dynamo, Dynamik, Bewegung, Energie. Wenn Furcht, Verzagtheit und Feigheit uns zu lähmen drohen, dann setzt der Geist Gottes uns in Bewegung. Dann gibt er uns die Kraft, unsere Furcht zu überwinden, trotz unserer Verzagtheit aufzustehen und loszugehen und verwandelt unsere Feigheit in Mut.

„Hm“, denkst du jetzt vielleicht, „aber ich fühle mich trotzdem oft reichlich kraftlos. Mangelt es mir also am Geist Gottes?“

Nein. Ganz im Gegenteil. Gerade wenn du dich schwach und kraftlos fühlst, ist die Chance, die Kraft Gottes in deinem Leben zu erfahren, besonders groß. Wenn deine eigene Kraft dich nicht mehr trägt, kannst du die Erfahrung machen, dass Gott dir Kraft gibt.
Auch das hat der Apostel Paulus erlebt: Angefeindet, missverstanden, verfolgt und von einer chronischen Krankheit geplagt, musste er sich zwangsläufig mehr auf Gott als auf seine eigene Stärke verlassen. In 2. Korinther 12,9 schreibt er, was ihm in solchen Situationen geholfen hat: der Zuspruch Gottes „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Lass dir an Gottes Gnade genügen, denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Gerade in unserer Kraftlosigkeit und Schwäche können wir die Macht und Stärke Gottes erfahren!

Das ist manchmal schwer zu glauben. Ich buchstabiere da selber gerade dran herum. Arbeitsmäßig geht es bei mir zur Zeit nämlich drunter und drüber. In den nächsten Wochen stehen Termine, Veranstaltungen und Deadlines an, von denen ich noch nicht wirklich weiß, wie ich die schaffen soll. Und privat kommt auch noch die eine oder andere Baustelle dazu.
Da stehe ich manchmal morgens auf und bitte Gott, mir „nur für heute“ die nötige Kraft zu geben, den Tag zu schaffen. Und abends falle ich ins Bett und stelle fest: Es hat gerade so gereicht. Und das genügt.

Wenn wir schauen, wie in der Bibel von der Kraft, von der dynamis die Rede ist, dann finden wir dort einen Bogen, der von Gott über Jesus Christus zu uns Menschen führt: Gott ist derjenige, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat. Darum beten wir im Vaterunser: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“
Doch Gott behält seine Kraft nicht für sich. Von Jesus heißt es, dass er nach seiner Taufe und der Versuchung in der Wüste „in der Kraft des Geistes“ zurück nach Galiläa kam und begann, die gute Nachricht vom Kommen der Gottesherrschaft zu verbreiten (Lk 4,14).
Und spätestens seit Pfingsten haben wir als Christen Anteil an der Kraft Gottes, einer Kraft für die unsere Schwachheit kein Hindernis ist, weil sie sich gerade in unserer Schwachheit entfalten kann.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft!


Das Zweite:
Gottes Geist ist ein Geist der Liebe!


„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die ihm vertrauen, nicht zugrunde gehen, sondern ewiges Leben haben.“ (Johannes 3,16)
Alles Tun Gottes – vom ersten Schöpfungswort bis zum Tod Jesu am Kreuz und seiner Auferweckung – hat seinen Grund in Gottes Liebe zu dieser Welt und den Menschen, die auf ihr leben. „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Johannes 4,16)

So einfach ist das! Darum kann Jesus alle Gebote und die ganze Ethik des Alten Testaments in einem Satz zusammenfassen: „Liebe Gott – und deinen Nächsten wie dich selbst!“
Oder mit den Worten des Kirchenvaters Augustinus: „Liebe – und dann tu, was du willst!“

Von allen Gaben, die Gottes Geist geben kann, ist die Liebe die größte, von Paulus unübertroffen schön beschrieben und zu anderen Geistesgaben in Beziehung gesetzt in seinem „Hohen Lied der Liebe“ in 1. Korinther 13:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende. Zungenrede verstummt. Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk.
Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.
Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

Doch was ist das für eine Liebe, der Paulus hier sein Liebeslied schreibt? Die griechische Sprache kennt drei verschiedene Begriffe für das, was wir „Liebe“ nennen: Eros (die erotische Liebe, das Begehren), Philia (die freundschaftliche Liebe) und Agape (die selbstlose, schöpferische Liebe, die von Gott ausgeht). Hier in 1. Korinther 13 und in unserem Text in 2. Timotheus 1,7 ist von dieser Agape die Rede.
Der schwedische Theologe Anders Nygren hat in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Buch darüber geschrieben. Es trägt den Titel „Eros und Agape“. Nygren kommt darin zu dem Ergebnis, dass nur die Agape die einzig wahre christliche Form der Liebe sei.
Das glaube ich so nicht. Schließlich hat Gott auch alle anderen Formen der Liebe geschaffen.
Doch wie Nygren die neutestamentliche Agape selbst beschreibt, das hat nach wie vor Gültigkeit:

„Die Liebe Gottes ist absolut spontan“, schreibt Nygren. „Sie sucht kein Motiv im Menschen. Zu sagen, dass Gott den Menschen liebt, heißt nicht, ein Urteil über den Menschen, sondern über Gott abzugeben ... Agape ist schöpferische Liebe. Die göttliche Liebe liebt nicht das, was an sich schon der Liebe wert ist, sondern im Gegenteil: Was an sich keinen Wert hat, erhält Wert gerade dadurch, dass es Gegenstand der göttlichen Liebe wird ... Agape liebt und verleiht dadurch Wert. ... Agape ist ein wertschaffendes Prinzip.“

Das also ist der „Geist der Liebe“, an dem wir durch Gott teilhaben.
Haben wir das? Ja, ich denke, wir haben das. Zumindest haben die meisten, wenn nicht alle von uns diese Art zu lieben schon einmal selbst erfahren. Denn so lieben Eltern ihr Kind. Bevor sie es kennen, bevor diese Liebe erwidert werden kann, lieben sie es schon, wie es auch sei und was auch aus ihm werden mag.
Und auch hier führt der Bogen der Liebe von Gott, der selbst die Liebe ist, über Jesus Christus, seinen geliebten Sohn, zu uns: „Ein neues Gebot gebe ich euch“, sagt Jesus: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt.“ (Johannes 13,34f)
Weil wir selbst durch Jesus Christus die Liebe Gottes erfahren, darum können wir sie auch weitergeben. Dann lieben wir andere Menschen nicht, weil sie liebenswert sind, sondern wir machen sie liebenswert dadurch, dass wir sie lieben. Für Furcht ist in dieser Art von Liebe kein Raum.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Liebe!


Das Dritte:
Gottes Geist ist ein Geist der Besonnenheit!


Besonnenheit ist ein heute nicht mehr sehr gebräuchlicher Begriff. Vielleicht ist auch die mit diesem Wort beschriebene Tugend ein wenig aus der Mode gekommen.
Das Wort „sophrosyne“, das hier im Griechischen steht, meint so etwas wie die Herrschaft der Vernunft über die Triebe. Manche übersetzen es auch mit „Verständigkeit“, „Selbstbeherrschung“ oder sogar mit „Zucht“ und „Sittsamkeit“.
In der philosophischen Tradition der alten Griechen ist die Besonnenheit – neben Tapferkeit, Gerechtigkeit und Klugheit – eine der vier Kardinaltugenden, also Dreh- und Angelpunkt für ein gutes, gelingendes, sinnvolles Leben. So klingt auch in dem deutschen Wort „Besonnenheit“ das Wort „Sinn“ mit.
Der katholische Theologe Alfons Weiser schreibt: „Mit ‚Besonnenheit’ ist eine Lebensweisheit gemeint, die einhergeht mit gesunder Urteilsfähigkeit und zu einem selbstbeherrschten Leben führt.“ (Alfons Weiser, EKK XVI/1, 110).

Naja ... Das klingt irgendwie mehr nach griechischer Philosophie als nach jüdisch-christlicher Theologie. Und irgendwie auch ein bisschen nach Krampf und Spaß verderben. Ist das nicht furchtbar anstrengend, immer vernünftig und besonnen sein zu müssen oder zu wollen?
Ja, das ist es. Wenn es zu einer Lebensphilosophie gehört, in der ich eine solche Haltung aus eigener Kraft und Anstrengung erreichen will.
Aber gerade das ist ja hier nicht gemeint! Die „Besonnenheit“ von der hier die Rede ist, ist eine Gabe des Gottesgeistes. Nicht wir müssen uns anstrengen, besonnen zu leben und uns selbst zu beherrschen – Gottes Geist wirkt diese Haltung in uns.
An einer anderen Stelle (in Titus 2,12) ist davon die Rede, dass die „heilsame Gnade Gottes“ uns zu dieser Haltung erzieht.
Also: Macht euch locker! Wir sollen uns nicht verkrampfen, um ein philosophisches Ideal zu erreichen und ein tugendhaftes Leben zu führen. Gott selbst, der durch seinen Geist in uns wirkt, wird uns prägen und uns zu den Menschen machen, die wir nach seiner Vorstellung sein sollen.

Heißt das nun, dass wir gar nichts dazu beitragen können und sollen? Nein, das heißt es nicht. Aber es heißt, dass von unserem Beitrag nicht abhängt, ob unser Leben gelingt oder nicht! Dafür steht Gott selber gerade. Das ist die „heilsame Gnade Gottes“. Noch ein Grund, sich nicht zu fürchten!

Bei Arthur Schopenhauer, einem der großen Philosophen des 19. Jahrhunderts, habe ich eine kleine „Anleitung zur Besonnenheit“ gefunden, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

„Um mit vollkommener Besonnenheit zu leben und aus der eigenen Erfahrung alle Belehrung, die sie enthält, hinauszuziehen, ist erfordert, dass man oft zurückdenke und was man erlebt, getan, erfahren und dabei empfunden hat, rekapituliere.“
Darauf „zielt auch die Regel des Pythagoras, dass man abends, vor dem Einschlafen, durchmustern solle, was man den Tag über getan hat. Wer im Getümmel der Geschäfte oder Vergnügungen dahinlebt, ohne je über seine Vergangenheit nachzusinnen (wörtl.: „seine Vergangenheit zu ruminieren“ = „wiederzukäuen“, „zu überlegen“), vielmehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht die klare Besonnenheit verloren ... Dies ist um so mehr der Fall, je größer die äußere Unruhe, die Menge der Eindrücke, und je geringer die innere Tätigkeit seines Geistes ist.“ (Arthur Schopenhauer, zitiert nach: Das Buch der Werte. Wider die Orientierungslosigkeit in unserer Zeit. Herausgegeben von Friedrich Schorlemmer, Stuttgart 1995, Seite 177).

Ich wünsche euch für die kommende Woche, dass ihr nicht euer Leben „abhaspelt“, sondern Zeit und Ruhe für diese innere Tätigkeit eures Geistes findet, um vielleicht ein Quantum mehr Besonnenheit in euer Leben zu bringen.
Und ich wünsche euch die Geistesgegenwart Gottes, der uns nicht einen Geist der Furcht gegeben hat, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Amen.

(c) Volkmar Hamp