Das Abendmahl (Lukas 22,7-23)


Liebe Freunde, liebe Geschwister,

wie an jedem ersten Sonntag im Monat feiern wir auch heute wieder miteinander Abendmahl. Vor uns stehen Brot und Traubensaft als Zeichen der Versöhnung zwischen Gott und Mensch, die durch Jesus Christus möglich geworden ist.
Seit fast 2.000 Jahren feiern Christen nun Abendmahl. Und viele von ihnen verbinden damit etwas anderes – vielleicht mehr? – als wir Baptisten das tun: Für sie ist das Abendmahl ein „Sakrament“, eine heilige Handlung, in der durch ein sichtbares Zeichen das unsichtbare Heilshandeln Gottes vergegenwärtigt, ja, bewirkt wird.
Was verbindet ihr mit dem Abendmahl? Ist es eine gute, alte Tradition, die uns immer wieder daran erinnert, was Jesus für uns getan hat? Eine Art „Gedächtnismahl“? Oder ist es ein Ort, an dem wir im Teilen von Brot und Wein die Gemeinschaft mit Jesus Christus und untereinander erleben? Eine Art „Gemeinschaftsmahl“?
Verschiedene Abendmahlsverständnisse sind möglich, finden sich in unterschiedlichen kirchlichen Traditionen und lassen sich, wenigstens zum Teil, auch von der Bibel und vom Urchristentum her begründen.
Doch das ist eher von akademischem oder kirchenpolitischem Interesse. Und natürlich ist es traurig ist, dass das Abendmahl und sein Verständnis Christen unterschiedlicher Konfessionen immer noch von einander trennt, anstatt sie miteinander zu verbinden.
Doch darum soll es heute Morgen nicht gehen. Wir sind ja unter uns! Vielmehr möchte ich euch gerne mit hinein nehmen in die Geschichte aus dem Neuen Testament, in der die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus selbst erzählt wird. Vielleicht eröffnet uns diese Geschichte neue Perspektiven auf das, was wir tun, wenn wir hier im Wedding Monat für Monat miteinander Abendmahl feiern.

Ich lese aus Lukas 22 die Verse 7-23:
7 Es kam nun der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem man das Passalamm opfern musste. 8 Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passalamm, damit wir's essen.
9 Sie aber fragten ihn: Wo willst du, dass wir's bereiten? 10 Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, 11 und sagt zu dem Hausherrn: Der Meister lässt dir sagen: Wo ist der Raum, in dem ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern? 12 Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist; dort bereitet es.
13 Sie gingen hin und fanden's, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm.
14 Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. 15 Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. 16 Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes.
17 Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch; 18 denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt.
19 Und er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 20 Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!
21 Doch siehe, die Hand meines Verräters ist mit mir am Tisch. 22 Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird! 23 Und sie fingen an, untereinander zu fragen, wer es wohl wäre unter ihnen, der das tun würde.

Das Erste, was mir an diesem Text aufgefallen ist, ist Folgendes: Das Abendmahl ist kein vom Himmel gefallener Ritus, den Jesus an diesem letzten gemeinsamen Abend mit seinen Jüngern installiert, um sicherzustellen, dass sie ihren Meister nicht vergessen! Das Abendmahl ist eingebunden in eine lange Tradition der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Es ist Teil und Neudeutung der jüdischen Passaliturgie, das heißt: der Erinnerung an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, an die Befreiung aus der Sklaverei. Damit wird unser Abendmahl – wie das jüdische Passafest – zu einem Fest der Befreiung!
Brot und Wein als Zeichen für die Freiheit der Kinder Gottes? In der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, habe ich das oft anders erlebt: Da waren Abendmahlsfeiern meist ernste, leicht depressive Veranstaltungen, in denen es mehr um Tod und Trauer als um Leben und Feiern zu gehen schien. Und von der Freiheit der Kinder Gottes war da manchmal wenig zu spüren. Fast so wie in dem Lied der Göttinger A-Capella-Truppe „Ganz schön feist“, das ich euch jetzt gerne vorspielen möchte ...

-> Lied: „In der Kirche“ (Ganz schön feist)

Ganz so schlimm war es in meiner Heimatgemeinde nicht. Auch nicht beim Abendmahl. Aber so ein bisschen gibt dieses Lied mit dem Titel „In der Kirche“ schon wieder, wie ich als Kind manchmal Kirche empfunden habe: als eine altehrwürdige, aber hin und wieder auch etwas angestaubte Veranstaltung, in der es oft mehr ernst als fröhlich zuging.
Dabei hat die Geschichte des Abendmahls in der christlichen Kirche ihren Ursprung in einem Freudenfest! Sie ist Feier und Fortsetzung der Geschichte Gottes mit seinem Volk! Und sie beginnt – mit der Sehnsucht Gottes nach uns!
„Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide.“ Das sind die ersten Worte, die Jesus an diesem Abend zu seinen Jüngern sagt: „Mich hat herzlich verlangt nach euch! Ich hatte Sehnsucht danach, dieses Fest mit euch zu feiern – auch und gerade angesichts dessen, was mir bevorsteht!“
Jede Abendmahlsfeier, jeder Gottesdienst ist nicht ein Ritual, das wir für Gott veranstalten, sondern ein Ausdruck der Sehnsucht Gottes nach uns. Ihn verlangt danach, mit dir das Leben zu feiern. Gott selbst sehnt sich nach dir. Bekommst du bei diesem Gedanken manchmal noch eine Gänsehaut?
Und so feiert Jesus mit seinen Jüngern den Sederabend, den Vorabend des Passafestes. Sie essen Speisen, die eine symbolische Bedeutung haben und an die Befreiung Israels aus Ägypten erinnern:
- ungesäuertes Brot – als Symbol der Eile, in der die Juden aus Ägypten fliehen mussten; nicht einmal der Brotteig konnte noch fertig werden.
- Salzwasser – als Symbol des Weinens über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem.
- Bitterkräuter, die an die Bitterkeit der Knechtschaft in Ägypten erinnern.
- Einen süßen Brei – als Symbol für den Lehm, aus dem die Hebräer in den Zeiten der Knechtschaft Ziegel herstellen mussten.
- und manches anderes mehr ...
Und sie trinken die vier Becher Wein, die zur Liturgie dieses Abends dazu gehören und vier Verheißungen symbolisieren, die Gott seinem Volk einst gab: Er wolle die Kinder Israels aus Ägypten herausführen, erretten, erlösen und als eigenes Volk annehmen (Ex 6,6f).
Und dann steht da wohl auch noch ein fünfter Becher bereit – für den Propheten Elija, der zurück erwartet wird, um das Kommen des Messias anzukündigen.
Vielleicht war es dieser Becher, den Jesus als erstes nahm. „Nehmt ihn und teilt ihn unter euch!“, sagt er, „denn ich werde nicht mehr davon trinken, bis das Reich Gottes kommt!“
Wissend oder ahnend, was ihm bevorsteht, nimmt Jesus so Abschied von seinen Jüngern. Doch er geht nicht ohne Hoffnung: Das Reich Gottes kommt! Das ist mal sicher! Und dann findet die Geschichte Gottes mit dieser Welt, die seit dem Auszug aus Ägypten eine Geschichte der Befreiung ist, ihren Höhepunkt und ihre Vollendung.
Und die Zeit bis dahin? Diese „Zwischenzeit“? Sie ist keine Zeit der Trauer und des Wartens, sondern eine Zeit der Erwartung und des Feierns! Eine Zeit, in der Jesus in seiner Gemeinde und durch seine Gemeinde in der Welt gegenwärtig bleibt. Und die Zeichen dafür sind Brot und Wein.
Warum gerade diese beiden? Warum nimmt Jesus nicht die Bitterkräuter, das Salzwasser oder den süßen Brei und macht sie zu Symbolen für die Zukunft?
Zum einen wohl, weil Brot und Wein von jeher zu den „Ursymbolen“ der Menschheit gehören: Brot, das „Lebens-Mittel“ schlechthin. Symbol für das, was wir unbedingt zum Leben (und Überleben) brauchen. Und Wein: Symbol der Freude am Leben, der Lebensqualität und des Feierns.
Zum andern wohl, weil Brot und Wein auch im Leben und in der Verkündigung Jesu immer eine wichtige Rolle gespielt haben: Er lehrt seine Jünger die Bitte um das tägliche Brot. Er wirkt das Wunder der Brotvermehrung. Ja, er bezeichnet sich selbst als das „Brot des Lebens“.
Und die Beziehung zwischen sich selbst und seinen Leuten beschreibt er im Bild vom Weinstock und den Reben: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht!“ Er verschließt sich nicht der Bitte seiner Mutter, bei einer Hochzeit mit Wein auszuhelfen. Und er pflegt Tischgemeinschaft – auch in fragwürdiger Gesellschaft – und nimmt dafür sogar in Kauf, als „Fresser und Weinsäufer“ verschrien zu werden.
Ja, so könnte man sagen: Jesus war „ein Mensch wie Brot und Wein“:
In allem, was er tat und sagte, ging es ihm um das, was wir zum Leben brauchen und darum, wie unser Leben lebenswert werden kann. Um ein Leben in Würde und Freiheit und um ein Leben mit Qualität.
Als Christen glauben wir, dass Jesus auch heute noch „wie Brot und Wein“ für uns ist: Er ist und gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Er sorgt sich um uns und unsere Bedürfnisse – die körperlichen wie die seelischen. Und er gönnt uns jede Lebensfreude und Lebensqualität, die nicht auf Kosten anderer und zu ihren Lasten geht.
Und Jesus möchte, dass auch wir „Menschen wie Brot und Wein“ sind: lebendig und dem Leben zugewandt! Befreite, die andere in Freiheit setzen! Auch darum feiert er das Abendmahl mit seinen Jüngern: dass sie begreifen: Das, was mit Jesus begonnen hat, endet nicht mit seinem Tod, nicht mit seiner Auferstehung und nicht mit seiner Himmelfahrt. Es setzt sich fort im Leben seiner Nachfolger, in ihrem Dasein in der Gemeinde und in der Welt.
Im Abendmahl das Gedächtnis an Jesus und das, was er für uns getan hat, wach zu halten, bedeutet immer auch sich klar zu machen, dass wir Brot und Wein nicht für uns behalten, sondern weitergeben sollen. Weil die Welt um uns nichts dringender braucht, als Menschen, die wie Brot und Wein sind!
Das Abendmahl, so hat es der evangelische Theologe Ernst Lange einmal formuliert, ist „eine in eine Gleichnishandlung gefasste Liebeserklärung Christi“. „Nicht Sachen, heilige Dinge, heilige Substanzen sind Gabe des Abendmahls, sondern eine Person“: Jesus Christus selbst! Er ist Geber und Gabe zugleich!
Und Jesus wird nicht Teil unseres Lebens, um sich in unserem Inneren oder im Innenraum dieser Gemeinde zu verstecken, sondern um durch uns in die Welt, in der wir leben, hinein zu wirken.
„Und er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 20 Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!
Brot und Wein stehen für Leib und Blut Christi! Für alles, was ihn ausmacht: Für die Art, wie er die Gegenwart Gottes in dieser Welt für uns „be-greifbar“ gemacht hat. Für die Fülle des Lebens, zu der wir durch ihn Zugang bekommen.
Letztlich stehen Brot und Wein für das Geheimnis der Inkarnation Gottes in dieser Welt: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns – und wir sahen seine Herrlichkeit!“ Gott selbst wird Mensch, er begibt sich in unsere Lebenswirklichkeit hinein und teilt sie mit uns. Dafür stehen Brot und Wein. Darin besteht der neuen Bund, den Gott in Jesus mit uns schließt.
Wenn Jesus bereit ist, die Konsequenzen, die diese Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes für ihn hat, zu tragen – bis zum bitteren Ende am Kreuz! –, dann macht er damit deutlich: Hier fängt wirklich etwas radikal Neues an.
Hier wird tatsächlich ein neuer Bund zwischen Gott und seiner Schöpfung in Kraft gesetzt: ein Bund, der nicht der kontinuierlichen Erneuerung durch immer neue Opfer bedarf, sondern ein für allemal gilt. Und ein Bund, der trotz unserer Schuld und unseres Versagens Bestand hat.
Das „für euch gegeben“ und „für euch vergossen“ in diesem Text – und in jeder Abendmahlsfeier! – meint ja nichts anderes, als dass nicht wir es sind, die dafür gerade stehen müssen, dass dieser Bund Gottes mit uns Bestand hat. Dass nicht wir es sind, die die Verantwortung dafür tragen, dass die Beziehung zwischen Gott und uns nicht zerbricht.
Gott selbst garantiert dafür! Er akzeptiert den Tod Jesu als endgültiges Opfer – für uns! – und bestätigt dies dadurch, dass er ihn eben nicht dem Tod überlässt, sondern ihn auferweckt von den Toten.
Darum gibt es selbst für Judas, den Verräter, Hoffnung! Auch ihm gilt die Bundestreue Gottes! Denn auch er wird nicht ausgeschlossen aus der Mahlgemeinschaft mit Jesus. Auch ihm reicht Jesus Brot und Wein. Auch ihm gilt das „für euch gegeben“ und „für euch vergossen“ in seinen Worten - über alle gescheiterten Versuche der Wiedergutmachung und die Konsequenzen, die Judas daraus ziehen wird, hinaus.
Das, finde ich, ist ein sehr tröstlicher Gedanke! Auch für den Judas in mir!

Wenn wir gleich miteinander Abendmahl feiern, dann feiern wir also ein Fest der Befreiung: Befreiung von allem, was zwischen uns und Gott steht, von aller äußeren und inneren Sklaverei, von allen Versuchen, unsere Beziehung zu Gott selber stiften und im Lot halten zu wollen.
Wenn wir gleich miteinander Abendmahl feiern, dann feiern wir Jesus selbst, der „ein Mensch wie Brot und Wein“ war – und uns einlädt, es ihm nachzutun.
Wenn wir gleich miteinander Abendmahl feiern, dann feiern wir den radikal neuen und über all unser Verstehen hinausgehenden Bund, den Gott mit seiner Schöpfung geschlossen hat, an dem wir teilhaben und in den wir die Menschen, mit denen wir zu tun bekommen, einladen dürfen.

-> Lied: "Spar deinen Wein nicht auf für Morgen" (Gerhard Schöne)

(c) Volkmar Hamp