Das Gleichnis vom Gastmahl (Lukas 14,15-24)


„Sieben Wochen ohne Zaudern“ – das ist das Motto der diesjährigen Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland (2009). Im Rahmen dieser Aktion bekommen wir es heute – mitten in der Fastenzeit – mit einem Text zu tun, der im Kontext einer Mahlzeit, eines „Gastmahls“ spielt.
In der Antike waren solche „Gastmahle“ – Symposien – wohlbekannt: Schriftsteller und Philosophen wie Xenophon, Plutarch und Plato beschreiben solche fiktiven Gastmahle und verorten dort ihre philosophischen Dialoge.
Vielleicht steht Lukas in dieser Tradition, wenn er in Lukas 14,1 sein „Gastmahl“ so einführt: „Als Jesus in das Haus eines der Führer der Pharisäer kam, um am Sabbat zu essen, da waren die Pharisäer dabei ihn zu belauern.“

Dass am Sabbat feierlich gegessen und ein Gast auf der Durchreise dazu eingeladen wird, ist etwas völlig Normales. Dass die Pharisäer, die fromme Elite ihrer Zeit, diesen Wanderprediger aus Nazareth selbst bei so einem harmlosen Vergnügen wie einem gemeinsamen Festessen „belauern“, zeigt, wie misstrauisch sie diesem Gast gegenüber sind: Wird er wieder das Gesetz missachten? Wird er wieder etwas tun, das mit der Sabbatruhe unvereinbar ist?

Natürlich! Jesus heilt einen Kranken und diskutiert mit seinen Gegnern, ob das am Sabbat nun erlaubt sei oder nicht. Und als er beobachtet, wie einige der Eingeladenen sich schnell die besten Plätze sichern, da macht er ihnen unmissverständlich klar, dass im Reich Gottes andere Maßstäbe gelten.
Zu seinem Gastgeber sagt er: „Wenn du ein Mittag- oder Abendessen veranstaltest, rufe weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn, dass nicht auch sie dich einladen und dies dein Entgelt sein wird. Sondern, wenn du eine festliche Einladung veranstaltest, rufe Arme, Krüppel, Lahme, Blinde, und du wirst glücklich sein, weil sie dir nicht vergelten können. Es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“ (Lukas 14,12-14)

Diesen Satz schnappt nun einer derjenigen auf, die da mit zu Tische liegen, und kommentiert ihn so: „Recht hast du! Glücklich ist der, der im Reiche Gottes Brot isst!“ (Vers 15) War zuvor auch noch von dieser Welt, von den Armen, den Ausgestoßenen und Kranken, die Rede, so ist diesem anonymen Zwischenrufer nur der Himmel wichtig! Als Angehöriger der Elite Israels rechnet er fest damit, einer der „Glücklichen“ zu sein, die im Reich Gottes ihr Brot essen werden. In selbstzufriedener Frömmigkeit überspringt er die Gegenwart vollkommen und hat nur noch das Festmahl im Gottesreich im Blick.

Ihm – und Leuten wie ihm – erzählt Jesus ein Gleichnis:

„Ein Mensch veranstaltete ein großes Gastmahl und lud viele ein. Und er sandte seinen Knecht zur Stunde des Gastmahls zu den Eingeladenen, um zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit.
Und alle fingen auf einmal an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss unbedingt hinausgehen, ihn zu besichtigen; ich bitte dich, lass mich entschuldigt sein. Und ein anderer sprach: Ich habe fünf Paar Ochsen gekauft und gehe hin, sie zu prüfen; ich bitte dich, lass mich entschuldigt sein. Und ein anderer sprach: Ich habe eine Frau genommen und kann darum nicht kommen.
Und als der Knecht zu ihm kam, meldete er das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr vom Zorn ergriffen und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Plätze und Gassen der Stadt und bringe die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen hierher.
Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du angeordnet hast, und ist noch Platz.
Und der Herr sprach zum Knecht: Geh hinaus an die Wege und Zäune und nötige sie einzutreten, damit mein Haus gefüllt werde.
Denn ich sage euch, dass keiner jener Männer, die eingeladen waren, mein Gastmahl kosten wird.“

Ich weiß nicht, wie euch das geht,
ich ärgere mich manchmal über Leute, die die Kunst der unverbindlichen Zusage perfekt beherrschen: „Klar komme ich! – Wenn nichts dazwischen kommt!“ Und damit meinen sie nicht, dass sie krank werden, sterben oder den Friedensnobelpreis verliehen bekommen könnten. Nein. Sie meinen, dass sie zu dem Zeitpunkt, für den die Einladung gilt, vielleicht doch keine Lust mehr oder plötzlich etwas Besseres vorhaben könnten.
Solche Leute gab es schon immer! Da veranstaltet einer ein Festmahl. Die Einladungen dazu sind schon längst verteilt. Und nun, unmittelbar vor Beginn des Essens, werden – wie es damals üblich war – alle Eingeladenen noch einmal an den Termin erinnert. Doch plötzlich haben alle etwas Besseres vor.
Ich habe lange überlegt, ob es irgendetwas gibt, was ich zur „Ehrenrettung“ dieser Leute sagen könnte. Aber mir ist nichts eingefallen. Die sagen ja nicht ab, weil sie aus zwingenden Gründen verhindert sind! Nein. Nichts von dem, was sie anführen, kann nur
an diesem Tag und in diesem Augenblick erledigt werden!

So will der erste nicht etwa einen Acker
kaufen, und ihm würde das Geschäft seines Lebens entgehen, wenn er jetzt nicht zuschlüge. Nein. Er hat den Acker schon gekauft. Und ich denke mal, er hat ihn sich auch angesehen. Denn niemand kauft einen Acker, ohne ihn sich vorher anzuschauen! Doch er will noch einmal dorthin gehen, um sich an seinem Besitz zu freuen. Und das ist ihm wichtiger als die Einladung des Gastgebers.
Und der zweite hat nicht etwa
just in diesem Moment die einmalige Chance zehn Ochsen zu kaufen. Nein. Er hat sie schon gekauft. Und ganz sicher hat er sie sich auch angeschaut, bevor er sie bezahlt hat. Kein Bauer kauft die Katze im Sack oder einen Ochsen, den er nicht gesehen hat! Doch er will sie noch einmal prüfen. Er will schauen, ob sie ihr Geld wirklich wert sind. Und das ist ihm wichtiger als die Einladung des Gastgebers.
Und der dritte? Der feiert nicht gerade
heute, an diesem Tag, seine Hochzeit. Dann wäre er entschuldigt, klar! So etwas geht vor! Aber die Hochzeit dieses Mannes liegt schon eine Weile zurück. Und trotzdem kann er nicht kommen. Es bleibt unserer Fantasie überlassen, warum ... Jedenfalls ist ihm das wichtiger als die Einladung des Gastgebers.

Man könnte diese Leute ja verstehen, wenn sie – wie wir! – termingestresste Workaholics wären, Leistungsträger der Gesellschaft, denen unaufschiebbar wichtige Geschäfte einfach keine Zeit lassen für so harmlose Vergnügen wie ein Festessen bei einem Freund.
Aber hier geht es nicht um Pflicht auf der einen und Vergnügen auf der anderen Seite. Hier geht es auch nicht um die Alternative zwischen den Sorgen des Alltags und der Freude auf den Feierabend oder das Wochenende. Und erst recht geht es nicht darum, das Leben im Hier und Jetzt gegen die Zukunft des Gottesreiches auszuspielen.
Nein. Jesus geht es um die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Arten von Freude. Ihm geht es um zwei Zugänge zum Leben, zwei gegensätzliche Vorstellungen davon, was wirklich wichtig ist im Leben und was ein Leben sinnvoll macht.
Die Menschen in diesem Gleichnis haben sich entschieden:
Sie feiern ihre eigene Leistung und Initiative. Sie feiern ihr Geschick und ihren Erfolg. Sie feiern das Aufgehen ihres individuellen Lebenskonzepts – materiell (der Acker und die Ochsen) und ideell (die Frau des Lebens). Doch jeder Acker hat nur einen Besitzer. Jeder Ochse hat nur einen Herrn. Jede Frau hat – hoffentlich – nur einen Mann. Was diese Menschen feiern, ist also ihr ganz persönliches, individuelles Glück. Ihnen geht es um ihre ureigene, private Freude.

Versteht mich nicht falsch: Ich glaube, wir haben alles Recht dazu, das zu tun! Wir haben jedes Recht, solche Dinge zu feiern und zu genießen! Alles andere wäre verlogen und dumm. Aber wenn das
alles ist, was wir feiern und genießen können, wenn sich der Sinn unseres Lebens in der Anhäufung materieller Güter oder im Gelingen unseres privaten Lebenskonzepts erschöpft, wenn wir darüber die Einladung Gottes zu mehr Freude und vor allem zu gemeinsamer Freude mit anderen ausschlagen – dann verpassen wir das, was Jesus meint, wenn er vom „Reich Gottes“ spricht!

Die Alternative, um die es in diesem Gleichnis geht, ist also die Alternative zwischen einsamer und gemeinsamer Freude, zwischen selbst konstruiertem und von Gott geschenktem Sinn, zwischen ausschließender, exklusiver Gemeinschaft und einladender, inklusiver Gemeinschaft.
Im Reich Gottes – so formuliert es der Religions- und Missionswissenschaftler Theo Sundermeier – geht es nicht um Kon
kurrenz – nicht um ein Rennen um die besten Plätze im Leben – im Reich Gottes geht es um Konvivenz, - um das „Miteinander leben“ und „Miteinander feiern“ der Kinder Gottes.
Dazu lädt Jesus ein! Das hat er anzubieten! Und das schlagen die Menschen in diesem Gleichnis, schlagen die Frommen seiner Zeit aus, wenn sie sich nur um sich selber drehen und anderen den Zugang zu Gott und seinem Reich verwehren wollen.

Der Hausherr im Gleichnis wird zornig, als er vom Fernbleiben der Gäste hört. Das Wort, das hier im Griechischen steht, meint einen Zorn, der Trauer und Enttäuschung beinhaltet. Gott ist es nicht gleichgültig, ob wir seine Einladung annehmen oder nicht! Er leidet darunter, wenn wir sie ausschlagen.
Aber ob das Fest stattfindet, hängt nicht von unserer Reaktion auf Gottes Einladung ab! Gefeiert wird in jedem Fall! Wenn nicht mit uns, dann mit anderen: mit den Armen und Gehandicapten, mit den Blinden und den Lahmen!
Sie nehmen die Plätze ein, die eigentlich für die zuerst Geladenen reserviert waren. Und selbst wenn sie alle kommen, ist da noch mehr Platz für weitere Gäste! Der Hausherr scheut sich nicht, alle Welt „nötigen" zu lassen, damit sein Haus voll wird und das Fest ein Erfolg.


Aus aktuellem Anlass und weil diese Geschichte häufig missverstanden wurde zwei Anmerkungen dazu:

Die erste: In diesem Gleichnis geht es nicht darum, dass das Heil, die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes, zuerst den Juden angeboten und dann auf die Heiden übertragen wurde, weil das Volk Israel Jesus abgelehnt habe. Die Armen, die hier die Plätze der Erstgeladenen einnehmen, sind ja auch Juden. Auch sie gehören zum Volk Gottes. Jede Auslegung, die aus diesem Gleichnis eine Abwertung des Judentums oder eine Vorrangstellung des Christentums herausliest, verbietet sich also von selbst.
Das zweite: Aus dem „Nötige sie einzutreten!“ haben Theologen von Augustinus über Calvin bis ins vorige Jahrhundert hinein das Recht der Kirche abgeleitet, Menschen auch mit Druck und Zwang zum „wahren Glauben“ zu bekehren. Das ist natürlich völlig absurd! Hier geht es nicht darum, irgendjemanden zu zwingen. Der Knecht im Gleichnis ist kein Oberfeldwebel. Hier werden Menschen eingeladen und überzeugt. Der einzige „Zwang“, der hier ausgeübt wird, ist die zärtliche Gewalt der Liebe. Und „Liebe ist ein Kind der Freiheit!“ (altfranzösisches Sprichwort). Wo immer Menschen in Glaubensdingen, in religiösen oder geistlichen Fragen, mit Druck und Zwang operieren, könnt ihr sicher sein: Mit Gott hat das nichts zu tun!


Und wo findest du dich nun in diesem Gleichnis wieder?

Vielleicht gehörst du zu den Erfolgreichen. Zu denen, die die Früchte ihres Erfolges genießen wollen. Vielleicht ist dein Lebenskonzept bisher ganz gut aufgegangen und du hast dir Äcker und Ochsen erarbeitet und die Frau / den Mann deines Lebens gefunden.
Dann darfst du dich darüber freuen. Du darfst es genießen. Es kann Ausdruck des Segens, der guten Gedanken Gottes für dein Leben, sein. Jesus verurteilt in diesem Gleichnis nicht das Streben nach Besitz, Erfolg oder Glück. Er fragt nur danach, wie du die Prioritäten in deinem Leben setzt. Und ob du dich noch beschenken lassen kannst.
Persönlicher Erfolg und individuelles Glück ist eben nicht alles im Leben. Es gibt noch eine größere Freude. Und du bist eingeladen, über den kleinen Freuden deines Lebens die große Festfreude eines Lebens in der Gegenwart Gottes nicht zu verpassen.
„Geteilte Freude ist doppelte Freude!“ heißt es in einem Sprichwort. Und meist ist an diesen Sprichwörtern ja etwas dran. Vielleicht ist es dran für dich, dein erfolgreiches Leben zu öffnen. Andere, die es nicht so gut getroffen haben, daran teilhaben zu lassen.
Dann zaudere nicht, das zu tun! Vielleicht, indem du einen Teil deines Besitzes Gott zur Verfügung stellst. Die Bibel bietet hier den Zehnten als Orientierung an. Aber wie wäre es, wenn du darüber hinaus ein Zehntel deiner Zeit „opferst“, um sie mit anderen zu teilen, die dich brauchen? Als Kiezpate, im Sonntags-Kinder-Club, beim Winterspielplatz, im arabischen Frauencafé, in der Bürgerplattform, in einem Hauskreis, im Gottesdienst- oder Musikteam – Möglichkeiten gibt es viele, auch hier in der Baptistenkirche Wedding.

Vielleicht gehörst du aber auch zu den weniger Erfolgreichen. Mit dem Acker und den Ochsen hat es bisher nicht geklappt. Und auch die Frau / den Mann deines Lebens hast du noch nicht getroffen. Vielleicht findest du dich gerade in den „Armen“ wieder, in den vom Leben Gebeutelten. Vielleicht fühlst du dich innerlich verkrüppelt, lahm und blind.
Dann lass dir gesagt sein: Die Einladung Gottes zum Fest des Lebens gilt ganz besonders dir! Sie gilt gerade dem, was arm, was verkrüppelt, lahm und blind ist in uns! Und glaub mir, es gibt niemanden hier im Raum, der nicht an der einen oder anderen Stelle „vom Leben beschädigt“ wurde!
Zaudere nicht, dir deine „Beschädigungen“ einzugestehen. Du darfst darüber klagen und weinen. Aber auch hier gilt: „Geteiltes Leid ist halbes Leid!“ Auch an diesem Sprichwort ist etwas dran. Du bist eingeladen, die Beschädigungen in deinem Leben nicht zu kaschieren und zu überspielen. Du musst nicht nach außen heil und positiv erscheinen, wenn es in dir drin ganz anders aussieht! Gott hält dich aus wie du bist – und ich hoffe, wir als Gemeinde hier im Wedding kriegen das auch einigermaßen hin!

Vielleicht siehst du dich auch in der Rolle des Knechtes in diesem Gleichnis. Vielleicht gibst du dir alle erdenkliche Mühe, Menschen in deiner Umgebung für das Reich Gottes zu gewinnen – und holst dir eine Abfuhr nach der anderen.
Für dich habe ich kein Sprichwort. Nur die Bitte: Gib nicht auf! Das Reich Gottes kommt. Das Fest findet statt. Wir können nur einladen. Die Einladung annehmen muss jeder selbst.

Das Gleichnis Jesu endet mit einem Gerichtswort: „Ich sage euch, dass keiner jener Männer, die eingeladen waren, mein Gastmahl kosten wird.“
Das klingt hart! Sollte es das wirklich geben bei Gott: ein endgültiges „zu spät“? Ich weiß es nicht. Manche Texte der Bibel legen diesen Schluss nahe. Und vielleicht muss es das geben. Vielleicht ist das die Konsequenz aus dem Respekt Gottes vor der Freiheit der Menschen.

Aber: Jesus erzählt ein Gleichnis, er schreibt keine Dogmatik! Seine Parabel ist keine vorweggenommene Photographie dessen, was kommt. Sie will das, was ist, verändern!
Und das, was ist, erleben wir jeden Tag am eigenen Leib: hin und her gerissen zwischen dem Verlangen nach uns selbst und der Sehnsucht nach Gott, zwischen unreflektierter Ablehnung und bedingungsloser Zustimmung, zwischen dem Wunsch, das Leben im Griff zu haben und der Einladung, loszulassen und uns beschenken zu lassen.

Die Einladung gilt allen. Nimmst du sie an?


(c) Volkmar Hamp
in Anlehnung an Gerd Theißen, Lebenszeichen. Predigten und Meditationen. Gütersloh 1998.